28.01.2017

SPDSehnsucht nach Größe

Seit der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten wächst in der Partei die Zuversicht. Schulz hat zwar keine Regierungserfahrung, aber sein Ehrgeiz und sein Machtwille wirken ansteckend. Im Kanzleramt macht sich Unruhe breit.
Als vor vier Jahren ein Porträt über Martin Schulz im SPIEGEL erschien, nahm ihn die Kanzlerin am Rande eines EU-Gipfels zur Seite. Sie habe das sehr interessant gefunden, sagte Angela Merkel. Schulz glühte vor Stolz. Dass sich die Bundeskanzlerin persönlich mit ihm befasst hatte, freute ihn. Dann erlaubte er sich noch einen kleinen Hinweis in eigener Sache, das konnte er sich nicht verkneifen. Er bezog sich auf die Länge der Geschichte. "Ich habe gehört, dass sieben Seiten lange Porträts sonst nur über Bundeskanzler geschrieben werden."
Nun will Schulz selbst Kanzler werden und Angela Merkel aus dem Amt drängen. Über seinen Ehrgeiz sollte sich niemand Illusionen machen. Den hat er nie unterdrückt, nicht in der Vergangenheit, erst recht nicht in den vergangenen Tagen. Wer ihn da erlebte, sah einen glücklichen Mann, der so selbstbewusst durch die Flure der Berliner Politik stolzierte, als wäre er bereits Kanzler. Körpersprache und Worte ließen jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er in den nächsten acht Monaten alles daransetzen wird, demnächst Deutschland zu regieren. "Ich will Bundeskanzler werden", sagt er, ganz ohne Ironie.
Auf dem Vizekanzlerfriedhof von Angela Merkel stünden bereits genügend Kreuze, scherzte er jüngst in kleiner Runde. Er selbst werde dort niemals liegen. Das mag etwas größenwahnsinnig klingen, wenn man die triste Lage der SPD betrachtet. Aber dieser Wahn ist vielleicht auch nötig, um die Partei zu motivieren. Im aktuellen ARD-Deutschlandtrend liegt Schulz bei der Frage nach der Direktwahl des Kanzlers inzwischen gleichauf mit Merkel. 41 Prozent würden sich demnach für Schulz entscheiden, ebenso viele für die Amtsinhaberin, und bei der Sonntagsfrage steigt die SPD um drei Prozentpunkte.
Anders als Sigmar Gabriel, dem die ganze Republik dabei zusehen konnte, wie er mit sich rang, wie er haderte und zauderte, strahlt Schulz jene Zuversicht und Lust zur Macht aus, nach der zumindest seine Partei sich lange gesehnt hatte. So ist er schon lange unterwegs.
Als er sich 1994 erstmals um ein Mandat im EU-Parlament bewarb, besichtigte er mit einem Freund vorab den leeren Plenarsaal in Straßburg. Irgendwann ließ er sich auf dem Sitz des Präsidenten nieder und sagte: "Hier sitze ich eines Tages." Als er schließlich dort saß, kämpfte er mit allen Mitteln um größere Macht und Aufmerksamkeit für sein Parlament. "Wir vertreten 500 Millionen Menschen, aber wir haben eine Wahrnehmung wie der Kreistag von Pinneberg", klagte er zum Amtsantritt. Das wollte er ändern. "Die Mächtigen müssen Angst haben vor dem Parlament", sagte er mit Blick auf die Staats- und Regierungschefs der EU – allen voran Angela Merkel. "Ich schwitze den Machtanspruch ja aus jeder Pore."
Seit Gerhard Schröder, der angeblich schon in jungen Jahren am Zaun des Kanzleramtes rüttelte, ist jedenfalls kein Kanzlerkandidat der SPD mit größerem Selbstbewusstsein und Machtwillen in einen Wahlkampf gezogen. "In der SPD herrscht ja bisweilen ein skeptisches Verhältnis zur Macht", sagte Schröder im Oktober bei einer Laudatio auf den Europapolitiker Schulz. Schulz aber sei ehrgeizig und machtbewusst. "Ist mir sehr sympathisch."
Dabei hatte Schulz zuletzt selbst nicht mehr damit gerechnet, dass er diese Chance bekommen würde. Bereits im vergangenen Sommer hatten Gabriel und er vereinbart, dass einer von ihnen Kanzlerkandidat würde. Wer, das ließ Gabriel offen. So vergingen Monate der Ungewissheit, in denen Schulz zwischen Hoffen und Frustration schwankte. Zuletzt machten seine Berater schon Pläne für die Interviews, in denen der künftige Außenminister Schulz seine Agenda vorstellen sollte.
Der Schlussakt des Dramas folgte vorigen Samstag. Gabriel hatte Schulz nach Montabaur gebeten, um ihm seine Entscheidung mitzuteilen. Schulz reiste in dem Glauben an, Außenminister zu werden, und fuhr kurz darauf als designierter Parteichef und Kanzlerkandidat zurück. Mit dem Parteivorsitz hat er nun eine bessere Machtbasis für seine Kampagne als Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück, die als Kandidaten einen Parteichef über sich hatten.
