07.01.2017

Zeitgeschichte„Infamer Vorwurf“

Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) Andreas Wirsching, 57, über die Kritik des Londoner Literaturwissenschaftlers Jeremy Adler an der IfZ-Edition von Hitlers "Mein Kampf"
SPIEGEL: Herr Wirsching, vor einem Jahr veröffentlichte Ihr Institut eine Edition von "Mein Kampf". Nun wirft Adler den Herausgebern, also Ihren Mitarbeitern, antisemitische Tendenzen vor. Zu Recht?
Wirsching: Das ist infam. Adler reißt Zitate aus dem Zusammenhang, verkehrt sie ins Gegenteil oder unterschlägt Wesentliches. So schreibt Hitler in "Mein Kampf", "der Jude" sei "niemals im Besitze einer eigenen Kultur" gewesen. Meine Kollegen vermerken ausdrücklich, diese Aussage sei "absurd", und begründen das. Trotzdem unterstellt Adler, sie würden Hitlers Behauptung bestärken.
SPIEGEL: Was ist mit Adlers Kritik, zahlreiche antisemitische Passagen blieben unkommentiert, etwa dass Juden eine "mediterran-mongoloide Mischrasse" gebildet hätten?
Wirsching: Das stammt von dem Rassisten Jörg Lanz von Liebenfels, und meine Kollegen zitieren es im Kommentar. Eine Hauptaufgabe der Edition besteht darin, die Quellen für Hitlers Weltanschauung deutlich zu machen und ihn einzubetten in die rassistische, antisemitische und völkische Tradition, die es in Deutschland im 19. Jahrhundert gab. Es ist absurd, wenn den Kommentatoren jetzt vorgeworfen wird, sie würden Hitler unterstützen, nur weil sie aus entsprechenden Schriften zitieren.
SPIEGEL: Laut Adler übernehmen die Kommentatoren auch das antisemitische Vorurteil Hitlers, Juden seien in der Presse überrepräsentiert.
Wirsching: Die Kommentatoren zitieren Pamphlete, die dieses Vorurteil verbreiteten, darunter eine aberwitzige Liste angeblich "jüdischer, judenfreundlicher und unvölkischer" Zeitungen. Sie schlussfolgern dann, es habe "wenig bedurft, um unter Antisemiten als 'verjudet' zu gelten". Adler verdreht das in einer skandalösen Weise, als ob meine Kollegen Hitler bestätigen wollten.
SPIEGEL: Adler behauptet auch, Sie verletzten editorische Standards, etwa weil Sie keine "definitive Fassung" von "Mein Kampf" präsentierten. Also den Originaltext.
Wirsching: Das offenbart Adlers grundsätzlichen Mangel an Kenntnis der Materie. Bis auf 23 Seiten gibt es keine handschriftlichen Originale von Hitler.
Von Klw

DER SPIEGEL 2/2017
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