28.01.2017

TourismusWintertrauma

Der Klimawandel bedroht den Skisport. Experten glauben, dass selbst Kunstschnee den Winterspaß nicht retten kann. In Garmisch-Partenkirchen, dem berühmtesten Skirevier Deutschlands, ignoriert man die Warnungen.
Wenn der Klimaforscher Stephan Thiel zur Arbeit fährt, dann kommt er am Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen vorbei. In den letzten Tagen sah er dort Sportler tief verschneite Hänge hinabfahren, er sah den vom Schnee eingezuckerten Bergwald. Ein Wintertraum.
Aber wohl nicht mehr lange, sagt Herr Thiel.
Der Wissenschaftler sitzt in seinem Büro im Campus Alpin. Das Institut für Meteorologie und Klimaforschung liegt am Fuße des Kreuzeck. Die Einrichtung, ein Ableger des Karlsruher Instituts für Technologie, ist so etwas wie das schlechte Gewissen Garmisch-Partenkirchens.
Die Marktgemeinde unweit der Zugspitze ist Deutschlands berühmtester Skiort. Doch der Klimawandel bedroht den Wintersporttourismus in dem Alpenidyll. Und Thiel, ein freundlicher Mann mit wuscheligen Haaren, der seit drei Jahren für die Grünen im Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen sitzt, hat keine guten Nachrichten zu verkünden.
"Aufgrund der Erkenntnisse, die im Institut zusammengetragen werden", sagt er, "ist absolut klar, dass wir hier in Zukunft mit etwas anderem Geld verdienen müssen als mit Skisport."
Thiel bittet in das Untergeschoss, in das Büro von Harald Kunstmann. Der stellvertretende Leiter des Campus Alpin hat eine Studie erstellt, in der die Entwicklung des Klimas im Werdenfelser Land analysiert wird. Titel der Arbeit: "Palmen in den Alpen?"
Die Diagramme und Grafiken in dem Dossier basieren auf unzähligen Messungen. Kunstmann sagt, es gebe da "eindeutige Temperatursignale". Bergregionen seien "klimasensitiv". Wenn die Temperatur global im Mittel um zwei Grad Celsius anstiege, dann würde sie in den Alpen um das Doppelte hochklettern. Vier Grad. Warum ist das so? "Das ist noch nicht verstanden", sagt Kunstmann.
Er guckt zum Fenster hinaus. Vom Dach hängen Eiszapfen herab. Kunstmann, ein leidenschaftlicher Tourengeher, sagt, es werde auch in Zukunft immer wieder kalte Winter geben. Aber: "Der warme Winter der Vergangenheit wird der normale Winter der Zukunft sein." Eine Kernerkenntnis seiner Forschungen lautet, dass sich bis 2050 die Anzahl der Tage mit "Schneebedeckung" in Lagen unterhalb von 1200 Metern um 20 Tage reduzieren wird.
"Das sind keine guten Voraussetzungen für Skitourismus", sagt Kunstmann.
Garmisch-Partenkirchen erlebt gerade einen Idealwinter, mit Dauerfrost auf den Bergen und Pulverschnee und strahlend blauem Himmel. In gut einer Woche beginnt in St. Moritz die Alpine Ski-Weltmeisterschaft. Auch im Engadin ist die Schneelage gut. Es sind TV-Bilder einer ungetrübten Winterpracht zu erwarten.
Klimaforscher haben es in solchen Zeiten schwer, mit ihren Thesen von wärmer werdenden Wintern durchzudringen. Sie müssen gegen die Macht der Bilder anreden, gegen das Gefühl der Menschen, dass doch eigentlich alles in Ordnung zu sein scheint mit dem Wetter in den Alpen.
Aber es ist nicht in Ordnung.
"Die Winter kommen immer später", sagt Felix Neureuther, Deutschlands bester Alpin-Skiläufer (siehe Interview Seite 100). Er wohnt in Garmisch, reist ständig durch die Alpen und ist sich sicher, dass da "irgendwas in Bewegung geraten ist".
