28.01.2017

HollywoodFarbige Computer

Der Film „Hidden Figures“ erzählt von den afroamerikanischen Mathematikerinnen, die für die Nasa Raumflüge berechneten. Die Emanzipationskomödie ist für den Oscar nominiert.
Der Weg zum Klo ist jedes Mal ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn sich Katherine Johnson, die Anfang der Sechzigerjahre bei der Nasa arbeitet, erleichtern möchte, muss sie fast einen Kilometer zurücklegen. Die nächste Toilette befindet sich zwar gleich um die Ecke. Aber die ist nur für weiße Frauen.
Also rennt Katherine so schnell, wie sie kann, Akten unterm Arm, hin und zurück. Es ist der Running Gag des Films "Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen". Katherine ist schwarz, sie ist schlau, und sie will unbedingt, dass der nächste Mann im All ein Amerikaner ist.
Es ist gerade ein globaler Wettlauf im Gang. Im April 1961 haben die Sowjets den ersten Mann ins All geschickt, Jurij Gagarin. Eine Demütigung für die USA. Die nächste Runde im "space race", dem Wettlauf im All, muss gewonnen werden.
Johnson, gespielt von Taraji P. Henson, ist eine der Hauptfiguren dieses Films, der schon rund hundert Millionen Dollar eingespielt hat, für die Oscars nominiert ist und nun in die deutschen Kinos kommt. Er erzählt von drei Afroamerikanerinnen, die bei der Nasa arbeiteten, weil sie gut rechnen konnten.
"Hidden Figures" kommt zur rechten Zeit. Seit Jahren wird den Hollywoodstudios und der Oscar-Academy vorgeworfen, schwarze Themen und schwarze Künstler zu ignorieren. Gleichzeitig findet in Hollywood eine zweite Diskriminierungsdebatte statt. Schauspielerinnen würden in der Filmindustrie unterbezahlt, behauptete unter anderen Jennifer Lawrence.
Nun also "Hidden Figures", ein Film über drei schwarze Frauen, die einen Emanzipationskampf führen. Gäbe es in Hollywood eine Quote, hätte dieser Film sie übererfüllt. Aber es gibt in Hollywood keine Quote, und die Komödie "Hidden Figures" unterscheidet sich sehr von dem, was gemeinhin als schwarzes Kino gilt.
Denn es ist oft ein Kino der Empörung, das von Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Polizeigewalt, Drogen und vom Leben in der Gosse erzählt. Es ist das schlechte Gewissen Hollywoods, das sich ab und zu an seine Minderheiten erinnert.
Polizeiwillkür gibt es auch in "Hidden Figures". Die schwarzen Heldinnen bleiben gleich zu Beginn auf einer Landstraße in Virginia liegen. Ein weißer Sheriff hält an und fordert drohend ihre Papiere. Als er erfährt, dass sie für die Nasa arbeiten, bietet er ihnen an, sie zu eskortieren.
Also rasen sie über die Straße. "Nicht so schnell!", ruft eine von ihnen. "Ich jage gerade einen Sheriff über die Straße", gibt die Frau am Steuer zurück und drückt noch mehr auf die Tube. Diese Szene, aus dem französischen Hit "Ziemlich beste Freunde" geklaut, sagt: Unser Ziel ist nicht nur der Orbit, sondern gute Laune.
Katherine Johnson gibt es wirklich, sie ist 98 Jahre alt und bekam 2015 von Obama die Freiheitsmedaille des Präsidenten verliehen. 1953 kam sie zur Vorläuferorganisation der Nasa, als "Computer", wie ihre Berufsbezeichnung lautete, als Rechnerin. In der Nasa-Kantine musste sie an einem Tisch essen, auf dem das Schild "Colored Computers" stand: farbige Computer.
Dort trifft Johnson im Film auf Mary Jackson (Janelle Monáe), die davon träumt, die erste schwarze Ingenieurin der Nasa zu werden, und auf Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), die ein Team von schwarzen Mathematikerinnen leitet, aber vergebens auf Beförderung hofft. Auch Jackson und Vaughan, inzwischen verstorben, waren Weltraumpionierinnen.
