28.01.2017

Die Apokalypse lässt auf sich warten

Der Historiker Joachim Radkau legt ein Geschichtswerk vor, das perfekt in die Gegenwart passt: ins Zeitalter der Fehlprognosen und der Hysterie. Seine Geschichte der Zukunft ist ein Anti-Besserwisser-Buch. Von Tobias Becker
DER JOURNALIST, schrieb Karl Kraus, sei immer einer, der nachher alles vorher gewusst hat. Das verbindet ihn mit dem Historiker, der sich immer klüger fühlen kann als jener Teil der Menschheit, mit dem er sich gerade beschäftigt, moralisch überlegen sowieso. Denn das Schöne an der Geschichte ist ja: Im Rückblick wirkt alles logisch, als habe es nur so kommen können und nicht anders.
Wer sich der Geschichte zuwende, schreibt Joachim Radkau, "dessen Leidenschaft richtet sich erst einmal auf die Retrospektive, und in diese steigert man sich dann hinein; so schwelgt die Urlust des Historikers im Spüren nach den Ursprüngen und immer weiter nach den Ursprüngen der Ursprünge ... Und nicht selten verstärkt sich diese Libido durch eine andere Lust: die der Besserwisserei aus der Rückschau".
Radkau ist einer der klügsten Historiker des Landes, promoviert bei Fritz Fischer, habilitiert bei Hans-Ulrich Wehler, er ist der deutsche Experte für die Geschichte des Naturschutzes und des Waldes, für Aufstieg und Fall der Atomwirtschaft, obendrein Biograf von Max Weber und Theodor Heuss. In seinem neuen Buch betritt er historisch schwankendes Terrain. Er hat eine Geschichte der Zukunftserwartungen seit 1945 geschrieben, hat zurückgeschaut und sich gefragt: Was haben frühere Generationen gesehen, wenn sie nach vorne geschaut haben? Wovon haben sie geträumt? Wovor haben sie sich gefürchtet? Und wie haben diese Träume und Ängste die Geschichte des Landes geprägt, in dem wir heute leben? Es ist ein Geschichtsbuch, das perfekt in die Gegenwart passt: ins Zeitalter der Fehlprognosen, das auch ein Zeitalter der Hysterie ist.
Die Finanzkrise, der Arabische Frühling, der Aufstieg der AfD, der Brexit, der Wahlsieg Donald Trumps – die meisten sogenannten Experten wurden zuletzt auffallend oft auf falschem Fuß erwischt. War das früher anders? In der Rückschau hat das allzu leicht den Anschein, weil für Fehlprognosen dieselbe Regel gilt wie für Expartner, die die Geschichte aussortiert hat: aus den Augen, aus dem Sinn.
RADKAU ZERRT DIE FEHLPROGNOSEN der Vergangenheit wieder hervor – und rückt unseren Blick gerade. Er schreibt über den Hamburger Wirtschaftssenator Karl Schiller, der 1947 die voraussichtliche Dauer des Wiederaufbaus auf 80 Jahre veranschlagte. Über Hans-Magnus Enzensberger, der 1973 ausgerechnet China "die besten Chancen für das ökologische Überleben der Menschen" attestierte: "Der sparsame Umgang mit den Ressourcen der Natur ist ein wesentlicher Bestandteil der chinesischen Kultur." Und natürlich über Atomkraft-Euphoriker wie Leo Brandt, technologiepolitischer Vordenker der SPD, der 1956 auf einem Parteitag fantasierte, dass es schon bald Atomtriebwerke für Flugzeuge geben werde. "Ein vielleicht noch nicht ganz gelöstes Problem ist die Sicherung der Bewohner in den Dörfern oder Städten bei einem eventuellen Absturz." Nein, noch nicht ganz.
