28.01.2017

Karrieren83 Tage

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge ist der Kandidat der Linken für das Amt des Bundespräsidenten. Die Kandidatur ist sein letztes Aufbäumen gegen die SPD.
Beim Jahresauftakt der Europäischen Linken sitzt Christoph Butterwegge ratlos in der zweiten Reihe. Eine spanische Kommunistin zitiert auf der Bühne im Berliner "Kosmos" Che Guevara, ein kurdischer Liedermacher singt Protestlieder, ein Kabarettist tritt als Joachim Gauck auf, der sich in Adolf Hitler verwandelt.
Als Butterwegge die Bühne betritt, begrüßt ihn der Moderator als den "nächsten Bundespräsidenten". Der Saal lacht, als sei das der größte Gag des Nachmittags. Butterwegge sagt dann ein paar Worte, die seltsam ernst klingen, er spricht von der Spaltung der Gesellschaft. Später wird er sagen, er habe sich dort schon ein bisschen fremd gefühlt, aber was soll's. Das gehe ihm gerade häufiger so.
Christoph Butterwegge ist der Bundespräsidentenkandidat der Linken. Er ist der Gegner Frank-Walter Steinmeiers, des Kandidaten, den fast alle anderen unterstützen wollen: CDU, CSU, SPD, die Mehrheit der Grünen und die FDP. Butterwegge ist der Mann, der für die Linke zeigen soll: Wir machen eure Einheitssoße nicht mit. Den Kandidaten der vergangenen Jahre hat es wenig Glück gebracht, für die Linke anzutreten. Die Journalistin Beate Klarsfeld wurde zur "Stasikandidatin". Der Schauspieler Peter Sodann scherzte im Bundestag, dass er morgens auf dem Klo gern Kreuzworträtsel löse, da habe er dann gleich "zwei Erfolgserlebnisse". Aus Sodann, dem etwas exzentrischen "Tatort"-Kommissar, wurde eine verspottete Figur.
Mit Christoph Butterwegge will die Partei auf Nummer sicher gehen. Er ist emeritierter Professor und der bekannteste Armutsforscher Deutschlands. Die 83 Tage bis zur Präsidentenwahl will er nutzen, um für seine Themen zu werben. Er wisse schon, dass danach seine Zeit als seriöser Armutsforscher vorbei sei, sagt Butterwegge. Dass er für immer der Kandidat der Linken bleiben werde, eine etwas merkwürdige Gestalt. Warum macht er es dann?
Der Buchhändlerkeller in Berlin. Butterwegge soll gleich das Buch "Kein Wohlstand für alle!?" vorstellen. Drei Viertel der 83 Tage sind vorbei, in drei Wochen wird gewählt. Der Raum ist voll mit Menschen, die mit kleiner Schrift beinah jedes Wort mitschreiben. Sie nicken, wenn Butterwegge sagt: "Die Reichen werden immer reicher, und die Armen immer zahlreicher." Butterwegge präsentiert ihnen auch einen Schuldigen: "Die SPD hat mit ihrer Agenda massiv den Umbau und Abbau des Sozialstaates vorangetrieben."
Vor zwei Jahren starb Butterwegges Mutter. Als er ihren Keller aufräumte, fand er die Kopie eines Briefs, den er 1999 an "Bundeskanzler Gerhard Schröder – persönlich –" geschickt hatte. Da steht: "Du hast mir im Juli – wie allen SPD-Mitgliedern – einen Brief mit der Bitte geschrieben, die Regierungspolitik zu unterstützen. Leider sehe ich mich dazu derzeit außerstande." Butterwegge war 1987 in die SPD eingetreten und trat wegen Schröder, der der "Genosse der Bosse" wurde, 2005 wieder aus.
Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Butterwegge war schon einmal SPD-Mitglied. In den Siebzigern wurde er aus der Partei geworfen, weil er zu links war. Er hat danach ein Buch geschrieben: "Parteiordnungsverfahren in der SPD". Auf dem Cover war eine Pistole abgebildet, die auf einen Kopf zielt. Ein Mord.
In einem schwäbischen Restaurant in Köln erzählt Christoph Butterwegge vom Leben nach dem politischen Tod mit 24 Jahren. Er wirkt nicht wie ein Mann, der gern übertreibt, er benutzt oft das Wort vielleicht. Wenn er gar nichts sagen will, sagt er: "Das weiß ich nicht."
Eines weiß Butterwegge aber ganz genau: Das Jahr 1975 hat über sein Leben entschieden. Alles wäre anders gekommen, wenn ihn die SPD damals nicht ausgeschlossen hätte. Butterwegge sagt, andere hätten ihm gesagt, er sei damals eines der größten Talente der SPD gewesen. Er wäre mit Ende zwanzig wohl in den Bundestag gekommen. Er hätte eine Karriere als Politiker gemacht. "Mein Leben wäre vielleicht analog zu dem von Schröder und anderen SPD-Funktionären verlaufen", sagt Butterwegge.
