23.12.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteHerzenssache

Wie eine Amerikanerin von ihrem toten Vater zum Altar geführt wurde
Arthur Thomas spielte Squash, als er es zum ersten Mal spürte: diesen hämmernden Herzschlag, der ihn sofort zu Boden sinken ließ. Was er gleich wusste, war, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Was er nicht wissen konnte, war, wozu das führen würde. Dass sein Leben in diesem Moment eine Wendung nahm, die, stünde sie für ein Drehbuch, knapp am Kitsch vorbeigeschrammt wäre.
Dieser Arthur Thomas, ein freundlicher Mann aus einer Kleinstadt in New Jersey, mit vier Kindern, einer Vorliebe für khakifarbene Bermudashorts, weiß so einiges über Herzen, er weiß seitdem beispielsweise, wie es sich anfühlt, wenn so ein Herz wirklich schmerzt.
Ventrikuläre Tachykardie heißt die Herzkammerkrankheit, die seinen Körper mit jedem Jahr, das vergeht, weiter schwächt, bis Thomas schließlich an schlechten Tagen nicht mehr als 10 Schritte am Stück laufen kann, ohne Pause machen zu müssen, an guten Tagen schafft er 15. Da legt, im Spätsommer des Jahres 2006, seine Ärztin den Arm um ihn und sagt: "Ich glaube, es ist so weit."
Kurze Zeit später wartet in Pennsylvania, 270 Meilen von New Jersey entfernt, eine Frau namens Bernice Stepien darauf, dass ihr Mann Michael von der Arbeit nach Hause kommt. Michael ist Chefkoch in einem Restaurant. Sein Heimweg führt durch eine einsame Gasse. Später wird Bernice erfahren, dass ein bewaffneter 16-Jähriger ihrem Michael in der Gasse aufgelauert, ihn ausgeraubt und ihm aus nächster Nähe eine Kugel in den Kopf geschossen hat. Michael und Bernice haben zwei Töchter. Sie heißen Michelle und Jeni.
Am 1. Oktober 2006 wird das Herz des verstorbenen Michael Stepien in den Körper des herzkranken Arthur Thomas transplantiert.
Arthur Thomas sagt heute, dass Organspender für ihn Helden seien. Er sagt: "Das Geschenk des Lebens ist das Selbstloseste, was man einer anderen Person schenken kann. Zumal einer Person, die man nicht kennt. Die nicht die Ehefrau ist oder der Bruder. Sondern einfach irgendjemand Fremdes."
Wäre Arthur Thomas Deutscher, hätte diese kleine Geschichte niemals geschrieben werden können. Denn in Deutschland ist es gesetzlich festgeschrieben, dass Organspender und Organempfänger anonym bleiben. In den USA gibt es die Möglichkeit, dass diese Anonymität aufgehoben wird, wenn beide Seiten damit einverstanden sind.
Arthur Thomas wird nach der Transplantation von einer gemeinnützigen Organisation betreut, die einen Dankesbrief von ihm an die Witwe Bernice weiterleitet. Bernice antwortet, mit Umweg über die Organisation, Thomas schreibt zurück, wieder nimmt die Post den Weg über die Organisation. Etwa ein Jahr dauert es, so erinnert sich Thomas, bis die Stiftung ihnen erlaubt, direkt miteinander zu kommunizieren. Sie schicken sich zu Weihnachten Grußkarten und Blumen zum Geburtstag. Und etwa einmal im Monat hebt in New Jersey Arthur Thomas den Hörer seines Telefons ab und in Pennsylvania die Witwe Bernice den ihren, und dann unterhalten sie sich, über die Trauer und das Leben und die Kinder.
Jeni ist Bernices ältere Tochter. Sie ist schon seit längerer Zeit mit ihrem Freund Paul liiert, und als der ihr einen Heiratsantrag macht, sagt sie natürlich Ja. Sie weiß, dass Paul der Mann ihres Lebens ist. Sie weiß, wo sie heiraten will: in der St.-Anselm-Kirche, in der auch ihre Eltern geheiratet haben. Was sie nicht weiß, ist, wer sie zum Altar führen soll, nun, da ihr Vater nicht mehr lebt. Dann hat ihr Verlobter Paul eine Idee.
Im August reist Arthur Thomas aus New Jersey zum ersten Mal in seinem Leben nach Swissvale, Pennsylvania, dorthin, wo der Spender seines Herzens erschossen wurde. Vor der St.-Anselm-Kirche trifft er die Witwe Bernice und Jeni, um die Hochzeitszeremonie zu proben. Arthur Thomas erzählt später, er habe Jenis Finger auf sein Handgelenk gelegt, damit sie seinen Puls spüren könne.
Am nächsten Tag heiratet Jeni ihren Verlobten Paul. Blassrosa Rosen. Weiße Spitze. Sonnenschein. Es gibt ein Video davon, wie Arthur Thomas sie zum Altar geleitet. Der 6. August ist ein Samstag. Statistisch gesehen sind in den USA an diesem Tag – wie an jedem anderen Tag im Jahr – 22 Menschen gestorben, weil es kein Spenderorgan für sie gab. Es gibt eine Reihe von Gründen für Organmangel. Insbesondere den, dass zu wenig Menschen bereit sind, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden.
Es dauert nur wenige Stunden, bis sich das Video im Internet verbreitet. Jeni hat über Facebook und Instagram einen Hashtag lanciert. Sie ist nun berühmt als die Braut mit dem unsterblichen Vater. Jeni sagt, wenn ihre Hochzeit auch nur einen Menschen davon überzeugt habe, Organspender zu werden, dann hätte sich ihr größter Wunsch erfüllt. Wahrscheinlich weiß Jeni Stepien aus Pennsylvania nun noch mehr über Herzen als Arthur Thomas aus New Jersey. Sie weiß zum Beispiel, wie man die Herzen der Menschen für eine wichtige Sache gewinnt.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 52/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Herzenssache

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg