28.01.2017

Klappe, Arsch und Ellbogen

Die Debütantin Fatma Aydemir gibt den türkischen Neukölln-Mädchen endlich eine literarische Stimme. Und erzählt von einer unverständlichen Gewalttat. Von Maren Keller
IST JA EGAL, ob nun in irgendeiner U-Bahn-Station irgendwelche Typen eine Frau die Treppen runterschubsen oder einen Obdachlosen anzünden wollen oder irgendeinen anderen Typen abstechen oder auf einen älteren Mann eintreten. Die Überwachungskamerabilder und Handyvideos mögen sich unterscheiden. Die Frage bleibt immer gleich: Wie kann so etwas passieren?
Die Journalistin Fatma Aydemir hat bislang vor allem für die "taz" geschrieben, über die Pressefreiheit in der Türkei, über Kanye West, über das Dreißigwerden. Nun erscheint ihr Debütroman im Hanser Verlag, der genau diese Frage zum Thema hat.
Es ist nicht so, dass dieser Roman eine definitive Antwort auf die Frage nach dem Warum gibt oder Forderungen an die Politik stellt oder die Gesellschaft. Aber das ist auch nicht die Aufgabe von Literatur. Die Aufgabe von Literatur ist, zu erzählen. Und so erzählt dieser Roman die Geschichte von Hazal und ihren Freundinnen Gül, Elma und Ebru.
Sie alle wohnen in Berlin und versuchen sich daran, erwachsen zu werden. Sie alle haben türkische Eltern, nur Elmas Mutter ist Bosnierin und keine besonders gläubige Muslimin. Eine Zeit lang hat Elma trotzdem kein Schweinefleisch gegessen, um dazuzugehören. "Mit der Zeit hat sie aber gemerkt, wie anstrengend es ist, eine Türkin zu sein, und wie bescheuert, da freiwillig mitzumachen. Während wir doch gar keinen Bock drauf haben, nach außen immer voll brav zu tun und alles, was Spaß macht, nur heimlich zu machen."
Würde man Hazal und ihre Freundinnen fragen, was man als junge Frau braucht, um durchs Leben zu kommen, hätten sie wahrscheinlich alle eine unterschiedliche Antwort darauf. Für Ebru wäre es der Kopf, den man mit einem Kopftuch bedecken kann, als Zeichen dafür, dass man alles richtig machen will. Für Gül wäre es ein Arsch, der allen Typen gefällt. Für Elma die große Klappe, mit der man die Ärztinnentöchter in Mitte fragen kann, was eigentlich ihr Problem ist, wenn sie so starren und kichern. Und Hazal hat die Erfahrung gemacht, dass es im Leben vor allem darauf ankommt, Ellbogen zu haben. Und so heißt dann auch der Roman.
Dabei erwartet Hazal nicht gerade unverschämt viel vom Leben. Sie hätte gern einen Freund, in den sie dann verliebt wäre. Und sie würde gern abends ausgehen. Leicht sein, begehrenswert sein, wild sein. Ihrer Tante erzählt sie, sie wäre gern Ärztin, wegen des Geldes und der Anerkennung. Auch wenn sie insgeheim lieber Popstar wäre. Zumindest aber hätte sie gern irgendeinen Ausbildungsplatz. Stattdessen darf sie nicht einmal bei ihrer Freundin Elma übernachten und arbeitet in der Bäckerei ihres Onkels, in der es im Sommer immer viel zu heiß ist und in der die Wespen über den Puddingbrezeln kreisen. Ihr Vater schlägt. Der kleine Bruder raubt den netten Dealer-Russen aus. Die Mutter hat ihr schon früh beigebracht, dass man manches einfach für sich behalten muss. Und die einzige Möglichkeit für Hazal, jemals an so einen Glitzerlippenstift zu gelangen, wie ihn die blonde Desiree immer trägt, ist es, im Drogeriemarkt heimlich einen einzustecken.
Autorin Fatma Aydemir vermisst die engen Grenzen von Hazals Leben so genau, dass ihr Debüt für die Buchwelt werden könnte, was Fatih Akins "Gegen die Wand" für die Filmlandschaft ist.
Hazal hat eigentlich immerzu das Gefühl, dass sie im Leben gar nicht gewinnen kann, weil für die französischen oder englischen oder deutschen Studentenmädchen mit den kurzen Ponys und den hellbeigefarbenen Trenchcoats andere Regeln zu gelten scheinen. Sie können sogar dreckige Turnschuhe tragen und kommen trotzdem am Türsteher und der langen Schlange vorbei in den Technoklub, in dem Hazal so gern heimlich ihren 18. Geburtstag feiern wollte. Dabei hat sich Hazal Klubs immer wie in den Rap-Musikvideos vorgestellt. Was in erster Linie heißt, dass die Frauen darin Bikinioberteile tragen. Weshalb sich Hazal und ihre Freundinnen auf ihren Nuttenschuhen abmühen, wie sie sagen. Neu ist ihnen das Gefühl nicht. Die meisten Türen im Leben bleiben ihnen schließlich von jeher eh verschlossen, dazu braucht es keinen Türsteher.
