28.01.2017

Voyeuristische Schauder

Der amerikanische Roman Ein wenig Leben erzählt auf melodramatische Weise von Freundschaft und sexuellem Missbrauch. Kann das gut gehen? Von Claudia Voigt
VIER MÄNNER, FREUNDE: Jude, JB, Malcolm, Willem. Sie kennen sich seit dem College, nun sind sie Mitte zwanzig und leben in New York. Jude hat Mathematik und Jura studiert, Willem will Schauspieler werden, beide sind auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung. Malcolm wohnt noch bei seinen vermögenden Eltern auf der Upper East Side, er baut Modellhäuser und arbeitet in einem großen Architekturbüro. JB ist Künstler, ungeduldig wartet er auf seinen Durchbruch und jobbt bei einer Kunstzeitschrift, damit dort ein Artikel über ihn erscheint. Zweimal im Monat treffen sich die vier in einem vietnamesischen Restaurant, sie feiern Thanksgiving und Weihnachten zusammen. Der Roman Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, der so dick und schwer ist, dass man ihn beim Lesen schlecht halten kann, könnte nicht werbespothafter beginnen.
Das Thema Selbstverletzung taucht zum ersten Mal nach fast hundert Seiten auf. Es ist mitten in der Nacht, als Willem von seinem Freund Jude aus dem Schlaf gerüttelt wird. Sie haben eine gemeinsame Wohnung in der Lispenard Street gefunden, am nächsten Tag soll dort eine Silvesterparty stattfinden. Es habe einen Unfall gegeben, sagt Jude, Willem müsse aufwachen, dabei spricht Jude mit so ruhiger Stimme, dass der Geweckte kurz glaubt, er würde träumen. Um seinen rechten Arm hat Jude ein Handtuch gewickelt. Als sie auf der Straße sind und Willem den Weg zur Subway einschlägt, meint Jude, sie sollten besser ein Taxi nehmen. Im Wagen erst sieht Willem, wie blass Judes Lippen sind. Sie fahren zu einem Arzt namens Andy, der Jude ohne zu zögern nachts empfängt. "Und als Andy das Handtuch von Judes Arm wickelte, war alles, was Willem sah, gestautes Blut, so als wäre Judes Arm ein Mund gewachsen, der Blut erbrach, mit einer solchen Gewaltsamkeit, dass sich kleine Schaumbläschen bildeten, die wie vor Begeisterung platzten und vor sich hin spuckten."
Yanagiharas Roman Ein wenig Leben ist ein Roman, in dem Schmerz, Leid und Unglück so umfassend geschildert werden, dass die Geschichte den Leser bis in den Schlaf verfolgt. Alles in diesem Roman ist melodramatisch übertrieben, doch von den Übertreibungen wird zugleich völlig realistisch erzählt, von nicht enden wollender Kindesmisshandlung und einem Sexverlies in einem Keller, aber auch von unverbrüchlicher Liebe und von einem Leben in materiellem Luxus, einem Alltag in traumhaften Lofts und Landhäusern. Das Grausame und das Schöne überbieten sich in diesem tausendseitigen Roman bis zum Ende gegenseitig. Es ist eine monströse Geschichte, die jedoch ihre Monstrosität nicht reflektiert, sondern mit dem Gestus großer Selbstverständlichkeit daherkommt. Ob das ein Kunstgriff von Hanya Yanagihara ist oder ob die Schriftstellerin das Gespür für die Wucht ihrer eigenen Fiktion während des Schreibens verloren hat, vermag man bis zuletzt nicht zu sagen. Was man sicher sagen kann: Dieser Roman macht seine Leser zu Voyeuren des Grauens.
Bald wird deutlich, dass die Hauptfigur des Romans Jude St. Francis ist, zwei Jahre jünger als seine Freunde und noch ein wenig brillanter als sie. Aber ihn umgibt Düsternis. Während JB, Malcolm und Willem offen von ihrer Kindheit berichten, scheint das Leben von Jude erst begonnen zu haben, als er die anderen drei auf dem College traf. In unterschiedlich langen Passagen erzählt Yanagihara von Malcolms Kindheit, der als verwöhnter Sohn fürsorglicher Eltern aufwuchs; nur dass sein Vater, ein erfolgreicher Anwalt, auf den Grenadinen geboren wurde und Malcolm daher kein Weißer ist, unterscheidet seine Biografie von der klassischen Upper-East-Side-Kindheit. Nicht weiß zu sein verbindet ihn mit JB, dessen Vater aus Haiti stammte und früh verstarb. JB wurde von seiner Mutter und seinen Tanten in dem Glauben großgezogen, dass aus ihm einmal etwas ganz Besonderes werden würde. Und das wird auch passieren, alle vier Freunde werden märchenhafte Karrieren machen. Auch das gehört zu den erzählerischen Übertreibungen in diesem Roman.
Die längste Kindheitserzählung gehört Willem, Sohn einer einfachen Rancherfamilie aus Wyoming, der sich während seiner Schulzeit rührend um seinen behinderten Bruder Hemming kümmerte, bis der starb. Dieses Detail ist für die Konstruktion des Romans entscheidend, denn dem überbordenden Werk liegt doch eine recht schlichte Psychologie zugrunde.
Die Freunde akzeptieren, dass sie von Judes Kindheit nichts erfahren. Als sie ihn kennenlernen, trägt er Metallschienen an den Beinen, ein Unfall – doch wie es dazu kam, gibt er nicht preis. Yanagihara lässt schon früh raunende Sätze einfließen, die dem Leser signalisieren: Uuh, da verbirgt sich einiges.
Wenn es einen Grund gibt, dieses Buch zu lesen, dann ist das der Sog, den die Handlung entwickelt, deshalb soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, nur so viel: Jude durchlitt während seiner Kindheit ein Martyrium in drei Teilen. In langen Rückblenden erzählt Yanagihara, was mit Jude geschah, nachdem ihn die Brüder eines Klosters als Baby neben einer öffentlichen Mülltonne gefunden hatten. Sie steigt in die Schilderungen des Grauens tief ein und baut über die auktoriale Erzählperspektive, die den Gedanken und Empfindungen des jungen Judes folgt, großes Mitgefühl für dessen Leiden auf.
Die Zumutung des Romans liegt darin, dass sich die Qualen, die er als Kind und Jugendlicher erlitt, fortsetzen in den Kapiteln über sein Leben als Erwachsener und sich nun durch Selbstverletzungen äußern. Auch in den Schilderungen des Ritzens und Schneidens ist Yanagihara nicht zimperlich. Sie verfügt über ein metaphernreiches Vokabular, die "Kreaturen", "Scheusale", die "Hyänen" zu schildern, die Jude regelmäßig heimsuchen und ihn dazu treiben, sich wieder und wieder mit Rasierklingen die Arme aufzuschlitzen. "Das Narbengewebe überzog seine Unterarme mittlerweile in einer so dicken Schicht, dass sie von Weitem aussahen wie in Gips getaucht."
Als Gegenentwurf zu Judes unermesslichem Leiden hat Yanagihara die Welt seiner Freundschaft zu JB, Malcolm und Willem aufgebaut, die er im Alter von 16 Jahren betritt. Von nun an begegnen ihm (mit einer Ausnahme) nur noch großherzige, liebevolle, fürsorgliche Menschen. Vor allem Willem, der nicht an der Seite seines behinderten Bruders war, als dieser starb, entwickelt eine grenzenlose Hingabe für Jude. Und während seines Studiums weckt der hochintelligente, aber eben auch verstörende Jude das Interesse eines Professors namens Harold; aus Interesse wird Zuneigung, und Harold, der in drei Passagen des Romans als Icherzähler auftritt, gehören schließlich sogar die Schlussworte des Romans.
