04.10.1999

Der lange Weg zum kurzen Abschied

Das Protokoll eines Machtkampfs
SONNTAG, 1. MÄRZ 1998, HANNOVER.
Es reicht für Schröder. "Hallo Kandidat", sagt Oskar Lafontaine am Telefon, noch bevor die Hochrechnungen keinen Zweifel mehr lassen an einem überwältigenden Sieg. Knapp 48 Prozent - nicht nur für die SPD, sondern vor allem für Gerhard Schröder. Ein Niedersachse solle endlich Kanzler werden.
Es ist Lafontaines zweiter Anruf in Schröders Dachwohnung. Schon gegen 16 Uhr hatte er, als die Institute erste Trends meldeten, ein paar nette Worte verloren. Schröder macht sich auf in sein Büro in der Staatskanzlei, wo Lachs-Häppchen stehen und Champagner, Marke "Paul Eveque". Monatelang hat er sich allenfalls mal einen Schluck gegönnt.
Um ihn herum fiebern Gattin Doris Köpf, Bürochefin Sigrid Krampitz, Sekretärin Doris Scheibe, Amtschef Frank-Walter Steinmeier, Wirtschaftsstaatssekretär Alfred Tacke, Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, Schröders Freund, der Anwalt Götz von Fromberg - die politische Familie.
Auf dem schwarzen Ledersofa hat sich Bodo Hombach ausgebreitet, das Handy unentwegt am Ohr. Im Siegesjubel versuchen die Hannoveraner, den Mann aus NRW nicht für einen Fremdkörper zu halten. Lafontaines dritter Anruf, der offizielle: Glückwunsch von Ministerpräsident zu Ministerpräsident.
Schröder geht erst spät hinüber in den Landtag. Journalisten aus aller Welt haben ihre Satelliten-Ohren aufgebaut, allein für den NDR sind 200 Kräfte im Einsatz. "Dieser Tag ist natürlich schon eine Wucht", sagt Schröder, "die Ära Kohl ist zu Ende."
Der ewige CDU-Kanzler hatte kurz zuvor noch Wetten auf den Kandidaten Lafontaine abgeschlossen. Verloren. Dabei hatte er selbst 1993 am Rande der Hannover-Messe auf einen Bierfilz gekritzelt: "Schröder wartet bis 1998."
SONNTAG, 1. MÄRZ, SAARBRÜCKEN.
Eine Haustür, in der Straße Am Hügel, öffnet sich, heraus tritt ein feixender Oskar Lafontaine. Er balanciert auf einem Tablett Schnapsgläser zum Zaun, wo seit Stunden die Journalisten warten. Großaufnahme: Mirabellenschnaps. Und eine Grinse-Grimasse, gefroren.
Nein, dies ist nicht das Ergebnis, auf das Oskar Lafontaine gehofft hat. "Sie sehen", sagt er, "der Parteivorsitzende ist fröhlich." Er zweifelt wohl selbst daran, dass man es ihm ansehen kann. Schon am Nachmittag war Lafontaine mit Söhnchen Carl-Maurice auf den Schultern über den Balkon geturnt. Die ersten Trends hatten seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Zum zweiten Mal nach 1990 ist sein Lebenstraum vom Kanzleramt zerstört. Und ausgerechnet der Hannoveraner würde kriegen, was er immer wollte.
MONTAG, 2. MÄRZ, BONN.
Die Mitarbeiter des Parteivorstands haben sich im Ollenhauer-Haus zum Jubelspalier aufgereiht - Gerd ist der Größte, aber ohne Oskar ist alles nichts. Schröder und Lafontaine machen den Eindruck, als sei die Eindeutigkeit des letzten Abends nur ein kurzer Traum gewesen.
Nun sieht es plötzlich wieder aus, als sei alles so offen wie zuvor. "Sehr ruhig, sehr bescheiden", heißt es, habe Schröder im Vorstand die Leistung seiner Partei gewürdigt; "fast weihevoll" habe Lafontaine gesprochen.
Rivalität? Die alten Geschichten scheinen vergessen. Aber wie lange? Sieben Monate muss das Duo fehlerfrei seinen Paarlauf absolvieren. Sieben Monate muss Lafontaine seine Spitzen gegen den Kandidaten unterdrücken, den er für eine Art kleinen Bruder hält und manchmal für etwas unseriös.
An diesem Montag, kurz nach eins, kann sich der Sieger, sonst nicht gerade das Idol der SPD-Gremien, der Händeschüttler kaum erwehren. Will er auch nicht. Johannes Rau, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, rückt an seine Seite: "Wir lassen nichts mehr anbrennen."
Der Vorstand bestätigt den Kandidaten durch Wahl, drei Genossen enthalten sich der Stimme. Eine Stunde lang beantwortet ein aufgekratzter Schröder danach die Fragen der Journalisten. Das Programm sei abgestimmt. Im Fall des Sieges würde die Kürzung der Lohnfortzahlung zurückgenommen, die Rentenreform korrigiert, das Steuersystem modernisiert
Oskar Lafontaine sitzt schweigend daneben, er hört, lächelt und nickt zuweilen. Manchmal flüstert er Schröder etwas zu, bevor der antwortet. Nur eine Frage beantwortet der Saarländer selbst: als es um die Wirtschaftspolitik geht. Schröder schiebt den Unterkiefer vor: Haifischlächeln. Am Rande murmelt ein Lafontaine-Fan, dass es nun ganz wichtig sei, den Kandidaten programmatisch einzumauern.
Alles scheint immer noch wie früher.
SAMSTAG, 7. MÄRZ, HANNOVER.
Gerhard Schröder feiert Hochzeit mit Doris Köpf. Aber vorher ist noch Geschäftliches zu erledigen. Kurz vor acht fährt das VW-Aufsichtratsmitglied Schröder zum Flughafen. Im Jet wartet VW-Vorstand Ferdinand Piëch. Der Flug geht nach London, zu den Bossen von Rolls-Royce. In Crewe, 250 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt, besichtigen die beiden das feine Autowerk. Piëch will die legendäre Marke kaufen. Nach der Rückkehr startet in Hannover die Hochzeitsfeier. Wieder einmal hat Schröder sein Image untermalt: erst die Wirtschaft, dann das schöne Leben.
DIENSTAG, 10. MÄRZ.
"Ich bin bereit", sagt Schröder in millionenfacher Auflage aus deutschen Tageszeitungen. Oskar ist nicht im Bild - eine öffentliche Emanzipation.
SAMSTAG, 14. MÄRZ. SAARBRÜCKEN.
Rau fährt in der Staatskanzlei vor, ihm geht es um sein erstrebtes Präsidenten-Amt. Danach ruft Lafontaine den Kollegen in Hannover an: Rau wolle den Platz als Ministerpräsident für seinen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement räumen. Schröder reagiert begeistert: Den Macher und Modernisierer Clement wünscht er sich als Verbündeten im 18-Millionen-Land NRW. Die Botschaft heißt: "Etwas Neues beginnt." Lafontaine weist Schröder darauf hin, dass Rau die Unterstützung bei der Wahl zum Staatsoberhaupt erwarte. "Das war der Preis", erklärt Schröder später.
MONTAG, 16. MÄRZ, AUTOBAHN BONN-DÜSSELDORF.
Auf dem Beifahrersitz seines Dienst-BMW qualmt der Preussag-Manager Bodo Hombach eine dicke Zigarre. Sein Handy klingelt. "Noch nicht?", fragt er knapp, brummt und pustet schwere Rauchwolken aus.
Hombach hat die SPD-Wahlkampfzentrale in Bonn inspiziert und ist auf dem Weg ins heimische Mülheim. Später, in der Abenddämmerung, kommt endlich der ersehnte Anruf. Johannes Rau hat bekannt gegeben, dass er zur Sommerpause sein Amt dem Wirtschaftsminister Wolfgang Clement übertragen wolle. Rau legt Wert auf den Hinweis, dass kein Zusammenhang mit der Wahl des Bundespräsidenten ein Jahr später bestünde. Über derlei Unterstellungen hat sich der fromme Christ Rau sehr geärgert. Hombach kehrt bei seinem Lieblings-Japaner in Düsseldorf ein, isst Sushi und genehmigt sich Sake.
DIENSTAG, 7. APRIL, HANNOVER.
Gerhard Schröder hat Geburtstag. Er wird 54. Lange hat er geschwankt, ob er Tony Blairs Einladung annehmen soll, ihn an diesem Tag in 10, Downing Street zu besuchen. Es hieß, der britische Premier habe ihm sogar eine Geburtstagstorte zugesagt. Schröder entscheidet sich für einen Kurzurlaub mit Gattin Doris.
SAMSTAG, 11. APRIL.
Lafontaine im SPIEGEL: "Gerhard Schröder und ich arbeiten eng zusammen. Alle Versuche, uns auseinander zu bringen, sind zum Scheitern verurteilt. Wir wissen, dass wir nur gemeinsam gewinnen können. Das gilt für die ganze SPD-Führung."
FREITAG, 17. APRIL, LEIPZIG.
515 Delegierte im Hollywood-Rausch. Exakt um 10.15 Uhr verdunkelt sich der Parteitags-Saal, der in königlichem Blau und majestätischem Rot gehalten ist. Leise Musik erklingt, steigert sich zum Crescendo. Ein gefühliges Video flimmert über mehrere Großleinwände: satte Felder, Kinder, schnelle Züge, Handys. Dann erscheint der Kandidat, markig. Er zieht kräftige Linien. So wie dieser Video-Schröder unterschreibt ein Kanzler. "Lichtstimmung V", befiehlt der Regieplan. Wahlkampfchef Franz Müntefering und seine Mannen hatten ein Ziel: Gänsehaut für jeden, wenn Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine Seite an Seite im gleißenden Licht durch den halbdunklen Saal zum Podium schreiten und laut Regie "winken bis zum Ende der Musik".
Gerade mit dieser glitzernden Show wird für einen Moment das sozialdemokratische Ideal vom ehrlichen, warmen, echten Miteinander Wirklichkeit. Schröder wird gefeiert, Lafontaine verehrt. Der Vorsitzende nimmt sich zurück, stellt sich in den Dienst der Sache.
"Oskar Lafontaine danke ich für die Disziplin, die Vernunft, ja die Selbstlosigkeit", sagt Schröder. Er meint es ernst, als er den Satz sagt, der den ausgebufften, zynischen Anti-Emotionalisten Lafontaine zutiefst rührt: "Ich danke dir für die Freundschaft."
So viel Frieden war nie. Als wollten die beiden Enkel mit einer Eilheilung alle Wunden der vergangenen 20 Jahre schließen, lassen sie den letzten SPD-Kanzler Helmut Schmidt hochleben. "Vernunft und Selbstdisziplin" seien der Schlüssel, predigt Schmidt, und Lafontaine gebühre der Verdienst. Mit zusammenpressten Lippen nickt der Saarländer. Kandidat ist er trotzdem nicht.
IM MAI, BONN.
Spätestens mit dem Leipziger Parteitag ist die Wahlkampfzentrale "Kampa" in Bonn zur Legende geworden. Noch nie haben Sozialdemokraten eine Kampagne so entschlossen und gut geplant, so diszipliniert gefahren, heißt es. Jeden Tag ein Scherz, ein Event, ein Spruch, der Kohls CDU-Manager, die erschrocken aus dem Konrad-Adenauer-Haus herabschauen, in der Defensive hält. Das ist ein Teil der Wahrheit, der, den die Kampa von sich selbst verbreitet.