Ausgerechnet in dieser Nacht eskaliert deswegen alles. Ein Verbrechen geschieht. Gül und Elma sitzen kurz darauf in Untersuchungshaft. Und Hazal flüchtet in die Türkei. In Istanbul findet sie Unterschlupf in der WG des abgeschobenen Mehmet, den sie über Facebook kennengelernt hat. Es ist das Istanbul, in dem Demonstranten verprügelt werden oder verhaftet. Das Istanbul, aus dem Aydemir als Journalistin berichtet hat. Das Istanbul, durch das eines Abends die Panzer rollen. In dem sich Hazal ebenso wenig zurechtfindet, was nicht nur daran liegt, dass sie nie gelernt hat, sich für Politik zu interessieren, weil die Frauen in ihrer Familie das Zimmer verlassen, wenn die Männer ernste Themen besprechen, und es dann in der Küche um Aufläufe oder die nächste Hochzeit geht.
Es liegt vor allem daran, dass Hazals Eltern vor ihrer Geburt nach Deutschland gezogen sind. Wenn sie mit Türken türkisch sprechen muss, wird sie nervös. Als sie ein neues Handy kaufen will, murmelt sie den Satz so lange vor dem Laden vor sich hin, bis sie sicher ist, ihn fehlerfrei aussprechen zu können. Als der Gebetsruf durch Istanbul hallt, stellt sie sich einmal vor, der Imam sänge stattdessen Rihannas "Umbrella", das ihr so viel besser vertraut ist. Floskeln über das Leben "zwischen den Kulturen" und Worthülsen wie "Migrationshintergrund" kommen in Aydemirs Roman trotzdem nicht vor. Und wenn, dann kommen sie aus dem Mund von Hazals Tante Selma, die ohne Ehemann in einer Altbauwohnung lebt und als Einzige in der Familie studiert hat. Sozialarbeit.
Dafür kommen Sätze wie dieser vor: "Ich hebe den Kopf und schaue in den Himmel und sehe, dass er sich langsam pink färbt, und dann, dass das Wasser unter ihm glänzt, als hätte Gül ihr Glitzerpuder draufgekippt, das sie sich manchmal zu Hochzeiten auf die Oberarme schmiert." Es gibt genug Strand-Sonnenuntergangs-Liebesromane auf dieser Welt. Aydemir bringt endlich Neukölln-Romantik in die Buchhandlungen.
Fatma Aydemir : Ellbogen. Hanser; 274 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 30. Januar.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 5/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Klappe, Arsch und Ellbogen

Video 01:35

Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"

  • Video "Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis" Video 04:55
    Der Fall Rudy Giuliani: Trumps Mann fürs Grobe ist in Bedrängnis
  • Video "Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus" Video 03:54
    Videoanalyse zur SPD: Der große Knall blieb aus
  • Video "Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: Wir dulden keinen Antisemitismus" Video 03:14
    Merkel in KZ-Gedenkstätte Auschwitz: "Wir dulden keinen Antisemitismus"
  • Video "SPD-Parteitag: Ja, aber" Video 03:15
    SPD-Parteitag: Ja, aber
  • Video "SPD-Parteitag: Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden" Video 01:35
    SPD-Parteitag: "Irgendwann geregelt aus der Groko verschwinden"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"
  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "Saskia Esken beim SPD-Parteitag: Raus aus dem Niedriglohnsektor" Video 02:24
    Saskia Esken beim SPD-Parteitag: "Raus aus dem Niedriglohnsektor"
  • Video "Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: Dann muss die schwarze Null eben weg" Video 01:01
    Norbert Walter-Borjans auf dem SPD-Parteitag: "Dann muss die schwarze Null eben weg"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"