07.01.2017

ENZENSBERGER

Vor 60 Jahren kritisierte ein junger, damals noch unbekannter Autor die Sprache des SPIEGEL. Rudolf Augstein gefiel dieser wagemutige Mann so gut, dass er ihn regelmäßig schreiben ließ. Heute ist der SPIEGEL Bestandteil der Biografie von Hans Magnus Enzensberger. Von Volker Weidermann
Er greift sich an die Gurgel, biegt den Oberkörper gegen die Stuhllehne, schließt die Augen, würgt, lacht und ruft: "Sehen Sie? Da hatte er mich am Wickel!", und er löst den Griff, öffnet die Augen und sagt: "Genial!" Hans Magnus Enzensberger, 87, beschreibt den Augstein-Moment in seinem Leben. Den Moment, in dem er, Enzensberger, zu einer öffentlichen Figur, einem gefürchteten, respektierten, mit Staunen bedachten Kulturkritiker, einem Machtkritiker wurde. Durch die feindliche Übernahme durch den Gründer und Erfinder eines Magazins. Dieses Magazins. Rudolf Augstein.
Das war 1957. Augstein war 33, Hans Magnus Enzensberger 27 Jahre alt. Er hatte noch kein Buch veröffentlicht, nicht mal einen Gedichtband, nur ein paar Aufsätze in Literaturzeitschriften, und ein paar Sachen fürs Radio hatte er gemacht, für Alfred Anderschs SDR, der damals einer ganzen Gruppe junger Schriftsteller die Möglichkeit bot, mit ungewöhnlichen, wagemutigen Texten Geld zu verdienen.
Die erste Sache, die Enzensberger Andersch schickte, hatte dieser mit einem knappen "Toll! Aber das können wir natürlich nicht senden" kommentiert. "Ich weiß nicht mehr", sagt Enzensberger jetzt, "wegen Blasphemie oder Pornografie oder irgend so was." Aber der Redakteur und Schriftsteller Andersch ermutigte ihn weiterzumachen, und im Februar 1957 schließlich sendete der SDR einen Essay des jungen Kritikers unter dem Titel "Die Sprache des SPIEGEL", und die Resonanz war gigantisch.
Ein fundamentaler Angriff auf das deutsche Nachrichten-Magazin, auf die eine große kritische Instanz der jungen Bundesrepublik von einem Namenlosen? Das war nicht zu fassen, und in der Haut dieses Namenlosen, dieses sogenannten Hans Magnus Enzensberger aus Kaufbeuren, wollte jedenfalls niemand stecken in diesen Tagen. Die Rache des SPIEGEL, das war klar, würde fürchterlich sein.
Ja. Und dann kam es, wie es kam. Hans Magnus Enzensberger sitzt hier in seiner Arbeitswohnung in München, mit Blick über die Häuser in den Englischen Garten hinüber, der nur wenige Hundert Meter entfernt ist, rosafarbenes Hemd, helles Sakko, neugierig, beweglich, biegsam, ein jungenhafter, weißhaariger Mann von bald 90 Jahren. Er hat uns Kaffee in der Mikrowelle warm gemacht, stellt für sich ein Töpfchen Sahne neben die Tasse auf den Tisch. Er sagt: "Ich bin katholischer Agnostiker. Nach einer Tasse Kaffee weiß ich, ob mein Gegenüber Protestant ist oder Katholik."
In einer Nachschrift zu seinem SPIEGEL-Text hatte Enzensberger die Folgen von damals mit vollendetem Understatement so beschrieben: "Die Veröffentlichung erregte ein gewisses Aufsehen. Die Redaktion des Magazins bat wenige Tage nach der Sendung um die Erlaubnis zum teilweisen Abdruck des Manuskripts in seinen Spalten. Sie wurde erteilt."
Rudolf Augstein hat ihn damals einfach eingesackt. Der Mut dieses jungen Mannes war ja für jedermann zu spüren und auch die Schärfe der Analyse, die Klugheit, die Energie, der Wille zum Angriff, vor allem aber diese lässige Arg- und Furchtlosigkeit. Dieses: Hey, Leute. Wovor habt ihr Angst? Da ist ein Gegner, hier ist mein Kopf, mein Stift, mein Verstand, lasst uns lustig angreifen. Was soll mir denn groß passieren? Bin ich in einem Löwenkäfig? Es geht doch darum, das Große zu wagen. Es geht doch um große Gegner. Dafür sind wir doch hier. Das Leben ist kurz, und Buchstaben können alles. Lasst es uns machen. Angst? Wovor? Warum? Können Hasenfüße das Leben bezwingen? Wollen wir uns langweilen, ein Leben lang?
