23.12.2016

Künstliche Intelligenz„Sie würden sie für echt halten“

Gaëtan Hadjeres, 26, Informatiker des Pariser Sony Computer Science Laboratory und der Université Pierre et Marie Curie, über "DeepBach", eine Software, die komponieren kann
SPIEGEL: "DeepBach" schreibt Choräle im Stil von Johann Sebastian Bach – wie geht das?
Hadjeres: Wir haben ein künstliches neuronales Netz mit einer Sammlung von 352 Bach-Chorälen trainiert. Das Training versetzte die Software in die Lage, vierstimmige Choralsätze zu generieren.
SPIEGEL: Welchen Regeln folgt "DeepBach" dabei?
Hadjeres: Keinen. "DeepBach" ist aus sich selbst heraus kreativ. Die Software extrahiert ihr Wissen über Bachs typische Harmonien und Melodien ausschließlich aus den Daten und kann dann direkt anfangen zu komponieren. Wir müssen allerdings einen Schlusspunkt setzen. Sonst komponiert das Programm unendlich weiter. Wir können auch eine Melodie oder einen Rhythmus vorgeben. Dies macht die Software für Komponisten sehr interessant.
SPIEGEL: Wie unterscheidet sich "DeepBach" von anderen Kompositionsprogrammen?
Hadjeres: In der Vergangenheit führten künstlich erzeugte musikalische Phrasen häufig ins Nirgendwo. Unser System kann Musikstücke mit Anfang und Ende erzeugen.
SPIEGEL: Ähneln die Kompositionen denen Bachs?
Hadjeres: Oh ja, Sie würden sie für echt halten! Wir haben die Stücke 1600 Testhörern vorgestellt, 400 von ihnen waren Musikexperten. In der Hälfte der Fälle glaubten die Testhörer, dass ihnen originale Bach-Kantaten vorgespielt worden waren.
SPIEGEL: Bach wird für die Schönheit seiner Kompositionen und den meisterhaften Umgang mit Harmonie und Kontrapunkt verehrt. Was macht "DeepBach" mit dem, was für uns Genie bedeutet: Kunst, göttlicher Funke?
Hadjeres: Ich glaube, dass beide Welten nebeneinander existieren können. Wir wollen keinem Komponisten den Job wegnehmen. Software erlaubt einen anderen Zugang zur Komposition. Und es ist sehr interessant, die Ergebnisse zu vergleichen. Übrigens wurde gerade zu Bachs Zeiten Komposition eher als Handwerk denn als Kunst gesehen. Wenn eine Software wie "DeepBach" Komponisten produktiver macht oder sie mit spannenden Ideen versorgt, ist das doch nur gut.
Von Phb

DER SPIEGEL 52/2016
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