Prophezeiungen solle man nur vorsichtig aussprechen, witzelte Umberto Eco einmal, "denn die Zukunft kann sich schnell ändern". Radkaus Buch lehrt ebendas: die Unsicherheit der Zukunft. Was klingen mag wie ein Allgemeinplatz, kann entspannende Wirkung entfalten in angespannten Zeiten: "Der Gedanke an die Unsicherheit der Zukunft macht tolerant und diskussionsoffen gegenüber Andersdenkenden", schreibt Radkau. Der Qualität künftiger Prognosen bekomme das besser "als das Hineinrutschen des Prognostikers in Propheten-Allüren". Radkaus Geschichte der Zukunft ist ein Anti-Besserwisser-Buch.
Besonders in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten entdeckt Radkau in der BRD "ein Vibrieren zwischen Furcht und Hoffnung, zwischen Pessimismus und Optimismus", und er macht keinen Hehl daraus, dass ihm dieser "Possibilismus" sympathisch ist. "Sucht man nach 'Lehren der Geschichte', liegt die Quintessenz nahe, dass diese Vibration keine schlechte Basis für besonnenes Handeln bedeutet."
Die Geschichte der BRD, so schreibt er, sei keine Geschichte der großen Utopien, eher eine der Utopieresistenz: "eine Zeit der nüchternen, oft genug pessimistischen Zukunftsszenarien", besonders im Blick auf technische Neuerungen wie Automation und Robotik, Raumfahrt und Atomkraft. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung habe diese schon früh skeptisch beäugt, die Atomeuphorie, die sich in einigen Quellen durchaus finde, etwa in der oben zitierten Rede des SPD-Vordenkers Leo Brandt, "war mehr eine veröffentlichte als eine öffentliche Meinung". Zu dieser Skepsis passe, dass Science-Fiction in der BRD "kein literarisches Niveau" erreicht habe, schreibt Radkau, nicht mal in den ach so futuristischen Sechzigern; erfolgreich waren auch damals fast nur Groschenhefte à la Perry Rhodan. Eine Erklärung: Nach dem "Tausendjährigen Reich" hatten die meisten Deutschen erst mal genug von großen Utopien.
Besonders deutlich wird die westdeutsche Utopieresistenz im internationalen Vergleich, und sei es mit dem anderen, dem fortschrittsvernarrten Deutschland. "Auferstanden aus Ruinen/Und der Zukunft zugewandt", begann Johannes R. Bechers Nationalhymne der DDR.
Ernst Bloch, der bis zu seiner Ausreise in den Westen 1961 so etwas wie der Staatsphilosoph des anderen Deutschlands war, schwärmte in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung noch begeisterter von den Möglichkeiten der Atomkraft als Leo Brandt auf der anderen Seite der Grenze: "Einige Hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln." Das ist nicht nur aus heutiger, sondern auch schon aus damaliger Sicht so erschreckend naiv, dass Radkau dann doch mal der Historikerhochmut packt; er watscht ihn ab: "Bloch schätzte nicht nur Karl Marx, sondern auch Karl May." In seiner Philosophie spüre man "eine Verliebtheit in das große Kind, das in ihm selbst steckte".
In Christa Wolfs Erzählung Der geteilte Himmel, erschienen 1963 in der DDR und verfilmt 1964, reagiert die Heldin Rita euphorisch auf den ersten bemannten Raumflug des Sowjetrussen Juri Gagarin, ihr Freund Manfred hingegen zeigt sich ungerührt und lästert über die Erbärmlichkeiten des realsozialistischen Alltags. Später geht er in den Westen. Radkau meint, in der Szene den Unterschied zwischen typisch östlicher und typisch westlicher Sicht auf die Zukunft zu erkennen. "Manfred war im Westen ganz richtig am Platz: Er verkörperte die ernüchterte Rationalität der frühen Bundesrepublik."
Als nach der Wende eine Ausstellung und ein Dokumentarfilm zur Punkszene in der DDR konzipiert wurden, verpassten die Macher ihrem Projekt den Titel "Too much future", zu viel Zukunft, eine sarkastische Adaption des bekanntesten Slogans der Punkbewegung, "No future".