Es gibt nur wenige Tage, an denen die Tektonik der Berliner Republik ordentlich durchgerüttelt wird. Am Dienstag, als die Nachricht von Gabriels Rückzug nachmittags durchsickerte, war ein solcher Tag. Nicht nur weil die Nachricht überraschend kam, das auch. Vor allem aber, weil sie die Ausgangslage für das Wahljahr 2017 grundlegend verändert.
Lange schien es, als würde die SPD als verzagter Verein ohne Glauben an sich selbst ins Rennen gehen, chancenlos, gelähmt von einem Kandidaten, dessen Image unwiederbringlich beschädigt und dessen Vertrauen in den eigenen Reihen aufgebraucht war. Wer solle für Gabriel denn, bitte schön, Plakate kleben und sich in die Fußgängerzone stellen, fragten sich viele Genossen.
Zumindest diese Sorgen scheint die SPD mit Schulz los zu sein. Wie befreit reagierte die Partei auf die Nachricht von Gabriels Rückzug. 81 Prozent der SPD-Anhänger finden laut ARD-Deutschlandtrend, dass Schulz ein guter Kandidat sei, und immerhin 64 Prozent der Bundesbürger.
Dass selbst Spitzenpolitiker der Partei zuerst durch die Medien vom Wechsel erfuhren, werteten viele als letzte Bestätigung, dass auf den eigenwilligen Gabriel kein Verlass gewesen sei. Dabei hatte kaum ein Genosse den Mut besessen, dem Vorsitzenden ehrlich zu sagen, dass die SPD mit ihm keine Chance haben würde. Dass Gabriel selbst entschied, seiner Partei nach mehr als sieben Jahren an der Spitze mit dem Rückzug einen letzten großen Dienst zu erweisen, wiegt im Rückblick weit schwerer als die Stilkritik an der Art dieses Abgangs.
Auch im Kanzleramt fürchtet man nun, dass Kontrahent Schulz seine Leute aus ihrer Depression reißen wird. Das könnte den Charakter des Wahlkampfs verändern. Bislang war es Merkels Stärke, die Anhänger des Gegners zu demobilisieren. Jetzt muss sie die eigenen Leute begeistern. Das wird nicht einfach. Viele glauben, dass CSU-Chef Horst Seehofer nicht ganz Unrecht haben dürfte mit seiner Prognose, dass die Erfolgschancen der Union mit Schulz' Nominierung nicht gerade gestiegen seien. "Eigentore dürfen keine passieren, jetzt noch weniger."
Schulz gegen Merkel heißt nun das Duell der nächsten acht Monate. Es ist das Duell zweier Menschen, die sich lange kennen. Als EU-Parlamentspräsident fluchte er bisweilen wie ein Rohrspatz über sie. 26 von 27 Länder seien für zusätzliche Hilfen für Griechenland, befand er im Jahr 2013, dem Höhepunkt der Griechenlandkrise. Nur eine sei dagegen. Er meinte Merkel.
Als er von den Verhandlungen über den Fiskalpakt der EU ausgeschlossen werden sollte, drohte er: "Ich bleibe sitzen, ich bin das Parlament. Und wenn die mich rausschmeißen, setz ich mich vor die Tür mit einem Schild: ,Das ist das Demokratieverständnis von Angela Merkel.'"
Andererseits telefonierte er fast täglich mit ihr. Er war stolz, ihre Handy-nummer zu besitzen. Allein die Tatsache, dass die anderen wüssten, dass er einen direkten Draht zur deutschen Kanzlerin habe, sei hilfreich, sagte er. In der ewigen Kompromisswerkstatt Brüssel benötigte er Merkel für zahlreiche Deals. Er schätzte ihre Solidität, ihre Verlässlichkeit, ihr Detailwissen. Im Wahlkampf wird er sie kaum frontal oder aggressiv attackieren. Das Publikum, ahnt er, würde dies nicht gutheißen.
"Ich arbeite mit Angela Merkel so lange zusammen, wie kaum einer sonst außerhalb ihrer Partei", sagt Schulz. "Ich habe sie studieren können, ich habe sie kennengelernt." Er glaubt dabei hinter ihrem ausgeprägten Charme eine ebenso ausgeprägte Kühlheit erkannt zu haben. Er glaubt auch, die Fehler zu kennen, die ihre bisherigen Herausforderer Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück gemacht haben. Und er glaubt, die richtigen Schlüsse aus beidem gezogen zu haben. Schulz will vor allem auf die eigenen Stärken setzen, um Angela Merkel aus dem Kanzleramt zu drängen. "Ich werbe für mich." Und dennoch will er sich auch auf ihre Probleme konzentrieren: Auf die Differenzen zwischen CDU und CSU. Und auf ihre bereits elf Jahre andauernde Amtszeit. Schulz setzt auf eine Merkel-müdigkeit im Lande.
Merkel tut so, als interessiere sie es nicht sonderlich, ob ihr Herausforderer nun Gabriel oder Schulz heiße. Sie will den Eindruck erwecken, als hätte sich nichts verändert an der Ausgangslage für diesen Wahlkampf.
Dabei weiß Merkel, dass die SPD mit Schulz allemal mehr Interesse und Neugier wecken wird als dies mit Gabriel der Fall gewesen wäre. Noch immer kennen die meisten Bürger Schulz bestenfalls flüchtig, sie haben sich noch kein abschließendes Urteil gebildet. In der jüngsten SPIEGEL-Umfrage gaben 30 Prozent der Befragten an, ihn nicht zu kennen.
