28.01.2017

Russland„Ein wunderbarer Traum“

Sankt Petersburg ist ein Ort des Aufbegehrens gegen die Macht – und die einzige Großstadt Russlands, in der die Opposition noch mitbestimmt. Warum ist das so? Von Christian Neef
Die Adresse lautet Prospekt der Fünfjahrespläne Haus eins. Sie erinnert an die alte Sowjetzeit, als diese Stadt Leningrad hieß, auch die Metrostation gegenüber nennt sich noch Prospekt der Bolschewiki. Aber sonst hat die Eisarena von Sankt Petersburg nichts mit der Vergangenheit gemein.
Wie eine gläserne Schüssel ruht sie zwischen grauen Plattenbauten. Sie wurde für die Eishockey-Weltmeisterschaft 2000 gebaut, heute jedoch gibt es hier ein Konzert. 15 000 Gäste haben Platz, alle Karten sind ausverkauft.
Es ist 20 Uhr, in der Schüssel kocht und brodelt es schon. Sergej Schnurow wird spielen, Spitzname "Schnur", der Schnürsenkel. Mit ihm seine Gruppe "Leningrad".
Schnurow, 43 Jahre alt, Rocksänger, Schauspieler und Komponist, gilt als Russlands Star Nummer eins. "Er ist Jessenin, Wyssozki und Alla Pugatschowa in einer Person", schreibt das Glamourmagazin "Snob": "Man wird die Putin-Zeit dereinst anhand der Lieder und Clips von ,Leningrad' erforschen." Bestenfalls Wladimir Putin selbst komme an die Popularität von Schnurow heran.
In der Halle hüpfen sich die Fans bereits warm, die Bühne mitten in der Arena ist von Schnur-Anhängern umringt. "No Schnur, No Party" steht auf manchem T-Shirt.
Und dann ist er endlich da, der Chef von "Leningrad": weißes Shirt und abgeschnittene blaue Jeans, goldene Kette um den Hals, Dreitagebart. Er greift in die Saiten seiner Gitarre und singt das Lied, das die Petersburger zum Einstieg hören wollen: "Totschka.ru". Was so viel heißt wie dot.com und die Erkennungsmelodie für Sankt Petersburg ist: "Wann ich hierhergezogen bin, hab ich vergessen, besoffen war ich damals wohl. Ich hab keine Anmeldung, keine konkrete Adresse. Meine Adresse heißt www.leningrad.sanktpetersburg.totschka.ru".
Sankt Petersburg, die Kopfgeburt Peters des Großen. 200 Jahre lang war es die Hauptstadt Russlands, dreimal wurde es im vorigen Jahrhundert umbenannt. Hier regierten die Zaren, hier stürzte Lenin das Kerenski-Kabinett, hier begann er seine blutige Revolution. 1918 aber zog die Regierung nach Moskau um, Sankt Petersburg / Petrograd /  Leningrad versank in Provinzialität.
In der steckt die Stadt auch heute noch, obwohl sie seit 1991 wieder Sankt Petersburg heißt und ein Ort der Superlative ist: die nördlichste Millionenstadt der Welt, Russlands wichtigster Ostseehafen und fast so glitzernd wie Venedig: Die Stadt besitzt 342 Brücken, von denen 9 jede Nacht für die Schiffe hochgeklappt werden, und in der fast unberührten historischen Innenstadt stehen 2300 Paläste, Prunkbauten und Schlösser. Die Jury des World Travel Award hat Petersburg gerade zur Welt-Touristenhauptstadt mit den interessantesten kulturellen Zielen gewählt – 6,9 Millionen Reisende kamen 2016 in die Stadt.
Irgendwie ist Petersburg auch immer noch Regierungsdomäne. Präsident und Premierminister stammen von hier, Wladimir Putin begann im Leningrad der Siebzigerjahre seine KGB-Karriere. Heute empfängt er im Konstantinpalast von Sankt Petersburg Staatsgäste, führt sie in die Sammlungen der Eremitage und zu Premieren ins Mariinskitheater. Auch viele Männer aus seiner Entourage wurden hier geboren.
