21.01.2017

WIRKUNG

Redakteure und Reporter recherchieren ihre Geschichten und schreiben sie auf. Und danach? Eine Tochter ist unglücklich, ein Aktivist wütend. Ein Kanzler lernt dazu. Ein Schriftsteller und ein Kritiker sprechen nicht mehr miteinander. Es ist nicht immer genau diejenige, die geplant war – aber sicher ist: Der SPIEGEL zeigt Wirkung

"Ich werde Dich also mit Sie anreden"

Gerhard Schröder, 72 (SPD), war von 1990 bis 1998 Ministerpräsident von Niedersachsen und von 1998 bis 2005 Bundeskanzler.

"Der SPIEGEL begleitet mich seit mehr als 50 Jahren. Als ich Schüler und Student war, war er die Basis meiner politischen Sozialisierung in den Sechzigerjahren. Ich war ein glühender Anhänger von Rudolf Augsteins Magazin; an jedem Montag war es Pflichtlektüre. Der SPIEGEL hat meine Generation politisiert, weil er eine Haltung hatte, weil er Verfechter eines demokratischen und neuen Deutschlands war, sich seiner Vergangenheit bewusst und seine Zukunft in einer offenen Gesellschaft in der Mitte Europas sehend. Ohne die publizistische Unterstützung durch Augstein, aber auch durch Gräfin Dönhoff und Henri Nannen, hätte die Gefahr bestanden, dass die Ost- und Entspannungspolitik Willy Brandts scheitert. Diese klare Positionierung war wichtig für das ganze Land. Und sie hat mich geprägt.
Heute ist mein Verhältnis zum SPIEGEL distanzierter. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich von 1973 an selbst zum Objekt der Berichterstattung wurde. Vor allem der verstorbene Korrespondent und Autor Jürgen Leinemann hat meinen politischen und privaten Werdegang, manchmal mit großer Nähe, manchmal mit großer Distanziertheit, beschrieben. Zu Beginn meiner politischen Karriere war ich von Journalisten und ihrer Arbeit fasziniert, weil sie für mich ,Macht', an der ich teilhaben wollte, verkörperten. Umgekehrt galt und gilt auch für Journalisten, dass sie sich von der Welt der Politik beeindrucken lassen. Der Verleger war davon nicht frei. Rudolf Augstein hat mich über die Jahre meist wohlwollend, gelegentlich auch kritisch, begleitet. Nach meiner Wahl zum Bundeskanzler schrieb er mir, dass ich im neuen Amt nicht so bleiben könne, wie ich zuvor gewesen sei: ,Ich werde Dich also künftig mit Sie anreden.' Dahinter verbarg sich nicht nur Koketterie, sondern auch Professionalität.
Und in der Tat musste ich lernen, dass die Berichterstattung über einen Bundeskanzler viel härter und kritischer war als die über einen Ministerpräsidenten, der Ambitionen hatte. Aber was auch immer uns trennte, Männer wie Augstein und Leinemann zeigten immer großen Respekt vor der Arbeit von Politikern, vor der Kraftanstrengung und der Fähigkeit, Druck standhalten zu können. Der Verleger schrieb mir in den Kanzlerjahren weiterhin, zum Glück wieder in der persönlichen Anrede, und riet mir vertraulich das ein oder andere in der Außen- und Innenpolitik. Wenige Monate vor seinem Tod erhielt ich seinen letzten Brief, den er mit den Worten schloss: ,Dein Dir immer geneigter Freund, der Hanseat Rudolf Augstein'. Ein Satz, der mich tief berührt hat.
Mit seinem Tod endete eine Ära der deutschen Pressegeschichte. Konnte der SPIEGEL daran anknüpfen? Erkennbar ringt das Blatt mit der neuen Medienwelt – wobei das Onlineangebot durchaus respektabel ist –, vielleicht auch mit der Bürde der früheren Bedeutung. Wenn man in Deutschland von der vierten Gewalt spricht, jenem unbequemen Wächteramt der Presse, dann denkt man immer noch zuerst an den SPIEGEL, jenes Magazin mit einer ganz eigenen journalistischen Tradition.
Wir brauchen heute einen SPIEGEL, der eine Haltung einnimmt und diese den Leserinnen und Lesern vermittelt. Die Herausforderungen sind andere als zu Zeiten von Rudolf Augstein, aber durchaus ver-gleichbar: In einer Zeit, in der Populisten von rechts unsere freiheitliche Grundordnung infrage stellen und das vereinigte Europa als Einheits- und Friedensprojekt vor einer Bewährungsprobe steht, kann das Magazin Verantwortung übernehmen. Das ,Sturmgeschütz der Demokratie', wie Augstein sein Blatt selbst nannte, muss sich auf den dumpfen, intoleranten und antieuropäischen Populismus richten."


