07.01.2017

OrtsterminDer belutschische Geist

Auf den Spuren von Navid B., der irrtümlich als Terrorist vom Breitscheidplatz galt
Gut drei Wochen her, kurz vor Weihnachten. Anruf vom Chef. Man soll doch bitte den armen Teufel finden, den man nach dem Anschlag in Berlin festgenommen hat. Den Pakistaner, den, der es nicht war.
Hat nicht unrecht, der Chef. Man stelle sich nur vor: Der Typ geht seelenruhig im Tiergarten spazieren, wird plötzlich festgenommen, angeblich weil ihn jemand als Lkw-Attentäter identifiziert hat, ein "mutiger Zeuge mit Zivilcourage", wie es heißt, ein mutiger Zeuge mit Zivilcourage und zu viel Fantasie, wie sich später herausstellt. Navid B., so heißt der Nichtterrorist, ist ein friedliebender Flüchtling.
Mit Handschellen und Sack über dem Kopf geht es für ihn nach Karlsruhe, Leibesvisitation bei der Bundesanwaltschaft, Verhör. In der Zwischenzeit wird Navids Flüchtlingsheim in Berlin-Tempelhof von einem SEK-Kommando gestürmt. Der deutsche Innenminister gibt eine Pressekonferenz, er wirkt zufrieden, auch wenn der Festgenommene noch leugnet.
Dann meldet sich der Vater aus Pakistan zu Wort. Sagt sinngemäß: Seid ihr jetzt alle irre? Der Vater hat recht, sein Sohn ist doch kein Terrorist, die Justiz spuckt ihn wieder aus.
Recherchestart, Old School: Anruf bei der Berliner Polizei, Pressestelle. Frau ist am Telefon, nicht unfreundlich. "Wir haben ihn nicht mehr, den hat Karlsruhe. Ich kann Ihnen die Nummer geben."
"Wir haben keine Anklage gegen Navid B. erhoben", sagt jemand in Karlsruhe.
"Das heißt, er ist frei?"
"Das heißt, dass wir keine Anklage erhoben haben."
Man fragt sich, ob die Stimme aus Karlsruhe echt ist oder ob man mit einer Warteschleife redet.
Anruf schließlich bei einem befreundeten Polizisten, der endlich etwas weiß: Navid B. ist frei, aber in Gewahrsam. Andauernde Identitätsüberprüfung heiße das in Polizeisprache, man könne es auch staatlich empfohlene Erholung an einem geheimen Ort nennen.
Anruf beim Chef: Man kann in Deutschland ein freier Mensch und trotzdem in Gewahrsam sein!
Chef sagt: Kenne ich vom Büro.
Weitere Anrufe führen zu einem pakistanischen Journalisten aus Frankfurt am Main. Volltreffer. Shams Ul-Haq ist seit über 20 Jahren in Deutschland und hat sich vor einiger Zeit "undercover" in die Tempelhofer Flüchtlingsunterkunft eingeschlichen, also da, wo Navid B. bis vor Kurzem zu Hause war, und ein Buch darüber geschrieben. Der Kollege kennt Navid B. vom Sehen.
Mit der Hilfe von Ul-Haq werden Navids Nachbarn, Freunde und Bekannte angerufen. Man erfährt, dass er ein guter Junge ist, der sich in der Heimat als Schäfer durchgeschlagen, seit seiner Festnahme aber nicht mehr gemeldet hat. Navid selbst erreichen wir leider nicht.
Dann ein ernster Rückschlag: Ein pakistanischer Journalist, allerdings ein anderer als Ul-Haq, hat Navid B. für die "Welt am Sonntag" interviewt. In dem Interview sagt Navid nur, dass er nichts gemacht habe und nicht wisse, wo er sei. Da geht noch was.
Ul-Haq kennt Navids Cousin, der bei der Festnahme dabei war. Cousin Wahid, ein sachlicher Typ, kann einiges aufklären: Navid B. stammt aus dem pakistanischen Grenzgebiet zu Iran; er ist zwar offiziell Pakistaner, fühlt sich aber als Belutsche; Belutschen sind eine unterdrückte ethnische Minderheit, die einen eigenen Staat wollen. Hierzulande ist man eher mit den Paschtunen vertraut, auch eine Minderheit, aber mit eindeutig besserer PR-Abteilung.
Während ich eingeführt werde in den Freiheitskampf der Belutschen, erscheint das nächste Interview mit Navid B., jetzt im "Guardian". Navid erzählt, dass er sich nach seiner Verhaftung habe ausziehen müssen, dass man ihn geschlagen habe. Er redet auch über die unterdrückten Belutschen.
Frage an Ul-Haq: Wieso, verdammte Axt, kriegt ein englisches Medium ein Interview mit einem Mann, den wir seit Tagen suchen? Antwort: Navid B. ist Mitglied des "Baloch National Movement". Die sind daran interessiert, dass die Welt etwas von ihrem Kampf für die Belutschen erfährt, die pakistanische Organisation ist in England stark vertreten. Navid B. hat von der Führung die Anweisung erhalten zu reden.
Die Berliner Polizei weist alle Vorwürfe zurück, sie sagt: Es habe keine Misshandlungen gegeben. Tags darauf gibt sie bekannt, dass man erneut mit Navid B. geredet habe und dass der die Sache jetzt anders sehe. Es läuft nicht gut für Navid B. Erst war er ein Terrorist, jetzt ist er ein Lügner. In jedem Fall hat er ständig die deutschen Sicherheitsbehörden an den Hacken.
Schließlich der Durchbruch. Ein Informant ruft an. Die Polizei habe einen Pakistaner in ein Hotel gebracht. Vielleicht sei das mein Mann.
Schmaler, dunkelhäutiger Typ, mit traurigem Blick und abstehenden Ohren?
Ja, der ist hier.
Wieder waren andere schneller, wieder redet Navid, diesmal mit Beamten vom BKA. Es geht noch mal um die Schläge. Navid sitzt in einem tiefen Sessel und sieht erledigt aus. Zwei Polizisten notieren etwas, ein Übersetzer sitzt dabei und auch der Cousin.
Irgendwann ist das Gespräch beendet. Navid B. läuft nach draußen, er schwankt etwas beim Gehen. Seinem Cousin sagt er, dass er versprechen musste, mit niemandem mehr über die Sache zu reden.
Danach steht Navid bis tief in die Nacht vor dem Hotel und raucht. Soll man ihn ansprechen?
Anruf beim Chef. Man beschreibt diese unendlich traurige Figur, die man gerade erlebt hat, mit roten, verängstigten Augen und schwankendem Gang. Ein belutschischer Geist.
Chef unterbricht: "Wir lassen den in Ruhe."
Von Juan Moreno Mitarbeit: Shams Ul-Haq

DER SPIEGEL 2/2017
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