Ansonsten hat Petersburg wenig Berührung mit dem offiziellen Russland, es lebt in einem eigenen Kosmos. Architektonisch war es von Anfang an ein Gegenentwurf zum eher bäuerlichen Moskau, das wie ein großes Dorf in die russische Landschaft wuchs. Aber Petersburg ist auch aristokratischer und gebildeter. In Moskau duzt man sich und küsst sich zur Begrüßung, in Petersburg gilt das als Zeichen schlechten Geschmacks. Die Petersburger nutzen für gebräuchliche Dinge ganz andere russische Wörter. Und sie verstehen es, eine hippe Atmosphäre in ihre Stadt zu zaubern – etwa in der Rubinsteinstraße, die mit ihren Pubs und Bars jede Nacht zum Treff von tout Petersburg wird.
Eine Stadt als Inkarnation eines Lebensgefühls, das überall im Land anzutreffen ist: Petersburg strahlt Gleichgültigkeit aus gegenüber dem, was in Moskau passiert. Lasst uns in Ruhe, dann lassen auch wir euch in Ruhe, lautet die Maxime. Moskau steht an der Spitze der Machtvertikale, Petersburg symbolisiert die Abkopplung des Volkes von der Macht.
Rocksänger Schnurow drückt dieses Gefühl wie kein anderer aus. "Die ganze Absurdität, die Sinnlosigkeit und der grenzenlose Zynismus unserer Zeit sind in Schnurows Melodien versteckt", schreibt das Magazin "Snob". Schnurow singt in der "Mat" genannten russischen Vulgärsprache: "Und was könnte absurder sein: Der Mat ist unter Putin verboten worden, seine Nutzung wird bestraft", so "Snob", "aber Schnurows Lieder mit der obszönen Lexik singt das halbe Land."
In der Eisarena von Sankt Petersburg singen sie inzwischen längst mit. Etwa das Lied von den Sterbeglocken über Moskau: "Gestern träumte ich einen wunderbaren Traum – Moskau war vollständig abgebrannt. Das Feuer wütete auf dem Roten Platz, es schwelte die ehemalige Wahlkommission. Alle sind verbrannt: alle Pussies, Putin und Nawalny. Die Polizei und Ostankino."
In Ostankino steht Russlands TV-Zentrale. "Wenn du unser Fernsehen guckst, denkst du, du lebst in einem Land von Idioten", sagt der schwitzende Schnurow in der Pause, hinter der Bühne. "Die Politik verschweigt, was bei uns passiert. Aber alle versuchen, uns irgendeine Moral zu predigen. Wir dagegen machen Karneval. Karneval ist, wenn oben und unten ihre Plätze tauschen. Wir singen, was alle verstehen, was sie verbindet. Wir sagen Scheiße zu dem, was Scheiße ist. Ich bin der Sänger dieser Stadt."
Schon die Wahlbeteiligung zeigt, dass Petersburg der Ort des Aufbegehrens gegen die Willkür der Moskauer Politik ist. Im September, bei der Abstimmung über das neue russische Parlament, kam nicht mal jeder dritte Petersburger ins Wahlbüro. Und nur knapp 13 Prozent der Wahlberechtigten in der Stadt stimmten für Putins Staatspartei. In Tschetschenien waren es 91 Prozent.
Dagegen gingen nach dem Moskauer Mord am Politiker Boris Nemzow 15 000 Petersburger auf die Straße und protestierten gegen die Hatz auf Russlands Liberale. 15 000 Demonstranten – im heutigen Russland ist das eine gewaltige Zahl.
Und schließlich stehen nirgendwo Gouverneure so unter öffentlichem Druck wie in Sankt Petersburg. Der jetzige ist bereits das fünfte Stadtoberhaupt seit Ende der Sowjetunion, seine Vorgängerin musste wegen massiver Bürgerproteste von Putin abgelöst und nach Moskau geholt werden.
Lew Lurje, Petersburgs bekanntester Historiker, Publizist und Filmautor, weiß um das latent Subversive dieser Stadt. "Putins Militäreinsatz in Syrien oder die Verhaftung des russischen Wirtschaftsministers? Das ist deren Sache, das ist bei denen da passiert, sagen wir in Petersburg und meinen Moskau. Das geht uns nichts an."