"Für Kohl war der SPIEGEL ein politischer Feind"

Andreas Fritzenkötter, 58, ehemaliger Medienberater von Helmut Kohl, 86 (CDU), über das Verhältnis des Altkanzlers zum Hamburger Nachrichten-Magazin
SPIEGEL: Unser Blatt hatte Helmut Kohl 75-mal auf dem Titel, häufiger als jeden anderen Politiker. In der Regel stand nichts Freundliches über ihn darin. Wie hat er in seiner aktiven Zeit den SPIEGEL gesehen?
Fritzenkötter: Für Kohl war der SPIEGEL ein politischer Feind. Er hat sich von der Redaktion verfolgt gefühlt und hatte den Eindruck, dass der SPIEGEL ihn wegschreiben wollte. Das hat er sehr persönlich genommen und auch immer gesagt, er würde den SPIEGEL nicht lesen.
SPIEGEL: Stimmte das?
Fritzenkötter: Im Prinzip ja. Seine Frau Hannelore hat das Heft gelesen und ihm dann erzählt, was drinstand.
SPIEGEL: Der SPIEGEL hat mit allen wichtigen Politikern Gespräche geführt, nur mit Kohl als Kanzler hat es nie eines gegeben. Wäre es aus Ihrer Sicht nicht klüger gewesen, den Kontakt zu suchen?
Fritzenkötter: Ich bin 1989 zur Kohl-Truppe gestoßen und fand es eigentlich unmöglich, dass man so ein Feindverhältnis aufgebaut hatte. Aber ich habe dann sehr schnell gelernt, dass Kohl in der Frage eisern war. Und am Ende war es ja fast Kult, dass das führende deutsche Nachrichten-Magazin keinerlei Kontakt zum Kanzler hatte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt habe ich Kohl vorgeschlagen, ob er sich nicht mit einem Redakteur treffen wolle, der nichts mit der alten Geschichte zu tun hatte. Er hat nur gesagt: "Warum soll ich das tun? Ich kann nur verlieren, und die können nur gewinnen."
SPIEGEL: Sie waren jahrelang sein Sprecher. Galt das Redeverbot auch für Sie?
Fritzenkötter: Ich habe in meiner Eigenschaft als Pressemensch für Helmut Kohl natürlich mit SPIEGEL-Korrespondenten gesprochen. Wir haben uns auch getroffen, oft konspirativ, in Restaurants außerhalb von Bonn, damit das nicht so auffiel.
SPIEGEL: Wusste Kohl davon?
Fritzenkötter: Ich glaube, das war toleriert. Einmal am Anfang wollte ich ihm pflichtgemäß berichten, weil ich ihn ja auch nicht hintergehen wollte, dass ich mich mit zwei Redakteuren des Bonner Büros getroffen hatte. Ich hatte gerade angesetzt, da sagte er: "Lass mal gut sein, ich will das gar nicht wissen."
SPIEGEL: Rudolf Augstein hat ihm nach dem Mauerfall in einem Kommentar mit dem Satz "Glückwunsch, Kanzler" zu seinem umsichtigen Verhalten gratuliert. Hat Kohl das wahrgenommen?
Fritzenkötter: Das hat ihn gefreut. Die Ablehnung hat sich auch weniger gegen die Person Augstein gerichtet, sondern mehr gegen das Medium, dem er vorstand. Ich erinnere mich, dass wir Anfang der Neunzigerjahre mal das Wohnhaus von Konrad Adenauer in Rhöndorf besichtigt hatten, da gibt es eine Wand, an der ganz viele Kranzschleifen zum Tode von Adenauer hängen. Kohl sah die Schleife von Augstein und sagte in die Runde: "Na, von dem kriege ich bestimmt keinen Kranz." Zwei Wochen später kam ein handgeschriebener Brief aus Hamburg, eine DIN-A4-Seite mit nur einem Satz drauf: "Sie kriegen auch einen!"

"Wir trauten uns jetzt"

Regina Eppert, 73, erlebte in den Sechzigerjahren in der alten Bundesrepublik, was vielen Heimkindern widerfuhr: Sie wurden geschlagen, gedemütigt. Jahrzehntelang wurde es verschwiegen. Im Frühjahr 2003 berichtete der SPIEGEL darüber.

"Es war an einem Montag im Mai 2003. Meine Schwester Elke rief mich an und sagte: Hol dir den SPIEGEL, darin wird von unserer Jugendzeit im Dortmunder Vincenzheim berichtet. Als ich den Artikel ,Unbarmherzige Schwestern' las, wurde alles wieder gegenwärtig, worüber ich 40 Jahre aus Scham geschwiegen hatte. Die Veröffentlichung durchbrach ein Tabu bei Hunderttausenden ehemaligen Heimkindern, die weder Ehepartnern noch ihren Kindern von dieser schrecklichen Zeit zu erzählen gewagt hatten. Mir hatte Anfang der Sechzigerjahre das Amtsgericht Altena in Westfalen meine angeblich angehende Verwahrlosung bescheinigt. Ich war gerade 17 Jahre alt, aber mit einem Kind für die Gesellschaft offenbar nicht tragbar, wurde vom Jugendamt abgeholt und mit meiner Tochter Christine in die geschlossene Erziehungsanstalt gebracht. Mein soziales Umfeld brach zusammen, ich verlor meinen Arbeitsplatz, unsere Familie wurde auseinandergerissen.
Nach dem Artikel fanden sich Ehemalige aus dem Vincenzheim zusammen, die ebenfalls nicht länger schweigen wollten. Wir trauten uns jetzt sogar gemeinsam an den Ort zurück, an dem katholische Ordensschwestern die Mädchen erniedrigt und gequält hatten, der Beichtpater uns sexuelle Gewalt angetan hatte.
Es war nicht einfach, die Schwestern blieben verständnislos, der Orden verharmloste das Handeln des Beichtvaters, der uns über Sexualität aushorchte und dabei im Beichtstuhl onanierte.
Ich fand den Mut, öffentlich zu reden: auf Veranstaltungen, in Interviews, in Fernseh-Talksendungen und an Universitäten oder Fachhochschulen, wo heutige Erzieher und Pädagogen ausgebildet werden, die von unseren Erfahrungen wissen sollten. Besonders freut mich, dass das Jugendamt Münster mich immer wieder als Gastrednerin zu Seminaren einlädt.
Ich habe auch angefangen zu schreiben, eigene Bücher, in die meine Lebenserfahrungen einfließen. Bei den Lesungen denke ich dann manchmal: Bist du das wirklich? Jetzt bin ich in den Siebzigerjahren meines Lebens angekommen, stehe aber morgens munter auf, mein Herz schlägt jung.
Ich war schon einmal älter."