Der andere Teil: Stellvertretend für Lafontaine und Schröder tobt in und um die Kampa ein wüster Kampf. Für Schröders Männer, Hombach und Heye, sind die Kampa-Dynamiker wie kleine Kinder auf dem Geburtstag. Verdächtig ist Müntefering, weil er sich nie bekannt hat zu einer Seite. Provozierend ist Matthias Machnig, ein quirliger, lauter und manchmal nervender, aber bis an den Rand seiner Kräfte wirbelnder Kugelblitz, der die 80 Leute Tag und Nacht unter Dampf hält.
Schröder hält die Kampa bis zuletzt für ein Lager der Lafontainisten: "Die tricksen da doch wieder", sagt er oft. Müntefering müht sich um "Äquidistanz". Kandidat und Parteichef bekommen zeitgleich alle Entwürfe für Plakate, Spots, Slogans. Und Schröder fordert bei jeder Gelegenheit: "Lasst den Oskar da noch mal drauf gucken." Lafontaine ist überraschend oft einverstanden. Die Hannoveraner dagegen, im Bewusstsein, soeben den besten Landtags-Wahlkampf aller Zeiten gemacht zu haben, mäkeln. Das Bild, das die Kampa von Schröder entwickelt, halten sie für absurd. Schröder-Freund Heye verlässt kopfschüttelnd eine Strategie-Sitzung in Bonn: "Diesen Kandidaten, den ihr da schildert, den kenn ich nicht."
FREITAG, 26. JUNI, BONN.
Müntefering stellt eine Garantiekarte vor, auf der Schröder den Wählern mehr Arbeitsplätze, mehr Innovationen und mehr Steuergerechtigkeit verspricht. Das Problem: Schröder hat davon nichts gewusst, schon gar nicht vom Punkt 9: "Kohls Fehler zu korrigieren bei Renten, Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall". Hat Oskar das eingefädelt?
MITTWOCH, 5. AUGUST, WASHINGTON.
Vor seinem Besuch bei US-Präsident Bill Clinton ruft Gerhard Schröder zu Hause bei Gattin Doris an, die Geburtstag hat. "Da wollen dir welche gratulieren", sagt der Kandidat, hält das Handy den zwei Dutzend Journalisten entgegen und schwingt die Arme wie ein Dirigent. "Happy birthday to you", intonieren die Medienvertreter folgsam, "Happy birthday, liebe Doris." Schröder grinst breit. "Na, habt ihr alles?", fragt er die Kameramänner. Die nicken. Deutschland gehört ihm. Fast jedenfalls.
DONNERSTAG, 6. AUGUST.
In der "Zeit" preist Schröder die "Doppelspitze": "Ein schwieriger Prozess war es, aber wir beide sind so weit, dass wir einander widersprechen können. Ohne Vertrauen geht das nicht. Ansonsten schätze ich nachhaltigen Widerspruch von Menschen, die loyal sind. Doch inzwischen wissen Lafontaine und ich um die Bedingungen des gemeinsamen Erfolges. Keiner will den anderen dominieren, sonst würde die gemeinsame Arbeit schief gehen, und wir würden beide scheitern."
MITTWOCH, 19. AUGUST, BERLIN.
Breitschultrig eskortiert der Kampa-Chef Müntefering den designierten Wirtschaftsminister Jost Stollmann in den Saal des Hotels Maritim Pro Arte. Mikrofone, die sich beiden entgegenrecken, biegen sie wie Schilfhalme zur Seite.
Heute ist der Tag: Stollmann will eine Art Kennedy-Rede halten, grundsätzliche Betrachtungen über die Deutschen und ihre Wirtschaft und ihre Politik anstellen. Ein Mega-Event mitten im Sommerloch - mit hohem Risiko-Potential. Schröders Sprecher Heye grinst verlegen. Lafontaine, der neulich mit Stollmann essen war, hat vor gesprächigen Vertrauten festgestellt, dass der ehemalige Computer-Unternehmer nicht geeignet ist.
Lafontaine sollte Recht behalten. Stollmann hat seine Gesten offenbar mühsam einstudiert und macht quälend lange Kunstpausen für "neues Denken", "neue Wege", "Schneisen der Erkenntnis", "Dickicht des Nicht-Wissens". Nach fünf Minuten steht für Schröders Leute fest: Dieser Mann wird gar nichts, nie. Man muss ihn nur unfallfrei durch den Wahlkampf schleppen.
In der anschließenden Fragerunde findet Stollmann auch nach längerem Nachdenken keine Antwort auf die Frage, welches der vorliegenden Modelle für eine Steuerreform er favorisiere. Schröder stellt sich anschließend pflichtschuldig neben den Kandidaten und guckt wie ein Skorpion. Wer Schröder kennt, weiß, dass sein Wunderkind die politischen Träume beerdigen kann. Dann wird Stollmann abgeführt.
Lafontaine soll sich köstlich amüsiert haben.
MITTWOCH, 26. AUGUST, BERLIN.
Wieder eine dieser Clowns-Nummern, die wie Brausepulver wirken. Erst prickelt es komisch, doch bald ist nur noch schaler, künstlicher Nachgeschmack. Da grinst das volle, runde Gesicht fidel, und Oskar fragt: "Du Gerd, hast du nicht einen Job für mich?"
Schröder guckt ein wenig ungehalten bei der Vorstellung des 100-Tage-Programms im Willy-Brandt-Haus. Der kleine Pummelige blickt schuldbewusst nach unten und dann umher. Und plötzlich prusten beide los, so dass sich die Umstehenden fragen: Veralbern die uns, oder veralbern sie sich, oder lässt sich mit dem Kinderspiel einfach nur am besten verschleiern, dass zwischen ihnen nichts geklärt ist? Es ist, als sei dieser Wahlkampf nur ein Spiel und der ernste Kampf um Programme und Posten und Personal beginne erst am Abend des 27. September.
Lafontaine ist gelassen in diesen Tagen. Es ist seine SPD, eine Armee von 800 000 Genossen, mit denen er jeden Job in einer Bundesregierung bekommen könnte - bis auf einen. Selten war ein SPD-Chef so machtvoll, so unumstritten wie Lafontaine einen guten Monat vor der Wahl. Als Schröder sein Programm präsentiert, schaut der Patriarch Oskar wohlwollend zu. "Das Fundament sind Vertrauen und gegenseitige Achtung", so erklärt er auch die Beziehung der Doppelspitze.
Es ist aber eher ein Gleichgewicht des Schreckens, das die beiden nahezu täglich aufs Neue herstellen. Das Unausgetragene ist das Merkmal ihres Miteinanders. Sie entwinden sich der Umarmung respektvoll, ohne den anderen zu frustrieren. Ist das das Maximum an Freundschaft in der Politik?
Schießt der Feuerwerker Schröder einen Stollmann in die Umlaufbahn, bittet Lafontaine den einstigen französischen Kulturminister Jacques Lang zu sich. Redet der Kandidat von der Großen Koalition, um dem gefürchteten Lagerwahlkampf auszuweichen, beruhigt der Parteichef die aufgeregten Genossen und wirbt für Rot-Grün. Und kaum hat Schröder melden lassen, er wünsche sich Lafontaine im Kabinett, da kündigt der an, er würde bei einem knappen Sieg gern Fraktionschef werden.
MITTWOCH, 2. SEPTEMBER.
ARD-Wahlreportage "Der Herausforderer": Hombach und Heye klügeln in einem Ferienhaus an der holländischen Nordseeküste die Schlagworte für eine Rede Schröders aus. Gegenschnitt. Der Kandidat trägt just jene Worte vor. Ein verhängnisvoller Eindruck entsteht: Der künftige Kanzler wird von seinen Hintermännern ferngesteuert. Hombach ist der wahre Schröder. Er hat schließlich auch die Rau-Wahlkämpfe gewonnen. "Ich musste ihn daran erinnern, dass ich auch dabei war", spottet der SPD-Patriarch.
SONNTAG, 27. SEPTEMBER, BONN.
Es ist so weit: Wahlsonntag. Kurz nach 17 Uhr weiß Gerhard Schröder definitiv, dass er es geschafft hat. Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat im Büro des Parteivorsitzenden Lafontaine in der Bonner SPD-Zentrale angerufen. Er will dem künftigen Kanzler die Zahlen persönlich übermitteln, die offiziell erst um 18 Uhr verkündet werden: "Oskar, schreib mal mit", ruft der Kandidat und diktiert dem Parteivorsitzenden Güllners Prognosen: SPD 41 Prozent, CDU 36 Prozent.
Schröder umarmt und küsst seine Frau. Den Champagner rührt er jedoch erst nach der offiziellen Bekanntgabe der Zahlen im Fernsehen an. Aber er trinkt noch nicht auf den Sieg, sondern auf den 55. Geburtstag seines designierten Arbeitsministers Walter Riester. Sicher ist sicher.
Draußen vor der Glastür und in der "Baracke" braust Jubel. Hunderte wollen den Sieger sehen. Bevor Schröder hinausgeht, zieht er Lafontaine beiseite: "Ich habe mich entschieden: Bodo Hombach kommt ins Kanzleramt."
Lafontaine ist wie vom Donner gerührt. Er hat ein eigenes Personal-Tableau im Kopf. Auf gar keinen Fall will er, dass Scharping Fraktionschef bleibt. Er hat Müntefering ausgeguckt. Peter Struck, der als Parlamentarischer Geschäftsführer viel Einfluss in der Fraktion hat, sollte Chef des Kanzleramts werden. Und nun soll alles anders kommen? Dass Schröder ausgerechnet den ökonomischen Autodidakten Hombach an seine Seite holt, muss Lafontaine als Kampfansage deuten.
Keine Zeit zum Nachdenken. Das Wahlvolk ruft. Der Parteichef muss den strahlenden Sieger auf die Bühne begleiten und ihm - der die beiden Arme nach oben reißt und das doppelte Victory-Zeichen macht - auch noch applaudieren. Dabei fühlt auch er sich selbst als Gewinner. "Mir ist das fast schon peinlich", erzählt er später einem guten Freund. "Alle Leute sagen, der eigentliche Kanzler bin ja ich."
Aus seiner Sicht hat das deutsche Volk zwei Kanzler gewählt: ihn und den andern. Im Fernsehen dankt Lafontaine den Wählern für das Vertrauen "für Schröder und mich".
MONTAG, 28. SEPTEMBER, BONN.
Dieter Koniecki, ein alter Freund, ruft in der Saarland-Vertretung an. Wie viele andere beschwört er den SPD-Chef, bloß nicht in die Regierung zu gehen. Bei der angespannten Kassenlage würde er nur Zumutungen verkünden müssen. Als Fraktionschef und Parteivorsitzender wäre er dagegen frei, korrigierend und lenkend in die Regierungsgeschäfte einzugreifen.