Die Achtziger, das war die Dekade der Angst. Das Grauen kündigte sich schon 1979 mit dem Nato-Doppelbeschluss an, einer neuen Etappe im atomaren Wettrüsten, die den SPIEGEL-Redakteur Wilhelm Bittorf zu einem Essay unter dem Titel "Euroschima, mon futur" animierte, eine Anspielung auf Alain Resnais' Film "Hiroshima, mon amour". Es blieb nicht die einzige Hiobsbotschaft: 1981 beschrieben Forscher in den USA erstmals das Krankheitsbild Aids, der SPIEGEL warnte im selben Jahr in einer Titelgeschichte vor dem Waldsterben. Im April 1986 kam es zum Atomunfall in Tschernobyl. "In der ersten Panik glaubten manche, schwangeren Frauen die Abtreibung empfehlen zu müssen", erzählt Radkau. Noch ein knappes Jahr nach der Katastrophe fühlten sich laut einer Allensbach-Umfrage 33 Prozent der deutschen Männer und 40 Prozent der deutschen Frauen "sehr bedroht".
Es sehe so aus, "als seien die utopischen Energien aufgezehrt", hatte der Sozialphilosoph Jürgen Habermas schon ein Jahr zuvor in seiner Essaysammlung Die Neue Unübersichtlichkeit konstatiert: "Der Horizont der Zukunft hat sich zusammengezogen und den Zeitgeist wie die Politik gründlich verändert. Die Zukunft ist negativ besetzt."
Gern wurde in den ängstlichen Achtzigerjahren auch der ökonomische Niedergang prophezeit: 1983 erschien der SPIEGEL-Titel "Deutsche Industrie – Verschlafen wir die Zukunft?", aufbauend auf einem Buch von Bruce Nussbaum, der behauptete, Deutschland verpasse den Trend zu Mikroelektronik und Biotechnik. 1989 kam Die japanisch-amerikanische Herausforderung von Konrad Seitz heraus, dem Chef des Planungsbüros im Auswärtigen Amt, der davor warnte, "dass Europa in weniger als 20 Jahren zur technologischen Kolonie Japans wird". Der deutsche Leser griff gern zu, bis weit in die Neunziger hinein blieb er Masochist, kaufte sich Miesepeter-Bücher wie Scheitert Deutschland? von Arnulf Baring und Der deutsche Niedergang von Christian Graf von Krockow. Einer der prominentesten und zugleich letzten in dieser Reihe der Unheilpropheten: der jüngst verstorbene Roman Herzog, dessen Ruck-Rede 1997 "ein Panorama all der Themen der Warn- und Alarmpublizistik jener Jahre" bot, wie Radkau schreibt: innovationsscheu, zu üppiger Sozialstaat, Bürokratismus. "Die Ruck-Rede gehört zu jenen Zeitzeugnissen, die die deutsche Krisenstimmung kritisieren und zugleich kräftig selber schüren."
ÖKONOMISCH MAG DEUTSCHLAND heute so gut dastehen wie selten zuvor, aber es mehren sich die Anzeichen, dass der apokalyptische Ton der Achtzigerjahre wiederkehrt. Die "Süddeutsche Zeitung" stellte kürzlich fest, dass Weltuntergangsdramen junger Autoren die deutschen Theaterbühnen fluteten; die Literarische Woche Bremen, die soeben zu Ende ging, trug das Motto "Vom Ende der Welt". 2016 ließ Nis-Momme Stockmann in seinem Roman Der Fuchs eine Flutwelle über die norddeutsche Kleinstadt Thule hinwegbrechen, auch Thomas von Steinaecker nahm die Leser seines Romans Die Verteidigung des Paradieses mit in eine Welt nach der Katastrophe. Beide waren nominiert für den Deutschen Buchpreis, so wie 2015 schon Heinz Helles Endzeitroman Eigentlich müssen wir tanzen. Er stellte die klassische Frage vieler Endzeitromane: Was bleibt von der Menschlichkeit, wenn die Zivilisation weg ist? Nicht viel.
Apokalyptisches Denken scheint wieder allgegenwärtig. Donald Trumps Kopf rast auf dem SPIEGEL wie ein Feuerball auf die Erde zu: "Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)". Auf der Bestsellerliste steht seit Wochen das Sachbuch Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän, geschrieben vom Astrophysiker und ZDF-Moderator Harald Lesch und dem Dokumentarfilmer Klaus Kamphausen.
