21.01.2017

ZeitgeistDie Welt soll brennen

Der Blogger und Internet-Troll Milo Yiannopoulos ist der erste Popstar der Donald-Trump-Ära.
Milo Yiannopoulos nennt sich Amerikas gefährlichste Schwuchtel, und Amerikas gefährlichste Schwuchtel hat sich an diesem Samstag im Januar für Protest-Chic entschieden. Schwarze Gucci-Ledermütze, Versace-Sonnenbrille, eine Perlenkette am Arm, schwarze Robin's-Jeans, goldener Rucksack, rote Gucci-Schuhe. "Hätten die linken Aktivisten so viel Geld und Geschmack wie ich, würden sie sich so anziehen", sagt er.
Yiannopoulos, 32 Jahre alt, arbeitet für das rechtspopulistische amerikanische Nachrichtenportal Breitbart News und hat Wahlkampf für Donald Trump gemacht, er ist schwul, Engländer und sieht ziemlich gut aus. Er ist zu Gast in Davis, einer kleinen Universitätsstadt in Nordkalifornien, und hat zu einer Demonstration aufgerufen. Ein paar Hundert Studenten warten auf ihn. Fans und Gegner.
Yiannopoulos will demonstrieren, weil am Abend zuvor sein Auftritt im größten Saal der Universität, veranstaltet vom Studentenklub der Republikanischen Partei, abgesagt werden musste, weil es Proteste gab, Eingänge blockiert wurden, ein Tisch umgeworfen wurde und vermummte Protestierer mit Exkrementen schmissen.
Nun aber scheint die Sonne, und Yiannopoulos steigt auf ein Podest vor dem Hauptgebäude der Universität und sagt: "Lasst uns einen Spaziergang für die Redefreiheit machen." – "Faschist, wir wollen dich hier nicht!", ruft eine Studentin, die ein selbst gemaltes Transparent trägt. "Beruhige dich, Pumpkin", sagt Yiannopoulos. "Pumpkin" ist eigentlich ein Kosewort für Kinder, die Studentin hat aber auch ein kürbisrundes Gesicht. "Bodyshaming" heißt diese Art des Spotts in der Sprache der Political Correctness. Viele amerikanische Universitäten haben in den vergangenen Jahren "safe spaces" eingerichtet, Schutzräume, in denen niemand mehr dieser Art von Beleidigung ausgesetzt sein muss.
Was genau der Grund dafür ist, dass Yiannopoulos "Pumpkin" gesagt hat, was eigentlich überhaupt der Grund ist, dass Yiannopoulos Auftritte wie diesen macht: Er will sich über die Political Correctness lustig machen und alles, was aus seiner Sicht dazugehört. Gender Studies, schwarzer Aktivismus, die Kultur der "trigger warnings" und "safe spaces" sowie die Sprachregelungen, die damit einhergehen, die Gutmenschen, das ganze liberale Amerika und seine Regeln.
Was wiederum auch der Grund dafür ist, dass Gegner und Fans gekommen sind. "Hate Speech is not Free Speech" steht auf einem Plakat. "Hate Speech = Free Speech" auf einem anderen. Interessanterweise gelingt es ihm, alle mitzunehmen auf seinem Spaziergang für die Meinungsfreiheit. Gegner und Fans von Milo Yiannopoulos ziehen zusammen eine Stunde lang über den Campus, beschimpfen sich gegenseitig und machen Selfies. Ohne es zu wollen und wahrscheinlich auch ohne es überhaupt zu merken, haben sich die Anti-Hate-Speech-Aktivisten zum Teil der großen Milo-Show machen lassen.
Milo Yiannopoulos ist so etwas wie der Posterboy der neuen amerikanischen Rechten. Er hat dem liberalen Amerika die Hoheit über zwei ihrer wichtigsten Themen genommen: den Kampf für die freie Rede, eines der zentralen Motive der großen Revolte der Sechziger. Und das Monopol auf die Identitätspolitik. Yiannopoulos fordert für den weißen Mann, der sich durch die Political Correctness und die Globalisierung in die Enge gedrängt fühlt, jene Rechte und jenen Respekt, den die Linke seit Jahren für sexuelle und ethnische Minderheiten will. Er wird mit der gleichen Intensität gehasst und geliebt, wie es auch der neue Präsident erlebt. Yiannopoulos ist der erste Popstar der Trump-Ära. Der Internet-Troll als Held.
Im vergangenen Jahr beleidigte er über Wochen hinweg die Schauspielerin Leslie Jones, eine der Hauptdarstellerinnen der "Ghostbusters"-Neuverfilmung, in der nun Frauen die Geisterjäger sind, bis der Kurznachrichtendienst Twitter ihn im vergangenen Sommer für den Rest seines Lebens sperrte. Bei den Auftritten seiner "Dangerous Faggot"-Tour, für die er seit Monaten von Universität zu Universität zieht, geht es um den Islam, den Feminismus, Internetzensur und die globalen Eliten.