Die Warnungen helfen nichts. Lafontaine will ins Kabinett. Er fühlt sich berufen, als Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland jene Rezepte umzusetzen, die er gemeinsam mit Ehefrau Christa in seinem Buch "Keine Angst vor der Globalisierung" aufgeschrieben hat. Er will - zusammen mit seinem französischen Kollegen und vermeintlichen Freund Dominique Strauss-Kahn und dem Amerikaner Alan Greenspan - bei den Global Players mitspielen. Oskar Lafontaine will Schatzkanzler neben dem Kanzler sein.
Im Foyer des Ollenhauer-Hauses stürmen Schröder und Lafontaine vor Beginn der Parteivorstandssitzung aufeinander los, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen. Vor laufenden Kameras umarmen und knuffen sie sich, giggeln über ihre Witze, überreichen und empfangen Blumensträuße und schütten sich aus vor Lachen. Die aufgesetzte Fröhlichkeit wirkt bedrohlich: Pass auf, signalisiert das Raubtierlächeln der beiden Machtmenschen, komm mir bloß nicht ins Gehege.
Im Vorstand demonstriert der Parteichef Ton und Richtung für die Zukunft: Nach den Gratulationen für Gerhard Schröder und den Mecklenburger Landtagswahl-Gewinner Harald Ringstorff kommt er zur Sache. Disziplin sei jetzt genauso wichtig wie vor der Wahl. Wer glaube, er könne sich jetzt als künftiges Regierungsmitglied öffentlich ins Gespräch bringen, der "hat bei mir keine Chance". "Bei mir", sagt Lafontaine, als wäre er der Kanzler.
Von Anfang an betrachtet der Saarländer die Koalitionsverhandlungen als sein Revier. Was er mit Fischer am Vorabend allein ausgekungelt hat, darf der Parteivorstand abnicken: keine Parallel-Verhandlungen mit der Union. Schröder erscheint Teilnehmern als "sehr entschlossen", das rot-grüne Bündnis zu suchen. Aber der Macher ist Lafontaine.
Nebenbei nimmt der Parteichef eine weitere, wichtige Weichenstellung vor: Mit Blick auf den neben ihm sitzenden Ringstorff, der in Schwerin ein Bündnis mit der PDS schmieden will, stellt Lafontaine beiläufig fest, "selbstverständlich" habe jeder ostdeutsche SPD-Landeschef freie Hand bei der Regierungsbildung. Ob mit oder ohne PDS, das werde vor Ort entschieden. Ausdrücklich bittet er den Vorstand um Zustimmung. Und weil - wie gewohnt - niemand widerspricht, ist es so beschlossen.
DIENSTAG, 29. SEPTEMBER, HANNOVER.
Bei Schröder läuft alles schief. Morgens wird ihm in seiner heimischen Dachzimmerwohnung das Wasser abgestellt - Bauarbeiten. Der Tee wird mit Mineralwasser zubereitet. Außerdem hat der Wahlsieger Grippe. "Ein Zeichen dafür, dass die Anspannung nachlässt", diagnostiziert Doris Scheibe, seine langjährige Chefsekretärin. Die gecharterte Maschine, die Schröder um 13.45 Uhr zur ersten Sitzung der neuen SPD-Bundestagsfraktion fliegen soll, bleibt auf der Piste. Motorschaden.
Der designierte Bundeskanzler muss auf Ersatz warten. Galgenhumor. "Stellen Sie sich einmal vor, das wäre in der Luft passiert", sagt er zu einem Reporter. "Dann hätte es wieder eine Kandidaten-Diskussion gegeben."
Oskar Lafontaine wird den Scherz am darauf folgenden Wochenende in der "Bild am Sonntag" lesen. Die giftige Botschaft: Nach diesem Wahlsieg, lieber Oskar, würdest du selbst dann nicht automatisch Kanzler werden, wenn es mich nicht mehr gäbe. Nichts ist, wie es war. Oder ist es jetzt, wie es immer war?
DIENSTAG, 29. SEPTEMBER, BONN.
Aufgeregte Begrüßung der neuen Abgeordneten im Bundestag. Noch immer kann keiner den Triumph richtig fassen. Während Schröder in Hannover festsitzt, führt Lafontaine vor der Fraktion im Wasserwerk das große Wort. Nachdem sich die Neuen vorgestellt haben, zieht er die Zügel stramm: Die Koalitionsverhandlungen seien Sache des Parteichefs. Als Grundlage für die Verhandlungen mit den Grünen diene das vom SPD-Parteitag beschlossene Regierungsprogramm. Die Fraktion sei doch sicher damit einverstanden, dass die Gespräche von den Mitgliedern des Parteipräsidiums geführt würden. Kein Widerspruch. So beschlossen. Ein erster folgenschwerer Fehler: Die künftigen Minister würden nicht über ihre Ressorts verhandeln, Lafontaine hat die Alleinherrschaft. Der malade Schröder soll inhaltlich eingemauert werden.
MITTWOCH, 30. SEPTEMBER, PARIS.
Schröders erste Auslandsreise. Seit der Kanzlerschaft Konrad Adenauers gehört es zum guten Ton jedes neugewählten Bonner Regierungschefs, zuerst an die Seine zu fahren. Für Schröder hat das Ritual einen zusätzlichen Reiz: Paris war bisher Oskars Revier.
In der französischen Hauptstadt bewegt sich Lafontaine wie zu Hause. Im Unterschied zu Schröder spricht der Saarländer fließend französisch, er kennt die regierenden Sozialisten seit vielen Jahren. Im Schlösschen, in dem seine saarländische Vertretung residiert, pflegt Oskar intellektuelle Salon-Kommunikation. Es war Lafontaine, der Schröder nach seiner gewonnenen Landtagswahl in Paris den französischen Freunden vorstellte.
Nun reist der Niedersachse allein und als künftiger Kanzler in die Metropole - zuerst zu Jacques Chirac, dem konservativen Staatspräsidenten, danach zu Lionel Jospin, dem sozialistischen Premierminister. Dass er den Saarländer abgeschüttelt hat, scheint ihn zu beflügeln. "Zu Hause habe ich noch richtig Mühe, mir vorzustellen, dass ich Kanzler werde", philosophiert er abends in kleinem Kreise. "Hier in Paris fällt mir das viel leichter."
Kanzler sein macht Spaß. Theoretisieren ist anstrengend. So wie bei der Veranstaltung, zu der ihn abends Jospin eingeladen hat. Der Sozialist Jospin hat ein paar Minister und die Chefredakteure wichtiger französischer Medien zu sich gebeten. Vor ihnen muss Schröder erläutern, was er unter der "Neuen Mitte" versteht.
Es wird kein entspannter Abend. Nicht mal zum Essen kommt Schröder. Seine Beraterin für deutsch-französische Beziehungen, Brigitte Sauzay, führt ihn anschließend in ein Bistro im Quartier Latin. Der Hungrige verzehrt erleichtert ein halbes Hühnchen.
DONNERSTAG, 1. OKTOBER, BONN.
Das erste Sondierungsgespräch zwischen Grünen und Sozialdemokraten ist ein Heimspiel für Lafontaine. Wie jeder Machthaber hat er die Delegationen in sein Revier, die Vertretung an der Kurt-Schumacher-Straße, geladen. Später wird man sich an einem neutraleren Ort treffen: Die rot-grüne nordrhein-westfälische Landesregierung stellt ihr Domizil für die Verhandlungen zur Verfügung.
Hausherr Lafontaine empfängt zuerst Schröder zum Vier-Augen-Gespräch. Im angemessenen Abstand folgen die anderen sozialdemokratischen Teilnehmer der Koalitionsrunde - Hackordnung muss sein.
Schröder drückt aufs Tempo. Er will spätestens vier Wochen nach der Bundestagswahl Kanzler sein. Schröder ist mit sich und der Welt zufrieden. Die positiven Kommentare zur Frankreich-Tour haben ihm gefallen. Und die Flasche Cognac, die ihm sein neuer Freund Chirac geschenkt hat, beeindruckt sogar seinen verwöhnten Kumpel Hombach: Die Spirituose ist 100 Jahre alt.
FREITAG, 2. OKTOBER, BONN.
Die Koalitionsverhandlungen sind offiziell eröffnet. Chef Lafontaine erteilt in der NRW-Vertretung das Wort - auch dem künftigen Kanzler. Lafontaine redet jederzeit, wann und so lange er es für richtig hält, vorzugsweise in seiner Eigenschaft als Weltökonom - wie weiland Helmut Schmidt.
Schröder lässt ihn gewähren. Die aufmerksamen Grünen bemerken an kleinen Gesten knisternde Rivalität. Wenn Schröder das Wort hat, lächelt der andere bisweilen "sardonisch", ein wenig verkrampft vor sich hin. Mal blickt er nur zur Decke und verdreht die Augen.
Wenn Lafontaine die Runde mit seiner Weltwirtschaft nervt, zwinkert Schröder schon mal dem Koalitionspartner zu. Oder er grinst vergnügt, wenn der grüne Professor Fritz Kuhn, Fraktionsführer im Stuttgarter Landtag, den SPD-Chef unterbricht und die "Politik des leichten Geldes" rügt.
Kleine Hakeleien gefallen Schröder. Aber zum offenen Streit lässt er es ebenso wenig kommen wie umgekehrt Lafontaine. Noch funktioniert die Rollenverteilung: Schröder markiert die neue Mitte, Lafontaine bedient die Emotionen der alten Linken. Schröder allerdings operierte im letzten halben Jahr immer aus der Position des Vorläufigen, erst als Kandidat, jetzt als designierter Kanzler. Lafontaine dagegen war immer mächtiger Parteichef.
Besorgt sehen manche Genossen, dass der Niedersachse die Dinge "mit großer Gelassenheit laufen lässt" - Oskars Pose des Allmächtigen nimmt überhand. "Ich habe doch jetzt gewonnen", verrät Schröder einem Freund. "Da kann ich großzügig gegenüber demjenigen sein, der es eigentlich auch werden wollte und nicht zum Zuge gekommen ist."
SAMSTAG, 3. OKTOBER, BONN.
Im Saal der Stadthalle, in dem 1959 das berühmte Godesberger Programm der SPD beschlossen wurde, tagen die Parteilinken, der "Frankfurter Kreis". Kein Fan-Club des künftigen Kanzlers, meist unterstützt er Lafontaine.
In den Zeitungen wuchern die Personalspekulationen: Was wird aus Scharping, den Lafontaine als Fraktionschef verhindern will? Wird der Ost-Berliner Partei-Vize Wolfgang Thierse Bundestagspräsident? Und bleibt der Esoteriker Jost Stollmann wirklich der Wunschkandidat für das Wirtschaftsministerium?
Immer ist es Lafontaine, von dem die Beantwortung dieser Fragen abzuhängen scheint. Auch seine eigene Rolle ist noch unklar.
Der Saarländer betritt die Stadthalle und konfrontiert seine linken Freunde im Befehlston mit seinen Vorstellungen: Erstens: Scharping muss weg! Zweitens: Thierse kann nicht Bundestagspräsident werden, weil sonst die Frauen protestieren und Anspruch auf das Präsidentenamt erheben würden. Das aber muss Rau bekommen.
Keine weiteren Begründungen. "Er erwartete einfach, dass wir seine Forderungen umsetzten", erinnert sich ein Teilnehmer. Michael Müller, einer der Wortführer des linken Fraktionsflügels, stellt den Parteichef zur Rede: "Wie stellst du dir das vor, Oskar? Scharping hat doch keine silbernen Löffel geklaut. Sollen wir als Begründung sagen: Oskar will das nicht?"