Sein Leben verlief dann so: Er wurde Politikwissenschaftler, sein Spezialgebiet die Armut. Er wurde zu jemandem, der bei jeder Gelegenheit sagt, was Hartz IV Deutschland angetan hat. Zu jemandem, der Politik kommentiert, statt sie zu machen.
"Wollen Sie sich mit der Kandidatur gegen einen SPD-Kandidaten auch ein bisschen rächen?"
"Das liegt mir fern."
Butterwegge hat nun eine Gegen-Agenda angekündigt, eine "Agenda der Solidarität". Er spricht im Bundestag und vor Gewerkschaftern, er reist durch ganz Deutschland. Er habe jetzt einen Terminkalender wie ein Spitzenpolitiker, sagt Butterwegge. Er testet ein bisschen aus, wie dieses andere Leben gewesen wäre, das im Rampenlicht. Seinen Terminplan bestimmt die Partei, die diesmal alles richtig machen will und zu fast jedem noch so kleinen Anlass sicherheitshalber einen Pressesprecher mitschickt. Butterwegge hat einen "Google-Alert", der ihn immer benachrichtigt, wenn irgendwo sein Name auftaucht.
"Christoph Butterwegge sprach über Reichtum und Armut", "Westfälische Rundschau".
"Ich will die Armut skandalisieren", "Weser-Kurier".
"Butterwegge: ,Reiche werden reicher, Arme zahlreicher'", "Hamburger Abendblatt".
Manches von dem, was er jetzt über sich lesen müsse, sei auch ein bisschen ernüchternd, sagt Butterwegge. Neulich stellte er sich bei den Grünen vor. Danach stand in der Zeitung, dass Butterwegge wenig Überraschendes gesagt habe.
Überraschendes? Was soll er denn Überraschendes sagen? Warum soll er überhaupt etwas anderes sagen als das, was er schon immer geglaubt und gesagt hat? Soll er sich jetzt widersprechen? Sich neu erfinden? Reicht es nicht zu sein, wer er ist?
Man muss sich oft ein bisschen vorbeugen, wenn man sich mit Christoph Butterwegge unterhält. Er spricht sehr leise.
"Sind Sie froh, wenn die 83 Tage vorbei sind?"
"Ein wenig schon."
Er ist jetzt 66 Jahre alt. Er schreibt keine SMS und benutzt keine EC-Karte, Geld hebt er nur am Schalter ab, damit die NSA nicht seine Daten bekommt. Er sagt, das alles sei sehr anstrengend. Er renne von Termin zu Termin und wisse vorher meist gar nicht, worum es geht. Soll er einen Vortrag halten? Hände schütteln? Wer soll er sein? Immer ein anderer? Er sagt, er bekomme Briefe, manche bitten ihn, ihr Anliegen doch bei Frau Merkel vorzutragen. Mit Frau Merkel habe er allerdings noch nie gesprochen. Auch nicht mit Steinmeier.
Er würde den Leuten gern antworten. Nur was? Wie viele Politiker hat auch Christoph Butterwegge nicht auf alles eine Antwort. Wie viele Politiker gehört er nicht mehr nur sich selbst.
Die Linke hat Autogrammkarten für ihn drucken lassen. Man sieht ihn, wie er sich lachend an einen Baum lehnt. Er gefällt sich auf dem Bild, aber es kommt ihm bearbeitet vor. Als wäre er darauf nicht mehr er selbst.
Butterwegge sagt, vielleicht habe Schröder es auch schwer gehabt. Er sagt: "Wenn man immer in der Öffentlichkeit steht, wenn alle was von einem wollen, wenn man irgendwann mit Dirk Rossmann persönlich Tennis und mit anderen Großunternehmern Golf spielt, ändern sich leicht auch die Grundüberzeugungen." Ihm dämmert, dass sein Leben ohne die Macht auch einen Vorteil hatte. Er musste sich nie mit Industriebossen treffen und einem Koalitionspartner gefallen. Er durfte seine Ideale behalten.
"Meine achtjährige Tochter hat mich gefragt, ob sie bald Prinzessin im Schloss Bellevue wird."
"Und?"
"Ich sagte, dass im Gegenteil bald wahrscheinlich alles wieder beim Alten sein wird."
Er wird am Ende seiner 83 Tage nach Berlin fahren, noch ein paar Veranstaltungen besuchen, sich vorbereiten. Alles Formelle, sagt er, finde er grauenvoll, das Steife, das Förmliche. Das würde er gleich ändern, wenn er Bundespräsident wäre. Man fühle sich einfach nicht wie man selbst, in so einem Aufzug.
Er wird am 12. Februar im Deutschen Bundestag dennoch einen dunkelblauen Anzug tragen, einfach, weil es sich so gehört. Eine Rede hat er nicht vorbereitet. Warum auch?

Butterwegge musste sich nie mit Industriebossen treffen. Er durfte seine Ideale behalten.

Von Britta Stuff und Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 5/2017
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