10.12.2016

ZeitgeistKalifornische Moderne

Die amerikanischen Designer Ray und Charles Eames haben vor mehr als 60 Jahren die Zukunft entworfen.
Er trug meist eine Fliege, sie gern fassförmige Röcke, aber betrachtet man die Sache etwas genauer, waren die beiden so etwas wie die ersten Hippies im an Hippies nicht gerade armen Kalifornien. Sobald es ein paar freie Tage gab, zogen sie los mit dem Schlafsack ans Meer, in die Berge oder nach Mexiko. Die Natur war eine wichtige Quelle ihrer Inspiration, nur noch übertroffen von ihrem Glauben an die Technik.
Diese innere Freiheit und ein unbedingter Fortschrittsglaube ließen das Ehepaar Charles und Ray Eames Möbel schaffen, die bis heute berühmt sind. Ein Bildband dokumentiert ihr Werk(*). Entworfen zum Teil schon während des Zweiten Weltkriegs, kreiert in den Vierziger- bis Sechzigerjahren, wurden ihre Entwürfe zu Denkmälern einer Moderne, die von Kalifornien aus die westliche Welt eroberte.
Den Lounge Chair Wood kürte das Magazin "Time" zum besten Design des 20. Jahrhunderts, der Lobby Chair, 1960 entworfen für die Eingangshalle des Time Life Building in New York, ist ein Evergreen, aber sie alle werden überboten vom sogenannten Lounge Chair, einem eleganten Klubsessel mit Fußstütze, der nach den Plänen des Ehepaars das "warme, empfängliche Aussehen eines lange gebrauchten Baseball-Handschuhs" haben sollte.
Im Gegensatz zu den strengen Vorstellungen des Bauhauses sind die Entwürfe der Eames von einem vergnügten Minimalismus, sie haben eine menschenfreundliche Gutgelauntheit, man spürt dahinter eine Lässigkeit und die Überzeugung, dass gute Gegenstände nicht nur gut aussehen, sondern sich auch gut anfühlen sollen. Das alles wird begleitet von einem Optimismus, der die kapitalistische Massenproduktion nicht als Problem begreift, sondern als Chance, Qualität und Ästhetik für jedermann erschwinglich zu machen.
Heute ist der Lounge Chair ein Statussymbol für die besseren Stände, für die urbane obere Mittelschicht und darüber hinaus. Der ursprüngliche Ansatz des Ehepaars ging genau in die andere Richtung. Ziel seines Designs sei, so ein Motto von Charles Eames, "the best for the most for the least" – das Beste für die meisten für das wenigste Geld.
Es war ein Geist, der einem Amerika entsprang, das ziemlich anders war als heute. Mit dem New Deal von Franklin D. Roosevelt wuchsen die Mittelschicht und der Wohlstand für viele. Es entstanden Produkte in den Fabriken Amerikas, die zu Symbolen des Westens wurden: chromblitzende Autos, die durch den Verkehr glitten wie gewaltige Raubfische, sakral anmutende Kühlschränke, Fernseher und Flugzeuge. Ein hedonistisch-transzendenter Güterkatalog, glorifiziert von schlau-verführungsbegabten Werbern wie Don Draper aus der Fernsehserie "Mad Men".
Es war ein Can-do-Spirit, eine Welt der Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe. Ein Amerika, das die Zukunft vor sich sah wie ein Versprechen. Nichts sollte teuer sein in der Welt der Eames. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb das Magazin "Life" in einem Bericht über die Werkstatt des Ehepaars: "Charles ist so besessen davon, die Produkte von seinem Zeichenbrett zu einem möglichst niedrigen Preis zu produzieren, dass ihn selbst der bescheidene Preis seines neuesten Stuhls (32,50 Dollar) bedrückt, er fühlt sich schuldig und findet, er sollte weniger kosten."
Dieses ökonomische Understatement stand im Einklang mit einer Ästhetik, die Aufdringliches und Vordergründiges ablehnte. "Etwas, was gut funktioniert, ist besser als etwas, was gut aussieht. Was gut aussieht, kann sich verändern. Aber was funktioniert, funktioniert", beschrieb Ray Eames ihre Art, die Dinge anzugehen.
Ein gutes Teil war dann ein gutes Teil, wenn man dem Teil nicht ansah, dass es tatsächlich designt worden war. "Bei einem guten Produkt sollte der Gedanke, dass es geschaffen wurde, nicht aufkommen", sagte Ray Eames. Es sollte eine Selbstverständlichkeit ausstrahlen. Paradoxerweise bedurfte es oft großer Anstrengung, genau dies zu erreichen.
Charles, geboren 1907, war bereits früh mit seinen modernistischen Ansichten angeeckt. Während eines Architekturstudiums an der Universität von St. Louis begeisterte er sich für die Arbeit von Frank Lloyd Wright, was in St. Louis nicht besonders gut ankam. Aber es verhalf ihm dazu, dass der finnische Moderne-Pionier Eliel Saarinen ihn nach Michigan an die Cranbrook Academy of Art holte. Hier avancierte Eames zum Leiter des Industrial Design Department und lernte die fünf Jahre jüngere Ray kennen.