Schulz hat fast sein ganzes politisches Leben in Brüssel verbracht, noch nie hatte er ein Regierungsamt inne. Das könnte ein Nachteil sein, ebenso wie die Tatsache, dass er ohne Sitz und Stimme im Bundestag in den Wahlkampf ziehen muss. Andererseits ist er ein mitreißender Redner. Er kann die alte sozialdemokratische Erzählung vom Aufstieg aus kleinen Verhältnissen mit seinem Leben verbinden.
Schulz war der Einzige aus der SPD-Spitze, der wirklich Lust auf die Kandidatur hatte. Anders als der grübelnde Gabriel, anders als Olaf Scholz oder Andrea Nahles, die eher auf eine Kandidatur im Jahr 2021 spekulieren. Als habe er geahnt, dass es am Ende doch auf ihn zulaufen würde, hat er sich seit über einem Jahr auf diesen Moment vorbereitet, geistig wie körperlich. Er nahm zehn Kilo ab. Im Kern mache er einfach FdH (Friss die Hälfte), verriet er neulich, wobei man gelegentlich richtig schlemmen sollte, damit der Körper nicht auf Krisenmodus umschalte. Hat ihm sein Personal Trainer eingetrichtert.
Die Skizze für seinen Wahlkampf hat Schulz ebenfalls schon entworfen. Das Wort Respekt wird eine große Rolle spielen: Respekt vor harter Arbeit, vor engagierter Weiterbildung, Respekt aber auch vor Engagement, Zivilcourage und Solidarität.
Schulz wird die Programmatik seiner Partei kaum nach links verrücken. Dafür war er zu lange Mitglied des konservativen Seeheimer Kreises, zu lange auch Chef einer Art Großer Koalition im EU-Parlament. Er weiß, dass Wahlen in der Mitte gewonnen werden. Sollte es am Wahlabend aber eine Mehrheit für ein Bündnis mit Grünen und Linken geben, wofür vor allem die SPD noch kräftig zulegen müsste, wird Schulz diese Option kaum ausschlagen. Intern hatte Schulz schon bei der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten für einen rot-rot-grünen Kandidaten geworben.
Die Kampagnenplaner von KNSK, der Hamburger Wahlkampfagentur der SPD, hatten kürzlich bei einer Klausur der Parteiführung in Düsseldorf klargemacht, wo die Partei nachlegen muss: "Die Leute glauben der SPD nicht mehr", war eine der bitteren, zentralen Botschaften. Das sture Abarbeiten des Koalitionsvertrags erzeuge keinen Glanz, keine Hoffnung. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit, so die Hamburger Strategen, seien ganz andere Fragen: "Die Leute interessiert: Legt ihr euch mit den Konzernen an? Was macht ihr gegen die Steuerflüchtlinge?"
Mangelnde Glaubwürdigkeit sei ein zentrales Defizit im Erscheinungsbild der Partei, attestierten die Experten der Agentur. Im Hinterkopf hatte die versammelte Runde auch gleich den Schuldigen ausgemacht: Sigmar Gabriel. Sein Themenhopping, seine unsteten Vorgaben, die stets wandelnden Strategien, Eigenschaften, die auch Schulz intern immer wieder beklagt hatte: Die SPD muss die Probleme konkret anpacken und lösen, mahnten die Experten. Und nicht zu viel versprechen. Jedenfalls nicht mehr, als sich umsetzen lässt.
Schulz will all das beherzigen. "Der Begriff "Soziale Gerechtigkeit" ist abgenutzt, das kann kein Mensch mehr hören", sagte er kürzlich. "Viele Leute haben den Eindruck, dass es ganz grundsätzlich nicht mehr gerecht zugeht."
Schulz mag die Formel von Bill Clinton aus den frühen Neunzigern. Es müsse wieder "um die Mehrheit der Leute, die hart arbeiten und sich an die Regeln halten" gehen. Die schuften, ihre Steuern zahlen, sich engagieren, möglicherweise noch ihre Eltern pflegen und sich an die Gesetze hielten. Denen will Schulz jene gegenüberstellen, die sich nicht an die Regeln halten, die Grapscher auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz ebenso wie Manager, die ihre Millionen Euro ins Ausland bringen.
Es wird um den Kampf gegen Konzerne wie Amazon gehen, die in Deutschland mehrere Milliarden Euro Umsatz machen, aber kaum Steuern bezahlen. Es wird um die Frage der Solidarität gehen. Konkret hört sich das so an: "Herr Winterkorn bringt in der VW-Affäre einen ganzen Konzern ins Wanken und bekommt noch einen Bonus. Wenn ein Arbeiter am Fließband einen solchen Fehler macht, wird er entlassen." Schulz ist einer zuspitzenden Sprache, die an der Grenze zum Populismus tänzelt, nicht abgeneigt.
In den vergangenen Wochen hat er die Kritik mancher Publizisten an ihm genau registriert: dass er ohne Abitur und Studium für das Amt nicht geeignet sei. Schulz glaubt, dass er diese vermeintlichen Nachteile in einen Vorteil verwandeln kann. Er will gegen die Arroganz und Abgehobenheit jener wettern, die so denken.