Im Weltcupzirkus der Profis wird heftig debattiert über die Zukunft des Skisports in den Alpen. Wo kann man ihn noch ausüben, wenn es immer wärmer wird? Wo kann man noch verlässlich Rennen austragen, wenn Extremwetter immer öfter auftreten?
Vom Campus Alpin sind es nur ein paar Schritte bis in den Zielraum der berühmten Kandahar-Abfahrt. Die jährlichen Weltcuprennen, die dort ausgetragen werden, dienen Garmisch-Partenkirchen als Werbeveranstaltung. Der Gemeinderat hat die Zuschüsse für den Event gerade um vier Jahre verlängert. Vor ein paar Jahren wurde die Strecke frisiert, in den Berg eine Stufe gefräst. Die Passage heißt "Freier Fall", weil es fast senkrecht hinuntergeht, sie ist das neue Markenzeichen der Kandahar-Abfahrt, ein Nervenkitzel-Highlight für die Zuschauer.
Kunstmann bewundert die Athleten, die sich den Freien Fall hinunterwagen. Aber wenn er in seinem Computer auf die Daten schaut, dann sieht es nicht gut aus für die Zukunft des Kandahar-Rennens. Unterhalb von 1000 Metern würden die Temperaturen so stark ansteigen, dass es nicht mehr möglich sein wird, Kunstschnee zu produzieren, um die Strecke zu bauen. Das Ziel der Kandahar liegt auf 770 Metern. Viel zu tief. "Das ist ein Problem", sagt Kunstmann.
Kunstmann und Thiel, der grüne Gemeinderat, sind keine Ideologen. Sie deuten Fakten, die ihnen die Messstationen liefern. "Und diese Zahlen", sagt Kunstmann, "fallen nicht vom Himmel, das sind umfangreiche Berechnungen des Atmosphärenzustands."
Es gibt alle möglichen Studien zur Klimaentwicklung in den Alpen. Eine der Universität München besagt, dass man in 30 Jahren in Deutschland nur noch auf dem Zugspitzplatt, also in über 2000 Meter Höhe, Ski laufen könne. Peter Huber, der Chef der Zugspitzbergbahn-Gesellschaft, hat diese Studie auch gelesen. Er sitzt in seinem Büro im Zugspitzbergbahnhaus im Zentrum von Garmisch. Huber, ein kerniger Bayer mit kräftiger Stimme, holt tief Luft, bevor er sagt: "All diese Arbeiten wurden von Leuten verfasst, die ihr Geld nicht durch Privatinitiative verdienen müssen, sondern vom Staat gefördert werden." Subventioniertes Papperlapapp. So sieht es Huber. Er sagt: "Wir werden hier bei uns auch in 20 Jahren noch gute Skibedingungen haben. Punkt."
Huber arbeitet seit 1981 bei der Zugspitzbergbahn. Er ist kein Sakko-, eher ein Funktionsjackentyp. Er stammt aus Garmisch-Partenkirchen und ist ein begeisterter Bergsteiger, er liebt die Berge – aber er will auch mit ihnen Geld verdienen.
Der Skisport als Massenphänomen ist ein Produkt der Wohlstandsgesellschaft. In den Siebziger-, Achtzigerjahren erblühte das Geschäft mit dem Schneevergnügen. Inzwischen ist die Erschließung der Alpen für Wintersportler so gut wie abgeschlossen. In Garmisch-Partenkirchen sind die Hänge zwischen Zugspitze und Hausberg verkabelt mit Seilbahnen, Gondelbahnen und Liften aller Art. Es gibt Sessellifte – Huber spricht lieber von "Aufstiegshilfen" – mit beheizbaren Sitzschalen. Der Ort selbst ist verbaut mit Hotels, Wellnessoasen und Shoppingstraßen.
Huber treibt die Kommerzialisierung des Skisports voran. Weil Naturschnee selten geworden ist, wurden entlang der Pisten Schneekanonen installiert. Sie werden im November angeworfen, damit die Skisaison Mitte Dezember losgehen kann. Auch dieses Mal rutschten die Touristen an Weihnachten und Neujahr auf planierten Kunstschneebändern hinunter ins Tal, vorbei an grünen Bergwiesen. Ski absurd.