"Das Titelbild war Fahndungsplakat"

KD (Karl Dietrich) Wolff, 73, war 1967/68 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Im November 1969 erschien er als einer der "Studenten vor Gericht" auf dem SPIEGEL-Titel. 1970 gründete Wolff den Verlag Roter Stern und wurde 2009 für seine Verdienste um die deutsche Literatur (er verlegte unter anderen Hölderlin, Kleist und Kafka) mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

"Als SDS-Vorsitzender war ich damals ständig in der Zeitung und im Fernsehen. Aber auf dem SPIEGEL-Titel zu sein, das war schon noch was extra. Das vorn rechts auf dem Titelbild, das bin ich, daneben sitzt mein Anwalt Rupert von Plottnitz, der spätere Grünenpolitiker. Hinten, halb verdeckt, das ist Hans-Jürgen Krahl, dann Günter Amendt und rechts im Hintergrund Amendts Anwalt Johannes Riemann. Das Bild stammt vom sogenannten Senghor-Prozess. Es ging um eine Demonstration gegen die Friedenspreisverleihung an den senegalesischen Staatspräsidenten Leopold Senghor in Frankfurt 1968. Dabei waren Scheiben eingeschmissen worden. Krahl und Amendt und ich, wir wurden als Organisatoren angeklagt. Aber wir hatten das gar nicht organisiert, das war überhaupt nicht nötig. Es gab ein Flugblatt, das genügte. Auf dem stand: ,Wir schlagen vor, dass der Bürgerrechtler Malcolm X posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommt, nicht Senghor, diese kolonialistische Marionette.' Da kamen drei-, viertausend Leute und blockierten die Paulskirche. Die Preisverleihung fand allerdings trotzdem statt.
Daniel Cohn-Bendit war auch bei der Demonstration, er sprang über ein Gitter und wurde gleich verhaftet. Er kriegte ein Schnellverfahren und wurde zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt.
Ich hatte in dieser Zeit insgesamt 38 Verfahren am Hals, aber ich bin kein einziges Mal verurteilt worden. Beim Senghor-Prozess wurde ein Dreivierteljahr lang zwei- bis dreimal pro Woche verhandelt. Dann platzte der Prozess, ein Richter wurde krank, es war offiziell kein Ersatz da. Man hätte alles neu aufrollen müssen. Wir hatten angekündigt, dass wir alle Verfahren führen würden, davor hatten die Angst. Ihr werdet die ganze Jugend als Feinde haben, sagten wir den Richtern. So etwas geht nur, wenn man das Gefühl hat, man spricht für eine ganze Generation. Das war damals so.
In der SPIEGEL-Titelgeschichte vom 3. November 1969 steht, es seien zehntausend Ermittlungsverfahren, die gegen Studenten laufen würden. In Wirklichkeit waren es noch viel mehr. Die Richter warteten auf eine Amnestie, es ging gar nicht anders. Darauf zielt ja auch der SPIEGEL-Artikel ab. Es ging dann auch ganz schnell, das ganze Demonstrationsrecht wurde 1970 geändert, und da konnte man Leute, die nach dem alten Gesetz verurteilt worden waren oder gegen die Verfahren liefen, einfach amnestieren. Man sah die Gefahr, dass die Demonstrationstäter sich radikalisieren würden, das wollte man vermeiden.
Das Titelbild ist mir dann noch mal wiederbegegnet, als eine Art Fahndungsplakat. Wir halfen zu jener Zeit auch amerikanischen Soldaten, die nach Vietnam geschickt werden sollten, zu flüchten, vorwiegend nach Schweden. Und wir haben Solidaritätsarbeit für die amerikanische Black-Panther-Bewegung gemacht, das war einer der Gründe, warum ich 18 Jahre lang Einreiseverbot in die USA hatte. Wir fuhren in die Kasernen in der Umgebung von Frankfurt, wo die GIs stationiert waren, zeigten Filme zur Geschichte des schwarzen Widerstands und verteilten Black-Panther-Zeitungen, solche Sachen. Damals konnte man einfach so in die Kasernen reinfahren, das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.
Wir kamen also wieder mal an einer Kaserne an, in Aschaffenburg oder irgendwo, und da hing am Eingang dieses SPIEGEL-Cover, mit einem Pfeil auf mich und dem Hinweis: ,Don't admit this person under any circumstances.' Die brauchten das Bild nicht mal nachzudrucken, sie haben einfach das Titelbild genommen, so wie es war. Von da an bin ich nicht mehr reingekommen in die Kasernen."


"Untergangsstimmung, Panik"

Bernd Aretz, 68, Rechtsanwalt im Ruhestand, langjähriger Aktivist der Aidshilfe, HIV-infiziert, über die Aids-Berichterstattung im SPIEGEL

SPIEGEL: Wie haben Sie erfahren, dass Aids existiert?
Aretz: Ich wusste es aus einer englischen Schwulenzeitschrift, aber auf Deutsch habe ich zum ersten Mal 1982 im SPIEGEL darüber gelesen. Und habe mich schwarzgeärgert.
SPIEGEL: Warum? Der SPIEGEL hat früh darüber berichtet, weil ein Wissenschaftsreporter, ein ausgebildeter Arzt, davon erfahren hatte, dass unter Schwulen eine gefährliche neue Krankheit umgeht. Was ist schlecht daran?
Aretz: Es kommt doch darauf an, wie man darüber berichtet! Ich habe ein Titelbild noch vor Augen, es war, glaube ich, 1985: "Die großen Seuchen: Aids, Syphilis, Pest, Cholera".
SPIEGEL: Was stört Sie daran?
Aretz: Es waren diese düsteren Bilder, es war diese Katastrophenberichterstattung, die eine Untergangsstimmung schuf. Panik.
SPIEGEL: Aber vielleicht hat der Kollege mit seiner Berichterstattung ja mehr Menschen gerettet als zu seiner Zeit als Arzt? Weil er die Menschen sensibilisiert hat für die Gefahren?
Aretz: Das ist Humbug. Diese Stimmung förderte nicht die Aufklärung, sondern Angst. Ich war damals Anwalt, mit dem Schwerpunkt soziales Elend aller Art, und ich erinnere mich gut: Juristen bezogen ihre Einschätzungen über Aids aus dem SPIEGEL. Ich erinnere mich an eine Philippinerin, die ich vertrat, sie hatte sich bei ihrem Mann infiziert, hatte ihn bis zum Tod gepflegt und sollte nun abgeschoben werden, weil keine Ehe mehr als Hinderungsgrund vorlag. Unerhört, fand ich, und die Gegenseite argumentierte: Sie sehen doch, das ist eine Seuche, wie die Pest, die Cholera.
SPIEGEL: Man musste schließlich warnen.
Aretz: Man musste aufklären, aufklären, aufklären – ohne Druck und Bedrohungsszenarien. Ich habe 1984, sobald es den HIV-Test gab, einen machen lassen und erfahren: Ich bin infiziert. Ich weiß also, von welcher Stimmung ich spreche. Ich hatte das Glück, in Frankfurt eine gute medizinische Betreuung zu bekommen bei einer Ärztin, die Studien durchführte und nicht Ihrer Panikmache verfiel.
SPIEGEL: Sie sagen: unserer Panikmache. Aber wenn ich die Aids-Berichterstattung der frühen Jahre anschaue, dann finde ich im SPIEGEL nicht nur die harte Haltung, die der bayerische Innenstaatssekretär Peter Gauweiler vertrat – für Zwangstests, im Extremfall sogar für Internierung –, sondern auch Kritik daran. Und ich finde die Haltung Rita Süssmuths wieder, die damals Bundesgesundheitsministerin war und sich jeder Form von Repression widersetzte.
Aretz: Ja, es gab sogar einen Titel mit ihr, auf dem sie in einer kondomähnlichen Plastikfolie zu sehen ist. Wenn's hilft, hat sie sich wohl gesagt. Aber prägend waren doch die anderen Titel, die anderen Texte. Was mich vor allem geärgert hat, war: Es wurde immer wieder der Eindruck erweckt, als sei quasi bei jedem Sexualkontakt mit einem HIV-Infizierten eine Ansteckung zu erwarten. Und das war und ist nicht so.
SPIEGEL: Inzwischen hat das "Schwule Netzwerk NRW" dem SPIEGEL eine "Kompassnadel" für seine "positive Darstellung einer vielfältigen und pluralistischen Gesellschaft" verliehen.
Aretz: Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, nach dieser Vorgeschichte. Aber die Zeit der Horrorgeschichten ist ja tatsächlich vorbei. Ich denke, irgendwann muss man alte Kriege auch mal begraben.

"Auch uns Kinder traf das"

Monika Hohlmeier, 54, ist das jüngste Kind von Franz Josef Strauß (CSU), der von 1978 bis 1988 bayerischer Ministerpräsident war. Sie selbst war Kultusministerin in Bayern – bis der SPIEGEL unter anderem mit Enthüllungen über Wahlmanipulationen in der Münchner CSU ihren Rücktritt mitverursachte. Hohlmeier bestritt die Vorwürfe. Seit 2009 ist sie Abgeordnete im Europaparlament.

"Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal den SPIEGEL gelesen und von da an ziemlich regelmäßig, wenn auch nicht immer gern. Ich war begeistert von manchen sehr gut recherchierten und profunden Artikeln, und ich war wütend über die, wie ich es empfand, politische Einseitigkeit und Agitation gegen meinen Vater. Verstanden habe ich diesen Gegensatz nicht. Auf der einen Seite ernsthafter Qualitätsjournalismus, auf der anderen die blanke Hetze gegen einen demokratisch gewählten Politiker, dessen Legitimation regelmäßig mit 60 Prozent bestätigt wurde. Manche Titel habe ich noch bildlich vor mir, und vor allem erinnere ich mich an die tief gehende Kränkung, die etliche Angriffe gegen meinen Vater bei mir hinterlassen haben: Mein Vater wurde als korruptes, machtgieriges Ungeheuer dargestellt. Ich konnte den tatsächlichen Franz Josef Strauß in manchen Texten nicht wiedererkennen. Den wortgewaltigen, Maßstäbe setzenden Politiker mit glasklarem inhaltlichem Profil, den Freund der deutlichen Aussprache und den guten Vater. Klar, zeitweilig war er wie ein Hochgebirgsgewitter: heftig, laut und reinigend, manchmal aber auch empfindsam, wenn er helfen oder Ungerechtigkeit abwenden wollte. Und vor allem: Ich habe kaum einen unabhängigeren Menschen getroffen als ihn.
Diese von Verantwortung geprägte politische Ethik fand ich in den Artikeln über ihn nur selten wieder, wohl aber in seinen Interviews, die er im Gegensatz zu Helmut Kohl trotz allem dem SPIEGEL regelmäßig gab. Er hatte Freude am politischen Gefecht und hätte um nichts in der Welt dem SPIEGEL oder Rudolf Augstein klein beigegeben oder gezeigt, wie tief ihn manche falsche oder einfach bizarre Anschuldigung traf und wie sehr es ihn ärgerte, diesem Wochenmagazin nicht beizukommen.
Spätestens seit der Biografie von Professor Horst Möller ist für mich klar, dass viele sogenannte Affären der willkürlichen Interpretation unterlagen oder einfach entgegen der Wahrheit geschrieben worden waren. Mein Vater lieferte dem SPIEGEL mit seinen plastischen Formulierungen und seinen zeitweiligen Temperamentsausbrüchen die eine oder andere Vorlage, die Rudolf Augstein, sein ,anhänglicher Widersacher', zu nutzen wusste und für die er gleichzeitig in seiner Wählerschaft geliebt wurde. Der Strauß, der mit Wortspiel, Witz oder auch lateinischen Zitaten brillierte und seine politischen Gegner zerlegte, beeindruckte auch Rudolf Augstein, sodass nicht nur mein Vater dem SPIEGEL Interviews gab, sondern Rudolf Augstein oder Erich Böhme sich auch regelmäßig zum Gespräch anmeldeten.
Kaum einer weiß, dass Rudolf Augstein meinen Vater nicht lange vor seinem Tod besuchte und die beiden in fröhlicher Erinnerung an so manches Gefecht die Welt analysierend fränkischen Wein genossen. Die Gegensätze zogen sich an, und so bizarr es klingen mag: Mein Vater hat erheblich zum Erfolg des SPIEGEL beigetragen. Die über viele Jahre dauernde Fehde ließ die Zahlen beim SPIEGEL rasch steigen und trug dazu bei, dass er lange Zeit das singuläre politische Leitmedium war. Heute würden Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß gemeinsam für Qualitätsjournalismus kämpfen, denn dieser hat einen hohen Wert für den demokratischen Rechtsstaat – gerade im digitalen Zeitalter.
Ein paar Kollateralschäden hinterließ die Auseinandersetzung doch: Einige Leute glaubten in den stürmischen Sechzigern und Siebzigern, es sei ihr gutes Recht, ja geradezu ihre Bürgerpflicht, die Familie des ,gefährlichen' Strauß zu schikanieren. Ich wurde im Jahr der SPIEGEL-Affäre 1962 geboren, habe also daran selbst keine Erinnerung und kenne die Zeit aus Erzählungen. Eines steht jedoch fest: Leicht hatte es meine Mutter in dieser aufgewiegelten Stimmung nicht! Mancher Passant wechselte den Gehsteig, um nicht denselben wie die Frau des vermeintlichen Feindes der Pressefreiheit nutzen zu müssen; andere spuckten vor ihr aus; Dritte riefen Ladenbesitzer dazu auf, dieser ,Schlampe' nichts mehr zu verkaufen; Vierte schrieben widerwärtige anonyme Drohbriefe und noch anderes mehr. Lange Jahre später saßen ihr diese Erlebnisse noch in den Knochen. Sie musste feststellen: ,Die Würde des Menschen ist antastbar.'
Auch uns Kinder traf das: Manche Leute griffen uns nur deshalb an, weil wir Kinder unseres Vaters waren, und selbst mein Sohn wurde noch fast 20 Jahre nach dem Tod meines Vaters von einer Lehrerin mit abstrusen Äußerungen gepiesackt. Auch in späteren Jahren hat den SPIEGEL, wenn es um meine Familie oder mich selbst in politischen Funktionen ging, zeitweilig die Neutralität verlassen. Deshalb habe ich gegenüber einzelnen Reportern ein gesundes Misstrauen. Aber ich nehme mir meinen Vater zum Vorbild. Er glaubte, dass die Kraft der Argumente auch bei SPIEGEL-Lesern wirken müssten; er sagte: 'Ich will auch Andersdenkende erreichen, und das kann ich gerade über den SPIEGEL.'"


"Im Großen und Ganzen glücklich"

Lucia Engombe, 44, namibische Journalistin, wurde als Kind von der Befreiungsbewegung Swapo in die DDR verschickt. Ein Bericht darüber erschien im Jahr 2005.