Schulz' Kampagne wird das Thema Frieden aufgreifen, den Kampf gegen rechts und den Schutz der offenen, pluralen Gesellschaft. Er wird darauf verweisen, dass Donald Trump schon vor Jahren seine Vorgänger und Brüder im Geiste in Europa hatte – in Jörg Haider, Jean-Marie Le Pen und vor allem Silvio Berlusconi. Der Italiener machte den Europaparlamentarier im Jahr 2003 berühmt, als er sagte, Schulz könne in einem Nazifilm gut den Kapo spielen, den Aufseher. "Dieser Tag hat mein Leben über Nacht verändert", erzählt Schulz. "Das hat alles auf den Kopf gestellt." In Wahrheit ist er, der immer darunter litt, als EU-Politiker in Deutschland nicht die erhoffte Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, Berlusconi dankbar für den Eklat.
Schulz hatte Berlusconis Medienpolitik angeprangert und von einem "Virus der Interessenkonflikte" gesprochen. "Wenn der reichste Mann des Landes, der größte Medienunternehmer, obendrein noch Regierungschef ist, dann ist das in einer Demokratie gefährlich", hatte er seinerzeit in Brüssel oft gesagt. In der Wahl Trumps sieht Schulz nun ein ähnliches Problem.
Die entscheidenden Etappen für den Wahlkampf sind bereits definiert. Schulz wird sich in die Kampagne vor der Wahl im Saarland am 26. März einmischen. "Zwei, drei Prozent mehr für die SPD – und wir haben die Chance auf eine rot-rot-grüne Regierung." Die wäre zwar bei knappem Vorsprung höchst labil. Aber zum Linken-Fraktionschef Oskar Lafontaine hat Schulz schon vor Jahren einen verlässlichen Kontakt hergestellt – was sich nach der Wahl auszahlen könnte.
Ein Erfolg im Saarland wäre aus Sicht der Genossen der Schub für die Mai-Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Das alles Entscheidende aber seien die letzten Wochen des Wahlkampfs. Schulz' Berater zitieren Erkenntnisse der Demoskopen, wonach 40 Prozent der Wähler ihre Entscheidung erst in den letzten zwei Wochen träfen. Das sei eine gewaltige Chance für die SPD.
Dass Schulz nun Vorsitzender und Kanzlerkandidat der ältesten demokratischen Partei Europas wird, ist auch ein Triumph über den eigenen Lebensweg, zumindest dessen verkorksten Anfang.
Schulz wuchs als Sohn eines Polizisten im Dorf Hehlrath auf, die Dienstwohnung lag über der Wache. Gleich daneben begann der Braunkohletagebau, wenige Kilometer weiter ist die Grenze zu den Niederlanden und Belgien.
Als junger Mann träumte er davon, Fußballprofi zu werden. Nach der elften Klasse musste er die Schule verlassen, weil er zweimal sitzengeblieben war. Er verbrachte die Zeit lieber auf dem Fußballplatz. Dann zerbrach auf dem Rasen von Rhenania 05 Würselen sein Kniegelenk und mit ihm das große Ziel. Schulz ließ sich zum Buchhändler ausbilden, verfiel aber dem Alkohol.
Er hing rum, verschuldete sich, weil er mehr trank, als er sich leisten konnte. Am Abend schämte er sich, weil er es wieder nicht geschafft hatte, die Finger vom Alkohol zu lassen. Und trank dann aus Scham. Die örtlichen Jusos, die er lange Zeit aufgemischt hatte, erklärten ihm, dass er nicht mehr ihr Anführer sei.
Die Nacht zum 26. Juni 1980 wurde zum Wendepunkt seines Lebens. Wäre sie anders verlaufen, wäre Schulz jetzt nicht Kanzlerkandidat, sondern tot. In jener Nacht stand er kurz davor, sich das Leben zu nehmen. Es war sein älterer Bruder Erwin, der ihn schließlich davon abhielt.
Kurz darauf ließ er sich auf Drängen des Bruders in eine psychosomatische Klinik einweisen und begann eine viermonatige Therapie. Dort erkannte er, warum er in den Alkohol abgeglitten war: weil eine Lücke zwischen dem Anspruch an sich selbst und seiner tatsächlichen Leistungsfähigkeit klaffte. Er wollte Fußballstar sein, spielte aber nur auf Verbandsliganiveau. Er wollte ein guter Schüler sein, war aber zu faul zum Lernen. Es fehlte der realistische Blick auf sich selbst, das Wissen um die eigenen Grenzen. Er, der zur Selbstüberschätzung neigte, habe damals gelernt, sich kritisch zu hinterfragen, sagte er im Rückblick.
Das Wissen um diese alte Neigung spielte auch im vergangenen Jahr eine Rolle, als er sich die Frage stellen musste, ob die Aufgabe als SPD-Chef und Kanzlerkandidat ihn vielleicht überfordern könnte. Und ob er sich, im Erfolgsfall, gar das Amt des Bundeskanzlers zutraue. Kann ich das? Bin ich dazu geeignet? Hab ich überhaupt die Nerven dazu? Muss ich mir das noch mal antun? Diese Fragen diskutierte er mit seiner Frau Inge und mit sich selbst. Viermal Ja, lautete am Ende die Antwort.