Ein Milo-Yiannopoulos-Abend ist eine Mischung aus Vortrag und Stand-up-Comedy. Es geht um Frauen, die nicht Auto fahren könnten und endlich aufhören sollten, sich zu Opfern zu erklären, darum, dass Transsexuelle geisteskrank seien und die Bürgerrechtler von Black Lives Matter eine "Hate Group", und darum, dass es Lesben eigentlich gar nicht gebe – außer in Pornos. Immer gibt es Proteste.
An der Universität von New Jersey bemalten sich schreiende Frauen mit roter Farbe (bevor sie mit "Trump! Trump!"-Sprechchören zum Schweigen gebracht wurden), in Chicago kamen zwei Aktivisten der Black-Lives-Matter-Bewegung auf die Bühne, bedrohten Yiannopoulos und nahmen ihm das Mikrofon weg. In Los Angeles wurde sein Auftritt nach einer Bombendrohung abgebrochen.
Die Proteste sind das eigentliche Ziel von Yiannopoulos' Auftritten – sie machen den Abend zu einem Ereignis. Die Reaktion auf seine Auftritte ist Teil von Yiannopoulos' Show – sie belegten, sagt er, dass alles, was er sage, stimmen müsse. Deshalb wolle das Establishment ihn ja zum Schweigen bringen.
Als Simon & Schuster, einer der großen amerikanischen Buchverlage, vor drei Wochen ankündigte, unter dem Titel "Dangerous" ein Buch von Yiannopoulos zu veröffentlichen und ihm einen Vorschuss von einer viertel Million Dollar zu zahlen, protestierten viele Autoren des Hauses, und der renommierte "Chicago Review of Books" beschloss, ein Jahr lang keine Bücher des Verlags mehr zu besprechen – in den Amazon-Charts schoss "Dangerous" prompt nach oben.
Es ist schon dunkel, als Yiannopoulos ein paar Stunden nach seinem Auftritt auf dem Campus von Davis in seinem Hotel empfängt. Er trägt eine Sonnenbrille und eine Fellweste, was in der schlichten Unterkunft, in der er und sein Team wohnen, für einiges Aufsehen sorgt, Gäste kommen und fragen ihn nach einem Selfie.
Eigentlich müsste er die letzten Seiten seines Buchs fertig schreiben. In "Dangerous" will er sein Leben erzählen, seine Jugend in den Neunzigerjahren und seinen Kampf gegen Aktivisten, die er "Social Justice Warriors" nennt und denen er vorwirft, die Universitäten, die Medien und die Popkultur ruiniert zu haben.
Yiannopoulos lebt in Hotels. Sein Haus in England hat er verkauft, seine Sachen eingelagert. Er ist mit einem Personal Trainer unterwegs, der sich um seine Fitness und seine Ernährung kümmert, mit einem Stylisten, mit Sicherheitsleuten und Assistenten, Kameramännern und Cuttern, die alle nur daran arbeiten, dass die große Milo-Show immer weitere Folgen produziert.
Die Absage der Veranstaltung vom Vorabend hat Wirbel gemacht, einige Artikel sind erschienen, auf YouTube erzählen Yiannopoulos-Fans, was sie erlebt haben, auf Twitter wird gepostet. Und auch Yiannopoulos' eigenartige Spaziergang-Demo ist zum Thema geworden. Seine Leute haben gefilmt, er hat Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern sowie Websites Interviews gegeben und Dutzende Selfies mit Fans und Gegendemonstranten gemacht. Diese Bilder, Filme und Berichte tauchen nun nach und nach im Netz auf, Yiannopoulos' Leute sichten, bearbeiten und verlinken sie. Aus der abgesagten Veranstaltung wird so eine Schlacht um die Meinungsfreiheit und aus einem Campusspaziergang ein Triumphzug. Yiannopoulos hat einen Kanal bei YouTube. Und er hat eine Plattform bei Breitbart News. Im schnellen Rhythmus stellen seine Leute neue Nachrichten ein.
"Ich bin der einzige coole Konservative auf dem Planeten", sagt Yiannopoulos. "Es gibt ein großes Verlangen nach jemandem, der jung ist, der gut aussieht und konservativ und nicht langweilig ist. Das bin ich. Es gibt keinen anderen. Es gibt auch keinen Trend und niemanden, der etwas Ähnliches macht. Es gibt nur mich."
Yiannopoulos wird der radikalen Alt-Right-Bewegung zugerechnet. "Alles Quatsch", sagt er. "Ich bin ein schwuler Mann, der auf große schwarze Männer steht. Wie kann ich der Held einer Bewegung sein, die in Teilen antisemitisch und rassistisch ist?"
Aber wichtige Vertreter der Rechten mögen Sie.
"Ja, und? Was, wenn ich einfach wirklich lustig bin?"