Die Unbeirrbarkeit, mit der die Freunde zu Jude stehen, mit der sie geduldig und engelsgleich alle Zurücksetzungen und Kränkungen hinnehmen, hat fast schon etwas Utopisches. Freundschaft und Liebe als Sinn des Lebens. Die Kirche hat in diesem Roman jegliche moralische Autorität verloren, als Trost bleibt nur unverbrüchliche Freundschaft. Dieser Überzeugung folgen alle wichtigen Figuren des Buches, und vermutlich ist es auch die Überzeugung seiner Autorin.
Ein wenig Leben ist der zweite Roman von Yanagihara, er stand auf der Shortlist für den Booker Prize und den National Book Award, in den USA hat er sich zu einem Bestseller entwickelt, der gehasst und geliebt wird, bei dessen Lektüre viel geschluchzt wurde – so äußern sich zumindest zahlreiche Leser im Netz. Yanagihara, 41, arbeitet hauptberuflich als Redakteurin der Wochenend-Style-Beilage "T" der "New York Times", Ein wenig Leben, sagt sie, habe sie wie in einem "Fieberrausch" neben ihrer Arbeit bei "T" in anderthalb Jahren geschrieben.
Interessanterweise spielen alle lichten Passagen des Romans an der Ostküste der USA, in Boston, vor allem in Manhattan und später in einem Landhaus eine Autostunde von New York entfernt. Die Orte des Grauens dagegen sind über die USA verteilt: South Dakota, Texas, Montana. Will Yanagihara damit auf einen Bruch verweisen, der sich durchs Land zieht, der die intellektuelle, feinsinnige Ostküste vom Rest der USA trennt? Weil die Handlung dieses Buches so wenig über sich selbst hinaus verweist, ist man geneigt, Stellen zu interpretieren, die sich beim Schreiben genauso gut zufällig ergeben haben können.
Die Handlung von Ein wenig Leben erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte, doch Yanagihara hat sie in einer Art stillstehender Gegenwart angesiedelt, es gibt keinerlei Verweise auf politische oder zeitgeschichtliche Ereignisse, keinen 11. September, keine Präsidentschaftswahl. Irgendwann, als Jude noch ein Kind ist, wird mal ein Laptop erwähnt; hin und wieder wird mit dem Handy telefoniert, aber insgesamt ist die digitale Welt irritierend abwesend in diesem Roman.
Zudem fällt beim Lesen auf, dass keine einzige wichtige Figur in diesem Buch weiblich ist. Auch das ist vermutlich nicht programmatisch gemeint, es ist jedoch bei einem fast tausendseitigen Roman einer Schriftstellerin seltsam.
Die größte Schwäche besteht allerdings darin, dass Yanagihara von Judes ausufernden Qualen und Leiden mit authentischer Emphase erzählt, während die Schilderungen seiner guten Jahre in einer klischeehaften Hochglanzwelt angesiedelt sind. Da werden Einrichtungen, Abendessen, der Entwurf eines Schwimmbads, Anzugschnitte, eine Galerieausstellung oder ein selbst gebackenes Brot mit ermüdender Detailbesessenheit und ohne jegliche Ironie beschrieben. Alles bleibt Kulisse, eine uninteressante Reiche-Leute-wir-lieben-Kunst-Manhattan-Kulisse. Und so dominiert die finstere, düstere Seite diesen Roman. Vermutlich kann sich kaum jemand dem geschilderten Grauen entziehen, aber es bleibt ein monströses Einzelschicksal. Wer beim Lesen das ganz große Gefühl sucht, emotionale Wucht und voyeuristische Schauder, sollte Ein wenig Leben zur Hand nehmen. Alle anderen werden sich fragen: Was soll ich mit diesem Buch?
Bei der Lektüre wird viel geschluchzt – so äußern sich zumindest zahlreiche Leser im Netz.
Hanya Yanagihara : Ein wenig Leben. Aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner. Hanser Berlin; 960 Seiten; 28 Euro. Erscheint am 30. Januar.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 5/2017
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