Nachdem er die Therapie erfolgreich beendet hatte, eröffnete Schulz eine Buchhandlung in Würselen. Was andere in der Schule und an der Universität lernen, brachte Schulz sich selbst bei, mit der Lektüre ganzer Bücherwände. Er lernte seine Frau Inge kennen, eine studierte Landschaftsarchitektin, mit der er zwei Kinder bekam, einen Sohn und eine Tochter.
1987 wurde Schulz im Alter von 31 Jahren zum Bürgermeister von Würselen gewählt. Sieben Jahre später machte er sich auf nach Europa ins EU-Parlament, wo er 22 Jahre lang bleiben sollte, erst als Abgeordneter, dann als Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion, später als Präsident.
Natürlich werden seine Gegner nun versuchen, ihn als Inbegriff des zunehmend verhassten EU-Funktionärs zu charakterisieren. Die Leidenschaft, mit der er für Europa, für das Zusammenwachsen des Kontinents kämpfte, könnte ihm nun als Mangel ausgelegt werden. Dabei war er bei aller Begeisterung immer auch Realist. Oft zitierte er den Satz seines Freundes, des Regisseurs Wim Wenders: "Aus der europäischen Idee ist die Verwaltung geworden, und jetzt denken die Menschen, dass die Verwaltung die Idee ist." Wer das Projekt retten wolle, der müsse die EU verändern, mahnte Schulz. Die Gemeinschaft müsse sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren, auf das, was sie besser könne als die Nationalstaaten: Klimapolitik, Handelsbeziehungen, Migrationsfragen, Währungsfragen und Spekulationsbekämpfung. "Ich will ja auch keinen europäischen Superstaat", sagt Schulz.
Schulz' Brüsseler Vergangenheit wird nun noch einmal kritisch beleuchtet werden. Sein vehementes Eintreten für Eurobonds etwa, jene Anleihen, für die alle Staaten gemeinsam haften. Er wisse nicht viel über Schulz, sagte CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn. "Das Einzige, was ich weiß, ist, er will Schulden vergemeinschaften in Europa." Auch Schulz' enges Verhältnis zu Kommissionschef Jean-Claude Juncker könnte noch mal zum Problem werden. Juncker zuliebe hatte Schulz einen Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments verhindert.
Schon am Dienstag wurden in der Unionsführung die Umrisse einer Strategie diskutiert, wie man mit dem Neuen umgehen solle. Vor allem die Tatsache, dass Schulz noch nie ein Regierungsamt hatte und auch derzeit im Bundestag nicht reden kann, will die Union ausnutzen. "Er ist in der Bundespolitik gänzlich unerfahren und kennt sich mit den Themen nicht aus", sagt ein Mitglied der Fraktionsspitze. "Darauf werden wir immer wieder hinweisen."
Schulz will derlei Kritik mit dem Verweis auf seine elf Jahre als Bürgermeister von Würselen kontern. Da habe er hautnah mitbekommen, was im Leben der Bürger wichtig sei. "Der Alltag ist nicht der Bundestag", sagt Schulz. "Der Alltag ist das Rathaus. Und den kenne ich besser als viele Kollegen in Berlin."
Entscheidend wird sein, ob es ihm gelingt, zwar als Sozialdemokrat zu kandidieren, zugleich aber deutlich zu machen, dass er mit der SPD-Politik der vergangenen Jahrzehnte wenig bis nichts zu tun habe. Schließlich regiert die Partei seit 1998 mit nur vier Jahren Unterbrechung im Bund, sie stellt die Mehrzahl der Ministerpräsidenten. Wie lässt sich da glaubwürdig die Lage des Landes kritisieren? Wie macht man klar, dass sich unter einem Kanzler Schulz vieles ändern wird?
In der Fraktionsführung der Union weist man darauf hin, dass Schulz inhaltlich nicht gerade ein Gegenprogramm zu Merkel darstelle. Da, wo sie Schwächen habe, da habe er diese erst recht: seine als unkritisch wahrgenommene Begeisterung für die EU, für die Rettung Griechenlands – und erst recht beim alles überlagernden Thema, der Flüchtlingspolitik.
Die Kanzlerin mag wegen ihres Kurses in der Flüchtlingskrise so angeschlagen sein wie nie zuvor, aber Schulz' SPD kann davon nur schwer profitieren. Der Kandidat wird Merkel für ihre humanitären Entscheidungen nicht kritisieren, das verbietet ihm die innere Überzeugung. "Was die Flüchtlinge mit zu uns bringen, ist wertvoller als Gold", sagte Schulz im Juni bei einer Rede an einer Heidelberger Hochschule. "Es ist die Überzeugung, ja der unbeirrbare Glaube an den Traum von Europa." Anders als Gabriel wird Schulz nicht in Versuchung geraten, Anleihen bei der Abschottungsrhetorik eines Horst Seehofer zu nehmen.
Auch sein äußerst lebhaftes Temperament könnte im Laufe der Kandidatur zur Gefahr werden. Schulz hat einen starken Zug zum flotten Spruch, sein Mundwerk ist bisweilen überaus lose. "Dieser ewige Schlafmangel, der macht mich bekloppt", ruft er dann auf einer seiner vielen Reisen quer durchs Flugzeug. "Ich seh ja schon aus wie mein Passfoto." In einer anderen Situation entschuldigt er eine etwas derbe Bemerkung mit dem Satz: "Ich bin doch ein kleiner Prolet." Wenn er sich aufregt, was schnell passieren kann, werden selbst Staatschefs schnell zu "Rindviechern", "Armleuchtern" oder "Eierköppen".
