28.01.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteFrantišek fliegt

Warum ein tschechischer Schlosser mit dem Flugzeug zur Arbeit fliegt
Vor 15 Jahren stand der Schlosser František Hadrava in seiner Werkstatt, einer kleinen Holzhütte, und traf eine Entscheidung, die ihn ein bisschen berühmt machen würde. Er hielt eine Skizze in den Händen. Auf der Skizze war ein Flugzeug zu sehen.
Seine Werkstatt liegt in Zdíkov, einem stillen Dorf im Böhmerwald, südwestliches Tschechien. Eine einzige Straße führt hin, vorbei an gelb und grau verputzten Häusern, und nach wenigen Hundert Metern wieder hinaus. Man würde diesen Ort hinter sich lassen und schnell vergessen, wenn hier nicht František Hadrava lebte: der Mann, der mit seinem selbst gebauten Flugzeug zur Arbeit fliegt.
Um sechs Uhr morgens muss er bei der Fabrik sein, dann beginnt seine Schicht. Kurz davor läuft Hadrava also auf die hügelige Wiese, die er als Start- und Landebahn gepachtet hat. Nebenan grasen Schafe. Er setzt sich die Fliegerbrille auf und startet den Motor. Die Maschine rattert über das hohe Gras, hebt ab und verschwindet. Mit dem Auto braucht er von Zdíkov bis zu seinem Arbeitsplatz eine Viertelstunde, rund 15 Kilometer sind es über die Landstraße. Mit dem Flieger dauert es knapp zehn Minuten. Aber um gesparte Zeit geht es Hadrava nicht, es geht ihm ums Fliegen.
František Hadrava ist heute 45 Jahre alt, ein Typ mit langen schwarzen Haaren, Ziegenbart und einer tätowierten Träne unter dem rechten Auge. Er sieht aus wie ein Rockstar, und ein bisschen ist er das auch für die Menschen in seinem Dorf. Medien weltweit schrieben seinen Namen. Er steht in der kleinen Holzhütte im Garten seiner Schwester, in die er sich oft zum Schrauben zurückzieht, und erzählt, wie erst Journalisten lokaler Zeitungen zu ihm kamen und später Nachrichtensender von Großbritannien bis nach Pakistan über ihn berichteten.
Hadrava ist ein Einzelgänger, der besser mit Werkzeugen als mit Worten umgehen kann. Sein Arbeitgeber im Nachbardorf stellt Maschinen für die Holz- und Forstindustrie her. 650 Euro verdient Hadrava dort im Monat, kaum genug für ein anständiges Leben.
Hadrava erzählt, dass er anders war als die anderen Kinder im Dorf. Während die Jungs Fußball spielten, steckte er Modellflugzeuge zusammen. Er war fasziniert von deutschen Jagdflugzeugen und amerikanischen Ultraleichtfliegern. Er hatte sie in Serien und Filmen gesehen und verehrte seither einen Mann mit einem langen deutschen Namen: Freiherr Manfred Albrecht von Richthofen, bekannt als der "Rote Baron". Hadrava lernte, dass dieser Baron der erfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkriegs gewesen war. Ein Held, dachte er, nahezu unbesiegbar. Der kleine František aus dem kleinen Zdíkov stellte sich vor, wie es wäre, wie sein Held zu fliegen.
Die meisten verlieren ihre Kindheitsträume aus den Augen, wenn sie erwachsen werden, sie gründen eine Familie, bauen ein Haus und kaufen sich ein schickes Auto. Doch František blieb allein und begnügte sich mit einem uralten dunkelgrünen Škoda Felicia.
Zum ersten Mal hob er sich in die Luft, als er gerade 20 Jahre alt war. Er hatte den Rogallo-Drachen für sich entdeckt, einen Hängegleiter, der Menschen durch die Lüfte trägt. Hadrava hing am Drachen und sah seine Heimat von oben, die sanfte Landschaft des Böhmerwalds, die Hügel, die Bäume und Häuser. Er fühlte sich frei.
Als er 30 wurde, verschwand er nach der Arbeit immer häufiger in seiner Werkstatt. Er hatte sich den Bauplan einer Mini-Max-Maschine bestellt. Er schaute auf die Skizze und sah es deutlich vor sich: Bald würde in diesem Schuppen ein echtes, funktionsfähiges Flugzeug stehen.
Seine Nachbarn belächelten ihn. Seine Schwester erklärte ihn für verrückt. Aber er ließ sich nicht beirren, und immer nachmittags, wenn er von der Arbeit aus der Fabrik kam, zog er die Tür zu seiner Werkstatt hinter sich zu. An die Wand hängte er ein Bild des "Roten Barons".
Nach und nach bestellte er sich die Einzelteile für sein Flugzeug. Den Motor bekam er von einem tschechischen Hersteller, den Fahrtmesser aus Russland, dazu einen polnischen Drehzahlmesser. Hadrava lackierte den Rumpf in silbergrauer Farbe. Er baute das offene Cockpit zusammen und schraubte die Flügel an, die abnehmbar sein mussten, sonst würde die Maschine nicht in seinen Schuppen passen.
Am Ende stand vor seiner Werkstatt ein funktionsfähiges Flugzeug, so, wie er es sich erträumt hatte, mehrheitlich aus Holz gebaut, mit einem Gewicht von rund 175 Kilogramm – ein Fliegengewicht. 100 000 tschechische Kronen, rund 3700 Euro, hatte ihn das Material dafür gekostet. Zwei Jahre dauerte es, bis das Flugzeug fertig war. Hadrava taufte es auf den Namen "Vampira". Jetzt musste es nur noch fliegen.
In Tschechien beurteilt die Assoziation der Amateurflieger die Flugtauglichkeit von Ultraleichtflugzeugen und vergibt die Zulassungen. "Vampira" wurde zweimal begutachtet.
Hadrava hatte bei seinem ersten Flug noch keinen Flugschein, aber er wusste, was zu tun war, sagt er – immerhin hatte er das Flugzeug selbst gebaut. "Vampira" klang beim Start wie ein Presslufthammer und qualmte wie ein alter Lastwagen. Aber sie flog.
Irgendwann fingen seine Arbeitskollegen an, Späße zu machen: Er solle doch mit dem Flugzeug zur Arbeit kommen. Warum eigentlich nicht, dachte er sich.
Die "Vampira" hatte einen neuen Motor bekommen und brauchte nur noch 40 statt 70 Meter, um abzuheben. Damit konnte er auf der Wiese gegenüber seiner Fabrik landen. Von dort aus zieht František Hadrava das Flugzeug an der Schnauze hinter sich her, wie ein Cowboy sein Pferd, und stellt es dann auf den Mitarbeiterparkplatz.
Von Jana Sepehr

DER SPIEGEL 5/2017
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