"Ich wollte, dass Deutschland von der irren deutsch-afrikanischen Odyssee erfährt, die wir namibischen Kinder erlebt haben. Im Befreiungskampf war meine Familie nach Angola geflüchtet, und nach einem Angriff der südafrikanischen Streitkräfte auf das Flüchtlingslager Cassinga wurde ich mit anderen Kindern in die DDR gebracht. Insgesamt waren wir etwa 400. Zwischen meinem 7. und meinem 18. Geburtstag wurde ich dort erzogen. Ich habe erfahren, was die verordnete Völkerfreundschaft angerichtet hat: Statt zu Freundschaft führte sie eher zu Neid und Verdruss. In Staßfurt, wo ich als Jugendliche lebte, gab es immer wieder Ärger zwischen deutschen und afrikanischen Jugendlichen, über die viele Vorurteile verbreitet wurden. Bis heute hält sich dort das Gerücht, die SED hätte uns ein eigenes Schwimmbad gestellt. Schön wär's gewesen! In Wahrheit lebten wir sehr einfach, kein bisschen privilegiert. Wir waren nur dankbar, den Kämpfen in Afrika entkommen zu sein und endlich genug zu essen zu haben. Über diese Jahre habe ich ein Buch geschrieben, ,Kind Nr. 95', auch über die Zeit danach, als ich nach dem Ende der DDR zurück nach Namibia kam. Dort nahmen mich keine Eltern glücklich in die Arme. Die beiden lebten getrennt, mein Vater war mir völlig fremd geworden. Dieses Schicksal teile ich mit vielen DDR-verschickten Kindern.
Eine SPIEGEL-Redakteurin hat mein Leben in Deutschland und hier in Namibia nachrecherchiert. Dadurch ist meine Geschichte in Deutschland bekannt geworden, was mir wichtig war. Nach dem Artikel hat sich ein Leser aus Koblenz gemeldet und mich bei einer Namibiareise besucht. Dieser Leser und seine Frau haben eine Lesereise durch ein Dutzend Städte in Deutschland organisiert, eine schöne Erfahrung, vor allem in Ostdeutschland. Denn trotz allem war die DDR immer ein zweites Zuhause für mich, die deutsche Kultur ist auch meine. Die Begegnungen mit Journalisten haben es mir erleichtert, selbst Journalistin zu werden. Heute leite ich das deutsche Hörfunkprogramm der NBC in Windhoek – und bin im Großen und Ganzen glücklich. Meine Familie ist stolz, im SPIEGEL einmal so ausführlich vorgekommen zu sein. Es hat uns allen gutgetan."


"Brutale Konsequenzen"

Jörg Jaksche, 40, ist als Radprofi für verschiedene Rennställe gefahren, darunter das deutsche Team Telekom. 2006 flog er als Kunde des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes auf. Ein Jahr später beschrieb er im SPIEGEL (Nr. 27/2007), wie im Radsport systematisch betrogen wird.

"Würde ich es wieder so machen und über das Dopingsystem sprechen? Das ist für mich ganz schwierig zu beantworten. Ich würde auf jeden Fall gründlicher nachdenken, bevor ich mich entscheide. Ich wusste zwar damals, dass ich mit meiner Offenheit ein Risiko eingehe, aber die Konsequenzen waren brutal für mich. Ich habe nie wieder einen Vertrag als Rennfahrer bekommen. Während ich vom System ausgespuckt wurde, konnten die allermeisten Teammanager und Ärzte weitermachen. Hätte ich nicht geredet, dann hätte man mich wegen Dopings wohl für zwei Jahre gesperrt, und danach wäre ich wieder für irgendein Team gefahren. Wer schweigt, wird am Ende dafür belohnt. Mich hatte diese Heuchelei aufgeregt: Wenn einer von uns Fahrern erwischt worden war, empörten sich die Teamleiter und schmissen uns raus. Wir zahlten den Preis, indem wir unsere Gesundheit riskierten und den Arbeitsplatz verloren. Wir waren austauschbar. Die Manager taten so, als wüssten sie von nichts. Dabei waren sie es, die uns zum Dopen brachten und das System organisierten. Wer nicht dopte, hatte keine Chance mitzuhalten. Diese Erfahrung hatte ich gemacht, kaum dass ich Profi geworden war. Es gab nur die Wahl: mitmachen oder ganz aufhören.
Ich habe an meinem Fall geschildert, wie man an Doping herangeführt wird, wie es wirkt und wie man mit der Lüge lebt, sauber zu sein. Ich hatte darauf gehofft, dass andere Fahrer mir beistehen und auf den Zug aufspringen, genügend, um etwas zu bewirken. Aber das passierte nicht. Ich habe niemanden aus der Radszene getroffen, der sagte: ,Jörg, du hast recht, das war bitter nötig.' Ich war der Verräter, der Sponsoren verscheuchte und ein funktionierendes System bedrohte.
Der Radsport gibt sich heute gern geläutert, aber ich glaube nicht daran. Die Skandale haben einen erheblichen Druck aufgebaut, sich anders zu verhalten Einsicht scheint mir allerdings nicht verbreitet zu sein. Wenn es morgen keine Dopingkontrollen mehr gäbe, würde übermorgen wieder betrogen, was das Zeug hält.
Nach der Veröffentlichung im SPIEGEL habe ich vor vielen Institutionen über die Hintermänner ausgesagt, vor Anti-Doping-Agenturen, dem Weltverband, Kommissionen und dem Bundeskriminalamt. Bei allem Enthusiasmus, der Welt zu zeigen, was wirklich abläuft, blieb stets die persönliche Frage: Wie geht es mit mir weiter? Nach meinen Aussagen machte ich mich auf die Suche nach einem Team. Sie verlief ernüchternd. Sogar bei Mannschaften wie T-Mobile oder Gerolsteiner, also bei denen, die sich als Kämpfer gegen das Doping dargestellt hatten, stellte sich heraus, dass sie bis über beide Ohren verstrickt waren. Sie verloren ihre Existenz. Und ich meine Chance auf einen Job.
Nach etwa zweieinhalb Jahren merkte ich, dass ich mich nach etwas anderem umsehen muss. Ich hatte viel Energie in die Sache gesteckt, Anwaltskosten angesammelt und keine Gelddruckmaschine im Keller stehen. Ich lebte damals in Lucca, für einen deutschen Freund übernahm ich den Vertrieb für dessen Radcomputer in Italien. Ich ging dann nach Innsbruck, um zu studieren, erwarb den Bachelor in Betriebswirtschaft. Aber ich wollte dann doch weit weg, raus aus der ganzen Situation. Innsbruck war für mich ein Teil meines gescheiterten Outings geblieben, es hat zur Erzählung dazugehört.
Seit Mitte 2015 lebe ich in Sydney, um dort an der Uni meinen Master im Fach International Business zu machen. Und selbst in Australien holt mich das Thema Doping manchmal ein. Ich hatte kürzlich einen Termin bei einer Unternehmensberatungsfirma, die nichts mit Radsport zu tun hat. Trotzdem wurde ich in dem Vorstellungsgespräch darauf angesprochen: Was ich denn tun würde, wenn ich mitbekäme, wenn bei ihnen etwas nicht ordentlich liefe? Es auch öffentlich machen?
Es hört nicht auf."


