28.01.2017

NilsMinkmarZur ZeitAlternative Fakten

Zwei Tage nach der Amtseinführung hat die Regierung von Donald Trump ihre eigentliche Regierungserklärung abgegeben. Vorgetragen wurde sie nicht vom Präsidenten, sondern von seiner Beraterin Kellyanne Conway. Sie nahm in einem Fernsehinterview Stellung zu dem Vorwurf, der Pressesprecher des Weißen Hauses habe gelogen, als er die Zahl der Zuschauer bei der Amtseinführung Trumps als die größte je bei einer Amtseinführung gemessene bezeichnete. Das war nachweislich falsch. Conway sagte also, während sie selbstbewusst ihre Haare hinter die Schulter strich, der Sprecher habe "alternative Fakten" präsentiert. Conway meinte damit nicht, dass sie verlässliche Zahlen aus einer anderen, alternativen Quelle habe. Sie verwies auch nicht auf eine mögliche andere Zählweise, etwa unter Berücksichtigung von Livestream-Zuschauern. Es war ihr – und die Geste mit den Haaren unterstreicht es – wichtig, einen Begriff zu lancieren, der offenkundig ein Synonym für Lüge ist. Ja, es war sogar wichtig, dass es ein lächerlicher Begriff ist. Die folgende Welle an Witzen war exakt in ihrem Sinne. Trump und seine Leute wissen genau, was sie da tun: Es geht nicht um die Verbreitung falscher Informationen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung, sondern um den offenkundigen Akt des Lügens.
Der französische Historiker Patrick Boucheron hat diese Strategie unlängst überzeugend analysiert. Er untersuchte die Kategorie des politischen Clowns – in die er neben Trump noch Boris Johnson und Silvio Berlusconi einordnet. Schon optisch, so Boucheron, verwirren diese Männer unsere Kategorien. Das beginnt bei einer Frisur, die so sehr einer Perücke ähnelt, dass der Akt der Enttarnung, also zu rufen, das sind ja gar nicht seine echten Haare, obsolet wird. Es gibt nichts zu karikieren oder zu entlarven, wenn das wahre Gesicht schon die Maske ist. Nichts ist dem peinlich, der selbst schon die größte Peinlichkeit verkörpert. Es hat keinen Sinn mehr, eine Lüge zu benennen, wenn sie selbst schon als solche geäußert wird. Ist das nun traurig oder komisch? Wahr oder falsch? Das Publikum wird in einem Zwischenreich des Halbdunkels gehalten, jenem Chiaroscuro, in dem, so heißt es, die historischen Monster gedeihen. Immerzu schwankt der Betrachter zwischen Gelächter und Furcht und wird doch gebannt, weil wir uns gern gruseln.
Mit "alternative facts" wird eine einzige, aber wesentliche Aussage getroffen: dass man es kann. Lügen, sich grotesk benehmen – Hauptsache, jemand sieht hin. Die Verbreitung alternativer Fakten ist ein Wesensmerkmal der extremen Rechten. Sie wurden zur scheinbaren Begründung von Kriegshandlungen und Verbrechen herangezogen. Später auch, um sie zu leugnen. Wichtig ist die dahinterliegende Verachtung für diskursive Verfahren. Nur das Recht des Stärkeren gilt. Wer mit alternativen Fakten anfängt, untergräbt gezielt die bürgerliche Öffentlichkeit, die Verständigung über die Sache, die Suche nach der besseren Lösung mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse und empirischer Fakten. Und damit das Wesen der offenen Gesellschaft.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 5/2017
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