SAMSTAG, 3. OKTOBER, HANNOVER.
An der Seite des amtierenden Bundespräsidenten Roman Herzog zieht der designierte Kanzler Schröder am Tag der Deutschen Einheit in die Stadthalle ein. Als ihn Journalisten nach Rau fragen, wiegelt Schröder ab: Spekulationen zur Unzeit. Der Parteivorsitzende werde "zu gegebener Zeit" einen Vorschlag machen.
Im Lager Lafontaines weckt Schröders Zurückhaltung den alten Verdacht, dass der Hannoveraner Raus Kandidatur hintertreiben wolle. Gute Freunde des Saarländers erinnern sich an einen heftigen Wutausbruch Lafontaines. Ihm war zu Ohren gekommen, Herzog sei von Hombach persönlich animiert worden, öffentlich über eine, bislang kategorisch abgelehnte, Verlängerung der Amtszeit nachzudenken.
Natürlich wird das in Schröders Umgebung heftig dementiert. "Wenn einer in der Kandidatenfrage nicht gewackelt hat", sagt einer seiner Vertrauten, "dann war das Gerd." Der Parteivorsitzende selbst sei es gewesen, der habe andere Namen ins Spiel gebracht.
MONTAG, 5. OKTOBER, HAMBURG/BONN.
Unter der Überschrift "Der Befreiungsschlag" präsentiert der SPIEGEL ein Kapitel aus Bodo Hombachs neuem Werk. Das Buch zum Kanzler (Titel: "Aufbruch - die Politik der neuen Mitte") ist eine Provokation gegen Lafontaine und eine Kampfansage an dessen Wirtschafts- und Finanzpolitik.
"Die Auseinandersetzung um eine Zielentscheidung zwischen Angebots- und Nachfragepolitik hat uns zu lange gelähmt", schreibt Hombach. "Von der Vorstellung schnell wirksamer und allein selig machender keynesianischer Rezepte haben sich die meisten längst verabschiedet." Bis auf Lafontaine, ergänzt der Leser. Denn der weiß aus den Medien, dass es Lafontaine war, der immer gegen die Angebotspolitik der Regierung Kohl zu Felde zog und stattdessen die Wirtschaft durch mehr Nachfrage ankurbeln will.
Hombach glaubt dagegen an eine "Angebotspolitik von links". Was genau das sein soll, ist seinen gewohnt wolkigen Formulierungen nicht zu entnehmen. Darum geht es auch gar nicht. Hombach will Zeichen setzen. Und weil der Kanzler das Nachwort dazu geschrieben hat, wird das Buch schon vor dem Erscheinen Teil des innerparteilichen Machtkampfes, der unter dem Stichwort "Modernisierer gegen Traditionalisten" läuft.
Heiner Flassbeck, Lafontaines Chefökonom, liest den Hombach-Essay im SPIEGEL und ist entsetzt. "Die wollen eine ganz andere Politik als wir", warnt er Lafontaine. Auf Hombach müsse man aufpassen. Doch der SPD-Vorsitzende gibt sich ganz gelassen. Hombach, lässt er durchblicken, sei nicht so wichtig, wie manche glaubten.
Insgesamt wähnt sich Lafontaine zu diesem Zeitpunkt noch auf sicherem Boden. Er ist überzeugt davon, dass er es in Wahrheit war, der die Wahl gewonnen hat - und dass Schröder ihm deshalb zu Dank verpflichtet sei.
Gleichwohl ist Lafontaine bewusst, dass er seine Politik nur durchsetzen kann, wenn er den künftigen Kanzler nicht provoziert: "Lobt den Schröder", bittet er deshalb auch seine Berater Claus Noé und Flassbeck, als er diese wenige Tage später zu seinen Staatssekretären beruft, "redet nicht schlecht über den."
MITTWOCH, 7. OKTOBER, BONN.
Ganz beiläufig fragt Lafontaine den SPD-Fraktionsvorsitzenden Rudolf Scharping am Rande einer Bundestagssitzung: "Was willst du denn werden? Hast du dich schon entschieden?"
Scharping weiß, was Lafontaine im Schilde führt. Er schlägt vor, darüber in Ruhe bei einer Flasche Rotwein zu reden.
DONNERSTAG, 8. OKTOBER, BONN.
Die Grünen sind irritiert. Sie sitzen nicht einer, sondern zwei Koalitionsparteien gegenüber: Schröder, der die neue Mitte markiert, und Lafontaine, der die Traditionalisten bedient. Leider haben beide niemals miteinander geredet, geschweige denn ihre Strategien abgestimmt. Bei den sozial-konservativen Themen wie Steuerreform, Rente, Spitzensteuersatz schwingt Lafontaine das Zepter. Schröder versucht, die Grünen in allen ökologischen Fragen zu deckeln. Im Alleingang hat der Automann die Grenze für die Anhebung der Mineralölsteuer zementiert: Mehr als sechs Pfennig pro Liter seien mit ihm nicht zu machen, gibt er via "Bild am Sonntag" bekannt.
Das bringt Lafontaine in Rage. Er würde mit der Benzinsteuer gern die Haushaltslöcher füllen. Aber Schröder lässt ihn nicht. Mehrfach stichelt Oskar, die Augen theatralisch zur Decke gewandt, die Hände bedauernd erhoben, gegen den Mann, der nach dem Grundgesetz die Richtlinien der Politik bestimmt: "Der Herr Bundeskanzler hat sich ja auf die sechs Pfennig pro Liter festgelegt ..."
Bei der Steuerreform allerdings bremst Lafontaine. Er diskutiert das Thema ausschließlich aus dem Blickwinkel der Verteilungsgerechtigkeit. Die Grünen hingegen wollen ein Signal für die Unternehmer setzen. Sie sind für eine deutliche Senkung des Spitzensteuersatzes, auch wegen des Symbolwerts. Aber da rennen sie bei Lafontaine vor die Wand: kein Geld. "Wir hatten immer ein großes Missbehagen", erinnert sich Fritz Kuhn, der baden-württembergische Grüne. "Kann das gut gehen?"
Die Sorgen werden auf der SPD-Seite geteilt. Alles laufe ein bisschen "über Kreuz", berichtet Scharping seinen Vertrauten. Eine Mehrheits-SPD unter Schröder verhandelt mit den Mehrheits-Grünen unter Fischer, gleichzeitig redet eine Minderheits-SPD unter Lafontaine mit den Minderheits-Grünen unter Trittin.
FREITAG, 9. OKTOBER, WASHINGTON.
Begleitet von Joschka Fischer und seinem außenpolitischen Berater Günter Verheugen ist Gerhard Schröder zu einem Kurztrip in die USA gereist. Vom US-Präsidenten Bill Clinton werden sie im Weißen Haus freundlich und neugierig empfangen. Dann wird es ernst: Obwohl der Kanzler und sein Außenminister noch nicht vereidigt sind, verlangt der Präsident von der künftigen Regierung eine schmerzliche Zusage: Die Deutschen sollen sich am Kosovo-Konflikt beteiligen. Clinton möchte, dass der serbische Präsident Milosevic die Drohungen der Nato ernst nimmt. Aber ohne die Deutschen gäbe es keine ernsthafte Drohung.
Schröder und Fischer weisen darauf hin, dass sich erst der neue Bundestag konstituieren müsse. Clinton stimmt ihnen zu - so eilig sei die Sache nicht.
SONNTAG, 11. OKTOBER, BONN.
Oskar Lafontaine hat für Montag eine Sondersitzung des Parteivorstands einberufen. Unmissverständlich hat er Schröder wissen lassen, dass er zurücktritt, falls Scharping Fraktionschef bleibt. Er sei sogar bereit, gegen ihn zu kandidieren: "Der oder ich."
Schröder ist in der Zwickmühle. Wenn er die Sache laufen lässt, gibt es einen ersten gewaltigen Crash, der alle beschädigt. Während Lafontaine davon überzeugt ist, dass er gegen Rudolf Scharping gewinnen wird, schätzt Schröder die Lage anders ein: Das brutale Mobbing hat die Fraktion gegen Lafontaine aufgebracht. "Es war völlig klar", sagen Schröders Getreue, "dass die Fraktion sich hinter Scharping und damit gegen Lafontaine gestellt hätte."
Mittags, am Rande der Koalitionsgespräche, ziehen sich Lafontaine und Scharping in der NRW-Vertretung zu einem Vier-Augen-Gespräch zurück. "Was hast du dagegen, dass ich Fraktionsvorsitzender bleibe?", fragt Scharping. Oskar antwortet: "Es wird schwerwiegende Konflikte geben. Der Schröder macht es nicht lange, weil er es nicht kann. Und ich weiß nicht, auf welcher Seite du dann stehst." Der Machtkampf ist in vollem Gang.
Auch Schröder trifft sich mit Scharping - spätabends in der Niedersachsen-Vertretung. Er beschwört ihn, seine Position zu räumen. Das ist nicht so einfach. Denn Scharping hat bereits erklären lassen, dass er zum Bleiben entschlossen ist: "Man wird in meiner bisherigen Arbeit keinen Grund finden, eine andere Entscheidung als eine Bestätigung im Amt zu treffen."
Doch Parteisoldat Scharping lenkt ein. Er sei bereit, auf die Hardthöhe zu gehen, falls "die Voraussetzungen stimmen". Mit anderen Worten: wenn der Wehretat unangetastet bleibt. Dass er eine zentrale Rolle im sich abzeichnenden Kosovo-Konflikt spielen würde, ist ihm ebenfalls klar. Die beiden Männer vereinbaren Stillschweigen. Am Morgen darauf soll das Einlenken Scharpings vor der Sitzung des Parteivorstands zelebriert und der Frieden dann öffentlich besiegelt werden.
Einzige Bedingung: Auch Kontrahent Müntefering, den Lafontaine gefördert hatte, muss zurückziehen. Wer schließlich Fraktionschef werde, sollten die Parlamentarier entscheiden.
So geschieht es. Schröder gibt bei Lafontaine Entwarnung, und der instruiert Müntefering. Der Sauerländer begreift die Chance, sich als Problemlöser zu profilieren. Am frühen Montagmorgen vernimmt die staunende Öffentlichkeit im Radio, dass Müntefering nicht gegen Scharping antreten will.
MONTAG, 12. OKTOBER, BONN.
Im Bonner Kanzleramt erfahren Schröder, Fischer, Lafontaine und Verheugen von Kanzler Helmut Kohl, dass sie für ihre Entscheidung über den Kosovo keinen Aufschub mehr haben. Clinton will nicht warten, bis sich der neue Bundestag konstituiert. Er brauche die Zusage der Deutschen sofort, dass sie sich - falls die Nato das beschließt - am Kosovo-Krieg beteiligen. Sein Emissär Richard Holbrooke soll mit einer handfesten Drohung in Belgrad intervenieren.
Kohl und Außenminister Klaus Kinkel wirken bedrückt. Verteidigungsminister Volker Rühe referiert die Lage "mit unverkennbar triumphierendem Unterton", sagt ein Teilnehmer. Er gilt als derjenige, der die Amerikaner dazu bewegt hat, auf eine schnelle Entscheidung zu drängen.
