07.01.2017

Gute VorsätzeSanftes Sprechen

Nie war politisch bewusste Sprache so wichtig wie heute. Acht Vorschläge für einen sensiblen Umgang mit dem Wort im neuen Jahr. Von Jan Fleischhauer
Geflüchteter
Auch im Jahr 2017 wird das Wort "Flüchtling" zu den politischen Topwörtern gehören. Leider ist der Begriff nicht so unschuldig, wie viele denken. Die Endung "ling" ist tendenziell abwertend, weshalb man von Rohling, Däumling und Sonderling spricht. Außerdem lässt sich "Flüchtling" nur schwer gendern. Die Flüchtlingin? Sprachwissenschaftler empfehlen deshalb, als Ersatzwort der oder die "Geflüchtete" zu sagen. Das ist zwar nicht das Gleiche, weil das eine einen Status und das andere einen Zustand beschreibt. Sprachlogisch stehen der aus der Hölle von Aleppo Entkommene und der von einer Party Geflüchtete damit auf einer Ebene. Aber wenn es um politisch korrektes Sprechen geht, muss die Logik zurücktreten. Kleiner Tipp: Man spricht auch nicht mehr von illegaler Zuwanderung. Es heißt "irreguläre Migration". Da kein Mensch illegal ist, jedenfalls nicht im christlichen Sinne, kann man auch niemand ins juristische Abseits stellen, wenn er sich unerlaubt im Land aufhält. Die Asylgesetze müssen in dem Punkt noch angepasst werden, aber daran wird gearbeitet.

LGBT
Von allen sprachpolitischen Neuerungen hat die "LGBT-Community" die steilste Karriere hingelegt. Nicht jedem wird der Begriff auf Anhieb etwas sagen. Ich dachte beim ersten Mal an ein Sandwich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. LBT ist das Kürzel für "Lettuce, Bacon and Tomato" – so heißt in Amerika das, was bei uns unter Club-Sandwich läuft. Warum nennt man eine Gemeinschaft von Menschen nach einem Toast, habe ich mich gefragt, bis mich jemand aufklärte, dass LGBT für Lesbian, Gay, Bisexual und Transsexual steht.
Eine Herausforderung, die sich jeder Minderheit stellt, ist es, als Minderheit Anerkennung zu finden. Lesbische Frauen haben sich lange darüber geärgert, wenn immer nur von Schwulen die Rede war. Nach den lesbischen Frauen haben jetzt die Transgender-Menschen ihren Anspruch auf sprachliche Berücksichtigung angemeldet. Natürlich kann LGBT nur eine vorübergehende Lösung sein. Wer im "Urban Dictionary" nachschlägt, stellt fest, dass man in fortschrittlichen Kreisen längst von LGBTQIA spricht, um auch queere, intersexuelle und asexuelle Menschen sprachlich mitzunehmen. Bei Facebook stehen bei der Anmeldung derzeit 60 verschiedene Geschlechter zur Auswahl. Wahrscheinlich braucht es irgendwann eine Kommission, die aus Gründen der Praktikabilität entscheidet, welche sexuelle Präferenz einen eigenen Buchstaben bekommt und welche nicht. Eine Abkürzung, die länger ist als das Alphabet, wird auch der am fortschrittlichsten gesinnte Mensch der Welt nicht fehlerfrei über die Lippen bringen.

Inklusion
Viele sagen "behindertengerecht", wenn es darum geht, wie man Menschen mit Behinderungen entgegenkommen kann. Da der Begriff "Behinderte" aber nicht mehr wirklich zeitgemäß ist, reden wir besser von "Inklusion". Da schwingt das Wort "inklusiv" mit, und alles, was als einschließend gilt, ist schon mal positiv. Die Einzigen, bei denen das Gegenteil, also der Ausschluss von der Einschließlichkeit, befürwortet wird, sind Leute, die AfD wählen und Frauke Petry toll finden. Ein wichtiger Bestandteil der Inklusion ist die Barrierefreiheit. Weil die größte Barriere für viele immer noch der korrekte Gebrauch der deutschen Sprache ist, gibt es jetzt das Leichtdeutsch. Sogar das Grundgesetz wird inzwischen in "Leichter Sprache" angeboten. "Damit alles in Deutschland gut klappt, arbeiten viele Leute für Deutschland", heißt es in der Einleitung. Das hat mir einen Stich versetzt, denn damit war auch ich außen vor. Ich würde immer behaupten wollen, dass ich das Land voranbringe, aber ich fürchte, dem würden zu viele Leser widersprechen.

Postfossil
Eine Kollegin bekam dieser Tage einen Artikel auf den Tisch, in dem ein höherer Beitrag zur "postfossilen Mobilität" gefordert wurde. Warum postfossil und nicht umweltfreundlich, hat sie sich gefragt. Weil postfossil viel mehr ist! Genau genommen stimmt das mit der Umweltfreundlichkeit bei vielen Sachen ja auch nicht immer. Die Ökobilanz eines Elektroautos zum Beispiel ist ziemlich fragwürdig, solange der Strom aus Kohle gewonnen wird. Es gibt sogar Studien, wonach ein normales Auto dem Elektroauto ökologisch überlegen sein kann, wenn man die Produktion der Batterien mitrechnet. Postfossil ist so gesehen genial, das Wort beschreibt eher eine Verheißung als das, was ist. Der Begriffsverwandte zu "postfossil" ist "dekarbonisiert". Was nach Wasser ohne Sprudel klingt, meint eine Wirtschaft, die ohne CO²-Ausstoß auskommt. Keine Ahnung, wie man das erreichen will, ohne dass wir alle wieder in der Höhle landen, aber es klingt super.