Schwarze Frauen, die tagsüber Flugbahnen von Raumschiffen berechneten, es aber nach Feierabend nicht ins Restaurant auf der anderen Straßenseite schafften, weil das aufgrund der lokalen Rassengesetze nur für Weiße zugänglich war? Wie kann es sein, dass eine derartig spannende Story erst jetzt bekannt wird?
Es könnte daran liegen, dass diese Erfolgsgeschichten den Betroffenen als nicht weiter bemerkenswert erschienen, sagt Margot Lee Shetterly, Autorin des Buchs "Hidden Figures", auf dem der Film basiert und das nun auf Deutsch erschienen ist. "Für mich war es normal, dass Schwarze bei der Nasa Flugbahnen berechnen", sagt Shetterly, die 1969 nahe der Nasa-Forschungsstätte Langley in Virginia zur Welt kam. "Mein Vater arbeitete bei der Nasa, und fünf seiner sieben Geschwister waren Ingenieure oder Techniker. Ich dachte, das ist es, was Schwarze so machen."
Shetterly besuchte eine gute Universität, machte als Investmentbankerin und in den Medien Karriere. Viele Jahre zuvor, als ihr Vater Ingenieur werden wollte, hatte ihr Großvater dem "black boy" noch etwas Realistischeres empfohlen: Sportlehrer.
Erst nach und nach dämmerte der Tochter, wie außergewöhnlich ihre Familie und ihre Heimatstadt waren. 2010 begann sie mit der Suche in Archiven und stellte erstaunt fest: "In den Nasa-Akten war die Hautfarbe nicht notiert, dafür musste ich extra Fotos heraussuchen." Das war schwieriger, als es sich anhört: Die Mathematikerin Johnson hat eine sehr helle Haut und war schon damals schwer einzuordnen.
Die Autorin schaltete um auf Graswurzelrecherche und fragte in den Wohnzimmern von Freunden herum. Viele kannten die Heldinnen des Films persönlich, vom Kirchenchor, von Pfadfinderausflügen und Seifenkistenrennen. Bald traf sie auch Johnson auf dem Sofa, unter einer Flagge, die auf dem Mond gewesen war.
Rund 50 schwarze Wissenschaftlerinnen arbeiteten in Langley, weiß Shetterly sicher, vielleicht sogar doppelt so viele. Sie hat ein Archiv gegründet, das "Human Computer Project". Sie sucht weitere Zeitzeugen, bevor es zu spät ist.
Auch ihr Buch wurde ein Wettrennen. Noch bevor sie das Manuskript fertig hatte, begann Regisseur Theodore Melfi mit den Dreharbeiten des Films, basierend auf nur 55 Seiten eines Entwurfs. "Ich fühlte mich wie eine Reiterin, die sich auf ihrem Pferd ein Wettrennen mit einer Dampflok liefert", erzählt sie.
Waren die "Colored Computers" besonders begabt? Shetterly: "Natürlich waren diese Frauen ausgesprochen smart, aber vor allem waren sie extrem motiviert, diese einzigartige Chance zu ergreifen."
Ihre große Chance war der Zweite Weltkrieg. Der erste Schwung schwarzer Mathematikerinnen kam schon 1943 zur NACA, der Vorläuferorganisation der Nasa. Hier wurden Flügel und Propeller neuer Bomberflotten vermessen. Händeringend wurden für die Kriegswirtschaft Mitarbeiter gesucht. Präsident Franklin D. Roosevelt hatte daher die Rassendiskriminierung in der Rüstungsindustrie verboten.
Viele Frauen, die bislang etwa als Mathelehrerinnen gearbeitet hatten, bewarben sich um die gut bezahlten Forschungsjobs, so auch Vaughan. Sie arbeiteten für den "double victory" – den Sieg der Demokratie und Freiheit in In- und Ausland.