Das alles hatte wohl auch Augstein diesem Text entnommen, und er ließ also seine Leute anrufen, um Abdruckgenehmigung bitten, und schon hatte man seinen schärfsten, klügsten, jüngsten und vielleicht gefährlichsten Kritiker bei sich im Team.
Aber was stand denn nun drin, in dem gefährlichen Text, der in Heft 10/1957 erschien? Was warf Enzensberger dem deutschen Nachrichten-Magazin vor? Zum Beispiel, dass es gar kein Nachrichten-Magazin sei. Die reine Nachricht fände sich nämlich so gut wie gar nicht im Blatt, sondern nur, nach dem Vorbild des amerikanischen Magazins "Time", "Stories", das heißt: zurechtgestutzte Wirklichkeit, auf Effekt getrimmt, auf Personen zugeschnitten, auf Pointe. "Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt."
Weiter kritisiert Enzensberger den Jargon des Magazins, Wortgeklingel statt Klarheit und Einfachheit des Stils, er verdammt die Schlüssellochperspektive, den freudig bedienten Voyeurismus der Leser, die Haltungslosigkeit des Blattes, das Lächerlichmachen der Gegner, die beständig betonte Überlegenheit des Standpunkts, den angeblichen Hochstand, auf dem die Berichterstatter des Blattes sitzen. Wer hat sie dahin gesetzt? Warum soll man den SPIEGEL-Leuten glauben, dass sie so weit oben sitzen? "Die Ideologie des SPIEGEL ist eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst", schrieb er. "Eine Kritik, die keinen anderen Ansatz besitzt als diesen imaginären Hebelpunkt, macht sich von vornherein zur Magd der Ereignisse."
Doch Enzensberger war schon damals nicht nur mutig, sondern auch schlau. Denn erstens mündete seine Fundamentalkritik in einer umfassenden Selbstkritik: "Daß wir ein Magazin vom Schlage des SPIEGEL nötig haben, spricht nicht für das Blatt, das die Masche zu seiner Moral gemacht hat: Es spricht gegen unsere Presse insgesamt, gegen den Zustand unserer Gesellschaft; es spricht mit einem Wort gegen uns."
Und zweitens und noch schlauer war dann diese Passage über Jens Daniel, ein Pseudonym Rudolf Augsteins: "Für den Leitartikler des SPIEGEL, Jens Daniel, habe ich nur Hochachtung und Bewunderung übrig. Sein Verfahren ist unangreifbar, gleichgültig, ob er mit dem, was er sagt, recht oder unrecht hat. Frei nach Voltaire würde ich, wäre er selbst mein erbittertster Gegner, bis zuletzt sein Recht verteidigen, öffentlich seine Meinung zu äußern."
Der Dichter Peter Rühmkorf hatte diese geniale Begabung Enzensbergers, die ihn durch sein ganzes Leben getragen hat, einmal so beschrieben: "Das befähigte ihn, sich auf den Markt einzulassen, ohne sich die Flügel je schmutzig zu machen, oder auch sich mit der Gesellschaft anzulegen, ohne daß es ihm fundamentale Risiken, wirtschaftliche Einbußen, lebensbedrohliche Feindschaften eingetragen hätte. Er hatte einen so unverschämt guten Nerv für den Kairos, für den einmaligen, unversäumlich günstigen Moment, daß die Medien, die er angriff, gleichzeitig zu seinem eignen Übertragungsapparat wurden."
Und jetzt sitzt er hier, im Himmel über München, macht die Gurgel-Bewegung und spricht über Rudolf Augstein. Wie er ihm damals "carte blanche" erteilt hatte, er solle einfach nur jeden Monat einen Text liefern, "egal, über was". "Und da habe ich dann zum Beispiel über ein Buch mit Soldatenliedern geschrieben oder über das Statistische Jahrbuch und dann, klar, immer mal wieder über ein großes Thema, das musste auch regelmäßig sein."