Was fasziniert Sie an Donald Trump?
"Ich finde ihn kulturell spannend. Die Idee, dass man jahrzehntealte Konventionen darüber, was Politik ist und wie ein Wahlkampf geführt wird, einfach so ignorieren und zerstören kann, finde ich großartig. Ich bin ein Fan – und ich werde von ähnlichen Motiven angetrieben wie viele seiner jüngeren Anhänger."
Was wäre das?
"Wir wollen den ganzen Scheiß in die Luft sprengen!"
Was genau?
"All die Institutionen, die unser Leben bestimmen und die ihre Legitimität eingebüßt haben. Die Nato, die Europäische Union und das Internationale Olympische Komitee, die Universitäten und die Medien. Alle Zeitungen und Fernsehsender sollen zumachen. Das sind die Globalisten, wie Trump sie nennt, und sie verdienen es unterzugehen."
In seiner Mischung aus Oberflächlichkeit, Ehrgeiz und Narzissmus klingt Yiannopoulos, als wäre er einem Roman von Bret Easton Ellis entsprungen, Autor von "American Psycho" und Chronist der düsteren Unterseite der Achtzigerjahre, ebenfalls schwul – und mittlerweile mit seinem Podcast selbst ein Kämpfer gegen die Political Correctness.
Yiannopoulos hat der Popkultur auch die Figur des Rebellen abgeschaut. Rockmusiker, die sich über die Spießer lustig machen. Punks, die ihr Publikum anspucken. Hip-Hopper, die eine Kunst daraus gemacht haben, sich gegenseitig zu beschimpfen.
Andererseits entsprechen die Verschwörungstheorien, der Nihilismus und die Endzeitfantasien dieses schwulen Dandys genau dem, was rechte Populisten überall in der westlichen Welt glauben und pflegen, von der amerikanischen Tea Party bis zur deutschen Pegida.
Der normale Popstar betreibt ein Spiel, aber das hier ist kein Spiel. Der normale Popstar hat eine Plattenfirma im Rücken, die Songs verkaufen will. Bei Yiannopoulos ist es Breitbart News, denen es um den Sturz des Systems geht – und deren ehemaliger Chef Stephen Bannon gerade einer der wichtigsten Berater des amerikanischen Präsidenten geworden ist.
Wobei das Faszinierende und auch Verstörende an Yiannopoulos sein offensiv ausgestelltes Schwulsein ist. Dass das geht, dass ein rechter Popstar offen schwul leben kann, ist schließlich Errungenschaft jener gesellschaftlichen Entwicklungen, über die Yiannopoulos wieder und wieder seinen Spott ausgießt – ein Widerspruch, aus dem seine Performance gleichzeitig ihre Kraft bezieht.
Yiannopoulos kommt aus England, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Grieche, sagt er, aufgewachsen ist er in der Grafschaft Kent. Nach der Schule studierte er Englische Literatur in Cambridge, brachte das Studium aber nicht zu Ende und schrieb eine Weile für den britischen "Daily Telegraph" über Technologie. Dann gründete er seinen eigenen Blog, der später an Investoren verkauft wurde.
Eine typische Nullerjahre-Biografie. Ein ehrgeiziger junger Mann, der es dorthin schaffen möchte, wo das Geld ist und die Aufmerksamkeit. Bannon holte ihn 2015 in die Breitbart-Redaktion. Damals noch ein ziemlich obskures Portal für Verschwörungstheorien und Hass auf die Regierung. Nun ist Bannon an der Macht – und Yiannopoulos das bekannteste Gesicht des Newsportals.
Am 1. Februar wird Yiannopoulos einen weiteren brisanten Termin haben: an der University of California in Berkeley, der renommiertesten Hochschule der Westküste, dem Geburtsort der Free-Speech-Bewegung, einer Hochburg der akademischen Linken. Judith Butler, die Vordenkerin der Gender Studies und Aktivistin für Minderheitenrechte, hat in einem offenen Brief zusammen mit einem Dutzend anderer Professorinnen und Professoren gefordert, die Veranstaltung solle abgesagt werden.
Es ist ein Kulturkampf, der hier ausgetragen wird, ein Spiegel jenes Konflikts, den Donald Trump bislang über Twitter gekämpft hat und nun vom Weißen Haus aus führen wird. Und der Kulturkampf hat gerade erst angefangen.

"ICH BIN EIN SCHWULER MANN,

DER AUF SCHWARZE

MÄNNER STEHT. WIE KÖNNTE

ICH RECHTSRADIKAL SEIN?"

EIN EHRGEIZIGER, JUNGER

MANN, DER ES DORTHIN

SCHAFFEN MÖCHTE, WO GELD

UND AUFMERKSAMKEIT SIND.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 4/2017
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