Wann immer die Ingenieure im Windkanal ein neues Flügelprofil zu vermessen hatten, ließen sie die mühsamen Berechnungen von etwa tausend Mathematikerinnen machen, knapp ein Zehntel von ihnen schwarz. Letztere mussten in einem entlegenen Gebäude hocken, der "West Area". Das Forschungslabor befand sich in einem ehemaligen Sklavenhalterstaat.
Für die Ingenieure waren Rassengesetze nicht nur ein moralisches Problem, sondern vor allem Zeitverschwendung. Im Film spielt Kevin Costner den Boss von Johnson, der so auf seine Aufgabe fixiert ist, dass er die Hautfarbe seiner Mitarbeiter kaum wahrzunehmen scheint. Als er erfährt, wie weit Katherine zum Klo laufen muss, zertrümmert er die diskriminierenden Toilettenschilder. "Diese Szene hat so nie stattgefunden", sagt Bill Barry, Chefhistoriker der Nasa und Berater des Films: Die Rassentrennung sei bereits in den Fünfzigerjahren abgeschafft worden, "nicht mit einem Knall, eher mit einem Winseln".
Vaughan sei schon 1951 zur Abteilungsleiterin aufgestiegen. Dann verlor sie ihren Posten wieder. Und zwar, Ironie der Geschichte, weil die räumliche Trennung nach Hautfarbe 1958 aufgehoben wurde und ihre Mitarbeiterinnen verschiedenen Abteilungen zugeordnet wurden.
Dennoch findet Barry die Zuspitzung der Fakten zulässig. Sie korrigiere das Bild des "Mercury"-Programms, das bislang vorherrsche – und in Filmen wie "The Right Stuff" (1983) vermittelt wurde. Das Epos, das in Deutschland "Der Stoff, aus dem die Helden sind" hieß, erzählt von den ersten amerikanischen Astronauten.
Nach einer Vorlage von Tom Wolfe entstanden, verlagerte "The Right Stuff" den Pioniergeist des amerikanischen Westens ins All. Gleich zu Beginn sieht man einen Kampfpiloten, der auf einem Pferd auf den Flugplatz reitet und sich eine der Testmaschinen ansieht. Die Helden des Films sind moderne Cowboys, männlich und mutig.
Die Aufgabe der Frauen in diesem Film besteht vor allem darin, um ihre Männer zu bangen. Man muss sehr aufmerksam sein, um in "The Right Stuff" Afroamerikaner zu entdecken, bei einer Pressekonferenz etwa stehen sie in der zweiten Reihe und jubeln den weißen Astronauten zu.
"The Right Stuff" ist ein phallischer Film, voller Bilder von Raketen, die majestätisch in den blauen Himmel steigen oder auf halber Strecke schlappmachen. "Hidden Figures" dagegen ist ein horizontaler Film, es geht darin um die Strecken, die man laufen muss, um Türen, durch die man hindurchmuss.
Regisseur Melfi zeigt die Nasa als eine Welt, zu der Frauen dazugehören. Sie haben eben ihre Pflicht zu tun, wenn nicht am Herd, dann am Rechenschieber. Und nicht, weil sie Röcke tragen, sondern weil sie Brillen tragen, wie es in einem Dialog heißt. Wolfe feiert die "jocks", die echten Kerle, dieser Film die "geeks", die Tüftler.
Denn eine moderne Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, wenn sie Fähigkeiten haben, die gebraucht werden. Diese Einsicht hat sich "Hidden Figures" zu eigen gemacht.
Als der Astronaut John Glenn (Glen Powell) sich auf den Start vorbereitet, erwartet man einen heldenhaften Satz. Stattdessen sagt er: Lass das Mädchen noch mal die Zahlen überprüfen. Das Mädchen, das ist die Mathematikerin Johnson.
Anderthalb Tage lang rechnet sie noch einmal alle Gleichungen durch. Dann gibt sie grünes Licht. Die Mission wird ein Erfolg, 135 Millionen Zuschauer sehen den ersten Amerikaner die Erde umrunden.
Von Lars-Olav Beier und Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 5/2017
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