Schröder bittet um eine Unterbrechung, um sich mit seinen Leuten zu beraten. "Wir müssen das machen", sagt er, "wir müssen da durch, und wir kommen da durch, wenn wir zusammenhalten." Nach kurzer Pause erklärt Oskar Lafontaine: "Das wird wohl so sein."
In Kohls Arbeitszimmer zurückgekehrt, will Lafontaine wissen, ob die Deutschen automatisch am Krieg beteiligt sind, wenn die Nato ihn beschließt. Oder ob der Bundestag in jedem Fall noch einmal entscheiden muss. Kinkel versichert, es gebe keinen Automatismus. Auf jeder Stufe des Verfahrens werde es eine Kontrolle geben. Das bekommt Lafontaine später sogar schriftlich.
DIENSTAG, 13. OKTOBER, BONN.
Die Nachricht vom Friedensschluss zwischen Scharping, Schröder und Lafontaine hat nur vorübergehend für Entspannung gesorgt. Denn nun taucht - neben dem Niedersachsen Struck - plötzlich auch der Name Ottmar Schreiner auf. Der Saarländer, so heißt es, habe ebenfalls Chancen auf den Fraktionsvorsitz.
Schröder ist irritiert und verärgert. Er ist der Meinung, Lafontaine durch sein Eingreifen vor einer schweren Niederlage in der Fraktion bewahrt zu haben. Nun vermutet er hinter Schreiners Kandidatur den Strippenzieher Oskar.
MITTWOCH, 14. OKTOBER, BONN.
Am Rande der Koalitionsverhandlungen kommt es zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Schröder und Lafontaine - Nachbeben des Machtkampfs um die Fraktionsspitze.
Schröder verdächtigt Lafontaine, seinen Landsmann Schreiner gegen Struck ins Rennen um den Fraktionsvorsitz geschickt zu haben. Der fühlt sich zu Unrecht verdächtigt. In Wahrheit waren die beiden Saarländer nie besonders eng. Plötzlich geht es um die ganze Wahrheit: Er sei der Kanzler, nicht Lafontaine, der solle sich nur keine falschen Vorstellungen machen. Lafontaine kriegt die Krise. Er bricht in Tränen aus. Schröder knallt die Tür und marschiert davon. Lafontaine ist außer sich.
Hinterher, heißt es, sei es Doris Köpf über Lafontaines Ehefrau Christa Müller gelungen, den Streit der Männerfreunde zu kitten. Struck wird am nächsten Tag von der Mehrheit des Fraktionsvorstands nominiert.
SONNTAG, 18. OKTOBER, BONN.
Auch am Wochenende wird mit Hochdruck gearbeitet. Die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen müssen zu Papier gebracht werden. Einfach ist das nicht.
In der so genannten Schreibstube, wo die vorher ausgehandelten Verhandlungsergebnisse ausformuliert werden, gibt es oft Differenzen. Achim Schmillen, den Fischer für die Grünen dorthin abgeordnet hat, muss immer wieder warten, bis sich die beiden sozialdemokratischen Protokollanten - der Lafontaine-Vertraute Jochen Schwarzer und Schröders rechte Hand, Frank-Walter Steinmeier - in getrennten Telefongesprächen mit ihren Chefs rückversichert haben.
So zeichnet sich schon jetzt ab, was ein Jahr später der Sozialdemokrat Erhard Eppler als grundsätzlichen Konstruktionsfehler der rot-grünen Koalition kritisieren wird: "Der Grundfehler war, dass es anfangs zwei Machtzentren gab, die auch noch eine unterschiedliche Politik machen wollten: einmal das Kanzleramt, ausgerechnet noch mit Bodo Hombach, und das Finanzministerium unter Oskar Lafontaine, übrigens mit Staatssekretären, die ungefähr so geeignet waren wie Hombach im Kanzleramt."
MONTAG, 19. OKTOBER, BONN.
Kurz vor elf Uhr stellt Gerhard Schröder in der niedersächsischen Landesvertretung dem Computerunternehmer Stollmann die entscheidende Frage: "Treten Sie noch an?" Die knappe Antwort: "Nein!" Der Mann, den Schröder 123 Tage zuvor als Lichtgestalt der neuen Mitte präsentiert hatte, fühlt sich von Schröders Gegenspielern weggemobbt. Aber auch Schröder mag nicht mehr. Stück für Stück hatte Lafontaine dem Neuen sein künftiges Spielfeld eingeengt, den Entscheidungsbereich des Wirtschaftsministeriums geplündert.
Anfangs hat das kaum jemand bemerkt. Schon in der Woche nach der Wahl hatte Lafontaine zwei Getreue mit der diskreten Mission betraut. Der "Zeit"-Autor Noé, ehedem Staatsrat in Hamburg, und Heiner Flassbeck, prominenter Außenseiter unter Deutschlands Ökonomen, beziehen in der Hamburgischen Landesvertretung in Bonn Quartier und loten aus, wie sich aus Waigels Finanzministerium ein schillerndes Superministerium zimmern ließe.
Das sollte zuständig sein für alles - von der Binnenkonjunktur bis hin zur Rettung der Weltwirtschaft. Für Lafontaine ist der Abgang des Schröder-Manns ein doppelter Triumph: Endlich ist der Polit-Alien verschwunden, der von diesem seltsamen Internet faselte, anstatt die Tiefen der Makroökonomie zu ergründen. Zugleich zeigt sich, dass seine Methoden funktionieren: Der SPD-Vorsitzende hat sich das mächtigste Ministerium zusammengerafft, das es in Bonn seit Karl Schiller gegeben hat. Und doch ist es ein zweifelhafter Erfolg. Schon bald merkt Lafontaine, dass er sich verhoben hat. Diskret fragt er beim Stollmann-Nachfolger Werner Müller an, ob der nicht jene Unterabteilung zurück haben möchte, die all die lästigen Beihilfestreitigkeiten mit EU-Kommissar Karel Van Miert ausfechten muss. Müller lehnt dankend ab.
DIENSTAG, 20. OKTOBER, BONN.
Der künftige Kanzler und sein designierter Außenminister kommen über die Feuertreppe in die Bundespressekonferenz. Vor dem Saal drängen sich die Journalisten so dicht, dass Gerhard Schröder und Joschka Fischer keine Chance haben, durch den normalen Eingang an die Mikrofone zu gelangen.
Die Herren verkünden, was längst jeder weiß: Die Koalitionsverhandlungen sind erfolgreich abgeschlossen. Der Ton ist locker und wirkt nach 16 Jahren Kohl-Pathos wie eine Erlösung. Die Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers erklärt der Grüne so: "Der Kanzler macht alles, und auf dieser Basis wird das eine gute Zusammenarbeit." Diesem Grundsatz, sagt Schröder, müsse er "nichts hinzufügen". Und was ist mit Oskar? Ob er befürchte, dass der Herr Lafontaine Schatzkanzler werden wolle, wird Schröder gefragt. Die Antwort kostet der Männerfreund genüsslich aus: Also, wenn er so sehe, was "die Schwarzen" an Geld hinterlassen haben, könne von einem "Schatz" keine Rede sein. Pause. Dann hart und schnell wie eine Klapperschlange: "Und Kanzler werde ich!"
SONNTAG, 25. OKTOBER, BONN.
"Ich bin glücklich, und ich bin stolz, in die Reihe von Willy Brandt und Helmut Schmidt als Bundeskanzler treten zu dürfen." Als Schröder dies auf dem SPD-Sonderparteitag im Hotel Maritim sagt, ist er ehrlich ergriffen.
Auch der obligatorische Dank an die Partei ist keineswegs nur eine Pflichtübung. Nun aber warten alle, was er zu Lafontaine sagen wird, den die Medien schon als mächtigen Gegenkanzler und Rivalen abgemalt haben. "Ganz persönlich, lieber Oskar, lass sie bellen, die Karawane zieht weiter." So hat auch Helmut Kohl im Bundestag immer geredet, wenn er sich über die Publizisten mokierte.
Aber Schröder genügt das nicht. Er möchte dem bewunderten Rivalen zeigen, wie sehr er ihn tatsächlich mag und fürchtet. Also spricht er - auch darin den schwurbeligen Metaphern Kohls folgend - von "erwiesener Freundschaft", die "keine Eintagsfliege" sei.
Lafontaine nimmt die Huldigung mit spitz gereckter Nase hin. Aber er teilt trotzdem kräftig aus. Ohne Namen zu nennen, zieht er über das "hohle Geschwafel" derer her, die meinten, Besitzstandswahrer seien das Hauptproblem in der Politik. Und er mokiert sich über die Modernisierer, die nur Moden nachliefen. Hombach und Schröder blicken gelangweilt in den Saal.
MONTAG, 16. NOVEMBER, BONN.
Hoch oben auf dem Petersberg, im Licht der Fernsehscheinwerfer, fühlt sich Lafontaine erkennbar unwohl. Tiefrot glüht sein Kopf, nervös rutscht der Finanzminister auf dem Stuhl hin und her. Eigentlich wollte er, kaum drei Wochen im Amt, einen internationalen Coup landen. Mit dem Franzosen Strauss-Kahn, so hat er noch in der Woche zuvor philosophiert, will er ein umfangreiches Thesenpapier präsentieren - die gemeinsame Idee für ein globales, von Spekulation befreites Finanzsystem des 21. Jahrhunderts.
Doch daraus wird nichts. Wieder einmal hat Lafontaine die Macht der Bundesbank unterschätzt, über deren "Geldpolitik mit Hosenträger und Gürtel" er sich gern belustigt. Die Banker, denen der SPD-Chef bisweilen "abgrundtiefe Dummheit" nachsagte, haben hinter den Kulissen ein lautloses Spiel getrieben. Wenige Tage zuvor, bei einem Treffen im Raum 245 von Haus IV des Bonner Finanzministeriums, machte Bundesbank-Vize Jürgen Stark unmissverständlich klar, dass die Währungshüter den deutsch-französischen Vorstoß für so genannte Wechselkurs-Zielzonen "auf keinen Fall" mittragen würden.
Die große Show muss abgeblasen werden. Sichtlich genervt spricht der Bundesfinanzminister an diesem Morgen deshalb nur davon, jeder müsse sich "an seine eigene Nase fassen" . Hans Tietmeyer, der triumphierend neben Lafontaine sitzt, greift das sofort auf und zieht einen Bericht des Internationalen Währungsfonds hervor. Auf englisch zitiert er minutenlang, welche Aufgaben die deutsche Finanzpolitik habe (soll heißen: Lafontaine) und wie vorzüglich die deutsche Geldpolitik sei (soll heißen: Tietmeyer): "Das", so schließt der Bundesbanker seinen Vortrag süffisant, "ist meine Nase."
MITTWOCH, 18. NOVEMBER, BONN.
Bis spät in die Nacht beraten Schröder und Lafontaine über die leidigen 620-Mark-Jobs. Ob Steuerreform, Energiesteuer, Billigjobs oder Frührente: Immer mehr entpuppt sich das Fehlen eines eingespielten Frühwarnsystems als Problem. Die Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Fraktion funktioniert nicht. Schnellschüsse mit späteren Korrekturen sind der Regelfall.
Lafontaines Plan, sein Finanzministerium diskret, aber zielstrebig zum zweiten Machtzentrum neben dem Kanzleramt auszubauen, stößt schnell an Grenzen. Systematisch schneidet Hombach Lafontaine vom ständigen Informationsfluss ab. Lafontaine seinerseits sieht sich zunehmend von Feinden umstellt: Im Ministerium vertraut er alsbald nur noch seinem kleinen Küchenkabinett, zu dem vor allem Noé und Flassbeck zählen. Ansonsten gilt der Saar-Ökonom als "beratungsresistent". Akten lese er kaum, bemängeln Mitarbeiter, selbst auf die morgendliche Lagerunde, in der die wichtigsten Themen und aktuelle Pressenachrichten besprochen werden, verzichtet der Minister.
MITTWOCH, 25. NOVEMBER, BONN.
Das englische Massenblatt "Sun" nennt Lafontaine den "gefährlichsten Mann" von Europa. Beeindrucken lässt sich der Finanzminister von der Attacke nicht, zumal ihm Schröder mannhaft Solidarität erweist: "Das ist die blanke Schweinerei." Erst später wird bei Lafontaine der Eindruck entstehen, hinter dem britischen Angriff stecke Hombach.
DONNERSTAG, 3. DEZEMBER, KÖLN-WAHN.
In Sektlaune erscheinen Lafontaine und Staatssekretär Flassbeck zum Abflug nach Washington am Flugplatz. Das Duo ist kurz zuvor davon überrascht worden, dass die Bundesbank endlich die Zinsen gesenkt hat, was die beiden seit Wochen gefordert haben. An Bord der Bundeswehr-Maschine gönnen sich Flassbeck und Lafontaine ein paar Flaschen Bier.
Doch so fröhlich der Flug verläuft, so unterkühlt fällt der Empfang in der US-Hauptstadt aus. Alan Greenspan, der amerikanische Zentralbankpräsident, lässt seinen Bewunderer Lafontaine zehn Minuten lang warten. US-Finanzminister Robert Rubin geht schon beim Handschlag auf Distanz. Trotz freundlicher Worte entbietet Washington den Gästen aus Bonn dezent die kalte Schulter.
Die Washingtoner Finanzstrategen lieben keine Schulmeister. Sie zeigen wenig Interesse an den Plänen, die Lafontaine und seine Geldpolitiker mit Ungeduld vortragen.
DIENSTAG, 8. DEZEMBER, SAARBRÜCKEN.
Stirnrunzelnd lauschen die Delegierten des SPD-Europa-Parteitages, darunter der europhile Lafontaine, der Grundsatzrede ihres neuen Kanzlers. Schröder klingt nicht sonderlich optimistisch zum Auftakt der deutschen Ratspräsidentschaft. Die bisherige Bonner Europapolitik sei "an ihr Ende geraten". Mehr als die Hälfte aller Gelder, "die verbraten werden" in der EU, kämen aus Deutschland. Der Beifall hält sich in Grenzen.
Abends, beim trauten Stelldichein der SPD-Ministerpräsidenten in der Saarbrücker Staatskanzlei, ist das Klima völlig verändert. Schröder beschwört die Länderfürsten: "Ihr seid nicht Ministerpräsidenten, weil ihr so toll seid, sondern weil ihr die SPD repräsentiert."
Bis spät in die Nacht sitzt die Runde bei rotem Burgunder und dicken Zigarren beisammen und versichert sich gegenseitiger Solidarität. Nachdem die Mehrzahl der Teilnehmer gegangen ist, plaudern Schröder und Lafontaine noch an der Sitzungstafel fast eine Stunde unter vier Augen. "Das schien in allerbestem Einvernehmen - wie ein Herz und eine Seele", berichtet hernach ein Teilnehmer.
Fortan treffen sich die SPD-Ministerpräsidenten regelmäßig am Vorabend der Bundesratssitzungen in lockerer Runde. Lafontaine lässt sich seinen Verdruss darüber nicht anmerken, dass Partei und Präsidium damit weiter an Einfluss verlieren, während das Kanzleramt seine Zuständigkeiten systematisch ausbaut.
MITTWOCH, 9. DEZEMBER, BONN.
Beim Weihnachtsessen des Kabinetts im Kanzlerbungalow sucht Lafontaine zu fortgeschrittener Stunde die Provokation. Mit demonstrativ erhobener Stimme zieht er gegen die "so genannten Modernisierer" innerhalb von Partei und Regierung zu Felde. Der Kanzler am Nebentisch überhört den laut sprechenden Finanzminister bewusst.
FREITAG, 11. DEZEMBER, WIEN.
Die europäischen Staats- und Regierungschefs erleben auf ihrem Gipfel in Wien einen gut gelaunten Kanzler. Dagegen wirkt Lafontaine eher mufflig. Nachmittags verlässt der Finanzminister, gelangweilt von den endlosen Diskussionen in der Wiener Hofburg, seinen Platz neben Schröder, um in einer Kneipe einige Schnäpse zu sich zu nehmen. Zum Pressegespräch im traditionsreichen "Café Central" am späten Abend erscheint auch Außenminister Fischer. Der und Schröder reden, Lafontaine schweigt.
Hinterher setzt sich die deutsche Delegation ins Hotel "Imperial" ab, eines der besten Hotels in Europa. Schröder redet sich mit einigen deutschen Unternehmern, die im Imperial wohnen, an der Bar in Fahrt. Ihm passt es gut, dass sein verantwortlicher Mann ebenfalls am Tisch sitzt: Oskar Lafontaine. "Erklären Sie", bittet Schröder die angeheiterten Unternehmer süffisant, "diesen Makroökonomen doch mal die Probleme des deutschen Mittelstandes." Lafontaine, der eigentlich in kleiner Runde den Geburtstag seines Staatssekretärs Flassbeck feiern will, macht gute Miene zum bösen Spiel.
Die Begebenheit ist symptomatisch: Schröders Unterton lässt keine Zweifel daran, wie weit die ökonomischen Denkschulen der beiden Rivalen auseinandergedriftet sind. Noch während der Koalitionsverhandlungen hatte Lafontaine seinen Feldzug gegen den globalen Kasinokapitalismus gestartet, sich mit dem französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn getroffen oder heimlich in der saarländischen Landesvertretung Michel Camdessus, den Chef des Internationalen Währungsfonds, empfangen.
Doch was schert den Kanzler Lafontaines Dozieren über Realzinsen und Wechselkurse, wenn daheim die Wirtschaft wegen der Steuerreform Sturm läuft? Mikro, nicht Makro - das ist Schröders Welt. Nur widerwillig stimmt er deshalb in den Chor derer ein, die die Bundesbank zu niedrigen Zinsen drängen: Da sein Finanzminister dies fordert, auch dessen ökonomische Berater und gar seine Ehefrau einstimmen, kann der Kanzler nicht wochenlang dazu schweigen. Später versichert Schröder, dass er Lafontaines Kampf gegen die Bundesbank "immer für unsinnig gehalten" hat.
MONTAG, 14. DEZEMBER, BONN.
Für Lafontaine ist es kein gemütlicher Tag. Im Parteipräsidium flackert eine kontroverse Debatte über die Haltung zur PDS und zur mangelnden Koordination innerhalb der Regierung auf. Verspätet stößt Lafontaine zu einem Abendessen mit seiner Frau Christa Müller und Freunden in einem Bonner Restaurant. Hunger verspürt er nicht, kaum, dass er am Gespräch teilnimmt. Die vergangenen Wochen haben in seinem Gesicht Spuren hinterlassen. Fast nebenbei lässt er das Wort "Rücktritt" fallen, um dann - spürbar engagierter - von den Verhandlungen über den Kauf eines Bauernhofs im Saarland zu berichten. Christa Müller spinnt den Faden weiter, plaudert übers Kühemelken und das Vieh auf dem Hof. Die Ideen sind offenbar weit gediehen.
FREITAG, 18. DEZEMBER, BONN.
Schröder und Lafontaine treffen sich zu einem gemeinsamen Abendessen mit Ehefrauen in der Bonner Saarland-Vertretung. Lafontaine will immer wieder konkrete Absprachen von Mann zu Mann gewünscht haben, aber irgendwie sei es nie gegangen. Die Frauen, heißt es von beiden Seiten, seien wertvoll gewesen, wenn es wirklich Krach zu geben drohte. Aber natürlich habe man in ihrem Beisein "nicht auf den Punkt" reden können. Ein Vier-Augen-Gespräch gab es zwischen Schröder und Lafontaine, seit der Regierungsbildung, wohl nur ein einziges Mal - im Bonner Restaurant "Robichon".
MONTAG, 11. JANUAR 1999, BONN.
Innenminister Otto Schily will die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts rasch vorantreiben, doch die drohende Unterschriftenaktion der Union, die im hessischen Landtagswahlkampf damit Punkte machen will, bringt die Koalition nun in Bedrängnis. Nach der Sitzung des SPD-Präsidiums wirft Lafontaine der Union vor, "populistisch auf der Welle der latenten Ausländerfeindlichkeit zu surfen". Gleichwohl sei es "selbstverständlich, bei den parlamentarischen Beratungen Verständigungen dort zu suchen, wo sie möglich sind". Ganz offensichtlich kann sich Lafontaine konkrete Verhandlungen lebhaft vorstellen. Einen Präsidiumsbeschluss, wie er später behauptet, gibt es aber nicht.
DIENSTAG, 19. JANUAR, BONN.
Mit seiner Forderung, über die Staatsbürgerschaft Verhandlungen mit der Union aufzunehmen, läuft Lafontaine in der Fraktion auf. Schily entgegnet: "Wir verhandeln nicht mit Reaktionären."
SAMSTAG, 30. JANUAR, BONN.
Die 100-Tage-Bilanz der Regierung fällt verheerend aus. Erbarmungslos wird der Stand der Dinge bei Atomausstieg und Arbeitsmarkt, bei Steuer- und Rentenreform öffentlich seziert. Ob die interne Koordination, die Öffentlichkeitsarbeit oder die ständigen Nachbesserungen - die Noten sind miserabel. "Oberflächlich", "flüchtig", "nicht wirkungsvoll", schreibt die "Zeit" und fragt: "Wo ist die Linie?" Von "aberwitzigem Dilettantismus" spricht der Berliner "Tagesspiegel", und die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet eine "kraftprotzenhafte" und "halbstarke Politik".
FREITAG, 5. FEBRUAR, BONN.
Klaus Gretschmann, der Chefökonom des Kanzlers, druckst herum. Ja, er habe da einen Entwurf des Finanzministeriums in der Tasche, doch leider, so lässt er die Abgesandten der G7-Runde auf dem Bonner Petersberg wissen, könne er das Papier nicht verteilen - es sei einfach zu schlecht. Irritiert registrieren die Delegationen der sieben wichtigsten Industriestaaten, welch merkwürdiger Konflikt innerhalb der deutschen Regierung schwelt. Denn nicht nur die Spitzenleute Schröder und Lafontaine fechten gegeneinander, sondern auch ihre Truppen.
