28.01.2017

Ganz normale Anarchie

Der Historiker Edgar Wolfrum erklärt das 20. Jahrhundert zum schlimmsten und zum besten aller Zeiten. Von Romain Leick
DIE WELT VON GESTERN, die der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig beschrieb, bevor er sich gemeinsam mit seiner Frau 1942 im brasilianischen Exil verzweifelt das Leben nahm, war eine nostalgische, von Wehmut durchzogene und verklärte Erinnerung. Das 20. Jahrhundert hatte noch nicht einmal seine erste Hälfte vollendet, aber seine Signatur schien bereits endgültig festzustehen: das schrecklichste der Weltgeschichte, angefüllt mit Krieg und Katastrophen, geprägt von Völkermord und Vertreibungen unvorstellbaren Ausmaßes. Die Erde drehte den Zeitzeugen ihre dunkle Seite zu, eine Schwärze, die sensible Feingeister wie Zweig nicht ertragen konnten. Die nachfolgenden Historiker haben den Schatten mit dem grellen Scheinwerfer ihrer Forschungen durchleuchtet.
Doch am Ende dieses radikalen Zeitalters der Extreme (so der Titel des berühmten Werks von Eric Hobsbawm) verbot es sich, das Jahrhundert allein aus einer einzigen apokalyptischen Perspektive zu betrachten. Es wartete nicht nur mit Desastern in ungeheuren Dimensionen auf, sondern es hielt ebenso große menschliche Triumphe und Hoffnungen in seinem Angebot bereit. Die Nähe von Scheitern und Erfolg, von Grauen und Rettung, zeitlich scharf abgegrenzt durch den blutigen Riss von 1945, erwies sich als charakteristisch für eine zutiefst widersprüchliche Welt im Zwiespalt.
So hat der in Heidelberg lehrende Professor für Zeitgeschichte Edgar Wolfrum, ein Schüler von Heinrich August Winkler und Autor einer Geschichte der Bundesrepublik (Die geglückte Demokratie), seine "andere" Geschichte des 20. Jahrhunderts genannt. Sie ist ein ambitionierter Versuch, "das Disparate, Zerrissene und Exzentrische" zu entschlüsseln, die Mischungen, Gegensätze, Schattierungen und unendlich vielen Übergänge zwischen Dunkel und Hell zu entwirren. Im Ergebnis strebt sie nicht weniger als eine fast schon enzyklopädische Darstellung an, die das katastrophische Jahrhundert "umfassender und alles in allem vielleicht gerechter" deuten will.
Das zweifellos imposante Panorama, das dabei entsteht, weist vielfältige und wechselnde Sichtachsen auf, die sich nicht in einem einzigen Fluchtpunkt vereinen, sondern eine scheinbar chaotische Pluralität paralleler und sich überschneidender Welten vorbeiziehen lassen: Krieg und Frieden, Diktatur und Demokratie, Ideologie und Aufklärung, Wohlstand und Hunger, Säkularisierung und Rückkehr der Religionen. Auf den ersten Blick: binäre Pole, sie verknüpfen sich jedoch in ihrer politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Interaktion zu "koproduktiven Gegenstücken".
Statt einer Triebkraft der Geschichte bilden sich unterschiedliche und konkurrierende Basisprozesse heraus. Es entsteht in Wolfrums Methodik eine "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", wie Ernst Bloch in einer einprägsamen Formulierung die Paradoxien der Moderne zusammengefasst hatte: "Nicht alle sind im selben Jetzt." Möglichkeit und Wirklichkeit liegen an jedem der zahlreichen Scheidewege dicht beieinander. Das macht ja für den Leser im Nachhinein die Faszination von Politik und Geschichte aus – dass man nie wissen kann, was geschehen wäre, wenn diese oder jene Entscheidung vermieden oder getroffen worden wäre.
Nun ist die emblematische Denkfigur und Betrachtung von Licht und Schatten letztlich eine zwar spannende, aber banale – solange sie nicht mit den konkreten Bausteinen angereichert wird, die über das mythologische Modell von Tod und Leben, Untergang und Wiederauferstehung hinausweisen. Die veröffentlichte Expertenliteratur liefert die Grundlage für die Summe des Spezialwissens, zu dem Wolfrums Buch sich addiert. Die Fertigkeit des Historikers zeigt sich darin, die nicht fassbare Totalität der Geschichte in ihrer Komplexität so zu reduzieren, dass in dieser Verringerung eine Erzählung entsteht, die das Jahrhundert in seinem Sinnzusammenhang erst begreifbar erscheinen lässt.
