10.12.2016

BuchkritikNormal seltsam

In ihrem Memoir „Das Fürchten verlernen“ erzählt Miriam Stein ihr junges Leben: eine Geschichte der Angst.
Die Geschichte von Miriam Stein beginnt wie ein Sketch von Loriot und wandelt sich dann in die norddeutsche Variante eines Stephen-King-Plots. Sie spielt in den Achtzigerjahren in einer ganz normalen Familie unweit von Osnabrück: Der Vater arbeitet unter der Woche in Hamburg, muss das Haus abbezahlen, die Mutter ist zu Hause. Der letzte Satz ist wörtlich zu verstehen: Sie kann das Haus nicht mehr verlassen. Die nach außen intakte Familie hat im Inneren mit starken Feinden zu kämpfen, denn die Mutter ist an einer heftigen Angststörung erkrankt. In ganz alltäglichen Situationen und gerade, wenn es ruhig und gemütlich zugehen könnte, wird sie von Zuckungen geplagt. Über Jahre hinweg kann sie kaum das Sofa verlassen, eine angemessene Therapie ist noch nicht entwickelt oder für die Familie nicht verfügbar. Alle sind dieser schweren Erkrankung hilflos ausgeliefert.
Ein Mädchen, das die Familie zur Pflege angenommen hatte, muss diese wieder verlassen. Die Mutter kann einfach nicht mehr. Die ältere Tochter, aus der später die Autorin wird, begrüßt die Trennung trotz der Grausamkeit des Vorgangs, in der Hoffnung, mit dem Kind würden auch die Dämonen verschwinden, die die Mutter plagen. Die Schilderung der Trennung sowie das Leben mit der geplagten Mutter sind der Autorin meisterlich gelungen. Man vergisst sie nie mehr. Dieser Horror spielt sich in einem durch und durch biederen Rahmen ab. Die Mutter besteht auf Biojoghurt, Brötchen, die nicht aus Teiglingen gebacken wurden, und misstraut den Psychopharmaka, weil man davon müde und abhängig werden könnte. Das Familienleben gleicht, während solche protestantisch-ökologischen Bedenken formuliert werden, mehr und mehr einem Stück des Filmemachers Luis Buñuel: Das völlig Seltsame ist so normal, dass kaum jemand ein Wort darüber verliert.
Es ist oft so bei psychischen Krankheiten: Alle tun einfach möglichst lange so, als wäre nichts. Das gilt sogar für potenziell lebensbedrohliche Diagnosen wie Depression, aber auch für klar erkennbare Formen der Psychose, die schnell mal als Spleen oder kleine Erschöpfung abgetan werden – zumal die Patienten selbst kaum Einsicht haben, erst recht innerhalb halbwegs funktionierender Familien. Wer soll sich da einmischen? Die Kinder wachsen auf mit der Krankheit, passen sich an. Die Autorin, die als Baby aus Südkorea zu dieser Familie gekommen war, analysiert ihre einerseits radikal biedere, andererseits völlig verrückte Kindheit mit einer neudeutschen Gründlichkeit.
Die Angst der Mutter wird nicht bloß als bedauerlicher Einzelfall beschrieben, sondern als Symptom einer Zeit: Waldsterben, Umweltgifte, Atomtod waren die Vorläufer von Terror, Digitalisierung und Trump. Es ist Miriam Stein gelungen, eine Geschichte der Bundesrepublik seit den Achtzigerjahren anhand ihrer eigenen Biografie zu schreiben, deren Leitmotiv die Angst ist. Die wiederum verweist auf die frühere, auf die mörderisch dunkle deutsche Geschichte, die noch in die Nachkriegsjahre ausstrahlte. Die Eltern hatten grausige Kindheitserlebnisse zu verarbeiten und taten so, als wäre nichts gewesen. Sie suchten ihr Heil in einer spießigen Gegenwart, als würde jede Veränderung und jeder Wagemut den Dämonen die Möglichkeit zur Rückkehr geben. Die Angst, getarnt als Vorsicht, als Warnung, als Unbehagen an allem Neuen, findet immer wieder neue Gründe, sich wichtig zu machen. Stein stellt sich diesen Ängsten, und das Buch gibt auch hier Bericht über ihre Abstürze, ihre finanziellen Pleiten, ihre Essstörung, ihre Schwierigkeit, erwachsen zu werden.
Nun entwickelt das Buch eine interessante Dialektik: In dem Versuch, sich von der Angststörung der Mutter zu emanzipieren, trifft Stein auch in ihrer neuen Umgebung in Berlin-Mitte auf ein Panoptikum der Ängste. Sie meidet aber die Angst nicht, sondern zeigt sich fasziniert von ihren vielfältigen individuellen wie kollektiven Formen. Sie lässt einen Gentest anfertigen, um die Risiken ihrer DNA zu kennen, und erörtert die Wahrscheinlichkeit, schwere Krankheiten zu bekommen. Sie erörtert die Risiken der Digitalisierung für ihr Arbeitsumfeld als Autorin, sie fürchtet den Verlust ihrer bezahlbaren Wohnung und beschäftigt sich intensiv damit, was passieren würde, wenn sie vor ihrem Sohn stürbe.
Schritt für Schritt gewinnt sie eine immer größere Distanz, um die diversen Phänomene der Angst und die unterschiedlichen Wege, die zu ihr führen, in den Blick zu bekommen. Das ist die Moral dieses deutschen Memoir: Der Weg aus der Angst führt mitten hinein.
Miriam Stein Das Fürchten verlernen Suhrkamp; 270 Seiten; 14,95 Euro.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 50/2016
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