28.01.2017

Mitgefühl für Mensch und Tier

Kitsch ist womöglich noch viel schlimmer als Gentechnik: Martin Suters neuer Roman Elefant. Von Joachim Kronsbein
SO FANGEN MÄRCHEN in Zürich an: Ein Obdachloser, der an der Limmat in einer Höhle über dem Fluss Zuflucht gefunden hat, erwacht aus seinem Alkoholschlummer und sieht einen kleinen rosaroten Elefanten. Das Wesen bewegt sich, es lebt und leuchtet.
Elefant heißt Martin Suters neuer Roman schlicht, und wie von ihm nicht anders zu erwarten, bleibt der Autor nicht beim Märchenhaften. Nein, Suter will warnen. Ihm geht es um die Gefahren der Gentechnik, um deren Möglichkeiten und die unabsehbaren Konsequenzen für die Zivilisation. Das Tierchen ist das Produkt einer Manipulation und eines Betriebsunfalls. Ein Forscher – natürlich ehrgeizig und skrupellos – hat sich bei einem Zirkus eine Elefantenkuh als Leihmutter gesichert, in deren Fortpflanzungsorgane er das im Labor manipulierte Erbgut eines Elefantenkalbs aus Sri Lanka einsetzt. Ziel der Reproduktionsübung: Es soll ein fluoreszierender Elefant entstehen. "Glowing animals" heißen entsprechende Versuchsobjekte. Forschungen und Ergebnisse auf diesem Feld der Gentechnologie gibt es tatsächlich schon.
Suter bewegt sich, was die Machbarkeit angeht, also auf wissenschaftlich vorbereitetem Terrain. Nur: Irgendwie muss aus einem Text, der sich kritisch mit der Gentechnik befasst, ja auch noch ein potenzieller Bestseller werden. Die Lösung: Es geht etwas schrecklich schief im Elefantenstall.
Die Mutterkuh wird zwar trächtig, aber der Elefantenfötus scheint nicht zu wachsen. Er ist bei der Geburt so groß wie eine mittlere Abend-Handtasche. Schließlich kommt das Liliputaner-Tier zur Welt, quietschgesund – und leuchtend.
Die Story wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt, immer wieder arbeitet der Autor mit Rückblenden. Das soll Spannung erzeugen. Einen Genthriller nach allen Regeln der Suspense-Kunst zu schreiben, hat sich Suter aber doch nicht getraut. Ohne Winkelzüge geht es natürlich auch nicht ab. Das Elefantenkälbchen muss versteckt, geschützt und bemuttert werden. Ein Landtierarzt übernimmt das kostbare Tier und merkt zu spät, dass er zu sorglos war.
Der Kern der ganzen Geschichte ist simpel. Erzählt wird eine Geschichte um ein Wesen, das die meisten Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, verzaubert, beflügelt oder aber neidisch und habgierig macht. Fast so, als sei der Elefant ein Symbol für alles, was den Menschen besser oder schlechter machen kann.
Die Chinesen, die Wind von der Gensensation bekommen haben, wollen mitmischen und erhoffen sich Milliardengewinne mit leuchtenden niedlichen Tierchen, die für jedes Kinderzimmer in jeder Etagenwohnung geeignet sind.
Nebenbei könnte man mit einem Prototyp, der so harmlos ist wie der Miniaturelefant, auch all jene ins argumentative Abseits stellen, die Gentechnik für Teufelszeug halten.
Ein Eingreiftrupp fliegt von China in die Schweiz, um das Tier zu finden und zu kidnappen. Den Penner Schoch aber macht der Elefant, den er Sabu nennt, eindeutig zum besseren Menschen. Er hört auf zu saufen, weil er beginnt, sich für das leuchtende Wesen verantwortlich zu fühlen. Und er lernt Valerie Sommer kennen, die sich neben ihrer Tätigkeit in einer Tierklinik ehrenamtlich um die Hunde der Zürcher Obdachlosen kümmert. Sie hat von ihren Eltern eine alte, leer stehende Villa geerbt, in der sie Schoch und Sabu unterbringt.
Bei aller Gefahr, zusätzliche Hilfe ist nicht weit. Kaung will Sabu retten, er ist Tierpfleger im Zirkus, Burmese und für Elefanten das, was der XXL-Ostfriese Tamme Hanken für Pferde war.
Gut und böse sind bei Suter fein säuberlich voneinander geschieden, wie bei einer vorbildlich ausgeführten Mülltrennung.
Leider hat das zur Folge, dass seine Figuren entsprechend arm an Kontur und Substanz bleiben. Da hilft es auch nicht, sie mit einer scheinbar interessanten Biografie aufzupäppeln. Valerie Sommer zum Beispiel ist die Tochter von Eltern, die weder einander noch ihr Kind noch sich selbst gemocht haben. Dennoch entwickelt Valerie Empathie für Mensch und Tier.
Und Schoch war natürlich einst ein angesehener Schweizer Banker, den die Untreue seiner Frau aus der Bahn geworfen hat. Was zwischen ihm und Valerie passieren könnte, beginnt der strapazierte Leser irgendwann zu ahnen, und tatsächlich enttäuscht Martin Suter uns nicht.
Die beiden merken nicht nur, dass sie vielleicht mehr als der Elefant verbindet, sondern auch noch rechtzeitig, dass sie verfolgt werden. Sie hauen ab, und alles scheint auf den großen unvermeidlichen Showdown zuzulaufen.
Doch Martin Suter entscheidet sich für die Wellnessvariante. Friede, Freude, Karmakuchen.
Es wäre übrigens möglich gewesen, das Buch um einige Seiten und Figuren zu erleichtern. Es wäre nötig gewesen, manche Sätze zu eliminieren oder umzuschreiben. "Dabei hatte er früher unter Flugangst gelitten. Und zwar krankhafter", heißt es beispielsweise über eine Nebenfigur, die nur am Anfang auftaucht. Warum leidet der Mann nicht einfach an krankhafter Flugangst? Oder an Flugangst? Warum muss man das überhaupt wissen?
Und warum müssen Elefanten unbedingt leuchten?
Martin Suter entscheidet sich für die Wellnessvariante. Friede, Freude, Karmakuchen.
Martin Suter: Elefant. Diogenes; 352 Seiten; 24 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 5/2017
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