Lurje, gelernter Ökonom, später Fremdenführer in der Peter-und-Paul-Festung, in der die meisten Zaren begraben liegen, betreibt mit mehreren Gleichgesinnten das Kulturhaus Lew Lurje. Es ist ein ungewöhnlicher Debattenort, ein "Ort der Aufklärung", wie er sagt. "Wir reden darüber, worüber andere nie reden." Über die Gemeinsamkeiten zwischen Putin und den Oligarchen, darüber, warum der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zugleich Triumph und Tragödie war, oder – wie an diesem Abend – über die Frage: "Musste man Rasputin ermorden?"
Die Frage ist aktuell, denn der russische Wanderprediger, der als Quasipsychotherapeut fatalen Einfluss auf die Zarenfamilie bekam, wurde vor 100 Jahren auf ziemlich barbarische Weise umgebracht. Seine Ermordung kündigte die Februar-Revolution an, drei Monate später wurde Nikolaus II. gestürzt.
Auf dem Podium sitzen Lurje und ein Historiker, der Rasputins Tagebücher herausgegeben hat. Die beiden streiten sich darüber, welchen Schaden der Geistliche damals in Russland angerichtet hat. Aber ihr Disput ist mit aktuellen Botschaften gespickt: dass Nikolaus' Russland genau wie das heutige in Elite und Volk gespalten war, dass es auch damals eine Staatspartei gab, vergleichbar mit Putins "Einigem Russland", und eine Kirche, so ultranational wie die von heute.
Und erinnere der patriotische Jubel auf dem Petersburger Schlossplatz im Sommer 1914, als Zar Nikolaus zum Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn aufrief, nicht an heute, fragt Lurje in die Runde. "Gleicht dieser Jubel nicht jener Euphorie, mit der 2014 die Krim heim ins Reich geholt worden ist?"
Etwa hundert Petersburger sitzen im Saal. Sie haben umgerechnet zwölf Euro pro Eintrittskarte bezahlt, das ist in Russland viel Geld. Aber sie mögen diese Art Diskussion, sie gehen mit, manchmal korrigieren sie mit Zurufen das eine oder andere Detail. Es fällt schwer, sich solch ein Publikum im groben, geschäftsversessenen Moskau vorzustellen.
Rasputin wurde von den Nationalisten benutzt, um den Zaren zu manipulieren, sagen die Männer auf der Bühne, die Politik sei extrem intransparent gewesen. Unter den Bedingungen einer offenen Gesellschaft würde Russlands Selbstherrschaft aber auch nie funktionieren, das sei heute so wie damals. "Wer davon träumt, dass Russland irgendwann frei sein wird, muss sich im Klaren sein: Wenn es frei sein wird, hört es auf zu existieren", sagt einer. Fast schon aufrührerische Reden sind das.
Der Geist des Widerspruchs ist tief verwurzelt in Sankt Petersburg. Die Stadt hat zu kommunistischen Zeiten bluten müssen, Moskau empfand sie als intellektuelle und politische Gefahr. In den Dreißigerjahren ließ Stalin hier besonders viele Menschen hinrichten, und selbst nach dem Krieg setzten sich die Repressionen fort. Im Zuge der "Leningrader Affäre" wurde 1950 fast die gesamte Führung der Stadt erschossen – angeblich war sie dabei, eine zweite Kommunistische Partei ins Leben zu rufen. Eigens für diesen Fall hatte Moskau die 1947 abgeschaffte Todesstrafe wieder eingeführt. Noch in den Siebzigerjahren machte der Kreml Jagd auf Leningrader Untergrundgruppen, die verbotene Literatur verbreiteten.
"Wir waren immer anders", sagt Lurje. "Wir haben ziemlich progressive Medien in der Stadt, bei uns sitzt sogar noch die Opposition im Parlament. Und natürlich waren hier nach dem Krim-Anschluss weniger schwarz-gelbe Georgsbändchen zu sehen als im übrigen Land – die Zeichen der russischen Patrioten." Vielleicht liege das daran, sagt Lurje, dass Petersburg im Gegensatz zu Moskau noch so aussehe wie zur Zarenzeit und "der Kontrast zwischen dem Bürgerlichen und dem Sowjetischen den Menschen hier jeden Tag bewusst geworden ist".
