28.01.2017

LeitkulturSkilaufen gegen Trump

Alexander Osang weiß, wie anstrengend es sein kann, sich für sein Land zu rechtfertigen.
Vorige Woche war ich mit zwei amerikanischen Freunden in Österreich zum Skilaufen. Das ist ein Satz, den ich als Junge geliebt hätte. Aber so einfach ist es nicht.
Unsere New Yorker Freunde sind Langläufer, wir Abfahrer. Ich komme aus einem Land ohne nennenswerte Abfahrtshänge. Es gab Hügel in Ostdeutschland und sogenannte Kombiski, mit einer Bindung, die man je nach Gefälle umstellen konnte. Wie die meisten Kombiprodukte waren sie zu gar nichts zu gebrauchen. Im Winter nach der Wiedervereinigung kaufte ich mir Abfahrtsski und fuhr in die Berge. Das mache ich seitdem jeden Winter. Nicht weil ich es so mag, eher weil ich es kann.
Glücklicherweise kommen unsere Freude aus New York und können mit Andersartigkeit gut umgehen. Sie bekamen keine schlechte Laune, als wir unsere Abfahrtsski neben ihre Langlaufski in den Keller stellten. Das amerikanische Ehepaar ging in die Loipe, das deutsche zum Lift. Wir sahen uns zum Frühstück und zum Abendessen. Die Probleme lagen woanders. Sie hatten mit einem gemeinsamen Feind zu tun. Mit Trump. Unsere Freunde wurden einsilbig, wenn wir auf ihn zu sprechen kamen.
Ich hatte folgende Vermutungen: Sie schämen sich, dass ihr Volk diesen Mann gewählt hatte. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht wie ihre Nachbarn an einem der vielen Protestmärsche teilnehmen konnten. Sie glauben, dass der Skiausflug nach Österreich wie eine kurze Flucht aus der amerikanischen Realität aussieht. Die kleine Alibiausreise.
Irgendwann begriff ich, dass sie es einfach satthatten, auf den Arsch angesprochen zu werden. Taxifahrer, Ticketverkäufer, Menschen im Skibus; alle wollten wissen, was los ist. Wie sie das aushalten. Ob die Welt untergeht. Und so weiter. Sie fuhren hier Ski für Amerika. Cross Country for the U.S.A. Sie standen für ihr Land in der Kälte.
Ich weiß genau, wie ihr euch gerade fühlt, sagte ich.
Sie lächelten. Seine Familie kommt aus Weißrussland, ihre aus Deutschland. Der Stolperstein für ihre Urgroßmutter liegt in einem Schöneberger Bürgersteig. Sie haben, glaube ich, keine Lust, vor einem Deutschen ihr Land schlechtzumachen. Sie wollen keinem österreichischen Taxifahrer ihr Leid klagen. Sie wollen sich keinem Italiener, der im Skibus neben ihnen sitzt, an die Brust werfen. Ich kenne das Phänomen. Ich habe Erich Honecker für Dinge verteidigt, die mich wahrscheinlich mehr störten als die Leute, die ihn attackierten.
Natürlich ist es schwer, Trump zu verteidigen. Es ist unmöglich, erst recht für aufrechte Demokraten.
Mein Freund fand Meryl Streeps Rede bei den Golden Globes nicht so berührend wie ich. Jemand, der in Abba-Filmen singe, wirke in der Politik wenig glaubwürdig, sagt mein Freund. Zwei Tage vor Trumps Amtseinführung empfahl er mir eine Titelgeschichte aus der "New York Times", in der – ausgehend von der Rede Björn Höckes – das seltsame Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land seziert wurde. Es war der Beginn einer kleinen transatlantischen Diplomatielektion, glaube ich.
Einen Abend vor der Inauguration spielten sie mir Tom Lehrers Lied "Wernher von Braun" vor. Lehrer war in den Sechzigerjahren populär, wirkt aber immer noch sehr lustig und sehr verstörend. "Once the rockets are up, who cares where they come down? ,That's not my department', says Wernher von Braun", singt Lehrer mit gespieltem deutschen Akzent. Wem meine Raketen am Ende die Hütte weghau'n? Ist mir egal, sagt Wernher von Braun.
Er sang mir direkt ins Ohr. Braun half erst den Nazis beim Raketenbauen, später den Amerikanern, vor allem aber war er Deutscher.
Ich beschloss – als diplomatische Geste – einen Tag auf den Abfahrtslauf zu verzichten und mit meinen Freunden auf die Loipe zu gehen. Sie wählten eine schwierige Strecke. Es ging auf und ab, ich war ziemlich ausgepumpt, als wir schließlich durchs Leutaschtal liefen. Meine Freunde sind in guter Form; sie schwimmt dreimal die Woche, er ist ein New Yorker Fahrradaktivist, der selbst bei eisigen Temperaturen mit dem Rad zur Arbeit fährt und an Wochenenden zur Entspannung hundert Meilen am Hudson entlangradelt.
"Ich habe nach dem 11. September damit angefangen", sagte er, während wir durch die Ebene stapften.
"Damit die Terroristen nicht gewinnen", sagte ich.
Es sollte ein Witz sein, aber er lachte nicht.
Am Morgen der Amtseinführung von Trump zitierte mein Freund Georges Clemenceau, einst französischer Premier, der vor hundert Jahren gesagt haben soll: "Amerika ist die einzige Nation, die direkt vom Barbarismus zur Degeneration gewechselt ist ohne den Umweg über die Zivilisation."
Er trug bereits seine Mütze, stand in der Tür und lächelte schief. Es gibt auch Leute, die behaupten, Clemenceau habe Hitler möglich gemacht, sagte er. Wir sind zusammen durch die Toskana gereist und durch Israel, aber so intensiv wie in Tirol war es noch nie. Nächstes Mal wollen wir in Weißrussland Fahrrad fahren. Und danach vielleicht nach Togo, wo mein Freund im Friedenskorps diente. Sie haben das beste deutsche Bier außerhalb Deutschlands, sagt er.
Dann betraten wir das Winterwunderland. Ich nahm mir vor, eine Abfahrt für Obama zu fahren. Aber als ich oben auf dem Berg war, hatte ich das vergessen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 5/2017
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