Es war der Beginn einer erstaunlichen, langjährigen Zusammenarbeit, bei der viele, viele Texte entstanden sind, die den SPIEGEL und die das Land und die öffentlichen Debatten des Landes geprägt haben. Als Mitglied der Dichtervereinigung "Gruppe 47" schaffte es Enzensberger 1962 auch selbst auf den Titel.
Über Rudolf Augstein fällt ihm auch heute noch nur Gutes ein. Wie sehr er die Gespräche mit ihm genossen habe. "Privat war der ganz toll." Nach außen habe er immer so groß und gigantisch über den SPIEGEL geredet. Nach innen, so Enzensberger, sprach er ganz klein von ihm. "Er hat ja so viel gemacht, er wollte so viel. Zeitungen gründen. Filme machen. Die FDP erneuern." Vieles hat er dann liegen lassen. "Er war ein mutiger Zögerer", sagt Hans Magnus Enzensberger jetzt.
Und über den SPIEGEL von heute? Was stimmt noch, aus seiner Sicht, heute, im Jahr 2017? Und ist Medienkritik heute noch so notwendig wie damals? Er sagt: "Heute ist die Lage anders. In allen Medien wird über die Medien verhandelt, auf eigenen Seiten, im Fernsehen und im Internet. Im SPIEGEL werden meistens die Verfasser genannt. Es gibt mehr Vielfalt. Der SPIEGEL spricht nicht mehr mit einer Stimme. Es gibt mehr Konkurrenz für die Wochenzeitungen, mehr Kampf um Auflage, Reichweite und Anzeigenaufkommen. Niemand würde mehr von Sturmgeschützen sprechen. Das Pathos der damaligen Jahre mutet altertümlich an."
Und er ist noch nicht fertig. "Die sogenannten Printmedien und Content-Lieferanten werden von den Konzernmanagern, Controllern und Marketingexperten bedrängt, und schon an dem mangelhaften Deutsch dieser Leute sieht man, dass die investigative Energie und die Kunst der Reportage heute genauso – wenn nicht noch mehr – gebraucht werden wie in den Gründerzeiten der Republik."
Die enge, anfänglich regelmäßige Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL, die hat Enzensberger aber schnell aufgegeben. "Ach, das wurde mir dann schnell langweilig", sagt er. Alles, was nur aus der Ferne wie Routine, Regelmäßigkeit, Wiederholung aussieht, weckte in diesem Mann schon immer verlässlich alle Fluchtinstinkte. Er hatte ja auch einfach genug zu tun in der Welt; in Norwegen, Italien, der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten, auf Kuba; eigene Zeitschriften gründen, Kongresse organisieren, Stipendien annehmen, Stipendien ablehnen, diskutieren, dichten, angreifen, Literatur abschaffen, den bewaffneten Kampf rechtfertigen. So Sachen halt.
Aber er hat natürlich weiter für den SPIEGEL geschrieben, ständig eigentlich, aus allen Weltgegenden. Jetzt liegt vor uns auf seinem Tisch ein dicker, dicker Stapel Papier. Ausdrucke seiner SPIEGEL-Texte. Eigentlich wollten wir anhand dieser Texte sein Leben durchsprechen, "Hans Magnus Enzensberger – meine SPIEGEL-Biografie", das war der Plan. Tja, und jetzt sitzt man sich hier gegenüber, die Texte zwischen uns, und es ist völlig klar, dass ihn das überhaupt nicht interessiert.
Hans Magnus Enzensberger hat ein maximal unsentimentales Verhältnis zu seinen eigenen alten Texten. Mehrfach hat ihm der Suhrkamp Verlag eine Werkausgabe seiner gesammelten Schriften angeboten. "Um Himmels willen, ich bin doch noch nicht tot!" hat er da stets gerufen. Solange man lebt, soll man sich mit der Zukunft beschäftigen, mit neuen Sachen.
Deshalb ist ihm das jetzt nicht besonders recht, dieses Lesen in alten Texten. Außerdem weiß Enzensberger natürlich selbst nur zu gut, wie oft er sich getäuscht hat. Oder aus Langeweile einfach irgendwann die Position gewechselt hat. Nur Bleifüßler verharren ein Leben lang am selben Ort. Er ist nun mal der "Fliegende Robert", wie er sich selbst in einem seiner schönsten Gedichte beschrieben hat: "Eskapismus, ruft ihr mir zu, / vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich, / bei diesem Sauwetter! –, / spanne den Regenschirm auf / und erhebe mich in die Lüfte. / Von euch aus gesehen, / werde ich immer kleiner und kleiner, / bis ich verschwunden bin. / Ich hinterlasse nichts weiter / als eine Legende, / mit der ihr Neidhammel, / wenn es draußen stürmt, / euern Kindern in den Ohren liegt, / damit sie euch nicht davonfliegen."