Der Stellvertreterkrieg hat System: Kaum hat Lafontaine im Oktober seinen nachfrageorientierten Vordenker Heiner Flassbeck im Finanzministerium installiert, setzt Schröder im Kanzleramt den Pragmatiker Gretschmann dagegen. Wenige Tage später befördert er den Abteilungsleiter auch noch zum "Sherpa" für die Weltwirtschaftsgipfel - ein klarer Affront gegen Lafontaine, denn in den beiden letzten Jahrzehnten kam der Gipfel-Begleiter immer aus dem Finanzministerium.
Es folgt ein fortwährender Schlagabtausch: Während Lafontaines Helfer das Finanzministerium zum Hort des Keynesianismus ausbauen, bemüht sich das Kanzleramt, im eigenen Haus eine zusätzliche "Denkfabrik" (Gretschmann) zu etablieren. Wenn Lafontaines Mannen ein Thesenpapier zur Weltwirtschaft erstellen, schicken Schröders Getreue das Papier mit dem Vermerk "Quatsch!" zurück.
MONTAG, 8. FEBRUAR, WIESBADEN.
Die Hessen-Wahl ist für die SPD verloren gegangen. Ihre Stammwähler sind aus Enttäuschung über die chaotische Regierung in Bonn zu Hause geblieben.
Von Brüssel aus fordert Lafontaine erneut "seriöse Gespräche mit der Union"über das Staatsbürgerschaftsrecht. Sein Fazit nach der Wahlschlappe: "Daraus müssen wir jetzt Konsequenzen ziehen." Wieder in seinem Büro, wettert er über die munter weiter dilettierende Regierung: "Jetzt ist Schluss."
DIENSTAG, 9. FEBRUAR, BONN.
Lafontaine gerät zunehmend in Isolierung. Er wirkt gereizt und mutlos. Als er sich nach einem Spitzengespräch mit den Grünen optimistisch äußert, dass mit der Union doch noch eine Einigung in der Frage der Staatsbürgerschaft erzielt werden könne, lassen ihn die Genossen allein. Weder Innenminister Schily noch der Kanzler, noch Fraktionschef Struck unterstützen ihn. "Meine Bereitschaft, Prügel einzustecken für Dinge, die ich nicht zu verantworten habe, ist begrenzt", donnert Lafontaine im Parteipräsidium. Schröder neben ihm blickt ungerührt drein.
Als ihn der SPIEGEL in einem Interview auf die Doppelbelastung als Minister und Parteichef anspricht und fragt, ob er nicht ein Amt aufgeben müsse, starrt Lafontaine eine lange Minute wortlos ins Leere. "Das glaube ich nicht", mit dem im gedruckten Interview die Antwort beginnt, hat seine Pressesprecherin eingefügt. Er sagt: "Beide Aufgaben beanspruchen viel Zeit und Energie. Damit muss ich zurechtkommen."
DIENSTAG, 9. FEBRUAR, BONN.
Bei einem Treffen mit seinen Freunden von der Parlamentarischen Linken macht Lafontaine seinem Zorn Luft. Massiv beklagt er sich über Erscheinungsbild und Koordinierung der Regierungspolitik: "Kommödienstadl". Die Absprache sei "nicht ausreichend", grantelt er, zudem gezielt einseitig. Die Debatte über den Fraktionsvorsitz sei, so sagt er, "zu meinen Lasten geführt worden".
Führung? "Wenn ich nur aus der Zeitung erfahre, wie der Atomausstieg läuft, ist es mir nicht möglich, eine klare Politik vorzugeben." Doch die erhoffte Unterstützung fällt dürftig aus. Auch die Genossen sind gereizt. Sie beziehen in ihren Wahlkreisen Prügel.
Als Lafontaine erklärt, er habe schon vor Wochen auf die Möglichkeit des FDP-Modells zur Staatsbürgerschaft hingewiesen, schallt es aus dem Plenum zurück: "Wo denn?" und "Das ist doch ärgerlich!" Lafontaine macht einen abgespannten Eindruck: "Langsam ist eine Grenze erreicht."
MITTWOCH, 10. FEBRUAR, BONN.
Der Weltfinanz-Experte Oskar Lafontaine gerät unter Druck. Ein Reporter der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" will präzise von ihm wissen, wie denn nun die "retrograde Wertermittlung" geregelt werde? Lafontaine muss passen. Dass die Fragesteller im Saal der Bundespressekonferenz alles "so genau wissen" wollen, habe er nun ja wirklich "nicht ahnen können", entschuldigt er sich.
Dabei geht es um ein Herzstück der rot-grünen Regierungspolitik: die Steuerreform. Auf Betreiben des Kanzlers hat das Kabinett an diesem Morgen wichtige Nachbesserungen zu Gunsten des Mittelstandes beschlossen, alles in allem über fünf Milliarden Mark wert. Lafontaine scheint dies wenig zu interessieren. Die Materie sei so kompliziert, dass er sie "auf die Schnelle nicht erklären möchte", bemerkt er knapp. Als die Journalisten ihn dennoch mit detaillierten Fragen nerven und auszulachen beginnen, raunzt er seinen neben ihm sitzenden Pressesprecher an: "Die zerreißen mich wegen eurer Blödheit wieder."
Der peinliche Auftritt bestärkt die Entourage des Kanzlers in ihrem Argwohn. Schon seit längerem zürnen Schröders Vertraute über das Zahlen-Chaos aus dem Finanzministerium. Besonders das Tohuwabohu um die Besteuerung der Atomrückstellungen provoziert bittere Kommentare: "Oskars Leute können nicht rechnen."
FREITAG, 12. FEBRUAR, BONN.
Im Rheinland tobt der Karneval, als sich Schröder und Lafontaine in der Saar-Vertretung zum gemeinsamen Abendessen treffen. "Wir reden ja kaum noch miteinander", hat Lafontaine wieder und wieder geklagt.
Die Gespräche drehen sich vor allem um die Rollenverteilung der Männer. Wieder einmal wird vereinbart, dass Lafontaine seine integrativen Qualitäten einbringt, Schröder als Einzelkämpfer seine (damals noch vorhandene) Popularität. Im Kanzleramt schwärmt Schröder anschließend über das gemütliche Beisammensein.
SAMSTAG, 20. FEBRUAR, MÜNSTER.
Schröder tritt bei "Wetten, dass ...?" im ZDF auf und muss sich beinahe eine peinliche Überprüfung seiner Haarpracht auf Farbechtheit gefallen lassen. Am Tag danach wohnt er mit Gattin Doris einer Versace-Modenschau bei - einer Benefiz-Veranstaltung. Sie hat ihren Kanzler mitgeschleppt, weil sie Geld für karitative Zwecke eintreiben will. In der Öffentlichkeit entsteht dennoch der Eindruck, der Chaos-Kanzler ziehe bunte TV-Auftritte, Karnevalsfeiern, Filmfestspiele oder Laufsteg-Termine einer geordneten Regierungsarbeit allemal vor. "Wie wär's mal mit Regieren, Herr Kanzler?", fragt spitz die "Hamburger Morgenpost".
MONTAG, 22. FEBRUAR 1999, BONN.
Das Kabinett befasst sich unter Tagesordnungspunkt 6 mit der internationalen Lage. Die Minister Scharping und Fischer unterrichten die Runde ausführlich über die Lage im Kosovo. Lafontaine interveniert: "Wir stehen hier an einem wichtigen Punkt. Als Parteivorsitzender muss ich das Kabinett fragen, ob dieser Einsatz wirklich nötig ist."
Es sind nicht die ersten Nachfragen des Parteichefs. Wiederholt, so erinnern sich Kabinettsteilnehmer, habe Lafontaine beim Thema Kosovo in den vorangegangenen Wochen in der Ministerrunde nachgefragt: "Wie ist denn da jetzt unsere Linie?"
Fragen über Fragen. Aber nachhaltigen Widerstand leistet Lafontaine nicht. Alle Kosovo-Beschlüsse fallen einstimmig.
Auch unter den Abgeordneten ist die Stimmung explosiv. Lafontaine spricht in der Fraktionssitzung am selben Tag von einem angeblichen "Präsidiumsbeschluss" zur Staatsbürgerschaft. Schily widerspricht entschieden: "Es macht keinen Sinn, einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem wir in Schönheit sterben."
Lafontaine klagt auch über die Ökosteuer, die im Kanzleramt erneute Korrekturen erfahren hat: "So kann das alles nicht weitergehen." Doch erst als Schröder gegangen ist, bricht es richtig aus ihm heraus. Wütend hält er das "Handelsblatt" hoch: "Ich bin es leid, die Dinge aus der Zeitung zu erfahren. Ich will nicht immer als der Depp dastehen. So kann man eine Regierung nicht führen." Die Zeitung hatte über Steuersenkungspläne der Regierung berichtet, die nicht Lafontaines Absichten entsprachen. Mühsam versucht Fraktionschef Struck zu moderieren: "Es muss auch mal gestattet sein, dass ein Finanzminister seinem Ärger Luft macht."
Längst ist Lafontaine davon überzeugt, dass aus dem Kanzleramt gezielt geg en ihn agitiert wird. Hat nicht seine persönliche Referentin Hilde Lauer erst aus der Zeitung erfahren, dass für einen der nächsten Tage ein Koalitionsgespräch anberaumt worden ist? Als sie im Kanzleramt anruft und mitteilt, dass Lafontaine an diesem Tag bereits andere Verpflichtungen hat, heißt es lapidar: "Ach ja, das haben wir einfach vergessen."
DIENSTAG, 23. FEBRUAR, BONN.
Der Bundestag debattiert über den Etat 1999, und eher en passant erwähnt Lafontaine eine Zahl, die sein Nachfolger Hans Eichel später zum Maß aller Dinge erhebt: 30 Milliarden Mark - so groß sei die "strukturelle Deckungslücke" im kommenden Haushalt. Dieser Betrag, soll das übersetzt heißen, muss im Jahr 2000 eingespart werden. "Keine leichte Aufgabe", wie Lafontaine bekennt. In der hitzigen Debatte findet die versteckte Ankündigung nur wenig Beachtung. Immer noch glauben alle, Lafontaine werde eher den Europäischen Stabilitätspakt oder die Verschuldungsregeln des Grundgesetzes missachten, als auf einen eisernen Sparkurs einzuschwenken. Dabei hatte ein anderer Saarländer, der Haushaltspolitiker Hans Georg Wagner, schon drei Wochen zuvor verkündet, beim Etat 2000 werde es "Blut und Tränen" geben. Ist der SPD-Vorsitzende, der sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, tatsächlich dazu bereit? Oder tappt er womöglich in eine selbst gestellte Falle?
Schließlich hat Lafontaine sich im Euro-Stabilitätsprogramm, das im Januar nach Brüssel geschickt wurde, zu einem kontinuierlichen Schuldenabbau verpflichtet. Eichels Mitarbeiter werten das Papier heute als Beleg dafür, dass die Sparpläne auch bei Lafontaine längst angedacht waren. Parteigänger Lafontaines wiederum erinnern an einen Auftritt Eichels im SPD-Präsidium. Zwei Wochen vor der Hessen-Wahl habe der Ministerpräsident dort die Bonner gewarnt: "Macht mir mit euren Sparplänen nicht meine Wahl kaputt."
MITTWOCH, 3. MÄRZ, BONN.
