28.01.2017

TheaterkritikMuslimbrautschau

„The Who and the What“, das neue Stück von Ayad Akhtar, dem Star der islamkritischen Boulevardkomödie
Der Schauspieler Ernst Stötzner hat schon viele extreme Rollen gespielt auf wichtigen Theaterbühnen, man sah ihn zornig und kaputt als König Richard III., nackt und blutverschmiert als Macbeth. In Hamburg tritt er nun als frommer Spießer auf. Der alte Herr, den Stötzner darstellt, ist Muslim. Er fahndet mit einem gefälschten Internetprofil nach rechtgläubigen muslimischen Heiratskandidaten für die ältere seiner Töchter. Über die korrekte Behandlung seiner Tochter sagt er zu einem der Männer: "Du musst sie brechen." Später richtet er fuchtelnd die Hände zum Himmel und ruft, dass Allah groß sei. Die Kunst des großen Darstellers Ernst Stötzner, es ist kaum anders zu sagen, ist an diesem Abend eine furchtbare Qual.
Im Hamburger Schauspielhaus präsentieren Stötzner und drei Stadttheaterkollegen derzeit die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks "The Who and the What". Sein Autor Ayad Akhtar, 46, ist ein Star. Der New Yorker Dramatiker mit pakistanischen Vorfahren, aufgewachsen in Milwaukee, ist phänomenal erfolgreich, auch in Deutschland. Man vergleicht ihn mit Yasmina Reza, weil er wie Reza ("Der Gott des Gemetzels") das Einmaleins der geistreichen Unterhaltung mit politischen Untertönen beherrsche.
Tatsächlich ist Akhtar mit dem Kulturclash-Stück "Geächtet", im Original "Disgraced", ein Welthit gelungen. Es wird in vielen Ländern und mehr als einem Dutzend deutschsprachigen Theatern gespielt, in Zürich und Wien ebenso wie in Hamburg und Berlin. "Geächtet" ist eine clevere Boulevardkomödie, die frech mit Stereotypen hantiert. Treffen sich ein Muslim, ein Jude, eine Afroamerikanerin und eine weiße Protestantin, versichern sich ihrer Toleranz – und fallen bald mit Eifer übereinander her. "Geächtet" variiert das seit "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" bestens bewährte Prinzip der Zimmerschlacht zwischen zwei Paaren. Akhtars zweites Stück "The Who and the What" spielt mit den Bausteinen der klassischen Familiensoap: erstickende Elternliebe, aufbegehrende Kinder, Bruch und Versöhnung. Zarina, die erstgeborene Tochter des verwitweten Helden, hat in Harvard Literatur studiert, ist über dreißig und arbeitet an einem feministisch-aufklärerischen Roman über den Propheten Mohammed und die Frauen. Mit ihrer ein paar Jahre jüngeren, gläubigen Schwester Mahwish (Josefine Israel) spricht sie unter anderem über den Irrsinn, dass sich Mahwish über Jahre hinweg von ihrem Freund zum Analsex zwingen lässt, damit sie im Zustand der Jungfräulichkeit in die Ehe gehen kann.
In Hamburg hat die Regisseurin Karin Beier, auch Intendantin des Schauspielhauses, das Stück "The Who and the What" mehr ausgestellt als inszeniert. Auf der Bühne hängt eine riesige Holztafel, vor der die Schauspieler in einer abstrakten Wohnlandschaft lungern. Der Darsteller Ernst Stötzner thront als Papa auf einem Sitzwürfel, während er der klugen Zarina, gespielt von Lina Beckmann, vom Sexleben mit ihrer Mutter erzählt. Josefine Israel als Mahwish schlurft wie eine deutsche Fußgängerzonengöre herbei. Paul Herwig gibt den weißen, zum Islam konvertierten Amerikaner Eli, mit dem sich der Vater per Internetdating verabredet, damit er ihn verhören kann.
Der Witz und die Schwäche dieses Theaterabends sind es, dass er das Drama aus zorniger Religionskritik und schwer entrinnbaren familiären Bindungen zwar als abstraktes Lehrstück erzählen will, dies allerdings mit den Mitteln des allerschlichtesten psychologischen Einfühlungstheaters. So fummelt Lina Beckmann als Zarina nervös an ihrem Brillengestell, wenn sie über die Lehren Mohammeds doziert. So tigert der Vater unruhig auf und ab und sticht mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft, wenn er über die Gottlosigkeit der in den USA lebenden Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali wütet und ihr den Tod an den Hals wünscht. Und so beißt der vom Vater erwählte und verblüffenderweise von Zarina als Ehemann akzeptierte Eli dekorativ in einen grünen Apfel, wenn er wütend ist.
"The Who and the What", der Titel ist ein Zitat von Jacques Derrida, ist kein starkes Stück. Die zentrale Provokation des Textes besteht darin, dass hier kein Mann, sondern eine Frau aufbegehrt gegen die sexuellen und religiösen Zwänge der muslimischen Kultur. Mehr als für diesen Aufruhr interessiert sich die Hamburger Aufführung, eine Achtsamkeitsfeier fürs Bildungsbürgertum, leider für die lahmste Pointe des Stücks, die in einem Happy End besteht: Zwei Jahre nachdem der Vater das blasphemische Buchmanuskript seiner Erstgeborenen gelesen und sie aus dem Haus gejagt hat, siegt doch die Familienliebe. Man sieht die tränenschniefende Zarina ins Elternhaus stapfen und dem gleichfalls heulenden Vater gestehen, dass sie schwanger ist. Große Umarmung! Der Rest der Familie flennt selig mit.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5/2017
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