04.10.1999

PORTUGALTanz ums Goldene Kalb

Vom Armenhaus zum Konsumparadies: Das Land am Rande Europas schwelgt im neuen Wohlstandsgefühl - und lebt ungeniert auf Pump.
Der neue Lebensmittelpunkt vieler Bewohner Lissabons liegt zwischen Schnellstraßenkreuzen an der Peripherie. Dort steht eine gigantische Festung in Rostrot und modischem Türkis. Eine Mega-Glaskuppel krönt das Gebäude. Das Monster von Flughafengröße ist womöglich Europas gewaltigstes Einkaufszentrum. Es heißt Colombo, nach Kolumbus, dem Entdecker der Neuen Welt.
Ins Colombo zog es seit der Eröffnung vor zwei Jahren 80 Millionen Besucher. Denn die neueste Leidenschaft der zehn Millionen Portugiesen ist die Welt des Konsums. Vom zentralen Platz unter der Colombo-Kuppel gehen sternförmig Straßen aus, gepflastert mit den landestypischen Wellenmustern, sie tragen die Namen der großen Seefahrer. Von den Galerien der oberen Stockwerke beobachten die Gäste der Coffee-Shops und Pizzerien, wie Kunden unten per Fahrrad ihre Einkaufsliste abarbeiten.
In der Avenida do Descubrimento, der Allee der Entdeckung, und ihren Abzweigungen gehen die Käufer auf Weltreise. Denn hier bieten sich internationale Glamour-Marken mit prächtigen Auslagen dar, New Yorker Chic von Donna Karan und Calvin Klein, US-Eiscreme mit dem unaussprechlich skandinavischen Namen, die hippen Plastikuhren aus der Schweiz bis hin zum Musik- und Buchdiscount Fnac: Waren, die den durch ein halbes Jahrhundert Diktatur abgeschotteten und lange mit Geldknappheit ringenden Portugiesen bisher unzugänglich waren.
Jetzt geben sich die ärmsten Bewohner der Euro-Zone ganz ungeniert dem Konsumrausch hin. Obwohl Arbeitnehmern im Schnitt monatlich nur rund 1000 Mark zur Verfügung stehen, überwiegt das Gefühl, sich endlich etwas leisten zu können. Davon dürften bei den Parlamentswahlen am nächsten Sonntag die regierenden Sozialisten kräftig profitieren.
Den Kaufrausch hat auch die jähe Zinssenkung auf 2,5 Prozent angestachelt. Seit der europäischen Währungsunion sind die Beschlüsse der Zentralbank in Frankfurt für Lusitanien verbindlich. Noch vor zwei Jahren betrug der portugiesische Leitzinssatz 6 Prozent, zu Beginn der Dekade musste man auf Hypotheken gar 20 Prozent Zinsen zahlen.
"Für meine Eltern galt es als Schande, sich zu verschulden", erinnert sich der Wirtschaftsjournalist Pedro Fernandes, 33, von der Wochenzeitung "O Independente". Heute leben besonders die Jungen gern auf Pump. Da die Teuerung in den vergangenen zwölf Monaten nach EU-Maßstab relativ hoch war, lohnt es sich kaum zu sparen. Die Familien haben 1999 durchschnittlich Kredite in Höhe von 80 Prozent ihres Einkommens aufgenommen.
Mehr als eine halbe Million Portugiesen kauften in den vergangenen vier Jahren Immobilien. Seit vor einem Jahr die Expo am Ufer des Tejo ihre Tore schloss, rissen sich die Yuppies um die dort errichteten Luxusapartments mit Blick auf die filigrane weiße Brücke über den Fluss - zu Preisen um eine Million Mark.
Entlang der Docks, von der Weltausstellung im Osten bis unter die alte Tejobrücke im Westen, tobt sich in hunderten Cafés, Bars und Discotheken allnächtlich die Technogemeinde aus.
Portugal hat sich von Grund auf gewandelt, seit es vor 25 Jahren mit der so genannten Nelkenrevolution die Militärdiktatur abschüttelte, die das Gros der Bevölkerung von Information und Bildung abgeschnitten hatte. Der Aufstieg vom melancholischen Armenhaus zum optimistischen Mitglied der Euro-Zone gelang nach dem EU-Beitritt 1986 vor allem dank der Zuwendungen aus Brüssel: netto etwa fünf Milliarden Mark pro Jahr.
Die Wirtschaft verzeichnete Wachstumsraten, die weit über dem EU-Schnitt lagen, dank öffentlicher Investitionen in Großprojekte wie den Brücken- und Expo-Bau, aber auch dank des privaten Konsums. Für dieses Jahr prognostiziert der Notenbankchef ein Wachstum von über drei Prozent.
So gelang es der Minderheitsregierung des sozialistischen Premiers António Guterres, eine viertel Million Stellen zu schaffen und die Arbeitslosigkeit auf unter fünf Prozent zu drücken. Darauf ist Eduardo Ferro Rodrigues sehr stolz. Der Minister für Arbeit und Solidarität ist der Beliebteste im Kabinett, sogar bei der Opposition findet er Anerkennung.
