28.01.2017

GeschichteVerkehrte Welt

Eine Schlacht im schottischen Moor entschied 1746 über das Schicksal der Großmächte. Hätte es bei einem anderen Ausgang die Französische Revolution oder die USA jemals gegeben?
An einem grauen Aprilmorgen des Jahres 1746 steht ein 25-Jähriger, den sie den "hübschen Charlie" nennen, übernächtigt in einer schottischen Moorlandschaft. Der junge Mann mit den feinen Zügen will an diesem verlassenen Ort Geschichte schreiben – nicht ahnend, wie viel wirklich von ihm abhängt.
Charles Edward Stuart ist ein Spross jener schottisch-englischen Königsdynastie, die mit der sogenannten Glorreichen Revolution von 1688 vom englischen Thron vertrieben wurde. Nachfolger der katholischen Stuarts wurden die Welfen aus dem Hause Hannover, mit denen die heutigen Windsors in direkter Linie verwandt sind.
Wenig prägte die Welt des 18. Jahrhunderts so tief greifend wie die Auseinandersetzung der deutschstämmigen Welfenkönige auf dem englischen Thron mit den französischen Sonnenkönigen.
Doch was wäre geschehen, wenn Frauenschwarm "Bonnie Prince Charlie" die Macht in Großbritannien für die Stuarts zurückerobert hätte? Zwei Wissenschaftler haben jetzt analysiert, wie radikal dies den Lauf der Geschichte verändert hätte.
Die Chance für ein Comeback der Stuarts war real: Innerhalb weniger Monate hatte Charles im Jahr 1745 an der alten Machtbasis der Sippe, in Schottland, ein furchterregendes Heer aus Clanmitgliedern, fanatischen Katholiken und französischen Söldnern aufgestellt. In einem ersten Vorstoß war der junge Stuart mit dieser Truppe bis nahe an London vorgerückt.
Am 16. April 1746 stand seine Streitmacht auf einer sumpfigen Wiese nahe dem schottischen Ort Culloden einem Heer britischer Profisoldaten in roten Röcken gegenüber. Was folgte, war eines der bis dahin blutigsten und brutalsten Gemetzel.
"Die Schlacht bei Culloden war ein Wendepunkt in der Weltgeschichte", schreibt der italienische Militärhistoriker Ciro Paoletti in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift "The Journal of Military History". "Wenn die Stuarts gewonnen hätten, wäre die Welt heute eine völlig andere als die, die wir kennen."
Sein Kollege Murray Pittock von der University of Glasgow stimmt ihm zu: "Es ist völlig klar, dass ein Sieg der Stuarts die globale Machtbalance massiv umdefiniert hätte", sagt der Schotte.
In seinem jüngsten Werk hat Pittock die aktuelle Forschung sowie neue archäologische Erkenntnisse über das Blutbad im Moor ausgewertet(*). Sein Resümee: Ein Triumph der Stuarts in Culloden hätte voraussichtlich die folgenschwere Revolte in den amerikanischen Kolonien verhindert, die letztlich zur Gründung der USA führte – und auch jene verheerende Finanzkrise, die Ludwig XVI. nahezu ruinierte und in die Französische Revolution mündete.
Die Kettenreaktion, die dieser Showdown in Schottland weltweit nach sich zog, wurde aus Paolettis Sicht bislang jedoch gänzlich vernachlässigt. "Woher kommt die Kurzsichtigkeit der Historiker in dieser Sache?", wundert sich Paoletti.
Schon im Juli 1746, nur wenige Monate nach einem siegreichen Auftritt von Prinz Charles in Culloden, wäre in London der neue König aus der Stuart-Dynastie gekrönt worden, vermutet der Forscher aus Italien. Damit hätte sich die labile Machtbalance in Europa dramatisch geändert.
Denn der Welfe Georg II. war nicht nur englischer König, sondern auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg (Haus Hannover); er lieferte sich eine Dauerfehde mit Frankreich und unterstützte die Habsburger Regentin Maria Theresia regelmäßig mit hohen Geldsummen und Soldaten.
Die Stuarts hingegen hätten nach ihrer Rückkehr an die Macht wahrscheinlich rasch einen Friedensvertrag mit ihren Unterstützern aus Frankreich geschlossen. Dem Frankreich-Feind Habsburg wäre umgehend der Geldhahn zugedreht worden. Mit unmittelbaren Folgen: Habsburg wäre im Österreichischen Erbfolgekrieg alsbald in die Knie gegangen; der Krieg hätte sich wohl nicht bis 1748 hingezogen.
"Österreich wäre durch das Ergebnis des Krieges so geschwächt gewesen, dass von ihm in der Zukunft unmöglich irgendeine Initiative ausgegangen wäre", folgert Paoletti. Mit dem Kollaps dieser europäischen Großmacht und dem frisch gezimmerten Bündnis zwischen England und Frankreich wäre wahrscheinlich ein weiterer, weltumspannender Konflikt erst gar nicht entbrannt: der Siebenjährige Krieg, in dem unter anderem Preußen und Großbritannien gegen Österreich, Russland und Frankreich in die Schlacht zogen.
"Ohne den Siebenjährigen Krieg wiederum", glaubt Paoletti, "wäre nicht nur Kanada im Besitz Frankreichs verblieben, sondern sämtliche seiner Kolonien in Nordamerika." Die folgenreiche Revolte aufgebrachter Amerikaner gegen die britische Krone, die 1776 zur Unabhängigkeitserklärung führte, hätte es dann nie gegeben.