Selten sind diese verbalen Ausbrüche ernst gemeint. Für einen Kanzlerkandidaten gibt es jedoch wenig Raum für Ironie, das musste zuletzt Peer Steinbrück schmerzlich erfahren. Seine Mitarbeiter, die ihn seit Jahren begleiten, hat Schulz daher zu "Aufsichtsräten" über sich selbst erklärt, allen voran seinen Büroleiter im Willy-Brandt-Haus, Markus Engels. Er hat sie deshalb vor Jahren schon gebeten, auf ihn aufzupassen. Das gelingt nicht immer, aber zunehmend besser.
Ein Risiko stellt auch Sigmar Gabriel dar, jener Mann, der ihn zum Kandidaten gemacht hat. Es ist offenkundig, dass sich die Macht innerhalb der Partei in diesen Tagen neu sortiert, dass Gabriel viel Einfluss verloren hat. Als Außenminister und Vizekanzler wird er jedoch präsent bleiben – und weiter unberechenbar.
So sehr sich Schulz darüber freut, Kanzlerkandidat und SPD-Chef zu werden, so fassungslos ist er zugleich über das Verhalten seines vermeintlichen Freundes in den vergangenen Wochen und Monaten. Denn der Entscheidung am vorigen Samstag war nicht weniger als ein Psychodrama vorausgegangen, an dessen Ende sich viele von Gabriel getäuscht sehen.
Anfang September bekommt Gabriel Besuch von zwei Meinungsforschern. Eigentlich hat er Grund für gute Laune, am Tag zuvor hat die SPD die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gewonnen.
Doch die Nachrichten für Gabriel selbst sind ernüchternd. Die Demoskopen konfrontieren ihn mit miserablen Persönlichkeitswerten. Ihre Botschaft ist klar: Gabriels Glaubwürdigkeit ist derart ramponiert, dass nicht mal mehr sein Charisma und sein rhetorisches Potenzial ausreichen, um die Partei nach oben zu ziehen. Gabriel ist frustriert, er sagt die Teilnahme am Fest der Parteizeitung "Vorwärts" ab und lässt sich nach Goslar fahren.
Auch in der Partei werden die Zweifel immer stärker. Ende September trifft sich die niedersächsische Landesgruppe, also jene Vereinigung von Bundestagsabgeordneten, die den Landsmann Gabriel eigentlich stützen müsste. Doch an jenem Abend findet ein Scherbengericht statt. Ein Parlamentarier nach dem nächsten meldet sich, der Tenor ist fast immer der gleiche: Mit Gabriel ist die Wahl nicht zu gewinnen.
Gabriel, der viel sensibler ist, als es seine Ruppigkeit vermuten lässt, trifft die Kritik schwer. Er bestellt Schulz nach Goslar, die beiden beraten mehrere Stunden. "Einer von uns muss es machen", sagt Gabriel. An diesem Tag wäre die Entscheidung, würde sie getroffen, einfach: Gabriel zieht sich zurück. Doch Gabriel will noch nicht aufgeben, gerade weil Schulz seinen Ehrgeiz inzwischen kaum noch verbirgt.
Der EU-Parlamentspräsident ist nun viel in Deutschland unterwegs. Schulz spricht vor den eher Mitte-orientierten Seeheimern in München, er bekommt überschwänglichen Applaus, selbst bei den eher spröden Ostwestfalen in Minden. In Berlin stellt er eine Biografie über sich vor.
Der Parteichef reagiert gereizt. Es ärgert ihn, dass Schulz eine stille Kampagne in eigener Sache betreibt. Wenn Gabriel auf die Kanzlerkandidatur verzichtet, dann soll es so wirken, als tue er es aus freien Stücken. Zumal es zwischendurch gar nicht schlecht läuft für den SPD-Chef. Am 16. November wird Außenminister Steinmeier zum gemeinsamen Kandidaten von Union und SPD für die Nachfolge von Bundespräsident Joachim Gauck ausgerufen. Es ist eine Niederlage für Merkel – und ein großer Triumph für Gabriel.
Nun weiß er: Der Posten des Außenministers wird frei. Es ist die Phase, in der sein Plan reift, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten und stattdessen ins Außenamt zu wechseln. Nüchtern betrachtet ist es die einzige realistische Option für Gabriel, die Bundestagswahl 2017 politisch zu überleben.
Knapp zwei Wochen danach fliegt Schulz eigens für eine Aussprache mit Gabriel nach Berlin. Der SPD-Chef drängt ihn, sich endlich zu entscheiden. Er könne ja nicht EU-Parlamentspräsident, deutscher Außenminister und Kanzlerkandidat der SPD gleichzeitig sein.
Schulz ahnt, dass seine Chancen in Brüssel schwinden, aber er sagt Gabriel, dass er am liebsten Präsident des Europaparlaments bleiben würde. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, macht Gabriel in dem Gespräch keine Zusage. Er lässt Schulz zappeln – es ist seine Art, Rache zu nehmen. Die Freundschaft der beiden Politiker, wenn es sie je gegeben haben sollte, ist nun vorbei. "An diesem Abend ist etwas zerbrochen zwischen Sigmar und Martin", sagt ein Präsidiumsmitglied der SPD.