Das ist in einfacher Sprache und klarer Argumentation überzeugend gelungen, trotz vieler Verästelungen und Nebenwege. Wolfrum erzählt die gegensätzlichen Entwicklungen im Zeitverlauf des 20. Jahrhunderts in vier großen Teilen. Der erste und elementarste beschäftigt sich zwangsläufig mit dem "Vater aller Dinge" (so die berühmte vom Autor aufgegriffene Formel des griechischen Philosophen Heraklit): Krieg, Macht und Herrschaft, Staatenblöcke und Staatszerfall.
Frieden, diese Schlussfolgerung drängt sich am Ende des Fluges über das mörderische Jahrhundert mit seinen heißen und kalten, totalen und asymmetrischen Kriegen auf, ist kein Zustand; er ist einer der schwierigsten dynamischen Prozesse überhaupt geworden, ein fragiles Produkt gelungener Zivilisierung. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zum Beispiel, welche die Entspannungspolitik begleitete und abschloss, bewirkte die Zersetzung statt der beabsichtigten Stabilisierung des Ost-West-Gegensatzes und trug zur Auflösung des kommunistischen Imperiums wesentlich bei.
Der Schutz von Menschenrechten sollte in diesem Prozess mehr Gewicht haben als die Souveränität von Staaten. Deren Funktion als Monopolisten von Gewalt und Krieg schien nach 1945 ohnehin der Vergangenheit anzugehören. Die Dritte Welt lag mehr und mehr mit sich selbst im Krieg, und die alte, vornehme, diplomatische Kunst des Friedensschlusses, die Einhegung staatlicher Gewalt, wirkte nicht mehr im Zeitalter des religiösen Fanatismus und des entgrenzten Terrorismus. Vielleicht, so regt Wolfrum an, sei erst mit dem Datum des 11. September 2001, des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center und auf das Pentagon in Washington, das 20. Jahrhundert tatsächlich zu Ende gegangen. Säkulare oder gar millenarische Wendepunkte bieten sich für eine verlockend einfache Einteilung in historische Perioden an. Doch es kann nicht eindeutig geklärt werden, wie sich das 20. Jahrhundert zeitlich exakt vermessen lässt. Einige wie der britische Marxist Hobsbawm definierten es als kurzes Jahrhundert der Gewalt, das von der Russischen Revolution 1917 und dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis zum Fall der Berliner Mauer und dem Auseinanderbrechen des sowjetischen Blocks gereicht habe. Andere suchten eine Einheit in einem überlangen Jahrhundert, das vom ausgehenden 19. und der beginnenden Hochmoderne bis weit in das 21. hineinrage.
In beiden Sichtweisen lassen sich immer neue Zäsuren finden, vom Ende der Nachkriegszeit bis zur Postmoderne, dem Postnationalen oder absurderweise gar dem Postfaktischen. Nur das vorschnell in demokratischem Triumphalismus proklamierte Ende der Geschichte fand nicht statt.
Die westliche Welt ist heute weniger von erobernden als von scheiternden Staaten bedroht. Deutschland stellt in diesem Prozess staatlicher Erosion einen bemerkenswerten Glücksfall dar: Im 20. Jahrhundert gab es fünf verschiedene Deutschlands, vier scheiterten, nur eines bestand fort – die veränderte und vereinigte Bundesrepublik. "Eine solche verdichtete Geschichte einer Nation", urteilt Wolfrum, "hatte es in so kurzer Zeit noch niemals gegeben."
Das wiedervereinigte Deutschland, das seit 1990 existiert, hat seine nationalen Dämonen ausgetrieben, indem es auf eines der zwei konstitutiven Elemente nationalstaatlicher Souveränität verzichtete: Die Aggressionsbereitschaft ist verflogen, die Partizipationsbereitschaft, das heißt die Integration in supranationale Verbunde und Bündnisse wie EU und Nato, ist geblieben. Nur so konnte die deutsche Frage, die Verankerung des Landes mit unsicherem Territorium und beweglichen Grenzen mitten in Europa, definitiv gelöst werden.
Die DDR aber ging durch eine Revolution zugrunde und war 1989/90 in Europa "vielleicht sogar einer der ersten Staaten, die man später ,failed states', gescheiterte Staaten, nennen sollte" (Wolfrum). Nach der Definition des Autors scheitert ein Staat, wenn er drei wesentliche Funktionen für seine Bürger nicht mehr erfüllen kann: die Gewährleistung physischer Sicherheit, die Bedürfnisse von Sozialstaatlichkeit und die Anerkennung der Legitimität seiner politischen Ordnung. Zumindest das Letztere verlor das SED-Regime für alle sichtbar geradezu schlagartig.
Mit der Selbstauflösung der Sowjetunion schien zugleich das imperiale Zeitalter endgültig vorbei. Von den Nationen blieb in Europa im Wesenskern nur noch das Konzept einer kulturellen Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft intakt.
Oder doch nicht? In den Krisen, die seit jüngster Zeit die westliche Welt erschüttern – die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise und der internationale Terrorismus –, offenbarte sich an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert der unvermutete Wunsch nach einer Wiederkehr des starken Staates. Weil die Europäische Union genau diesen nicht befriedigen kann, kam es zu einer Art Schubumkehr: Der Nationalstaat, diese alte Erfindung, von der viele geglaubt hatten, sie sei im fortschreitenden 20. Jahrhundert ein Auslaufmodell, wurde neu gewürdigt und mehr geschätzt denn je.
Politische und gesellschaftliche Kräfte, die ihn nach oben (etwa nach Europa) und nach unten (in die Regionen sowie in die Zivilgesellschaft) auflösen wollten, mussten einsehen, dass in einer schwankenden Welt ohne effektiv organisierte Staatlichkeit kaum etwas geht, weder Menschenrechte und Frieden noch Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit möglich sind. "Ein starker Staat, dessen wurde man sich wieder bewusst, war einer, der sich nicht erpressen ließ", so Wolfrum, "weder von Warlords noch von Terroristen, nicht von den Banken und nicht von den internationalen Märkten." Schafft er es nicht, gerät die Demokratie in Gefahr, und die nationalistischen Geister kehren als vermeintliche Erlöser von Dekadenz und Zerfall zurück.
Gesellschaftliche Entwicklungen wie die Emanzipation der Frauen, Umwelt- und Gesundheitsprobleme, Bildung, Wissenschaft und Kultur (zu der auch Religionen gehören) lassen sich ohne staatliche Steuerung schwerlich in eine vernünftige Bahn des Fortschritts bringen. Wolfrum durcheilt die Dramen und das Glück des Lebens, schildert den Kampf gegen die Geißeln der Menschheit in seinen vielfältigen Ausprägungen: Krankheit, Hunger, Analphabetismus und Umweltkatastrophen.
Am Schluss steht die "Ökonomie als Schicksal" (nach einem Wort von Walter Rathenau), denn wenn das wirtschaftliche Wachstum ausbleibt und die Ungleichheiten zunehmen, verschärfen sich alle Spannungen der Gegenwart zu einem existenziellen Krisenszenario. Aus dem außerordentlichen Wachstum der Menschheit im 20. Jahrhundert, einer Bevölkerungsexplosion von wenig mehr als einer Milliarde am Anfang bis zu gut sechs Milliarden am Ende, ergeben sich unausweichlich gewaltige Herausforderungen, die nur mit Steigerungen des Wohlstands und einer gerechteren Verteilung bewältigt werden können. Die vor 50 Jahren erstmals beschworenen "Grenzen des Wachstums" sind demnach eine Schimäre; wenn die natürlichen Ressourcen an Grenzen stoßen, bleiben die Menschen mit ihrer Innovationsfähigkeit die letzte und einzige Ressource.
Die Welt im Zwiespalt ist darauf angewiesen, sich in eine "Welt der Konvergenz" zu verwandeln, wenn sie nicht in einem globalen Verteilungskampf und internen Bürgerkriegen das Überleben ihrer Bewohner aufs Spiel setzen will.
Wie weit ist die Menschheit diesem Ziel näher gekommen? Gab es also am Ende des 20. Jahrhunderts gar keine Welt im Zwiespalt mehr? Der Blick des Historikers auf die globale Lage heute ist ernüchternd. Geopolitische Konflikte brechen in verwandelter Form wieder aus, der Nationalismus ist quicklebendig, die Globalisierung durch Handel und Annäherung verliert zusehends an Dynamik. Alle Hauptmächte, glaubt Wolfrum, befinden sich in einem Übergangsstadium mit unsicherem Ausgang. Krieg ist in den Gedanken zahlreicher Führer der Welt wieder eine vorstellbare Option geworden. Klare Fronten, etwa die zwischen Demokratie, Autoritarismus und Diktatur, fransen aus und drohen der Orientierungslosigkeit in einer "ganz normalen Anarchie" zu weichen.
Es lassen sich jedenfalls eine beängstigende Reihe von Hypotheken für das neue 21. Jahrhundert ausmachen, die aus dem alten wie Gletschermoränen herüberkriechen. Die Freiheit, die politische, soziale und kulturelle Emanzipation, die nach 1990 ihren endgültigen Durchbruch erzielt zu haben schienen, stehen ziemlich unerwartet wieder auf der Kippe, selbst in Europa und in den USA – ein Rückschlag, in dem Wolfrum schon eine historische Wende zu erkennen glaubt. Rechtspopulistische und fundamentalistische Strömungen nähren sich aus sozialen Verunsicherungen und kulturellen Identitätskrisen.
Zur dräuenden Gewitterwolke der Welt im 21. Jahrhundert aber, meint Wolfrum, werde der Klimawandel werden. Obwohl er nicht erst bevorsteht, sondern schon da ist, haben alle bisherigen Klimagipfel keine ausreichenden Gegenmaßnahmen ins Werk setzen können. Umweltzerstörung, Wassermangel und Dürre können die Abwanderungsbewegungen dramatisch verschärfen. Bereits 2015 befanden sich 65 Millionen Menschen auf der Flucht, der höchste Wert, den die Vereinten Nationen jemals verzeichnet haben. Für das Jahr 2050 werden allein 200 Millionen Klimaflüchtlinge prognostiziert. Um die Jahrhundertwende war die Zahl der Hungernden, vor allem in Afrika, auf über eine Milliarde Menschen angestiegen, obwohl die bevölkerungsstarken asiatischen Länder den Hunger mit Erfolg zurückdrängen konnten.
Wird die Demokratie ihren Feinden, die Weltbürgergesellschaft der Versuchung des Partikularismus und des Identitären gewachsen sein? Werden die Menschenrechte, in deren Zeichen die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts stand, die Leitlinie des politischen Handelns bleiben? Der nach 1945 geschaffene internationale Rechtsrahmen zur Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschheit erodiert. Von der Verantwortung, den an Leib und Leben Gefährdeten, den Verfolgten, Drangsalierten und Unterdrückten Schutz zu gewähren und Beistand zu leisten ("responsibility to protect"), hat sich die internationale Gemeinschaft bereits klammheimlich verabschiedet.
Das 20. Jahrhundert lässt sich nur in Paradoxien begreifen. Es war zugleich das schlimmste und das beste von allen Jahrhunderten, das grausamste und das fortschrittlichste. Die entscheidende Frage bleibt offen, da das Leben und die Geschichte ambivalent, diffus und chaotisch verlaufen. Sie lautet, so Wolfrum: Wird der Mensch weiterhin willens und fähig sein, "eine ethische Anleitung zum Gebrauch seiner Macht zu finden"?
Moral versteht sich nicht von selbst in der Geschichte. Aus ihr lassen sich keine Gebrauchsanweisungen für neue und wechselnde Gegenwartsprobleme gewinnen. Aber vielleicht macht sie ja demütiger, vorsichtiger und weiser.
Frieden ist kein Zustand; er ist ein fragiles Produkt gelungener Zivilisierung.
Edgar Wolfrum: Welt im Zwiespalt. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Klett-Cotta; 480 S.; 25 Euro. Erscheint am 11. Februar.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 5/2017
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