Die Spannungen zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine nehmen erkennbar zu. "Wenn du es nicht schaffst, für Ordnung zu sorgen", hatte Lafontaine Schröder angeranzt, "dann werde ich es tun." Im Kabinett schlägt der Kanzler zurück. Wenn Finanzministerium und Energiewirtschaft sich nicht einigten über die Höhe der Rückstellungen, werde er die geplanten Konsensgespräche absagen, droht er. Für alle Zeugen ist die Botschaft eindeutig: "Damit hat er Lafontaine verdonnert, vernünftige Zahlen vorzulegen."
DONNERSTAG, 4. MÄRZ, HAMBURG.
Der "Stern" orakelt, dass möglicherweise bald ein neuer Finanzminister benötigt werde. Eine Anfrage an Hans Eichel sei bereits ergangen.
MONTAG, 8. MÄRZ, BONN.
Im SPD-Parteirat bricht der Grundkonflikt auf. Lafontaine beginnt: Dass die Wirtschaft Sturm gegen die rot-grünen Reformprojekte laufe, bezeichnet er als "nachvollziehbar". Es würden eben die Weichen anders gestellt als in den vergangenen 16 Jahren. Leidenschaftlich fordert er die Genossen auf, diese "arbeitnehmer- und familienfreundliche Politik", die es viel zu lange nicht gegeben habe, weiter offensiv zu vertreten, auch bei Gegenwind.
Dann redet Schröder: "In der Sache", sagt er, sei er mit der Bilanz Lafontaines einverstanden. Doch halte er es für falsch, sich allzu einseitig festzulegen. Man könne keine Politik gegen die Wirtschaft machen. "Niemandem nützt es, wenn man sich Debatten in alter Klassenkampfqualität liefert."
Es gibt keinen großen Applaus nach Schröders Rede, eher ein unbehagliches Schweigen. Der Gegensatz liegt jetzt offen zu Tage. Lange kann es nicht mehr gehen mit den Männerfreunden.
DIENSTAG, 9. MÄRZ, BONN.
Die "Bild"-Zeitung präsentiert den von der Zeitschrift "Life & Style" in Szene gesetzten Kanzler vorab in dunklem Kaschmir-Mantel und in teurem Kiton-Anzug. Während das Massenblatt den Kanzler "perfekt gestylt" sieht, tobt Lafontaine beim Anblick der Bilder in der SPD-Zentrale. "Der macht uns noch alles kaputt."
Immer noch glimmt der Streit um die Atom-Rückstellungen, doch Lafontaine gibt sich plötzlich kulant: Natürlich werde sein Haus die Steuerreform nachbessern, falls man sich "gravierend verschätzt" habe. Doch als Schröder am Dienstagabend die Atom-Bosse ins Kanzleramt bittet, endet das Gespräch ohne Ergebnis.
Die Strommanager nutzen die Gelegenheit, kräftig gegen die Berechnungen des Finanzministers zu Felde zu ziehen. Sie sprechen von 25 Milliarden Mark an Belastungen, Lafontaine hatte zuerst eine Obergrenze von 10 Milliarden Mark genannt.
Die Energie-Chefs sprechen vor, während Lafontaine die Spitzen der Handwerksverbände empfängt. Mißtrauisch wertet er es als offenen Affront, dass er zu dem Energie-Gipfel nicht geladen war. Unverblümt unterstellt er Kanzleramtschef Hombach Demontage.
MITTWOCH, 10. MÄRZ, BONN.
Lafontaines Haushaltsexperte Jochen Schwarzer zeigt dem Finanzminister noch mal schonungslos die Zwänge der öffentlichen Kassenlage auf. Es fehlen 30 Milliarden Mark.
DONNERSTAG, 11. MÄRZ, BONN.
Gegen 16 Uhr reicht ein Leibwächter dem am Rheinufer joggenden Außenminister Joschka Fischer das Handy aus dem Auto. Der Kanzler ist dran: "Du musst sofort kommen." Fischer: "Was ist los?" Schröder: "Das kann ich dir jetzt nicht sagen." Mit Baseballkappe und in kurzen Hosen, schwitzend und keuchend vom Laufen, erscheint Fischer bald darauf im Kanzlerbüro, wo ihn Schröder und seine Berater erwarten.
"Oskar ist zurückgetreten, von allen Ämtern." - "Von allen?", fragt Fischer fassungslos. Schröder: "Ja." - "Vom Parteivorsitz?" - "Ja." - "Und das Mandat?" - "Ja." Schröder wirkt getroffen, aber konzentriert. "Du musst auch den Parteivorsitzenden machen", sagt Fischer nach kurzem Nachdenken. "Du musst aufpassen, dass die SPD nicht auseinanderbricht. Du musst für eine geschlossene SPD sorgen. Alles andere ist nachrangig. Wenn die SPD kopflos und führungslos ist, wird sie zersägt."
Die Logik ist zwingend, sie entspricht auch Schröders Kalkül: Er weiss, dass er das Machtvakuum in der Partei schließen muss, um seine Macht als Kanzler zu erhalten. Nur kurz wird über Alternativen geredet. "Gibt es jemanden in den Ländern?", fragt Schröder seine Leute. "Vergiss es", sagt Fischer.
Professionell macht sich die Runde daran, den Schaden zu analysieren und die Risiken abzuwägen. Dass Lafontaine sein Mandat niederlegt, ist für den Kanzler irrelevant. Dass er als Finanzminister zurücktritt - schmerzlich. Gefährlich ist sein Rücktritt als Parteichef. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Möglichst schnell will Schröder aus der Defensive kommen und die Deutungshoheit zurückgewinnen. Für 20 Uhr wird eine Pressekonferenz anberaumt. Anschließend soll in der NRW-Vertretung ein Treffen aller verfügbaren Spitzenkräfte der SPD stattfinden.
Kurze Zeit später trifft Eichel im Kanzleramt ein. Schröder hat ihn nach Bonn beordert. Der abgewählte hessische Ministerpräsident ist bereit, das Amt des Finanzministers zu übernehmen.
SONNTAG, 14. MÄRZ, SAARBRÜCKEN.
Noch immer belagern Reporter das Haus Am Hügel 26 in Saarbrücken. Seit Lafontaines Flucht ins Privatleben vor drei Tagen hat sich nur einmal Söhnchen Carl-Maurice gezeigt und ihnen die Zunge rausgestreckt. Jetzt kommt der Chef persönlich.
"Ich habe natürlich einen gewissen Abstand zu meiner Entscheidung gebraucht", entschuldigt er sein Schweigen. "Mit der Richtung der Politik, die wir in den letzten Monaten gemacht haben, hatte das nichts zu tun." Im Gegenteil: "Wir sind stolz darauf, dass wir viele Versprechungen gehalten haben."
Der Grund des Rücktritts sei allein "das schlechte Mannschaftsspiel, das wir in den letzten Monaten geboten haben. Ohne ein gutes Mannschaftsspiel kann man nicht erfolgreich arbeiten".
Je länger Lafontaine vom Teamgeist redet und davon, dass er weiter dazugehören will zu seiner Partei, in der er 33 Jahre zugebracht habe, davon etwa 30 in führenden Positionen, desto schwülstiger klingt er. Er redet von seinem Attentat und von seiner Familie. Und er endet mit einem pathetischen Bekenntnis: "Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort. Es schlägt links."
Damit beginnt der Werbefeldzug für Lafontaines neues Buch, das inzwischen als Bestseller gehandelt wird. Titel: "Das Herz schlägt links." HORAND KNAUP, JÜRGEN LEINEMANN, HARTMUT PALMER, ULRICH SCHÄFER, HAJO SCHUMACHER
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Bildunterschriften:
DER SIEG IN NIEDERSACHSEN macht Schröder zum Kanzlerkandidaten der SPD. Lafontaine muss ihn vom fernen Saarbrücken aus dazu ernennen - Rivalen der Macht bleiben sie dennoch. SEYBOLDT-PRESS
REUTERS
DER LEIPZIGER PARTEITAG ist der Beginn der großen Show des unzertrennlichen Duos. M. DARCHINGER
DIE KAMPA, die SPD-Wahlkampfzentrale des Franz Müntefering, gilt Schröder als geheime Lafontaine-Bastion. H. BAYER
JOST STOLLMANN, Schröders Mann für die Wirtschaft, ist Lafontaine hoch verdächtig als typischer Vertreter der neuen Mitte. J. GIRIBAS
DER WAHLKAMPF wirkt mitunter wie ein Spiel zwischen Schröder und Lafontaine - der ernste Kampf zwischen beiden beginnt erst nach dem Sieg. M.-S. UNGER
DER WAHLSIEG ist für Lafontaine sein Sieg - als hätten die Deutschen zwei Kanzler gewählt. IMO
FRANKREICH-BESUCH: Schröders erste Auslandsreise nach der Wahl, zu Jacques Chirac, mit seiner Beraterin Brigitte Sauzay führt auf Lafontaines ureigenes Terrain. AFP / DPA
DIE KOALITIONSVERHANDLUNGEN sind für die Grünen um Fischer oft wie Gespräche mit zwei Parteien: Schröder und Lafontaine. REUTERS
RUDOLF SCHARPING steht zwischen den Rivalen und will gegen Lafontaines Willen SPD-Fraktionsvorsitzender bleiben. AFP / DPA
DIE NACHFOLGE DES BUNDESPRÄSIDENTEN Roman Herzog ist ständiger Streitpunkt. Lafontaine will Rau unbedingt, Schröder nicht so sehr. REUTERS
WELTPOLITIK IN WASHINGTON: Bill Clinton bindet die rot-grüne Regierung frühzeitig in seine Kosovo-Politik ein - und verhilft ihr damit später zu einer glanzvollen Bewährungsprobe. AP
DER SIEGES-PARTEITAG zeigt die alte Troika Lafontaine, Schröder und Scharping in schöner Eintracht. REUTERS
DIE WIRTSCHAFTSKOMPETENZ reklamiert Lafontaine für sich. Der Kanzler lässt seinen Vorzeige-Unternehmer Stollmann fallen. M. URBAN
REX FEATURES
DER WIENER EU-GIPFEL verschafft Kanzler Schröder gute Laune im Kreise der neuen Kollegen Viktor Klima und Tony Blair - Lafontaine bleibt mufflig am Rande. AP
DER WELTÖKONOM Lafontaine und sein Staatssekretär Heiner Flassbeck bauen das Finanzministerium zur Bastion gegen die Neoliberalen im Kanzleramt aus. F. OSSENBRINK
EIN NEUES STAATSBÜRGERSCHAFTSRECHT will Lafontaine mit der Union durchbringen - gegen den Willen von Innenminister Otto Schily und der SPD-Fraktionsmehrheit. M. URBAN
DIE HESSEN-WAHL geht verloren, die erste Quittung für das rot-grüne Chaos und die rivalisierende Doppelspitze. J. H. DARCHINGER
IM ETAT entdeckt Lafontaine eine 30-Milliarden-Mark-Lücke - doch das Defizit findet wenig Beachtung. AP
SHOW-AUFTRITTE bringen Schröder in den Ruf des Spaß-Kanzlers. DPA
SCHRÖDER IN "LIFE & STYLE"
DER RÜCKTRITT ist das vorläufige Ende eines Duells um die Macht. TELEPRESS
Von Horand Knaup, Jürgen Leinemann, Hartmut Palmer, Ulrich Schäfer und Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 40/1999
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