Es sind die Wochen, in denen Gabriel auch seinem Vize Olaf Scholz mindestens einmal zuruft: "Du musst es machen."
Am 21. November beschließt die SPD-Spitze auf Vorschlag Gabriels, die Ausrufung des Kanzlerkandidaten auf Ende Januar zu verschieben. Wenige Tage später ist klar, dass Schulz' Karriere in Brüssel zu Ende ist. Schulz will nun Klarheit von Gabriel, Ende November fliegen sie gemeinsam nach Wien. Doch in der Maschine tragen sie nur ihre Differenzen aus. Was er wirklich vorhat, lässt Gabriel im Ungefähren. Immerhin garantiert er Schulz einen Job: wenn nicht den des Kanzlerkandidaten, dann den des Außenministers.
Aus Gabriels Sicht sollen im Dezember ohnehin keine Entscheidungen fallen. In der Vorweihnachtszeit würden sich die Leute lieber mit dem Weihnachtsmann als dem Kanzlerkandidaten der SPD beschäftigen, so sein Argument. Außerdem will Gabriel die Feiertagspause für einen Krankenhausaufenthalt nutzen.
Kurz vor Weihnachten fährt Gabriel in eine Spezialklinik in Hessen. Es gibt einen Eingriff, der dazu beiträgt, dass Gabriel binnen wenigen Wochen 13 Kilogramm abnimmt. Publik wird der Aufenthalt nur, weil auffällt, dass Gabriel nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember nicht in der Öffentlichkeit auftritt.
In der SPD sehen viele die OP als Vorbereitung auf die bevorstehende Kandidatur. Zuvor hat Gabriel schon die Werbeagentur für den Wahlkampf ausgetauscht und in ein langes Porträt mit der ARD eingewilligt. Nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz verfasst er ein siebenseitiges Papier zur inneren Sicherheit.
Am 3. Januar trifft Gabriel den SPIEGEL zum Gespräch in Goslar. Der SPD-Chef kommt in gelöster Stimmung, ist in Plauderlaune und hat viel Zeit. Man sieht ihm an, dass er mit sich absolut im Reinen ist. Auf die Frage, ob er wisse, wer Kanzlerkandidat werde, sagt er: "Na klar." Nachfragen, das lässt er durchblicken, bringen nichts.
Am 10. Januar trifft sich die SPD-Führung in einem Hotel am Düsseldorfer Flughafen. Gabriel spürt, dass auch der Jahreswechsel an einer Sache nichts geändert hat: Es gibt massive Vorbehalte gegen seine Kandidatur. "Die Leute glauben der SPD nicht mehr", urteilen die Planer der Agentur KNSK. Auch die Hamburger Wahlkampfmanager haben Fokusgruppen befragt. Und sie bestätigen jene katastrophalen Ergebnisse, die Gabriel schon im September präsentiert wurden.
Mittlerweile ist es Mitte Januar, und alle wissen, dass die Entscheidung in wenigen Tagen fallen muss. Thorsten Schäfer-Gümbel, der hessische Landesvorsitzende, telefoniert mit Gabriel. Sein Kieler Kollege Ralf Stegner berichtet Gabriel von der tristen Stimmung an der Basis. Auch Achim Post, Chef der SPD-NRW-Landesgruppe im Bundestag, hat längst bei seinem Parteichef hinterlegt: In seinem Wahlkreis gebe es große Zweifel an Gabriel.
In diesen Tagen machen Gabriel und Schulz mehrmals den Versuch, sich zu treffen, aber immer wieder kommt etwas dazwischen. Am vorigen Samstag ist es schließlich so weit, die beiden setzen sich in Montabaur zusammen. Gabriel hat an einer Anti-Rechten-Demo teilgenommen, Schulz kommt aus seiner Heimat Würselen bei Aachen. Schulz geht davon aus, dass Gabriel ihm den Job des Außenministers anbietet.
"Ich mache es nicht", eröffnet Gabriel das Gespräch. "Du bist der Kandidat." Zwei Stunden beraten beide das weitere Vorgehen. Sie besprechen Gabriels Wechsel ins Außenamt und wer ihm ins Wirtschaftsministerium folgen soll. Sie vereinbaren das, was ihnen mit am schwersten fällt: absolutes Stillschweigen. Gabriel will Zeit haben, um seine beiden wichtigsten Stellvertreter, Hannelore Kraft und Olaf Scholz, einzuweihen und auch Fraktionschef Thomas Oppermann zu informieren.
Am folgenden Vormittag glühen die Drähte. Schulz sagt ein für abends verabredetes Treffen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier ab. Eigentlich wollten sie Details der Amtsübergabe besprechen. Gabriel telefoniert mit Kraft, Scholz und Oppermann. Nur Scholz meldet noch vorsichtige Bedenken an. Die redet Gabriel klein. Am Sonntag bittet er den "Stern" ins eigene Haus, um die Begründung für seinen Abschied als Parteivorsitzender zu Protokoll zu geben. Nicht mal Schulz hat er am Vortag von dem Interview erzählt, er wird, wie alle anderen, erst zum Zeitpunkt des Erscheinens von diesem Alleingang erfahren. Selbst Gabriels Pressesprecher Tobias Dünow weiß von nichts.