"Denn ohne den Siebenjährigen Krieg hätten die Briten ihre immensen Militärausgaben nicht durch eine immer höhere Besteuerung ihrer amerikanischen Kolonie hereinholen müssen", analysiert Paoletti.
Ohnehin wäre seiner Argumentation folgend Frankreich die stärkste Kolonialmacht auf dem Kontinent geblieben. Sein Fazit: "Es ist anzunehmen, dass es heute keine Vereinigten Staaten geben würde. Als Hauptsprache in Nordamerika würde Französisch gesprochen."
Wohl auch ein weiteres Großereignis des 18. Jahrhunderts hätte es nie gegeben: "Ohne den militärischen Wettlauf mit Großbritannien wäre Frankreich nicht in eine Finanzkrise geraten und die Revolution von 1789 weit unwahrscheinlicher gewesen", glaubt der Schotte Pittock – und er folgert: "Napoleon hätte es dann natürlich ebenfalls nicht gegeben."
All diese plausiblen Historikerspekulationen setzen voraus, dass der kühne Prinz "Bonnie Charlie" im Regen von Culloden die Armee von König Georg II. bezwungen hätte; bekanntlich kam es anders. Hatte der Thronanwärter aus dem Hause Stuart mit seiner zusammengewürfelten Truppe tatsächlich eine Chance auf den Sieg?
Die Schlacht von Culloden nahm teilweise bereits den Horror moderner Kriege vorweg. Am Ende war das Schlachtfeld eingehüllt in den Pulverdampf von Feuerwaffen.
Die Soldaten schossen mit Mörsern und Musketen aufeinander. Auch Schwerter kamen noch zum Einsatz; Gliedmaßen wurden ohne Skrupel abgeschlagen. Gedärme quollen aus den Körpern der Geschundenen. Metallsplitter aus abgefeuerten Minibomben rissen ihren Opfern Wunden, die damals kein Arzt versorgen konnte.
Einer populären Fehldeutung zufolge traf in Culloden eine hochgerüstete englische Armee auf einen Haufen tollwütiger Kiltträger, der hoffnungslos unterlegen gewesen sei. Laut Pittock ist das kaum mehr als eine Legende: "Die Armee von Charles Stuart war gut bewaffnet und ordentlich geführt von Offizieren, die mit den Höfen Europas vertraut waren."
Erst in jüngster Zeit stießen Ausgräber auf Fundstücke, die belegen, dass auf dem Schlachtfeld in Wahrheit Waffengleichheit bestand. So fanden Archäologen den roten Uniformrock eines englischen Offiziers, der von Kugeln durchlöchert war. Zudem versetzten die schottischen Krieger die wohlgeordneten Verbände ihrer Gegner mit dem "Highland charge" (Highland-Angriff) in Furcht und Schrecken: Erst feuerten die Clankrieger eine Musketensalve auf die gegnerische Armee ab, um einen Gegenangriff zu provozieren. Während die feindlichen Verbände dann umständlich ihre Musketen nachluden, schlugen die Hügelkämpfer zu: Mit lautem Gebrüll rannten sie auf die feindlichen Linien zu und hackten im Nahkampf mit Schwertern auf ihre Opfer ein.
Im September 1745 und im Januar 1746 hatte das Heer des jungen Stuart den königlichen Truppen bereits zweimal empfindliche Niederlagen beigebracht. Doch dann verflüchtigte sich sein Kriegsglück. Ein französisches Schiff, das den Aufständischen frisches Geld bringen sollte, war von der Royal Navy abgefangen worden.
Ausgehungert schleppten sich die Anhänger von Charles Edward durch das schottische Hochland. "Die Moral war am Boden", berichtet Pittock. Am Tag der Entscheidungsschlacht wendete sich auch noch das Wetter gegen die Aufständischen. Wind hüllte die Krieger Charles Edwards in eine Nebelwand aus Pulverdampf und versperrte ihnen die Sicht. Königliche Dragoner metzelten die chaotisch umherlaufenden Kiltkämpfer reihenweise mit dem Schwert. Verwundete wurden von den Engländern totgeprügelt oder bei lebendigem Leib verbrannt. Wer dennoch überlebte, zeigte bemerkenswerte Gegenwehr: Entwaffnete Stuart-Anhänger bewarfen die Truppen des Königs mit Steinen.
Manche Schottenkrieger waren laut Pittock allerdings so übermüdet, dass sie den größten Teil der Schlacht verschliefen; sie erwachten erst in jenem letzten Moment, als sie vom Feind gemeuchelt wurden.
Dem Schönling Prinz Charlie gelang indes die Flucht. Verkleidet als Zofe, rettete sich der geschlagene Thronanwärter der Stuarts auf einem Schiff nach Frankreich. Doch auch der schmähliche Abgang täuscht kaum darüber hinweg, dass die Weltgeschichte 1746 nur knapp an einer fundamentalen Wendung vorbeigeschrammt ist.
Ach richtig, sagt Pittock, eine Kleinigkeit wäre da noch: Hätte Charles Edward Stuart gewonnen, wäre der Welt wohl auch ein US-Präsident Donald Trump erspart geblieben.
Mail: frank.thadeusz@spiegel.de
* Murray Pittock: "Culloden". Oxford University Press; 224 Seiten.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 5/2017
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