30.12.2016

SpracheWenn die Bilder brennen

Metaphernsalat zum Jahreswechsel
Am Jahresende wird es noch einmal ernst. Da werden große Gefühle und Gedanken bemüht, und auch die Sprache muss Großes vollbringen. Der Bundespräsident rief in seiner Weihnachtsansprache dazu auf, die Gräben in unserer Gesellschaft nicht zu vertiefen und Augenmaß zu bewahren, besonders im Umgang mit dem Terrorismus. Die "Süddeutsche Zeitung" fasste Gaucks Botschaft auf ihrer Titelseite so zusammen: "Bundespräsident Gauck warnt davor, Feindbilder zu schüren".
Mit dem Schürhaken im Kamin? Lieber bewahren als verbrennen? Ist sicher besser für die Umwelt. Bitte keinen weiteren Emissionsskandal kurz vor Ablauf des Jahres.
Eine Metapher funktioniert nur dann, wenn das Bild, das sie bemüht, sich mühelos aus dem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang zur Verdeutlichung eines anderen Sachverhalts übertragen lässt. Ein Bild kann man malen, übermalen, zerstören, in den Keller stellen oder zur Auktion bringen – schüren kann man es nicht. Dann ist die Metapher unfreiwillig komisch, dann ist das Bild schief. Ähnlich wie bei den Drohkulissen, die jederzeit und überall aufgebaut werden. Wer droht da eigentlich wem? Die Kulisse ist in Wahrheit etwas, das – jedenfalls im Theater – eine Illusion schaffen soll. Das Bühnenbild soll den Eindruck erwecken, man befinde sich woanders, etwa in Venedig ("Othello"). Und so droht uns am Ende nur eine Illusion. Sie könnte zu den legendären Potemkinschen Dörfern werden, die der Feldmarschall Potemkin vor einem Besuch von Zarin Katharina II. an deren Wegstrecke errichten ließ: bemalte Fassaden, die den Eindruck von bewohnten Siedlungen erwecken sollten. Historisch belegt ist das nicht. Aber die Dörfer gibt es noch. Als Sprachbild für etwas, das mehr scheinen will, als es ist. Und das trifft auf viele Metaphern zu. Auch auf die brennenden Bilder unserer Feinde.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 1/2017
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