Sie teilte seine Begeisterung für die Modernisten aus Europa und Amerika, dazu besaß sie Kontakte zur Boheme der Ostküste. In New York hatte sie Malerei studiert, in den Kreisen der Freien Abstrakten verkehrt und war eine enge Freundin des genialischen Jackson Pollock.
Im Mai 1941 reichte Charles, der verheiratet war und eine Tochter hatte, die Scheidung ein, einen Monat später ehelichte er Ray. Die beiden gingen nach Los Angeles, wo sich unter der Sonne Kaliforniens Sinnenverwandte sammelten; Gründer aus der Film-, Architektur- und Technologiebranche, die an der Westküste die Zukunft suchten, unbeschwert vom Ballast der Tradition und den Bedenken der Einfallslosen.
Aber der Überfall der Japaner auf Pearl Harbor zwang die Eames, ihre Pläne fürs Erste beiseitezustellen. Niemand interessierte sich mehr für elegante Möbel. Ein Verfahren für die Verarbeitung von Schichtholz, das Charles anlässlich eines Wettbewerbs des New Yorker Museum of Modern Art für die Herstellung von Stühlen entwickelt hatte, setzte das Paar ein für die Produktion von Beinschienen für Kriegsverletzte. Weitere Aufträge folgten, darunter die Nase für ein futuristisches Lastenflugzeug, ebenfalls aus Schichtholz.
1943 zogen die Eames mit ihrem Studio in jene legendäre Garage, die für die nächsten 45 Jahre das Hauptquartier sein sollte. 901 Washington Boulevard, Venice, Los Angeles. Das Amerika nach dem Krieg strahlte vor Selbstbewusstsein, die Wirtschaft boomte. Nach der Wirtschaftskrise in den Dreißigerjahren und dem Blutvergießen der Vierzigerjahre begannen die Amerikaner, das Leben zu genießen: auf Terrassen sitzen, loungen, abhängen mit Freunden am Samstagnachmittag, statt bloß der Pflicht zu gehorchen.
Charles Eames hatte 1948, nach langen Experimenten mit der Schichtholztechnik, das Material gewechselt und eine Sitzschale aus Fiberglas hergestellt – der erste Stuhl aus Kunststoff, der in Serie ging.
Das Verfahren war kostengünstig – und es ermöglichte in großem Rahmen, was in der Möbelherstellung bis dahin keine wesentliche Rolle gespielt hatte: Farbe. Nicht nur ochsenblutrot oder kastanienbraun, sondern kanarienvogelgelb und froschgrün und lippenstiftrot. Möbel, deren Farben knallten wie später die Lichter einer Disco. Ein Jahrzehnt vor Warhol oder den Beatles hatten die Eames Pop in den amerikanischen Alltag gebracht.
Ihre Möbel verbreiteten sich unaufhaltsam, auch in Schulen, Flughäfen, öffentlichen Gebäuden. Eine Demokratisierung des Geschmacks.
Ebenfalls Ende der Vierzigerjahre begannen die Eames mit dem Bau ihres Eigenheims – auch dies in einem vollkommen neuen Stil. Im damals noch erschwinglichen Stadtteil Pacific Palisades hatten sie mit Blick auf den Pazifik ein Grundstück mit altem Baumbestand erworben. Das Case Study House Nr 8 wurde aus fertigen Stahl- und Glasteilen zusammengefügt und unter den großen, Schatten spendenden Bäumen platziert. Es war bei aller Technologiegläubigkeit ein In-der-Natur-Wohnen, das die Eames propagierten – glamourös und trotzdem erdnah. Es war die Geburt der Idee von einem California Modern, die Jahrzehnte später noch Steve Jobs beeinflussen sollte.
Zu dieser Spielweise der Moderne gehörte es auch, dass die Eames ihre lichte Architektur als Bühne empfanden. Charlie Chaplin kam zu asiatischen Teezeremonien. Das Ehepaar Audrey und Billy Wilder, beide leidenschaftliche Sammler moderner Kunst, waren ebenfalls häufig zu Gast im Case Study House Nr 8 und schwärmten vom "Zauber" der Abende, von der "Wärme" der Eames, der "wunderbar entspannten Atmosphäre".
Später arbeiteten sie für IBM, drehten avantgardistische Filme, machten Diavorträge, ihre Ideen kreisten darum, wie moderne Technik die Menschen miteinander verbinden kann. Das Internet aber haben sie nicht mehr erlebt. Charles Eames starb am 21. August 1978, seine Frau Ray auf den Tag genau zehn Jahre später. In Los Angeles, das allmählich zu einer Stadt der Angeber verkam, trauerte Billy Wilder lange seinem Freund Charles nach. Eine Eigenschaft schätzte er ganz besonders an ihm: "Er hat sogar den Mumm, einfach dazusitzen und die Klappe zu halten, wenn er gerade nichts zu sagen hat."
* "Die Welt von Charles und Ray Eames". DuMont; 336 Seiten; 68 Euro.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 50/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeist:
Kalifornische Moderne

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Dugongbaby Marium: Thailändische Seekuh stirbt mit Plastik im Bauch
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott