04.10.1999

„Wir sind doch alle irgendwie beschädigt“

SPD-Politiker Manfred ("Ibrahim") Böhme - ein Verräter in der Pose des Retters
Bei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 199o treten die in der DDR wiedergegründeten Sozialdemokraten mit einem Spitzenkandidaten der besonderen Art an. Der Bewerber heißt Ibrahim Böhme - ein ziemlich ungewöhnlicher Mann.
Dessen Vergangenheit liegt so weit im Dunkeln, dass er nicht mal seine Herkunft exakt zu bestimmen vermag, doch das schadet ihm kaum. Der nach eigenen Angaben "45-jährige, in der Nähe von Leipzig" geborene Pädagoge, der immer ein bisschen fahrig im schnieken Nadelstreifen-Anzug durch die aufgewühlte Politszene wuselt, avanciert zum Medienstar.
Verständlich ist das schon deshalb, weil der Handküsse verteilende Newcomer nach den Umfragen die besten Chancen besitzt, Regierungschef zu werden, aber er macht auch darüber hinaus von sich reden. Das mutmaßliche Waisenkind offenbart sich der staunenden Welt als die personifizierte Lauterkeit.
* Mit dem SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt.
In Ibrahim (eigentlich Manfred Otto) Böhme scheinen sich jene Tugenden zu versammeln, die in der damals noch souveränen Wende-Republik die gerühmten Runden Tische beflügeln. Als deren hervorstechendstes Merkmal gibt sich ein bei manchen Einschüben von Naivität eindrucksvoller neuer und vor allem unverbildeter Politikstil zu erkennen.
Und keiner beherrscht den auf die gleiche Weise galant wie der Vorsitzende der Ost-SPD. In dieser Eigenschaft scheint es ihm ein leichtes zu sein, etwa mit dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand zu konferieren. Er hält es aber auch für selbstverständlich, in seinem Berliner Kiez am Prenzlauer Berg den gebrechlichen alten Damen die Kohlen aus dem Keller zu schleppen.
Kann es da verwundern, wenn die nach farbigen Lebensgeschichten gierende Journaille an dem liebenswürdigen und lediglich in einigen Statements etwas skurril anmutenden schmächtigen Charmeur Gefallen findet? Stellvertretend für eine durchgehend positive Presse begeistert sich die Hamburger "Zeit" an seinem "Grundvertrauen zu den Menschen".
Dass sich die Traumstory des Ibrahim Böhme dennoch nicht erfüllt, binnen kur- zem vom Nobody zum ersten aus freien Wahlen hervorgehenden DDR-Premier aufzusteigen, hat zunächst einmal weniger mit ihm zu tun. Am 18. März geben die Ostler einer von Helmut Kohl geförderten konservativen "Allianz für Deutschland", die die schnelle D-Mark verspricht, den Vorzug.
Aber schon eine Woche danach scheitert der überraschend deutlich geschlagene Kandidat auch aus anderen Gründen. Der SPIEGEL entlarvt den selbst von Willy Brandt umworbenen netten Sozi, der in der Schlussphase des SED-Regimes kellnerte oder Friedhöfe pflegte, als Top-Quelle der Stasi. Unter den Decknamen "Paul Bonkarz", "Dr. Rohloff" oder "Maximilian" arbeitete er jahrelang der berüchtigten "Firma" zu.
Mit welcher Perfidie der Staatssicherheitsapparat des Erich Mielke die realsozialistische Gesellschaft durchsetzte, lässt sich zu diesem Zeitpunkt erst in Umrissen erkennen - und der Fall erscheint denn doch zu ungeheuerlich, als dass ihn das Gros der DDR-Bürger wahrhaben möchte. Hatte Böhme, ein engagierter Förderer etwa der Ost-Berliner "Initiative für Frieden und Menschenrechte", nicht selbst gehörig gelitten und zunehmend Risiken auf sich genommen?
Tatsächlich kann ihm niemand bestreiten, dass er an vorderster Front zu jenen 43 Männern und Frauen zählte, die am Abend des 7. Oktober 1989 im Pfarrhaus eines Dorfes namens Schwante eine praktisch an Konterrevolution grenzende historische Zäsur wagten: Sie gründeten die am Anfang unter dem Kürzel SDP antretende Sozialdemokratische Partei.
Und so einer sollte sich gleichzeitig dem MfS, dem stabilsten Stützpfeiler der SED-Diktatur, verschrieben haben? Trotz erdrückender Belege halten nicht nur die Bonner Spitzengenossen ihrem heftig leugnenden neuen Freund unbeirrbar die Stange: Auf dem gesamtdeutschen SPD-Konvent im September 1990 hieven ihn die trotzigen Delegierten gar in den Vorstand, und erst danach wird er klammheimlich aus dem Verkehr gezogen.
Der IM, der sich im Laufe seiner Tätigkeit den Vornamen Ibrahim zulegt, steht wie kaum ein zweiter für jenen Typus von Spitzeln, deren Janusköpfigkeit den Ermittlern Rätsel aufgibt. Er ist Täter und Opfer in einem - unter den Schnüfflern und Denunzianten eine ziemlich niederträchtige Figur, die sich andererseits aber keinesfalls nur zum Schein mit den Bürgerrechtlern verbindet.
Dass der Adoptivsohn eines gewissen Kurt Böhme (dessen Bruder zuweilen das Amt des Hochschulministers bekleidete) schwierige Kindheitsjahre in Heimen und Internaten verbrachte, darf wohl als erwiesen gelten. Nach Abschluss der mittleren Reife tritt der hochintelligente, gelernte Maurer, der in Abendkursen das Abitur besteht und sich per Fernstudium zum Lehrer weiterbildet, früh der Einheitspartei bei.
Die SED soll ihm Halt und ein Zuhause geben; freilich mit seiner Begeisterung für den Systemkritiker Robert Havemann beginnt er sie derart zu nerven, dass er bald die Anstellung verliert. Ibrahim Böhme zieht sich in die thüringische Provinz zurück, wo er in der Kreisstadt Greiz den Job eines Hilfsbibliothekars versieht und die Partei schließlich verlässt, als der Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert wird.
Doch womöglich dient schon dieser Schritt, der ihm in Kreisen Oppositioneller beträchtliche Glaubwürdigkeit verschafft, eher der Verschleierung. Bereits im November 1968 - in einer Zeit, in der der angeblich unbotmäßige Genosse noch den zerschlagenen Prager Frühling betrauert - legt die Stasi-Zentrale eine erste Karteikarte an: Der junge IM hat sich vor allem in das Vertrauen des missliebigen Schriftstellers Reiner Kunze eingeschlichen und liefert detaillierte Berichte ab.
Dem belesenen Böhme kommt dabei zustatten, dass er auf Gesprächspartner nicht nur seiner reflektorischen Brillanz wegen enorme Anziehungskraft ausübt. Er kann Menschen umhegen und setzt sich in zahlreichen Fällen selbst dann für sie ein, wenn ihm erkennbar keinerlei Vorteile daraus erwachsen.
Nach seiner Enttarnung läuft als einer von vielen Erklärungsversuchen die Deutung um, der bis zuletzt überzeugte Anhänger einer eigenständigen sozialistischen DDR sei dem Größenwahn verfallen gewesen. Er habe sich in die Rolle eines kleinen Gorbatschow hineinphantasiert, der es allen Ernstes für möglich hielt, das auch ihm suspekte Regime von innen heraus aufzubrechen, indem er teilweise mit ihm paktierte.
Der Verräter in der Pose des Retters, dem es leider nicht erspart bleibt, um des hehren Zieles willen persönliche Schuld auf sich zu laden? Böhme vermeidet zwar sorgfältig, Motive und Antriebe in klare Sätze zu fassen - aber derart in einer Wolke von Tragik in die Annalen der jüngeren deutschen Geschichte einzugehen, entspricht am ehesten seinem schillernden Selbstbild.
Denn, nicht wahr, "wir sind doch alle irgendwie beschädigt", raunt der Wahlkämpfer, als er für die SPD noch den rundum geschätzten Hoffnungsträger mimt. So erteilt sich ein widerspruchsvoller Geist, dessen gespaltenes und bis zur doppelten Identität ausuferndes Wesen von Anfang an auf Legendenbildung setzt, Generalabsolution.
Gelegentlich und insbesondere, nachdem es nichts mehr zu leugnen gibt, wirkt der Liebhaber russischer Literatur, als entstamme er selbst einem Roman. Eine Zeitlang klammert sich der Meister der Camouflage an eine aus Realität und Fiktion zusammengerührte Form von höherer Wahrheit, um dann vollends ins Schweigen zu versinken.
Seit Jahren lebt Böhme, der von seinen Opfern weitgehend unbehelligt blieb, im alten (Ost-)Berliner Ambiente. Er hat Probleme mit dem Herzen - und vermutlich mit der Seele. HANS-JOACHIM NOACK
* Mit dem SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 40/1999
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