Auch Rocksänger Schnurow war immer ein Stück Petersburger Untergrund. Er hat als Lastwagenfahrer gearbeitet, als Wächter im Kindergarten, als Tischler und Schmied, außerdem hat er am Theologischen Institut Philosophie studiert. Schnurow sagt, dass es viele Tabus in Russland gebe, dass man sie aber überwinden könne, wenn man genügend Distanz zur Politik halte und eine gemeinsame Sprache mit dem Volk suche. Und dass die Russen "in einem ziemlich gruseligen Alltag" lebten. Er hat dazu ein Lied geschrieben: "W Pitere pitj": "Trinken in Petersburg". Die einen verdammen es als Trash, die anderen feiern es als Hit. Bei YouTube wurde der Clip mehr als 30 Millionen Mal angeklickt.
Als Schnurow das Lied für die 15 000 in der Eisarena anstimmt, schreien die vor Begeisterung. Viele werden das Video vor Augen haben: wie sich fünf Petersburger – ein gefeuerter Büroangestellter, eine Verkäuferin, ein Polizist, eine Museumsführerin und ein radebrechender Taxifahrer aus dem Kaukasus verbrüdern und Wodka trinkend durch die Stadt ziehen. Für uns gelten keine sozialen Schranken, so die Botschaft, zusammen sind wir stark.
Schnurow springt von der Bühne und mischt sich unter die Fans, die jeden seiner Texte auswendig können. Auch "Na labutenach", seinen bislang größten Hit, der nun an der Reihe ist und der sich um ein Mädchen dreht und ein Paar Schuhe vom Designer Christian Louboutin, die es sich für ein Date von ihrer Freundin borgt. 100 Millionen Mal wurde dieser Titel angeklickt.
Boris Wischnewskis Blick auf Petersburg ist weniger spielerisch. Der Mathematiker vertritt gemeinsam mit seinem Kollegen Michail Amossow, einem Geografen, die oppositionelle Jabloko-Partei in der Gesetzgebenden Versammlung, dem Petersburger Parlament. Jabloko heißt "Apfel", die Partei der Liberalen saß einst sogar mit einer eigenen Fraktion im russischen Parlament. Das ist lange her, selbst in der Moskauer Stadtduma gibt es die Liberalen nicht mehr – in Petersburg aber sehr wohl.
Das ist bemerkenswert, weil auch in Petersburg mit vielen Tricks versucht wird, sie aus dem Parlament zu vertreiben. Erst im vergangenen Sommer hat Wischnewski das wieder erlebt, zur Wahl der Gesetzgebenden Versammlung.
Er steht in seinem Arbeitszimmer im Mariinskipalast, von dem aus man eine wundervolle Sicht auf die Goldhaube der Isaakskathedrale hat. Und erzählt, wie es sämtliche Werbefirmen zur Wahl ablehnten, Plakate von ihm im Zentrum zu kleben. Wie aber gleichzeitig Poster mit seinem Foto auftauchten, auf denen stand: "Ich bin Kandidat der Opposition. Bitte zahlen Sie zu meiner Unterstützung 1000 Rubel auf folgendes Konto ein ..."
Das sei eine Fälschung von Putins Partei "Einiges Russland" gewesen, sagt Wischnewski. "Ärzte, Lehrer, Militärs, Zollbeamte – all jene, die ihr Gehalt vom Staat bekommen – wurden gegen Jabloko mobilisiert." Wischnewski kam in keine Schule, in keine Poliklinik der Stadt. Selbst die Chefin der zentralen russischen Wahlkommission sprach von einer "herausfordernd zynischen Nutzung staatlicher Druckmittel" in Petersburg, um bestimmte Kandidaten anderen vorzuziehen.
Wischnewskis Hauptkontrahent ist der Petersburger Gouverneur, der Vertreter der Staatsmacht. Er ist der erste Gouverneur, der wie Putin beim KGB groß wurde, und gibt sich zutiefst religiös. Früher wehten im Amtssitz rote Fahnen, jetzt hängen dort Ikonen. Und statt der Parteiversammlungen gibt es Pausen zum Beten.
Wischnewski sagt, der Gouverneur lasse sich nur selten sehen, er sei vorsichtig. Seine Vorgängerin sei von den Petersburgern gestürzt worden, nachdem die Stadt zwei Winter hintereinander in Schnee und Eis versank, sechs Menschen kamen ums Leben. Mögen die Obdachlosen zum Schneeräumen herangezogen werden, hatte die Gouverneurin gesagt – und damit empörte Proteste ausgelöst.
