14.01.2017

Konsum„Wir machen Rock 'n' Roll“

Von Berlin aus will Stone Brewing den europäischen Markt mit Craft Beer versorgen. Die Frage ist, ob der Markt dafür bereit ist.
Greg Koch, 52, ist einer der bekanntesten amerikanischen Kreativbrauer. Vor 21 Jahren gründete er die Brauerei Stone Brewing, heute eine der zehn größten Craft-Brauereien in den USA. Vor wenigen Monaten eröffnete Stone Brewing eine Dependance in Berlin.
SPIEGEL: Herr Koch, warum braucht ausgerechnet Deutschland Biernachhilfe von einer Brauerei aus Kalifornien?
Koch: "Brauchen" ist vielleicht das falsche Wort. Es geht darum, die Vielfalt zu vergrößern. Wir brauen zum Beispiel stärker gehopfte Biere oder etwa das Mokka-Stout mit Wintergewürzen. So etwas gibt es auf dem deutschen Markt bisher kaum.
SPIEGEL: Sie meinen, außer Pils und Weißbier ist hier nicht viel zu bekommen?
Koch: Es gibt hervorragendes deutsches Bier – es ist bloß meist schwer zu finden, weil der Einzelhandel es nicht führt. Außerdem sorgt das Reinheitsgebot, das die Zutaten vorschreibt, dafür, dass weniger experimentiert werden kann. Deutsche Biere sind für mich so was wie die klassische Musik. Wir aber machen Rock 'n' Roll.
SPIEGEL: Kritisieren Sie deswegen das Reinheitsgebot so vehement?
Koch: Gegenfrage: Warum soll ich mir etwa beim Musizieren vorschreiben lassen, nur Gitarre, Drums und Gesang zu nutzen? Ich sehe das als künstliche Beschränkung. Trotzdem brauen auch wir die meisten Biere nur mit Hopfen, Malz, Hefe und Wasser.
SPIEGEL: Die Deutschen scheinen mit ihrem klassischen Bier ganz zufrieden zu sein.
Koch: Aber der Bierkonsum sinkt. Der Grund ist die Industrialisierung der Branche: Große Getränkekonglomerate stellen massentaugliche Biere her und normieren den Geschmack. Gleichzeitig kaufen sie kleinere Brauereien auf und schließen Standorte.
SPIEGEL: Die Konzerne kaufen sich aber längst auch in die Craft-Szene ein, leiden Sie darunter?
Koch: Wir sehen das sportlich. Wenn Sie Metallica-Fan sind und Britney Spears anfängt, Heavy Metal zu machen, dann ist das kein Grund zur Beunruhigung.
SPIEGEL: Metallica ist ja auch eher Mainstream im Heavy Metal. Unterscheidet sich die Craft-Beer-Szene überhaupt noch von traditionellen Bierherstellern?
Koch: Nur weil wir wachsen, heißt das ja nicht, dass wir unsere Prinzipien über Bord werfen. Ein entscheidender Unterschied ist der Einsatz von Rohstoffen: In den USA stellt die Craft-Szene rund 20 Prozent des Bieres her, braucht dafür aber etwa so viel Hopfen wie für die restlichen 80 Prozent verwendet wird. Das sagt schon viel aus.
SPIEGEL: Dennoch scheint der Craft-Boom abzuflauen. Selbst Sie haben vor Kurzem Leute entlassen müssen.
Koch: Ja, und das tat uns sehr leid. Das Wachstum des gesamten Segments war in den USA nicht mehr nachhaltig, zeitweise haben statistisch gesehen bei uns 1,5 Craft-Brauereien pro Tag neu eröffnet.
SPIEGEL: Warum ist Deutschland bisher eine Craft-Nische geblieben?
Koch: In Deutschland gibt es die Tradition, auf Altbewährtes zu setzen. Trotzdem ändert sich langsam etwas. Vor einigen Monaten kam in Berlin ein etwa 75-jähriger Mann auf mich zu. Er sagte: "Ich habe gehört, Sie sind hier der Besitzer. Ihr Bier schmeckt so, wie ich es von früher gewohnt bin." Er meinte nicht unbedingt unsere extremen Ales, aber er hat eine intensive Malz- und Hopfennote in unseren Bieren wiedererkannt. Der Hopfengehalt wird im Massenbier seit Jahren reduziert, aus Kostengründen. Die Craft-Brauer haben das komplett gedreht.
SPIEGEL: Auf einer Ihrer Dosen steht, es sei fraglich, ob man genug Geschmack und Erfahrung habe, die Qualität des Biers zu erkennen. Ist das Werbung oder Erziehung?
Koch: Wahrscheinlich beides. Bier kann im besten Fall Kunst sein, und unsere Biere sollen nicht langweilen. In Deutschland sind ja viele stolz, dass das Bier so billig ist wie nirgendwo sonst in Westeuropa – und glauben gleichzeitig, es sei das beste. Können Sie mir irgendein Produkt auf der Welt nennen, das zugleich das billigste und beste ist? Das gibt's nicht.
SPIEGEL: Um Ihre Marke einzuführen, haben Sie mit einem Stapler einen riesigen Stein auf deutsche "Fernsehbiere" fallen lassen. Braucht es derartiges Marketing, damit man wahrgenommen wird?
Koch: Das waren – um mit Trump zu sprechen – unverantwortliche Presseberichte. Im Ernst: Es ging um internationale Industriebiere, auch amerikanische. Diese Biere sind eine Beleidigung. Wer mit so einem Bier vor 100 Jahren nach Deutschland gekommen wäre, wäre damit beworfen worden.
SPIEGEL: Wird Berlin für Stone eine Art Bier-Drehscheibe?
Koch: Ja, wir beliefern von hier aus bereits 20 Länder. Skandinavien wird neben Deutschland und Großbritannien der wichtigste Markt werden, seit Dezember sind wir in Russland vertreten.
SPIEGEL: Ihr Bier wird hier in Dosen abgefüllt, die haben in Deutschland nicht den besten Ruf.
Koch: In Europa Flaschen hin- und herzufahren wäre nicht nachhaltig gewesen. Uns interessiert zudem, wie der Geschmack am besten erhalten wird. Und da sind Dosen den Flaschen überlegen.
Interview: Nils Klawitter
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 3/2017
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