04.10.1999

FERNSEHSPIELEFatales Aufbegehren

Der ZDF-Film „Ich habe Nein gesagt“ präsentiert die Schauspieler Martina Gedeck und Jörg Schüttauf in einem beklemmenden Ehedrama.
Wie kommt es, dass die Liebe verschwindet aus einer Ehe? Und warum reagieren Mann und Frau meist grundverschieden - sie leidet still, während er verbittert den Kopf schüttelt oder auch schon mal mit der Faust auf den Tisch haut? Darüber reden lässt sich nicht, jedenfalls nicht zwischen Doris und Werner, einem Ehepaar aus der unteren Mittelschicht, das eine gemeinsame Tochter hat.
Unglückseligerweise löst das Verschwinden der Liebe bei Doris neue Sehnsüchte aus - und die werden zum Auslöser einer Katastrophe. Es ist eine bemerkenswerte, beklemmend realistische Geschichte, die das ZDF am Montag (20.15 Uhr) da als "Fernsehfilm der Woche" zeigt, das sehr sorgfältig gearbeitete Psychogramm einer Ehe, mit brillanten Schauspielern, exzellentem Drehbuch und sensibler Regie.
"Ich habe Nein gesagt" heißt der Film, und der Titel lässt schon ahnen, dass hier kein angenehmes Wohlstandsmärchen erzählt wird. Doris (Martina Gedeck) ist eine attraktive, temperamentvolle Frau, die gern flirtet, gern mal was trinkt und mit ihrem öden Job als Drogeriemarktverkäuferin hadert. Sie liebt ihre Tochter Tanja über alles und möchte sich als Laientheaterschauspielerin beweisen. Ihr Mann Werner (Jörg Schüttauf) findet, seine Frau habe romantische Flausen im Kopf und auf der Bühne nichts verloren. Er erwartet, dass sie die Bude aufräumt, das Essen rechtzeitig auf den Tisch bringt und sich ansonsten ihm gegenüber regelmäßig willig zeigt.
Auf Sex glaubt der Ehemann ein naturgegebenes Anrecht zu haben, er erledigt ihn ruck, zuck, phantasie- und lieblos. Werner meint, dass seine Frau ein bisschen viel herumzickt in letzter Zeit und auch ein bisschen viel mit anderen Männern flirtet, vor allem mit dem gemeinsamen Freund Ricky (Peter Davor), in dessen Werkstatt Werner als Kfz-Mechaniker angestellt ist.
Tatsächlich ist Doris, die aufbegehrt gegen ihr vorgezeichnetes Leben, liebesbedürftig und verführbar. Nach einem heftigen Streit mit ihrem Mann sucht sie Trost bei Ricky und verbringt die Nacht mit ihm. Als sie am nächsten Morgen nach Hause kommt, stellt ihr Mann sie zur Rede, und sie gesteht nicht nur den Seitensprung, sondern macht auch deutlich, dass ihr der Sex mit Ricky Spaß gemacht hat. Werner rastet aus, im Jähzorn verprügelt und vergewaltigt er seine Frau.
Aus dieser Grundsituation entwickelt der Film seine Spannung und seine Brisanz: Eine Frau, die im Parkhaus vergewaltigt wird, ist ein Opfer - aber was ist mit einer Frau, die ihren Mann betrügt, in kurzen Röcken herumläuft, Männer anmacht, kokett und sexy auftritt? Hat "so eine" Mitleid und Solidarität verdient? Und kann man den gehörnten Ehemann nicht verstehen, diesen armen Teufel? Das weiß schließlich jeder: Wo einmal viel Liebe war, ist die Kränkungsgefahr besonders groß. Denn wer leidenschaftlich liebt, hasst auch leidenschaftlich, manchmal bis hin zu Vergewaltigung und Mord.
Die realen Fakten sind entsprechend: Jede siebte Frau in Deutschland, das ergab eine Erhebung des Bundesfamilienministeriums, wird einmal in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung oder einer sexuellen Nötigung. Die meisten dieser Übergriffe ereignen sich in den Familien.
Vergewaltigung in der Ehe gilt seit Juli 1997 als Verbrechen, und so kreist der Film auch um die Frage, ob Doris ihren Mann anzeigen soll oder nicht. Sie erlebt viel Ablehnung, als sie erzählt, was passiert ist, sowohl bei ihrer Freundin als auch bei ihrer Mutter, und gerade daraus entsteht die zerstörerische Kraft ihres Traumas: Ihre Mitmenschen scheinen sie in die Rolle der Schuldigen zu drängen.
Eine simple Opfergeschichte habe sie nie interessiert, sagt die Drehbuchautorin Annemarie Schoenle, die bereits mit "Nur eine kleine Affäre", "Frühstück zu viert" und ihrem Quotenhit "Eine ungehorsame Frau" die unterschiedlichen Gefühlswelten von Männern und Frauen ausgelotet hat. Vielmehr will sie die Zuschauer mit ihren eigenen Vorurteilen konfrontieren. Ist der einmalige Amoklauf des Ehemanns nicht doch verzeihlich? Soll ihm seine Frau deshalb die Ehe aufkündigen, ihn vor Gericht bringen und schließlich der Tochter den Vater wegnehmen?
Als im Film Doris' Anwalt seine Mandantin fragt, ob sie wirklich überzeugt sei, ihren Mann anzeigen zu wollen, fragt die zurück: "Überzeugt? Überzeugt bin ich, dass ich im Drogeriemarkt zu wenig verdiene. Und dass mir die Farbe Gelb nicht steht. Aber ob ich meinen Mann anzeige und meine Familie kaputtmache ..."
Schoenles Geschichte, die der Regisseur Markus Imboden in ruhigen, verstörenden Bildern inszeniert hat, lässt keine einfache Parteinahme zu. Sie erzählt davon, wie Gewalt in einer scheinbar gewöhnlichen Beziehung ausbrechen kann; davon, wie nachhaltig eine Frau körperlich und seelisch durch eine Vergewaltigung beschädigt wird - und davon, wie hoffnungslos unterschiedlich Frauen und Männer empfinden, wenn es mit der Liebe zu Ende geht. ANGELA GATTERBURG
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 40/1999
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