21.01.2017

ErziehungWie viel Tod ist gut für Kinder, Herr Trautmann?

Der Erziehungswissenschaftler Thomas Trautmann, 59, über kleine Kinder als Zuschauer von Rentierschlachtungen
SPIEGEL: In Norwegen machten Kindergartenkinder einen Ausflug zu einer Rentierschlachtung. Das löste im Netz heftige Proteste aus. Sollen Fünfjährige sehen, wie Tiere getötet werden?
Trautmann: Noch vor 50 Jahren war dies zumindest in dörflichen Regionen eine Selbstverständlichkeit. In anderen Kulturen ist es auch heute noch eine Ehre, wenn Kinder etwa beim Schächten dabei sind. Worüber reden wir hier also? Um eine kulturspezifische Angelegenheit. Und um eine inzwischen höchst private. Man kann hier nicht pauschal sagen Ja oder Nein.
SPIEGEL: Was können Kinder in dem Alter überhaupt schon verstehen, wenn es um Leben und Tod geht?
Trautmann: Erste reale Todeserfahrungen haben Kinder mit fünf bis acht Jahren. Da stirbt das Kaninchen, der Fisch, der Hamster. Es ist gut, wenn Kinder das mitbekommen. Wenn sie vor dem Tod abgeschirmt werden, können sich später durchaus Ängste verfestigen.
SPIEGEL: Ein Besuch beim Schlachter sollte also im deutschen Lehrplan stehen?
Trautmann: Für Pädagogen gilt dasselbe wie für Eltern. Sie sollten Kindern die Vielfalt der Welt zeigen. Eltern können mit Stadtkindern auch mal aufs Land oder zum Bauernhof fahren ...
SPIEGEL: ... und die Kinder dann wegziehen, wenn das Kalb geschlachtet wird?
Trautmann: Das liegt an den Eltern. Ich halte nicht viel von "sollen" oder "müssen". Eltern sind Experten für die Erziehung ihres eigenen Nachwuchses. Lassen wir sie entscheiden.
SPIEGEL: Wie viel Realität ist also gut für Kinder?
Trautmann: 78,36 Prozent (lacht).
Von Bha

DER SPIEGEL 4/2017
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