Jetzt sagt er über seine politischen Texte, seine politischen Kapriolen knapp: "In einem Land, in dem ich Diktator bin, möchte ich nicht leben." Also gut, gehen wir es an, die alten Sachen. Hier ein Text, den er aus Kuba schrieb, 1968 war das: Die Befreiung von der Herrschaft der Vereinigten Staaten "ist, wie die Geschichte der letzten fünfundzwanzig Jahre zeigt, nur durch den bewaffneten Aufstand zu erlangen", steht da.
Enzensberger beugt sich vor, liest kurz stumm vor sich hin, hebt den Kopf, lächelt und sagt: "Och, so schlimm ist das ja gar nicht." Dann sein Text über Saddam Hussein, den er mit Hitler gleichsetzt, im Jahr 1991. "Hitler war nicht einzigartig", er hoffte auf eine Invasion des Iraks. "Ja, das hab ich doch schon längst irgendwo zurückgenommen. Ich weiß nicht mehr, wo und wann. Wer hätte gedacht, dass die Amerikaner keine Strategie für die Zeit nach dem Sieg haben würden? Ich war einfach von der Klugheit der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg und ihrer Strategie in Deutschland ausgegangen. Wer konnte ahnen, dass sie diesmal so ahnungslos, so planlos sein würden?"
Und dann gibt es aber auch jede Menge Momente freudiger Wiederbegegnung. Oh, der Text über "das verführerische Freizeithemd" von 1976, über die kulturelle Hegemonie des Kleinbürgertums, zu dem er sich unbedingt selbst hinzuzählt natürlich, mit den herrlichen Verzweiflungsfragen: "Ist gegen das, was unserer Klasse einfällt, wirklich kein Kraut gewachsen? Wird es niemandem erspart bleiben, auch den Kongolesen nicht, sich mit Unterhosen auszurüsten, die ein französischer Designer entworfen hat? Müssen auch die Vietnamesen Valium schlucken?" Ist auch 40 Jahre später noch recht wahr und macht ganz gute Laune. Enzensberger gluckst.
Dann hier der Text über Friedrich Karl Fromme, den damaligen Innenpolitikchef der "Frankfurter Allgemeinen", aus dem Jahr 1977: "Mit meinem Urteil möchte ich niemandem unrecht tun. Daß Friedrich Karl Fromme keinen Gedanken zu Ende denken kann und auch beim besten Willen nicht begreift, wozu das gut sein sollte ..., das ist ihm, wie allen blinden Fanatikern, nur in einem sehr eingeschränkten Sinn vorzuwerfen." Dem Archivausdruck ist eine Warnung vorangestellt: "Achtung! Zu diesem Artikel liegt eine Gegendarstellung vor." Und Enzensberger erinnert sich und lacht und sagt: "Ja, und er ist trotzdem noch 20 Jahre Politikchef geblieben."
Seinen großen Text gegen die "FAZ", "Journalismus als Eiertanz" von 1962, hatte die Zeitung damals, nicht etwa wie der SPIEGEL Jahre zuvor, selbst abgedruckt, sondern im Gegenteil mit einer 44-seitigen Gegenbroschüre beantwortet. Titel: "Enzensberger'sche Einzelheiten – korrigiert von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung", eingeleitet damals von dem Großfeuilletonisten aus Weimarer-Republik-Zeiten, Benno Reifenberg, unter der Überschrift "Hans Magnus, ein böswilliger Leser".
Der Himmel färbt sich langsam rot, blauer Rauch steigt aus dem Schornstein nebenan. Enzensberger erweist sich nun doch als sehr gutwilliger Leser seiner eigenen Texte. Hier, dieses Krimi-Script der Flick-Affäre aus den Achtzigerjahren, wohl 20 Magazinseiten lang, unfassbar detailreich. "Ja, manchmal hat man auch richtig gearbeitet", sagt er lachend. Es ist auch eine Heldenstory des Magazins, für das der Autor schreibt: "Noch ist das Blatt nicht am Kiosk, da hängen in den Bonner Bungalows die Herren bereits am Telephon, und wenn das Publikum sich am Montag die Augen reibt (man hat ja manches für möglich gehalten, aber das? Bananenrepublik!), sind die ersten Nebelwerfer schon in Stellung bebracht."
