28.01.2017

TerrorismusCodename Neptun

Eine Gruppe rechtsextremer Esoteriker um einen selbst ernannten Druiden hortete Waffen und Sprengstoff – und soll Anschläge geplant haben.
Als die Polizisten des Spezialeinsatzkommandos der Brandenburger Polizei um Punkt sechs Uhr das Anwesen in der Beeskower Straße in Rietz-Neuendorf stürmten, entdeckten sie zunächst nichts Verdächtiges.
Erst draußen wurden sie fündig: In einem Erddepot lagerten 1200 Schuss Munition des Kalibers 9 Millimeter, eine Reichskriegsflagge und ein Ausweis des – nicht existierenden – Kaiserreichs Preußen. Die Polizisten hoben außerdem mehrere selbst gebaute Schussgeräte aus dem Boden, darunter zwei umgebaute Maulwurfsfallen mit abfeuerbaren Bolzen.
Der Einsatz am Mittwoch in dem kleinen Ort zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) war Teil einer Razzia, die Beamte zeitgleich in sechs Bundesländern durchführten. Ihr Ziel: eine Gruppe von Rechtsextremisten zu zerschlagen, die Angriffe gegen Polizisten, Flüchtlinge und Menschen jüdischen Glaubens geplant haben soll. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass sechs Männer eine terroristische Vereinigung bildeten. Eine Frau aus Berlin soll ihnen dabei geholfen haben.
Neben den sogenannten Reichsbürgern gerät damit ein weiteres obskures Milieu in den Blickpunkt: gefährliche Rechtsesoteriker und Neugermanen. Schon 2001 diagnostizierte die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, solche Esoteriker bedienten sich eines Mythenfundus, "der schon im Nationalsozialismus eine Rolle spielte". Es gebe "personelle Verflechtungen bis in das politisch-rechtsextremistische Lager".
Die Behörden nehmen die Angriffspläne so ernst, dass der Generalbundesanwalt die Ermittlungen leitete. Sie liefen unter dem Codenamen Neptun. Im Mittelpunkt: Karl Burghard B., 66, aus Schwetzingen, den das Einsatzkommando in dem Haus in Rietz-Neuendorf bei seiner Lebensgefährtin festnahm. Der Senior mit dem weißen Rauschebart bezeichnet sich als "keltischen Druiden", er wollte sich diese Bezeichnung sogar als Markennamen eintragen lassen. Im Internet finden sich Fotos und Videos, in denen B. als "Burgos von Buchonia" sein schräges Brauchtum erklärt. Er verkaufte auf Mittelaltermärkten Heilmittel, lief im Umhang durch die Städte und lud zu Räucherzeremonien.
Doch B., ein ehemaliger Versicherungsvertreter, zeigte sich auch offen antisemitisch und hetzte auf Facebook sowie in dem gern von Neonazis und Verschwörungstheoretikern genutzten sozialen Netzwerk VK.com. "Neben der Presse und der Politik wird die Justiz, die Banken, Industrie und der Handel, also alle, die gegen unser Volk arbeiten, zu Opfern der Kulturrevolution werden", schrieb B. im Oktober 2015. Die "Moscheen, die Brutstätten des Hasses", seien "zu sprengen", heißt es in einem anderen Kommentar
Verfassungsschutz und Polizei hatten die Machenschaften schon seit Längerem beobachtet. In der Polizeidatenbank Inpol ist B. als "politischer Straftäter" und "Reichsbürger" erfasst. Schon vor seiner Festnahme in Brandenburg lag ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Mannheim wegen antisemitischer Hetze vor, das Amtsgericht Schwetzingen hatte B. im Juni 2016 zu 200 Tagessätzen verurteilt.
Auch seine Mitstreiter sind offenbar mehr als nur harmlose Esoteriker. In der Garage des Reihenhauses von Thiemo B., 51, bei Heidelberg fand die Polizei eine Selbstladepistole, drei Magazine, eine größere Menge Schwarzpulver, eine Schussfalle und einen Karton mit vorbereiteten Molotowcocktails. Der Mann arbeitete bei einer Firma, die Chemikalien kontrolliert, und posierte privat auch gern in Kelten-Montur. Er kam ebenfalls in Untersuchungshaft.
Sprengstoff fanden die Polizisten auch bei einem weiteren Mann, der nahe Heidelberg lebt. Ein Vierter aus der Druiden-Gruppe trat bei Veranstaltungen der Partei Die Rechte auf. Die Ermittler entdeckten unter anderem eine Sturmhaube und einen aus Grillanzündern gefertigten Brandsatz. Und ein Fünfter, Karsten R. aus Berlin, hatte vor zweieinhalb Jahren einen Strafbefehl des Amtsgerichts Leipzig erhalten, da er gegen das Waffengesetz verstoßen hatte.
Dieser Mann und Druide "Burgos" tauschten sich Ende 2016 via VK über "nationalen Widerstand" und "Todesschwadrone" als "Modell für Deutschland" aus. "Burgos, versorgt uns mit Waffen und ausreichend Munition", forderte der Mitstreiter am 25. Dezember, anders sei "der zionistischen Bestie" nicht mehr beizukommen. "Waffen laufen genug draußen herum", antwortete "Burgos". "Aus einer Waffe werden 2, aus 2 werden 4. Daraus dann 8. Wenn nur MÄNNER es beginnen."
Bei den Ermittlungen spielt auch ein Gutshof in Querfurt in Sachsen-Anhalt eine Rolle, den die Polizei ebenfalls durchsuchte. In der Nähe wollte Burghard B. ein "Wehrdorf" errichten, eine befestigte Siedlung. Die Gruppe traf sich zudem in Berlin, Hamburg, Wien und Essen.
Die Machenschaften von Burghard B. und seinen Mitstreitern haben nicht nur den Staat, sondern auch die seriösen Kelten-Fans aufgeschreckt. "Aus dem keltischen Erbe eine Legitimation für Rechtsextremismus abzuleiten ist ein Unding", sagt Erwin Schottler vom Verein Donnersberger Kelten.
Schottler, ein Mann mit weißem Bart, zeigt Schulklassen die ehemalige keltische Stadt auf dem Donnersberg in der Pfalz, daneben gibt er Workshops für Berufstätige, die mehr Zeit in der Natur verbringen wollen. Dafür schlüpfte Schottler gelegentlich in die Rolle des Druiden Donarix. "Doch für mich", sagt er, "war das keine Weltanschauung, sondern ein Werbegag."
Von Maik Baumgärtner, Jan Friedmann und Sven Röbel

DER SPIEGEL 5/2017
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