Allerdings: Nur wer aktiv eine Stelle sucht und in den letzten zwei Wochen weniger als eine Stunde gearbeitet hat, kann sich als Arbeitsloser registrieren lassen. Er darf noch nicht einmal als Hobbybauer im eigenen Garten arbeiten. Und Beschäftigte unter 30, die nicht mindestens ein Jahr an einer Stelle festhalten konnten, gelten bei Jobverlust nicht als arbeitslos - genauso wenig wie alle, die in Schulungsprogrammen untergebracht sind. Deshalb schätzt João Proença, Generalsekretär der den Sozialisten nahe stehenden Gewerkschaft UGT, die wahre Quote auf bis zu neun Prozent. Aber nur 40 Prozent der offiziell Registrierten erhalten Arbeitslosenunterstützung.
Nahezu die Hälfte der 4,8 Millionen Beschäftigten in Portugal arbeitet zur Freude der Unternehmer sehr "flexibel", beispielsweise als "trabalhadores independentes", falsche Selbständige in der Hotellerie, beim Bau, in Reinigungsbetrieben. Branchen wie die Schuhindustrie - Portugal stieg zum zweitgrößten Exporteur hinter Italien auf - sind erfolgreich dank Heimarbeit von tausenden Frauen ohne Berufsausbildung.
Es sei "pervers", klagt der Arbeitsminister, "wenn heute Unqualifizierte manchmal leichter eine Stelle finden als Hochschulabsolventen", weil sie die Unternehmer weniger kosten. Junge Techniker, eigentlich Mangelware in Portugal, jobben oft als "engenheiro de copos", als Cocktail-Ingenieur in den Szenebars.
Allein auf die Billiglöhne kann Portugal nicht länger setzen, spätestens wenn die Osteuropäer der EU beitreten, fällt dieser Wettbewerbsvorteil weg. Schon sanken die ausländischen Direktinvestitionen.
Die Firma Siemens verkaufte ihre für etwa 780 Millionen Mark in Vila do Conde bei Porto errichtete Chip-Fabrik. Zudem fürchten 700 Arbeiter einer zu Siemens gehörenden Kabelfirma um ihre Jobs, da die Herstellung zum Teil von Seixal bei Lissabon nach Litauen verlegt werden soll. Und AutoEuropa, das jetzt von Volkswagen in Alleinregie übernommene Werk in Palmela, ganzer Stolz der Portugiesen, verlor das Rennen um die Produktion des neuesten VW-Modells Colorado an die Slowakei.
"Wir dürfen jetzt nicht schlafen", sagt Minister Ferro Rodrigues fast beschwörend in seinem Büro vor einem Wandteppich aus der Zeit der Diktatur mit allegorischen Darstellungen der Arbeit im Zeitenwandel. Nur mit anhaltend starkem Wachstum könne Portugal "die Quadratur des Kreises schaffen": die Produktivität steigern, die Ausbildung verbessern und gleichzeitig die Arbeitsplätze erhalten. Aber der Sozialist weiß: "Das Zinsgeschenk gibt es nicht noch einmal." Um unliebsame Reformen durchs Parlament zu bringen, sei es nötig, bei den Wahlen eine klare Mehrheit zu erringen.
Um das zu verhindern, ist die Opposition mit spektakulären Versprechen in den Wahlkampf gegangen: Sie will die Einkommensteuer um durchschnittlich zehn Prozent senken und den Familien Anreize zum Sparen bieten. Denn die größte Gefahr beim gegenwärtigen Tanz ums Goldene Kalb, so erklärt ihr wirtschaftspolitischer Sprecher, José Alberto Tavares Moreira, ehemals Zentralbankchef und jetzt Präsident einer kleinen Investmentbank, sei eine Erhöhung der Zinsen in Euro-Land: "Das wäre ein Schock", der Konsum würde plötzlich gedrosselt, die Investitionen blieben aus, "wir würden wieder weit hinter Europa zurückfallen."
Ein Wiederaufleben der Inflation, die schon dreimal so hoch liegt wie in der EU, und das Haushaltsdefizit seien "explosive Fallen", klagt der erfahrene Bankier, den Sozialisten seien die laufenden Kosten entgleist, besonders die Subventionen für marode Staatsbetriebe und die Gehälter des aufgeblähten Beamtenapparats. Darum will die Opposition Kronjuwelen wie die staatliche Sparkasse privatisieren und mit dem Erlös die Sozialversicherung sanieren.
Kein Rentner, so ließ der Herausforderer José Manuel Durão Barroso plakatieren, soll weniger als 40 contos, 390 Mark, im Monat erhalten; heute darben noch eine Million Alte und Behinderte mit 7 Mark pro Tag.
Doch Umfragen sagen den Sozialisten die absolute Mehrheit voraus. Ihnen könnte auch die patriotische Solidarität zugute kommen, die vom Parteiengezänk und den Zukunftssorgen zu Hause ablenkt: Menschen aller politischer Couleur eint das Mitgefühl für Osttimor, die ehemalige Kolonie, die Portugal nach der Nelkenrevolution überstürzt aufgab.
Statt Wahlwerbung trägt Lissabon Trauer. Die Denkmäler hüllen schwarze Plastikverpackungen à la Christo ein. Auf der Praça do Comércio umwehen schwarze Stoffbahnen wie riesige Schals in der vom Tejo aufsteigenden Brise das Reiterstandbild von Dom José I., der nach dem Erdbeben von 1755 die Baixa wieder in Pracht erstehen ließ.
Kein einziges orangefarbenes oder rotes Plakat gegenwärtiger Staatslenker verunziert den Platz. HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 40/1999
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