10.12.2016

GESTORBENGISELA MAY, 92

Sie habe sich und der Welt den Stalinismus schöngesungen, warf man der Schauspielerin und Sängerin vor – und selbst das zeugt bei aller Ignoranz gegenüber Mays kritischem Geist noch von Respekt vor ihrer Kunst. Sie war eine strahlende Kulturbotschafterin der DDR und trat als gefeierte Brecht-Interpretin in New York, Sydney und Mailand auf, als den allermeisten Bürgern ihres Landes das Reisen verwehrt war. Als Star des Arbeiter-und-Bauern-Staats gab sie sich loyal zur Politik des Regimes, zugleich hielt sie aber auch stolz zu ihrem Lebensgefährten, dem Philosophen Wolfgang Harich, der vor ihrer Beziehung wegen seiner von der Staatslinie abweichenden Ansichten lange im Knast eingesperrt war. May, als Tochter eines politisch engagierten Künstlerpaars geboren, lernte während des Krieges in Leipzig die Schauspielerei und trat auf Provinzbühnen auf, bis sie Anfang der Fünfzigerjahre in Berlin landete. Als sie bei einer Matinee im Berliner Ensemble sang, geriet der Komponist Hanns Eisler in Verzückung. Auch den notorischen Jungschauspielerinnenjäger Bertolt Brecht lernte sie kennen, blieb aber von seinen Nachstellungen verschont – weil der Dichter, so erinnerte sich May später wunderbar bissig, nur auf ungeschminkte und breithüftige Frauen aus gewesen sei. Witz und Abgebrühtheit zeichneten auch ihre Lied-Interpretationen aus. May sang Songs von Kurt Weill, Paul Dessau und Eisler mit verruchtem und verrauchtem Pathos. Als Schauspielerin gewann sie in der TV-Serie "Adelheid und ihre Mörder" späte Popularität, ihre bekannteste Bühnenrolle blieb die der Mutter Courage, die sie von 1978 bis 1992 am Berliner Ensemble spielte. Noch im hohen Alter wurde sie dort bei ihren Liederabenden umjubelt. Gisela May starb am 2. Dezember in Berlin.
Von Höb

DER SPIEGEL 50/2016
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