"Als ob das Rückgrat gebrochen wird"

Gerhard Steidl, 66, ist Verleger und hat seit 30 Jahren Günter Grass im Programm – auch dessen Roman "Ein weites Feld", der auf einem SPIEGEL-Titelbild von 1995 entzweigerissen wird.

Es war ein Montagmorgen, um acht oder neun Uhr, als bei dem Verleger Gerhard Steidl das Telefon klingelte. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki war dran und sagte, dass er das Titelbild "eigentlich nicht möge". Steidl wusste anfangs gar nicht, wovon Reich-Ranicki sprach, denn der Anruf erreichte ihn, noch bevor er die aktuelle SPIEGEL-Ausgabe überhaupt in den Händen hielt. Das Titelbild des SPIEGEL an jenem Montag im August 1995 zeigte einen ärgerlichen Marcel Reich-Ranicki, der Günter Grass' neues Buch "Ein weites Feld" mittendurch in zwei Hälften riss. "Dass er sich noch am Morgen des Erscheinens von dem Titelbild distanzierte, war wichtig für mich", sagt Steidl heute.
Das Telefonat ereignete sich am Morgen des 21. August, sieben Tage bevor der Roman "Ein weites Feld" offiziell bei Steidl erscheinen sollte. Reich-Ranicki hatte für den SPIEGEL einen fulminanten Verriss geschrieben, fünf Seiten lang, die mit den Worten begannen: "Mein lieber Günter Grass ..." Schon im zweiten Absatz findet sich die Bemerkung: "... daß ich Ihren Roman ganz und gar mißraten finde"; wenige Seiten später dann: "Rundheraus gesagt: Sie überfordern die Geduld selbst Ihrer gutwilligsten Leser." Der Text endet mit einer Floskel: "Es grüßt Sie in alter Herzlichkeit Ihr Marcel Reich-Ranicki", doch dass für Herzlichkeit zwischen Kritiker und Schriftsteller nach diesem Text noch eine Möglichkeit bestanden haben könnte, wird kaum ein Leser geglaubt haben.
Die Entschiedenheit des SPIEGEL-Artikels übertrumpfte andere herbe Verrisse, die in der "Frankfurter Allgemeinen" oder auch in der "Zeit" zu lesen waren. Ein neuer Roman von Günter Grass, zumal einer, dessen Erscheinen lange erwartet worden war und der fast 800 Seiten umfasst, einer, in dem ein Wiedergänger Fontanes auftritt und die Treuhandanstalt ein wichtiger Schauplatz ist, galt im Deutschland der Neunzigerjahre selbstverständlich als kulturelles Großereignis.
Bald schon gab es in denselben Medien, in denen der Roman so schlecht besprochen worden war, eine Debatte darüber, wie mit diesem Buch umgegangen wurde. Dass Reich-Ranicki einer allerersten Lesung von Grass aus dem Roman im Frühjahr 1995 in der jüdischen Gemeinde Frankfurt applaudiert hatte, nach der Lektüre des ganzen Werks aber enttäuscht reagierte, erklärte der SPIEGEL mit den hohen Erwartungen des Kritikers an das Werk. Grass konnte diese Erklärung nie akzeptieren. Die SPIEGEL-Kritik führte zu einem fast zwei Jahrzehnte währenden Schweigen zwischen Schriftsteller und Kritiker. Erst 2011, zwei Jahre vor Reich-Ranickis Tod, sollen sich die beiden wieder getroffen haben, um einen Tee miteinander zu trinken, so erzählt es Steidl.
Steidl hatte 1993 die Rechte an allen Büchern Günter Grass' vom Luchterhand Verlag übernommen. Beim kleinen Göttinger Steidl-Verlag erhielt Grass einen ungewöhnlich hohen Tantiemenanteil und viel Mitspracherecht bei der Gestaltung. Steidl ist gelernter Siebdrucker; bis heute überwacht er persönlich die Produktion jedes Titels aus seinem Verlag. Man könnte auch sagen, Gerhard Steidl macht besonders schöne Bücher. Die Verlagsräume in Göttingen befinden sich in einem engen, verschachtelten Haus, in dem Papierrollen, Layouttische, gestapelte Kartons und Druckmaschinen einen Großteil des Raums einnehmen.
"Ich habe versucht, alles handwerklich korrekt zu machen, auch um Grass' Wunsch nach präziser Organisation entgegenzukommen." Noch heute ist zu spüren, wie ungerecht Steidl die Vorwürfe fand, sein Verlag habe damals strategische Fehler gemacht: Man habe noch vor den Sommerferien zu viele Leseexemplare verteilt, auch dass von einem "Jahrhundertroman" die Rede war, wurde dem Verlag angehängt. Tatsächlich geht der Begriff auf einen Bericht der Nachrichtenagentur dpa zurück. Aber diese Art von Ärger gehört nun mal zum Geschäft, das hatte er als Verleger von Grass bald verstanden.
Das SPIEGEL-Titelbild allerdings, auf dem das Buch, das er mit Hingabe gefertigt hatte, entzweigerissen wurde, war etwas anderes. Eine tiefe Verletzung bis heute. Steidl hat die Erstausgabe noch mal in die Hand genommen, er empfindet sie als "frisch". Die Typografie, das Papier, der Einband, die Bindung, und wie viele Male ist er zu Grass nach Behlendorf gefahren, um sich neue Kapitel vorlesen zu lassen. "Es ist ein Kunstwerk, man kann es kritisieren, aber man zerreißt es nicht einfach", sagt Steidl. "Das ist so, als ob man das Rückgrat gebrochen bekommt." Der Unterschied zwischen dem Verreißen und dem Zerreißen eines Romans besteht für ihn nicht nur in einer Vorsilbe.


