21.01.2017

Artenschutz„Der kritische Punkt ist erreicht“

Paul Garber, 64, Anthropologe an der University of Illinois in Urbana, über die sinkenden Überlebenschancen von Primatenarten in der freien Wildbahn
SPIEGEL: Im Fachblatt "Science Advances" warnen Sie vor dem baldigen Aussterben wild lebender Lemuren, Makaken oder Menschenaffen. Wie kommen Sie zu Ihrer düsteren Prognose?
Garber: Mit einem Kollegen aus Mexiko habe ich 29 Primatologen, Epidemiologen und Naturschutzbiologen auf der ganzen Welt kontaktiert und gemeinsam mit ihnen ein Vorhersagemodell entworfen, wie sich die Populationen von 504 Primatenarten entwickeln werden. Heraus kam: 60 Prozent aller Primatenarten sind vom Aussterben bedroht, bei 75 Prozent von ihnen schrumpft die Population.
SPIEGEL: Welche Arten sind besonders gefährdet?
Garber: Beim Katta, dem Udzungwa-Stummelaffen, der Schwarzen Stumpfnase und dem Östlichen Flachlandgorilla sind die Bestände auf jeweils wenige Tausend Exemplare gesunken. Vom Hainan-Schopfgibbon in China sind sogar weniger als 30 Tiere übrig. In den nächsten 25 Jahren werden leider viele Primatenarten vom Planeten verschwinden, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
SPIEGEL: Was bedroht die Tiere?
Garber: Landwirtschaft stört und zerstört den Lebensraum von 76 Prozent aller Primatenarten. Wälder verschwinden, um Platz für Ackerflächen und Viehweiden zu schaffen, nach Öl oder Gas zu bohren, Dämme zu errichten und neue Straßen zu bauen.
SPIEGEL: Wo ist die Situation am schlimmsten?
Garber: In vier Ländern – Brasilien, Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Indonesien – leben 64 Prozent aller Primatenspezies. Die internationale Gemeinschaft muss diesen Ländern helfen, ihre Urwälder zu erhalten. Wenn unsere nächsten lebenden Verwandten in der von Menschen zerstörten Umwelt nicht überleben können, dann werden die Menschen in einer nicht allzu fernen Zukunft darin auch nicht mehr überleben können.
Von Ble

DER SPIEGEL 4/2017
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