Die Petersburger lassen sich so leicht nichts gefallen. Patrioten sind sie vor allem dann, wenn es um ihre Stadt geht. Tausende gingen auf die Straße, als das historische Hotel Angleterre abgerissen werden sollte, in dem sich Sergej Jessenin 1925 erhängte, der berühmte russische Lyriker. Der Plan wurde gestoppt. In Moskau gibt es solche Proteste schon lange nicht mehr, dort sind Dutzende historische Bauten dem Erdboden gleichgemacht worden.
Ihren größten Sieg errangen die Petersburger jedoch im Kampf gegen Putins Staatskonzern Gazprom. Der wollte ein Geschäftszentrum mit einem 400 Meter hohen Wolkenkratzer an den Rand der Altstadt setzen, finanziert durch Staatsgelder – obwohl so hohe Gebäude im Petersburger Zentrum verboten sind.
Boris Wischnewski hat die Protestbewegung gegen den Turm angeführt. Er hat mit mehr als 400 Artikeln die Öffentlichkeit gegen Gazprom mobilisiert, der Streit ging sogar bis vors Verfassungsgericht. Nach vier Jahren war der Druck so groß, dass Gazprom schließlich einknickte, der Turm wird nun weit draußen gebaut. Wischnewskis Wirken sei der Beweis dafür, dass man "gegen eine Macht, die alles Maß vergisst, Widerstand leisten kann", schrieb der Petersburger Schauspieler Alexej Dewotschenko.
Selbst wenn – wie in diesen Wochen – um die Übergabe der Isaakskathedrale an die Russisch-Orthodoxe-Kirche gestritten wird, steckt dahinter Grundsätzliches. Die Kathedrale ist eines der meistbesuchten Museen der Stadt. Sie wurde vom russischen Staat errichtet, war nie Kircheneigentum und auch nie Gemeindekirche. Trotzdem hat der Petersburger Gouverneur jetzt dem Druck der Orthodoxen nachgegeben und ihnen die Übergabe der Kathedrale versprochen.
"Er hat die Petersburger nicht nach ihrer Meinung gefragt und sich über sämtliche Gesetzeshürden hinweggesetzt", sagt Wischnewski. "Welch eine Geringschätzung der Öffentlichkeit, welch ein rüpelhaftes Vorgehen!" Man werde die Isaakskathedrale nicht hergeben, hat Wischnewski öffentlich erklärt: Binnen kurzer Zeit unterstützten 200 000 Petersburger die entsprechende Protestresolution im Internet.
Nirgendwo sonst schaffen es Aktivisten, den Spielraum für die Machthaber so einzuengen wie in Petersburg. Das ist auch einer Errungenschaft aus der Geburtszeit des demokratischen Russland zu danken: Petersburg besitzt ein Berufsparlament, eines von zweien, die es im Land noch gibt. Die Abgeordneten bekommen Gehalt und dürfen keine Nebenjobs ausüben. So können sie Putins Statthaltern genauer auf die Finger sehen. "In allen anderen Orten haben sie die lästigen Berufsparlamente wieder abgeschafft", sagt Boris Wischnewski. "Man kann Russlands Machthaber aber nicht ehrenamtlich kontrollieren."
I n der Eisarena singen sie das letzte Lied: "Musyka dlja muschika", Musik für richtige Männer. Sergej Schnurow hat sein T-Shirt abgeworfen, er springt mit nacktem Oberkörper herum. Auch auf den Rängen tanzen sie, das Licht ist ausgegangen, die Lampen Tausender Handys leuchten jetzt. Es ist, als wölbe sich ein klarer Sternhimmel über Petersburg. "Es gibt Gutes in der Welt und natürlich auch Böses", singt Schnurow. "Richtig zu leben – dabei hilft nur Musik."

Über den Autor

Christian Neef, Jahrgang 1952, begann seine Laufbahn 1979 beim Rundfunk in Ostberlin, 1983 ging er als Korrespondent nach Moskau. Dort wechselte er 1991 zum SPIEGEL und arbeitete fünf Jahre als Russland-Korrespondent. Später war er Vize-Auslandschef in der Hamburger Redaktion. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet er erneut in Moskau.
Von Christian Neef

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