Naturschützer hassen Huber. Er vergewaltige die Berge, werfen sie ihm vor. Er entgegnet, ohne den Bergtourismus würden viele Garmischer ihren Job verlieren. Direkt oder indirekt verdienten 5000 Menschen durch die Anlagen der Zugspitzbergbahn-Gesellschaft ihr Geld.
Der Tourismusmotor für Garmisch-Partenkirchen ist die Zugspitze. Der Gipfel mit seinem Rundumpanorama ist eine Goldader. Vor zwei Jahren fuhren 463 546 Gäste hinauf. Für einen Erwachsenen kostet die Fahrt in der Seilbahn oder mit der Zahnradbahn 44,50 Euro.
Im Dezember wird die neue Pendelseilbahn auf Deutschlands höchstem Berg in Betrieb genommen. 120 Personen werden in die Gondel passen, fast dreimal so viele wie in das alte Modell, das seit 1963 im Dienst ist. 50 Millionen Euro soll der Neubau kosten. Huber ist begeistert von dem Projekt. Es liefert weitere Superlative für die Werbeprospekte. 2000 Höhenmeter schafft die neue Pendelbahn am Stück. Weltrekord! Die Stahlstütze, über die vier jeweils 145 Tonnen schwere Stahlseile laufen werden, ist 127 Meter hoch. Weltrekord!
Garmisch-Partenkirchen ist ein großer Erlebnispark. Neben dem Skigebiet gibt es ein Wellenbad, ein Eisstadion, eine Sommerrodelbahn, eine Skisprungschanze für das Neujahrsspringen, jedes Jahr wird ein City-Biathlon veranstaltet. Und ständig werden neue Bespaßungen in den Fels geschraubt.
2010 eröffnete unterhalb der Alpspitze der Alpspix, eine stählerne Aussichtsplattform, von der aus Besucher einen schwindelerregenden Blick in das Höllental werfen können. Bei der Eröffnung des Alpspix hängten sich zwei Extremkletterer aus Protest unter die Konstruktion und entrollten ein Plakat, auf dem stand: "Unsere Berge brauchen keinen Geschmacksverstärker." Kein schlechter Spruch. Huber zuckt mit den Schultern. "Seit es die Plattform gibt, hat sich der Umsatz der Alpspitzbahn verdoppelt." Punkt.
Huber ist kein Klimaleugner. Er sagt: "Die Entwicklung des Skitourismus ist endlich." Aber noch reagiert er genauso wie die Skigebietsbetreiber in Österreich, Italien und der Schweiz auf den Mangel an Naturschnee – mit immer moderneren Schneekanonen. Mit Lagern, in denen Schnee gebunkert wird, der dann bei Bedarf auf die Pisten gekippt wird.
Dabei reisen schon heute mehr Touristen im Sommer nach Garmisch-Partenkirchen als im Winter. Viele kommen aus dem arabischen Raum. Sie lassen sich in den Kliniken im bayerischen Oberland an den Bandscheiben behandeln, neue Hüften einbauen oder die Brüste vergrößern. Gesundheitstourismus ist ein Wachstumsmarkt. Huber hat auf die Kundschaft längst reagiert. Es gibt jetzt Hinweisschilder in arabischer Sprache und einen Gebetsraum auf der Zugspitze.
Leider interessieren sich die Gäste aus Dubai und Doha nicht für Wintersport. Sie kaufen keine Liftkarten. Und die Russen, auch eine zahlungskräftige Klientel, fahren lieber nach Sankt Moritz oder Zermatt. Huber muss sich etwas einfallen lassen für sein Wintergeschäft.
Sorgen machen ihm vor allem die jungen Leute aus München, die früher als Tagesausflügler die Pisten fluteten. Sie kommen nicht mehr so zahlreich. Sie wenden sich immer öfter ab vom Skikommerz mit glatt planierten Kunstschneepisten und prolligem Hüttenzauber.
Um sie zurückzugewinnen, hilft eigentlich nur eines: Schnee, der vom Himmel fällt.
* Die Schweizerin Denise Feierabend beim Weltcup am 22. Januar.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 5/2017
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