28.01.2017

JanFleischhauerDer schwarze KanalDer deutsche Trump-Fan

Bei der Suche im Internet bin ich auf eine interessante Subkultur gestoßen: den deutschen Trump-Fan. Wenn man die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anschaltet, muss man den Eindruck gewinnen, dass alle den neuen US-Präsidenten zum Fürchten finden. Aber das ist nicht wahr. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die jeden Auftritt bejubeln.
Ich habe versucht, mehr über diese Minderheit zu erfahren. Gibt es Erkennungszeichen oder Klubabende wie bei den Bikern? Und wie geht der Trump-Fan am Arbeitsplatz mit seinem Privatleben um? Ich finde abweichende Lebensstile faszinierend, das ging mir schon bei den Grünen so, als diese noch Outcasts waren und nicht Regierungspartei. Leider gibt es zu der neuen Subkultur fast nichts. Das wäre mal ein gutes Thema für die Medien!
Der einzige Trump-Fan, den ich persönlich kenne, ist der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Nachdem der US-Präsident erklärt hatte, dass er nur noch das unterstützen wird, was Amerika nützt, schrieb Friedrich auf Twitter, dass der Freihandel und die transatlantische Freundschaft bei Trump in den besten Händen seien. Wenn sich einer den Titel des Querdenkers verdient hat, dann Friedrich. Andererseits: Als Politiker hat er Anrecht auf ein Altersgeld, das ihm niemand mehr nehmen kann, nicht einmal Frau Merkel, obwohl sie im Diktatoren-Ranking der Trump-Fans gleich nach Hitler kommt.
Es heißt, dass die Leute, die Trump gut finden, in einer Parallelwelt leben, in der nur die eigenen Fakten zählen. Auch das stimmt nicht. Wenn sie nicht an der Wahrheit interessiert wären, dann würden sie einfach ignorieren, was zum Beispiel im SPIEGEL steht. Tatsächlich sind viele Trump-Fans geradezu obsessiv damit beschäftigt, Journalisten wie mir Fehler nachzuweisen. Als ich neulich schrieb, dass Trump deutsche Produkte mit Strafzöllen belegen wolle, kam sofort eine Mail, dass dies nur für das gelte, was in Mexiko hergestellt werde. Das sah mir nicht danach aus, als ob jemand jeden Bezug zur Wahrheit verloren hätte.
Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway hat in einem Interview gesagt, dass die neue Regierung auch "alternative Fakten" zur Kenntnis nehmen werde. Das hat gleich wieder einen Riesenwirbel verursacht (siehe auch Seite 113). Merkwürdig, dachte ich: Seit wann ist "alternativ" ein negativer Begriff? Alternative Medizin, alternatives Leben, alternatives Denken – das sind doch alles Errungenschaften, auf die man gerade links der Mitte immer stolz war. Ich bin sicher, unter den Kollegen, die jetzt über Frau Conway spotten, sind nicht wenige, die privat lieber der Homöopathie als der Mainstreammedizin vertrauen.
Wenn man glaubwürdig bleiben will, sollte man seine Maßstäbe nicht ständig danach ausrichten, ob es einem nützt. Sonst heißt es noch, man kümmere sich nicht um die Fakten.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 5/2017
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