"Im Erregungszustand"

Ernst Dieter Brüngel aus Solingen, 82 Jahre alt, ist SPIEGEL-Leser seit den frühen Fünfzigerjahren.

In seinem Bungalow, am Schreibtisch im Arbeitszimmer, sitzt Ernst Dieter Brüngel, Wollpullunder, kaum noch Haare, verschmitztes Gesicht. Er breitet SPIEGEL-Ausgaben vor sich aus. Alte Ausgaben, sie stammen aus den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren. Brüngel hat sie aus seinem ehemaligen Partykeller geholt, aus einem Bücherregal, wo er für ihn besonders wertvolle Ausgaben stapelt. Eines der Titelbilder zeigt das US-Idol James Dean, auf anderen sind der untergegangene Großsegler "Pamir", Stalingrad, Luther, die DDR zu sehen – und immer wieder Titel mit der "Apollo"-Rakete und über die Weltraumforschung, die interessiert Brüngel bis heute.
"Werden die alten SPIEGEL-Ausgaben mit den Jahren besser, so wie alter Wein, Herr Brüngel?"
"Die werden gelber, das kann ich Ihnen sagen. Und das Papier wird immer mehr wie Pergament, so dünn und porös. Aber trennen mag ich mich nicht von ihnen."
Ernst Dieter Brüngel ist SPIEGEL-Leser, seit er Anfang der Fünfzigerjahre Abitur in Solingen machte. Seit den frühen Siebzigern ist er Abonnent und verpasst keine Ausgabe. Sie wird ihm vom Postboten jeden Samstag durch den Briefschlitz in den Flur geworfen. Er sagt, er erwarte noch heute jede Nummer mit Vorfreude. "Der SPIEGEL", sagt Brüngel, "ist für mich das Fenster zur Welt, heute sogar noch mehr als früher, als ich selbst häufiger reiste oder mich über den Atlas beugte und Orte nachschlug. Wenn ich heute etwas lese, muss es mich packen und aufregen. Es muss mich in eine Art Erregungszustand bringen. Deshalb bin ich dankbar für Journalisten, die nachhaken, nachhaken und noch mal nachhaken. Unterhalten dürfen sie mich natürlich auch."
"Hat Sie der SPIEGEL politisch geprägt, Herr Brüngel?"
"Mehr noch, er hat mich politisiert! Als ich junger Jurist war, gerade fertig mit dem Studium, trug sich die SPIEGEL-Affäre zu. Im Jahr 1962 war das, in Köln zogen wir wochenlang auf die Straße und protestierten gegen diesen ungeheuerlichen Angriff auf freie Meinungsäußerung und für die Freilassung von Rudolf Augstein. Das war das erste Mal nach dem verlorenen Krieg, dass wir Deutschen uns für eine Sache starkmachten, in diesem Fall für die Pressefreiheit. Ich war ja von Haus aus ein Anhänger von Adenauer und auch von Strauß. Aber nach der Affäre und dank des SPIEGEL war es dann vorbei mit mir und der CDU."
"Bis heute?"
"Bis heute."
Früher las Brüngel das Heft von vorn. Heute liest er es von hinten nach vorn. Warum? "Weil ich den Hohlspiegel so mag, und die Doppelseite mit den Leserbriefen." Er hat auch selbst schon ein halbes Dutzend hohlspiegelverdächtige Zitate und Zeitungsmeldungen eingeschickt, die gegen Honorar abgedruckt wurden.
"Was mögen Sie weniger am SPIEGEL?"
"Dass er manchmal zu zahm ist oder abschlafft."
"Was machen Sie dann?"
"Dann reiße ich meinem Sohn ein paar Artikel heraus, damit er sich weiterbildet. Themen wie Technik oder Musik. Und danach schmeiße ich die Ausgabe fort. Man darf sich nicht mit allem belasten."
"Werden Sie Ihr Abo kündigen, Herr Brüngel?"
"Ich werde den SPIEGEL lesen, bis ich sterbe. Was danach ist, weiß ich nicht."


Im nächsten Heft: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen über den SPIEGEL und die Demokratie im digitalen Zeitalter: "Auch Cyberangriffe sind Angriffe."
* Detlef Hacke, Lothar Gorris, Udo Ludwig.

Von Annette Bruhns, Anna Clauß, Anke Dürr, Fiona Ehlers, Jan Fleischhauer, Detlef Hacke, Marc Hujer, Barbara Supp, Claudia Voigt und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 4/2017
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