07.01.2017

EinwurfGerne versagen

Gute Vorsätze sind wider die Natur.
Jetzt aber mal zusammenreißen: Ab sofort gibt's Apfelschnitze statt Schokokekse; jeden Abend Liegestütze und Arte-Dokus; am Wochenende Handypause und echte Literatur. Das sollte doch hinzukriegen sein. Oder?
Nein. Muss nicht, soll auch gar nicht. Ihr schon kurz nach Silvester Gescheiterten, grämt euch nicht. Lauscht der Botschaft der Wissenschaft: Gute Vorsätze sind wider die Natur. Es ist Zeit, mit ein paar Mythen aufzuräumen. Ihr glaubt, euer Wille sei zu schwach? Unsinn. Willensstärke führt kaum zu Besserung. Auch Information ist nutzlos. Wer die Gefahren des Rauchens kennt, schafft den Entzug keinen Deut leichter. Ebenso überflüssig sind Apps, die durch Gebimmel zur Bewegung mahnen. Sogar der Rat, die Ziele nicht so hoch zu hängen, nutzt kaum.
Denn Gewohnheiten entstehen durch Taten, nicht durch Wünsche, Wissen oder Ermahnung. Wer sich Obst statt Gummibärchen auf den Schreibtisch stellt, wird am Ende gewinnen, versprechen Psychologen. Jedoch nicht, weil Vernunft regierte, sondern weil ein Automatismus einen anderen ersetzt.
Dafür braucht es allerdings Geduld. Drei Wochen dauert es im Schnitt, bis sich der Mensch etwas zur Gewohnheit macht. Geht es um Größeres, ist leicht ein Jahr vonnöten. Das gelingt den wenigsten. Drei Viertel aller Fitnessklub-Aspiranten melden sich im Januar an. Der Großteil von ihnen kommt bis Jahresende nur drei- oder viermal wieder.
"Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, die Naturgesetze zu beeinflussen", notierte Oscar Wilde. Ganz so ist es nicht. Aber jenen, die in diesem Jahr wieder an ihren Neujahrszielen verzweifeln, möchten wir zurufen: Ihr seid auch nur kleinhirngesteuerte Affen. Und vielleicht liegt im Scheitern sogar Weisheit verborgen. "Geht es doch unsern Vorsätzen wie unsern Wünschen", schrieb Johann Wolfgang von Goethe, "sie sehen sich gar nicht mehr ähnlich, wenn sie ausgeführt, wenn sie erfüllt sind."
Mail: philip.bethge@spiegel.de

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Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 2/2017
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