Dann hier seine Titelgeschichte, ein Loblied auf den "Luxus" aus dem Jahr 1996: "Daß dem privaten Luxus auch der neidische Zuschauer abhanden gekommen ist, kann nicht wundernehmen. Wo es nichts mehr zu sehen gibt, wendet sich der Voyeur achselzuckend ab. Auch wird es wohl kein Zufall sein, daß es vor allem Zuhälter, Gangster und Drogenbarone sind, die den größten Wert darauf legen, sich mit exklusiver Scheiße zu schmücken."
Es ist das Geheimnisvolle, was ihn am Luxus damals und heute angezogen hat und anzieht: "Rätselhaft sind auch die Stoßzähne des sibirischen Mammuts; denn sie haben nicht zum Überleben der Art beigetragen. So beißt sich die Wissenschaft am Luxus der Natur die Zähne aus." "Na ja, der wahre Luxus sind ja Zeit und Ruhe", sagt er jetzt. Und Freiheit. Das Geheimnis seines Lebens? Seines Glücks? "Dass ich nie eine Sekretärin hatte. Dass ich nie Chef war. Dass ich nie ins Büro musste."
Und dann, "sind wir schon durch?" – erinnert er selbst noch an einen Text, "Im Fremden das Eigene hassen", über "die große Wanderung" der Menschheit, den er 1992 geschrieben hat und den man heute genau so wieder drucken könnte. Über die sonderbare Amnesie der Deutschen, die selbst ein Volk aus Einwanderern, Flüchtlingen, Umgesiedelten sind, auf der einen Seite; und auf der anderen Seite über ihre übertriebene, rührende, irrationale Flüchtlingsliebe. Und schließlich über die Notwendigkeit, das zivilisatorische Minimum unserer Zeit als Glück zu begreifen und stets bereit zu sein, dies auch zu verteidigen.
Aber heute etwa über Donald Trump zu schreiben kommt für Enzensberger nicht infrage. "Es schreiben doch alle über Trump. Und alle das Gleiche. Was braucht es da mich? Bei mir ist es so: Wenn ich irgendwo eine Lücke sehe, schnappe ich zu."
Noch lieber aber schnappt er gar nicht mehr zu. "Es kommt darauf an, die Welt zu verschonen", zitiert er den Philosophen Odo Marquard. Kollegen, die im Alter seriell mit dem Textschnellfeuergewehr jährlich den gleichen Roman in die Welt schießen, sind, sagen wir mal vorsichtig, keine Vorbilder für ihn. Dass er dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse überhaupt kein neues Buch hatte, lässt ihn jetzt geradezu kichern vor Freude.
Die größte Freude, die liegt im weißen Umschlag vor uns auf dem Tisch. Sieht aus wie ein neues Buch von Enzensberger, ist es auch, sein Name steht oben drauf, darunter der Titel "Eine Handvoll Anekdoten", und genau die sind es auch. Anekdoten seiner Kindheit. Aber er veröffentlicht es nicht. Erinnerungen, Fotos, Erfindungen, nur für Freunde und Familie. "Ich wollte der Literatur mal entkommen", sagt er. Und: "Es sitzt einem ja immer die Literatur im Nacken."
Freies Schreiben, freies Erinnern, darum ging es ihm, ohne schlechte Kritiken fürchten zu müssen "oder noch schlimmer: falsche lobende", ruft er und schüttet sich aus vor Lachen. Das ist wahrer Luxus. Ein Buch, das er im Weihnachtsgeschäft als Suhrkamp-Band lässig 50 000-mal verkauft hätte. Behält er für sich und einige ausgewählte Leser.
Es hört so auf: "In dem, was er schreibt, ist er verschwunden."
Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

Im nächsten Heft: Der SPIEGEL und seine Kritiker – Redakteurinnen und Redakteure antworten auf empörte, aufmerksame und unverschämte Leserbriefe.

Das Geheimnis seines Glücks? "Dass ich nie Chef war. Dass ich nie ins Büro musste."

Von Volker Weidermann

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