30.12.2016

Pressefreiheit in GefahrPostfaktischer Krieg

Reporter Christoph Reuter über Syrien und Irak
Jahrelang habe ich als Korrespondent im Irak und in Afghanistan gelebt. Auch dort gab es Propaganda der verschiedenen Kriegsparteien, angefangen mit George W. Bushs falschen Behauptungen über Saddams Massenvernichtungswaffen. Es gab Befürworter der beiden westlichen Interventionen und Kritiker.
Aber es gab noch eine gemeinsame Annahme von der Wirklichkeit, die durch journalistische Recherchen belegt wurde. Im Syrienkonflikt gilt all das nicht mehr. Ich habe noch nie einen Krieg erlebt, der so gegensätzlich wahrgenommen wird wie dieser. Und von dem so verschiedene Deutungen und Bilder entworfen werden.
Eine dieser Deutungen wird gefüttert von der Propaganda aus Damaskus und Moskau, die zu allem, was in Syrien geschieht, eine eigene Version präsentiert: ein Massaker von Assads Milizen an Zivilisten? Nein, das waren Rebellen, die ihre eigenen Leute umbrachten. Ein Giftgasangriff der Armee auf Damaszener Vororte der Opposition? Nein, das waren wahlweise türkische Provokateure oder saudi-arabische Agenten oder syrische Dschihadisten. Dass diese Versionen keiner Überprüfung standhielten und einander zudem in der Summe widersprachen, spielt keine Rolle mehr.
Auch dass die Inszenierungen gelegentlich durch eigens vom Regime angefertige "offizielle" Fotos als solche entlarvt werden – nicht der Rede wert. Als 2013 der regimetreue höchste sunnitische Geistliche, Scheich Mohammed al-Buti, angeblich von einem Selbstmordattentäter in seiner Moschee umgebracht wurde, zeigten Bilder aus dem Gebäude, die anschließend veröffentlicht wurden: Die Kronleuchter hingen noch, die Blätter der Ventilatoren waren intakt, in diesem Raum hatte es keine Explosion gegeben. Es geht nicht mehr um Stichhaltigkeit, sondern um Futter für die Gläubigen, die jede Abweichung von ihrem Weltbild als "Lügenpresse" abtun.
Was aus Damaskus kommt, ist nicht einfach nur Desinformation. Es ist zielgruppengerechte Desinformation, die an bestehende Feindbilder anknüpft: Halten Sie die USA für die Wurzel allen Übels? Voilà, Sie werden versorgt mit Texten, dass CIA und andere von langer Hand den Umsturz in Syrien geplant hatten. Sorgen Sie sich um die Christen? Kein Problem, Sie bekommen Meldungen über geköpfte Bischöfe und verwüstete Kirchen. Dass die Bilder keine Bischöfe zeigen und die Kirchen von der syrischen Luftwaffe bombardiert wurden – egal.
Gerade in Bezug auf die amerikanische Rolle im syrischen Aufstand, die im Kern aus Ignorieren und geringer Unterstützung der Rebellen bestand, erstaunt die Vehemenz, mit der fortwährend das Gegenteil der Realität verkündet wird. Aber die Propaganda hat sich eben längst gelöst vom Geschehen als Ausgangspunkt.
Es geht um das politische Glaubensgerüst der Empfänger, dafür werden die Botschaften passend gemacht. Man könnte sagen, Syrien ist der erste postfaktische Krieg. Und man muss leider sagen: Es funktioniert.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 1/2017
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