Es ist Montag, die Sitzungswoche beginnt – und damit das Getuschel. Die Abgeordneten spüren, dass eine Überraschung möglich ist. Schulz sagt seine Teilnahme an einem Treffen von Abgeordneten aus SPD, Linken und Grünen ab.
Am Dienstag, kurz vor der Fraktionssitzung, informiert Gabriel Außenminister Steinmeier. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Oppermann gibt vor der Fraktionssitzung am Nachmittag ein routiniertes Statement ab. Zur K-Frage will er sich nicht äußern: "Lassen Sie sich überraschen."
Dann zieht er sich in sein Büro zurück. Nahezu zeitgleich vermeldet ein Branchendienst mit Verweis auf die Titelseite des "Stern" Gabriels Rücktritt. Gabriel erfährt davon, stürzt in Oppermanns Büro und ruft: "So eine Scheiße!" Oppermann bleibt kühl und sagt nur: "Dann halte ich mich nach der Begrüßung ganz kurz, und du erklärst ausführlich dein Interview und deine Gründe."
So kommt es. Die Fraktion verabschiedet Gabriel mit stehenden Ovationen. Später im Willy-Brandt-Haus, wo die engere Parteispitze um 17 Uhr zusammentritt, ist der Beifall spärlicher. Oppermann wird deutlich wie selten: "Das Ganze ist unmöglich", ruft er Gabriel zu. "So kann man mit den Gremien nicht umgehen." Andere nicken zustimmend.
Die Kanzlerin erfährt ebenfalls nachmittags per SMS vom Rücktritt. Weil sich in der Unionsfraktion gerade Außenminister Steinmeier als Bundespräsidentenkandidat vorstellt, hält sie dem SPD-Politiker ihr Handy mit der Nachricht hin.
Sie ahnt in diesem Moment, dass ihr Drehbuch für die kommende Bundestagswahl nun veraltet sein könnte. Dass nun ein anderer Film gedreht werden könnte.
In der SPD jedenfalls glauben sie nun wieder an ein erfolgreiches Abschneiden. Der Wechsel an der Spitze hat die chronische Verzagtheit, dieses leidenschaftliche Leiden an sich selbst zumindest vorübergehend beendet. "Mit seiner Kämpfernatur und Leidenschaft wird Schulz unsere Mitglieder und Wähler mobilisieren, weil sie ihm glauben, dass er ihnen nichts vormacht", sagt Sören Bartol, SPD-Fraktionsvize im Bundestag. "Ich wusste gar nicht, dass es so viele Emojis fürs Handy gibt", sagt der Abgeordnete Johannes Fechner. "Alle mit Mundwinkel nach oben."
Kollegen, die noch vor wenigen Tagen den Verlust ihres Mandats befürchteten, träumen nun von einem Ergebnis von über 30 Prozent. Das mag unrealistisch sein, aber Hoffnung ist die Medizin, die die SPD im Moment braucht.
Am Mittwochabend sind 40 Genossen zum Treffen des Ortsvereins Sterkrade-Nord in Oberhausen gekommen, darunter Karl Kaminski, 66 Jahre, mehr als die Hälfte davon in der SPD. Kaminski hat Plakate geklebt, Flugblätter verteilt, gekämpft und gelitten. Mit Schulz ist auch zu ihm die Zuversicht zurückgekehrt. "Endlich einer, der den Arsch in der Hose hat", sagt er, "Einer, der das Maul aufmacht." "Es bröckelt überall", sagt die Genossin Walburga Stortz mit Blick auf Europa und Trump. Da brauche die SPD einen starken Mann an der Spitze. "Mit Martin Schulz haben wir endlich diesen Mann."
Sigmar Gabriel sei "wie ein Korken auf der Flasche gewesen", sagt Michael Keller, SPD-Bürgermeister im hessischen Friedberg. Am Mittwochabend empfangen Keller und sein Ortsverein Generalsekretärin Katarina Barley. Allein in den ersten 24 Stunden nach der Nachricht von Gabriels Verzicht habe es 250 Neueintritte gegeben, berichtet Barley. Und das seien nur die Onlineanmeldungen, die in der Zentrale eingegangen seien. "Ich glaube, dass wir jetzt einen Lauf kriegen", sagt Barley.
Bei der Klausur vor zweieinhalb Wochen in Düsseldorf hatte die Kampagnenagentur der SPD-Führung eine unmissverständliche Botschaft hinterlassen: "Entscheidend ist die Anmutung. Die Leute wollen euch kämpfen sehen."
Martin Schulz wird kämpfen, das ist gewiss. Und wie es aussieht, wird er nicht allein sein.
Lange wirkte die SPD wie ein verzagter Verein ohne Glauben an sich selbst.
Schulz war der Einzige aus der SPD-Spitze, der wirklich Lust auf die Kandidatur hatte.
Seine Brüsseler Vergangenheit wird nun noch einmal kritisch beleuchtet werden.
Von Matthias Bartsch, Sven Böll, Markus Feldenkirchen, Valerie Höhne, Horand Knaup und Ralf Neukirch

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SPD:
Sehnsucht nach Größe

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Wahlsieg in Großbritannien Erstes Statement von Boris Johnson im Video

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