Man kann sich über Endzeitvisionen lustig machen, man kann sie alarmistisch schimpfen und übertrieben, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird man damit recht behalten. Bislang ist es noch nicht zum Weltuntergang gekommen, jahrtausendelangen Unkenrufen zum Trotz.
Oder den Unkenrufen zum Dank? Die Qualität von Prognosen, darauf weist Radkau wiederholt hin, lässt sich auch deshalb so schwer beurteilen, weil Prognosen sich auf das zu prognostizierende Geschehen auswirken. Manche erfüllen sich selbst, die berühmten Selffulfilling Prophecys, andere aber hindern sich auch selbst an ihrem Wahrwerden. Das Waldsterben war womöglich so eine Prognose.
Der Frankfurter Mediävist Johannes Fried veröffentlichte vergangenes Jahr Dies Irae, eine Geschichte des Weltuntergangs. Die Idee der Apokalypse, erklärte er, gebe es nur im christlich geprägten Westen – ein Vorteil für die dortigen Gesellschaften: Wer das Ende fürchtet, versucht es hinauszuzögern. Das drohende Weltende als Weckruf, die Apokalypse als schwarze Pädagogik des Christentums. Und so entfalten apokalyptische Denkmuster im Westen bis heute enorme Schubkraft, etwa beim Atomausstieg oder beim Klimaschutz.
In seinem Sachbuch Survival in den Achtzigerjahren blickt der Schriftsteller Philipp Schönthaler ins Jahrzehnt der Angst, in dem sich Ratgeber zu Überlebenstechniken gut verkauften. Einer der damaligen Krisengewinnler war der Abenteurer Rüdiger Nehberg: 1981 verfolgten elf Millionen Fernsehzuschauer, wie er ohne Hilfsmittel querfeldein durch Deutschland marschierte, von Hamburg bis Oberstdorf, und sich dabei von Pflanzen und Insekten ernährte. Heute genügt ein Blick aus dem Fenster des SPIEGEL-Gebäudes in der Hamburger HafenCity, um festzustellen, dass sich viele Touristen nur noch in Funktionsjacken raus in die große Stadt trauen, egal wie blau der Winterhimmel gerade auch sein mag. Funktionsjackenträger sind auf alles vorbereitet, auch auf die Sintflut.
Survival-Ratgeber boomen erneut, nur mit anderen politischen Vorzeichen als in den Achtzigern. Titel wie Handbuch für das Überleben in Krisenzeiten oder Perfekte Krisenvorsorge. Überleben, wenn Geld wertlos wird und die Geschäfte leer sind oder auch Was Oma und Opa noch wussten. So haben unsere Großeltern Krisenzeiten überlebt schulen die Leser in Fragen der Selbstversorgung und beschwören dabei ein Ideal autarken Lebens, sicher ist sicher. Sie erscheinen im rechtspopulistischen Kopp Verlag.
Der US-Historiker Fritz Stern sah im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem Deutschlandradio ein "Zeitalter der Angst" heraufziehen und zitierte den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der bei seiner Amtseinführung 1933 gesagt hatte: "The only thing we have to fear is fear itself". Stern starb, noch bevor Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewann: der Angstmacher, den die Zukunftsangst an die Macht gebracht hat.
Wer das Ende fürchtet, versucht es hinauszuzögern. Die Idee der Apokalypse ist die schwarze Pädagogik des Christentums.
Die Illustrationen dieser Geschichte stammen von Terry Ringler alias TRASH RIOT. Für seine retrofuturistischen Collagen kombiniert er aktuelle Fotos mit Motiven aus Wissenschaftsmagazinen und alten Science-Fiction-Heften. Ringler lebt und arbeitet in Philadelphia, Pennsylvania.
Joachim Radkau : Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. Hanser; 544 Seiten; 28 Euro. Erscheint am 30. Januar.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 5/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Apokalypse lässt auf sich warten

  • Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug