30.12.2016

Pressefreiheit in GefahrArbeit unter Lebensgefahr

Korrespondent Christian Esch aus Russland
Vor einem Jahrzehnt wurde Anna Politkowskaja im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen. Es ist bis heute der bekannteste unter den vielen Journalistenmorden in Russland. Auf welche Hinder-nisse die Aufklärung stößt, davon konnte ich mich 2009 in einem Moskauer Gerichtssaal überzeugen. Der Auftraggeber war nicht ermittelt worden, die vier Tatverdächtigen kamen wegen schlampiger Arbeit der Staatsanwälte vorerst frei. In einer Pause aß ich zu Mittag mit Luke Harding vom "Guardian" und einer engen Freundin Politkowskajas, der Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa. Wir sprachen über die Absurdität des Prozesses.
Ich denke an dieses Treffen zurück, weil Estemirowa im selben Jahr ermordet wurde – eine weitere Kritikerin des tschetschenischen Regimes, die Einzige, die Journalisten aus Grosny noch mit Informationen versorgte. Und Harding musste Moskau 2011 verlassen, nach vielen Nachstellungen des FSB. Das ist das Umfeld, in dem sich russische Journalisten bewegen. Zwar sind in Russland weniger Journalisten in Haft als in der Türkei, ist das Internet nicht abgeschottet wie in China. Aber wer sich als Journalist mit dem Nordkaukasus und der Gewaltherrschaft in Tschetschenien beschäftigt, begibt sich in Lebensgefahr. Auch wer in der Provinz arbeitet, braucht Mut. Wir ausländischen Korrespondenten dagegen sind privilegiert. Uns droht nur eine Einreisesperre. Aber die Arbeit ist über die Jahre nicht einfacher geworden. Seit den Massenprotesten gegen Wladimir Putins Rückkehr in den Kreml sind die Freiräume enger geworden, seit der Ukraine-Krise ist der Ton schärfer. Und der Kreml baut seinen Propagandaapparat aus und spricht vom "Informationskrieg" mit dem Westen.
Von Christian Esch

DER SPIEGEL 1/2017
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