Demokratieabgabe
Es gibt Menschen, die sich so sehr über das öffentlich-rechtliche Fernsehen ärgern, dass sie lieber Gefängnis riskieren, als ihren Rundfunkbeitrag zu zahlen. Der Journalist Henryk Broder hat neulich den persönlichen Gebührenboykott angekündigt, nachdem bei "Anne Will" eine Frau im Nikab auftauchte. "Nach diesem ARD-Abend zahle ich keinen Rundfunkbeitrag mehr!", war sein Text überschrieben.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eine der Säulen der Demokratie, deshalb sprechen Verfechter auch nicht einfach vom Rundfunkbeitrag, sondern nennen diesen eine "Demokratieabgabe". Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, hat daran erinnert, dass ARD und ZDF Teil der "Verantwortungsgemeinschaft" seien. Man sollte also vorsichtig sein, was man über das demokratisch legitimierte Fernsehen sagt. Wer dazu aufruft, keine Fernsehgebühren zu bezahlen, oder solche Aufrufe in Umlauf bringt, steht mit einem Bein außerhalb der Verfassung. Und das ist in Deutschland das gesellschaftliche Todesurteil.

Steuerbeitrag
Was für ein hässliches Wort: "Steuern". Dagegen hat ja sogar "Rundfunkbeitrag" einen angenehmen Klang. Außerdem weckt es ganz falsche Assoziationen. Wer von Steuerzahlung spricht, vermittelt den Eindruck, als ob der Staat dem Bürger im Gegenzug etwas schuldig sei. Wenn man etwas bezahlt, erwartet man in der Regel eine Leistung. So hat es die Linguistin Elisabeth Wehling vor ein paar Monaten in einem Interview mit der "Zeit" ausgeführt. Ihr Vorschlag: Statt von "Steuerzahlern" reden wir besser von "Steuerbeitragenden". Da klingt das Miteinander an. Man trägt, je nachdem, wie viel man kann, etwas zum Gemeinwesen bei, so wie man etwas zu einer Diskussion beiträgt oder bei einer Einladung zum Buffet. Sagt Frau Wehling.
Von den Grünen kommt die Idee, Steuern als Fürsorgemaßnahme des Staates zu definieren, um vermögende Menschen vor zu viel Geld und damit vor Abwegen zu bewahren. "Überschüssige Liquidität kann ins Gefängnis führen", hat der grüne Parteichef Cem Özdemir erklärt. Ich wüsste einen anderen Weg, mit meiner überschüssigen Liquidität fertig zu werden, als sie bei Cem Özdemir abzuliefern. Aber ich bin ja auch nicht bei den Grünen.

Ableism
Dass man Menschen nicht wegen ihres Aussehens, ihres Alters oder ihrer Religion herabsetzen darf, hat sich herumgesprochen. Aber wussten Sie, dass auch der Verweis auf die Intelligenz diskriminierend sein kann? Margarete Stokowski hat neulich in ihrer Kolumne geschrieben, im Netz herumzupöbeln sei wohl "die dümmste Art", auf Kritik zu reagieren. Daraufhin bekam sie eine Mail, in der sie darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass die Verwendung von Worten wie "dumm" oder "doof" eine Abwertung von Menschen mit eingeschränkter geistiger Beweglichkeit bedeute. "Ableism" heißt diese Form der Diskriminierung: Das kommt von "to be able", also von der Fähigkeit, etwas tun zu können. Streng genommen ist schon das Beharren auf Bildungsabschlüssen diskriminierend. Zum Glück haben unsere Bildungspolitiker das erkannt, weshalb sie in Ländern wie Berlin damit angefangen haben, die Aufgaben der Abiturprüfung so zu verändern, dass alle eine Chance bekommen, die auch am Ende der Schulzeit noch nicht richtig rechnen und schreiben können.

Postfaktisch
"Postfaktisch" ist das neue "neoliberal". Wenn Sie ausdrücken wollen, dass man sich mit einer Meinung nicht länger beschäftigen muss, sagen Sie einfach, sie sei postfaktisch. Damit ist klar, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt. Normalerweise stehen Gefühlstatsachen im medialen Diskurs in hohem Ansehen. Jemand muss nur sagen, dass er Angst habe, sei es vor Strahlen, Krieg oder Gen-Essen, und die Aufmerksamkeit ist ihm sicher. Aber seit man lesen konnte, dass Donald Trump die Wahl gewonnen hat, weil seine Anhänger gefühlte Wahrheiten wichtiger als Tatsachen nahmen, sind auch im gefühlsbetonten Teil der deutschen Gesellschaft Zweifel eingezogen, ob man es mit der Angst als Bedeutungsverstärker nicht übertrieben hat. Anfang Dezember hat die Gesellschaft für deutsche Sprache "postfaktisch" zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Immer größere Bevölkerungsschichten seien bereit, Tatsachen zu ignorieren, heißt es zur Begründung. Spätestens damit hat der Begriff die Kurve vom Feuilletonwort zur politischen Allzweckwaffe genommen.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 2/2017
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