28.01.2017

Die neue Weltordnung

In seinem Roman Kraft gibt Jonas Lüscher das alte Europa der Lächerlichkeit preis. Von Sebastian Hammelehle
DER EXVERTEIDIGUNGSMINISTER der Vereinigten Staaten schaut von oben herab auf diesen merkwürdigen Europäer, der sich an der kalifornischen Universität Stanford eingerichtet hat. Nicht irgendein Exverteidigungsminister ist es, dessen Porträt da an der Wand hängt. Es ist Donald Rumsfeld. Schon klar, was uns diese Konstellation sagen soll: Hier trifft die Neue Welt auf "Old Europe", denn das war ja das berühmte Rumsfeld-Zitat. Aber hat dieses alte Europa noch die Kraft, es mit der Neuen Welt aufzunehmen?
Denn Kraft heißt er, der deutsche Wissenschaftler unter dem Rumsfeld-Porträt. Mit Vornamen Richard. Jonas Lüscher hat ihn zur Zentralfigur eines Romans gemacht, Kraft mit Titel, in dem es darum geht, was passiert, wenn ein Mann aus der Alten Welt in die Neue Welt kommt – und zuletzt weder diese Welt versteht noch sich selbst.
Kraft ist nicht nur ein vielsagender Titel und ein vielsagender Name für eine Romanfigur – in diesem Buch ist Kraft auch der Zentralbegriff, der alles umschreibt. Es gibt Kräfte, die wir selbst beeinflussen, die Kräfte anderer, und dann gibt es noch jene metaphysische Kraft, die größer ist als wir alle und von der wir zumindest in der Sprache der Naturwissenschaften nicht sagen können, ob es sie gibt: Gott.
Auch um diesen Gott geht es, als Richard Kraft nach Stanford reist. Ein Silicon-Valley-Milliardär hat eine Million Dollar Preisgeld ausgesetzt für eine zeitgemäße Antwort auf die sogenannte Theodizee-Frage: Warum lässt Gott das Böse in der Welt zu, wenn er selbst doch gut ist? Richard Kraft lässt sich auf diesen Denkerwettbewerb ein, weniger aus Gründen der üblichen Intellektuellen-Onanie, sondern aus dem schnöden Motiv, dass er Geld braucht. Entscheidend dafür ist, wie könnte es anders sein, eine Frau, deutlich jünger als er. Mit ihr hat er Zwillinge, aus einer anderen Frauengeschichte stammen zwei weitere Kinder. Kraft fürchtet, dass die Alimente seinen Lebensstandard schmälern könnten. Dabei ist er als Rhetorikprofessor in Tübingen eigentlich gut situiert, er ist auf seinem Lehrstuhl Nachfolger von Walter Jens, einem der Großintellektuellen der alten Bundesrepublik. Dass Kraft auch mit Ende fünfzig noch durchtrainiert ist, sein Haar voll und lockig, wirkt wie ein Scherz Lüschers auf Kosten eines anderen öffentlichen Intellektuellen – Richard Kraft sieht aus wie eine Karikatur von Julian Nida-Rümelin, der unter dem Kanzler Gerhard Schröder Kulturstaatsminister war. Schröder spielt indirekt eine Nebenrolle im Buch: als der "Genosse der Bosse", der als Sozialdemokrat jene neoliberalen Lehren umsetzte, für die in den Achtzigern die Todfeindbilder der sozialdemokratischen Weltgemeinschaft standen: Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Von beiden war Kraft als Student begeistert. Damals wahrscheinlich weniger aus Gründen der Ideologie, sondern um sich bei den Kommilitonen, besonders den Kommilitoninnen, interessant zu machen. Ein Strang des Buchs spielt in den Achtzigerjahren, der Großteil aber in der Gegenwart. Und wenn Kraft heute, was vorkommt, an Schröder denkt, empfindet er Befremden über dessen Politik.
In einer der Schlüsselszenen des Romans trifft Kraft auf Tobias Erkner, jenen Milliardär, der den Preis gestiftet hat. Erkner, Inbegriff des Silicon-Valley-Tycoons, hat in ein Restaurant geladen, in dem das Ungezwungene ins Elitäre umschlägt, wie das um San Francisco herum üblich ist: Auf den Tisch kommt eine Gourmetversion des amerikanischen Allerweltsessens Macaroni and Cheese. Schließlich setzt sich ein Mann dazu, der auf künstlichen Inseln im Meer eine jener schönen neuen Welten bauen möchte, an die so viele im Silicon Valley glauben. Kraft nimmt sich vor, ihn nach alteuropäischer Art zu widerlegen.
"Er holt, Erkners Preisgeld aufs Spiel setzend, Atem für eine Erwiderung; barsch wird sie sein, mit der Härte eines gesunden europäischen Geschichtsbewusstseins und einem daraus erwachsenden Gespür für Realismus formuliert. Sein ganzes scharf geschliffenes Instrumentarium wird er einsetzen, beißenden Spott, Sarkasmus, Ironie. Hämisch, höhnisch, schneidend wird sie sein. Beschämen, vernichten, entlarven will er die beiden; diesen albernen Möchtegernpiraten in seinem Ringertrikot und diesen fischigen Milliardär mit seinen unausgegorenen Bubenträumen, nur leider hat Letzterer, von Kraft unbemerkt, mittlerweile die Rechnung bestellt, und gerade, als Kraft loslegen will, vor lauter Vorfreude bereits ein überlegenes Grinsen im Gesicht, mit dem er ein Bonmot zur Eigengesetzlichkeit der Technik zu untermalen gedenkt, das er sich als Einstieg zu seiner Suada ad hoc und von Heidegger inspiriert ausgedacht hat, tritt der Koch des Nudelgratins höchstpersönlich an den Tisch."
Kraft schweigt – er hat versagt. In einer anderen, für ihn noch beschämenderen Szene erleidet Kraft Schiffbruch, als er in der San-Francisco-Bay rudert. Schließlich steht er da, halb nackt, die Badehose ist davongeschwommen, im durchnässten Stanford-T-Shirt, "das Seegras wickelt sich um sein Gemächt und kitzelt seinen Hodensack".
Richard Kraft ist der Inbegriff des lächerlichen Mannes. Kaum ein Sprachbild ist im vergangenen Jahr so oft bemüht worden, um die Welt zu erklären, wie das vom "alten weißen Mann". Lässt sich die Welt wirklich allein nach Kriterien von Alter, Rasse und Geschlecht erklären? Jonas Lüscher geht weiter. Auch Kraft ist einer dieser älteren weißen Männer. Vor allem aber steht er für jenes intellektuelle Europa, das sich angesichts der Unverschämtheit des kalifornischen Fortschrittsoptimismus nicht mehr zu wehren weiß. Und damit indirekt auch für den Bruch zwischen Europa und den USA, das sich abzeichnende Ende der transatlantischen Nachkriegsordnung, das sich in der Realität mit Donald Trumps Amtsantritt nun noch viel schärfer vollzieht. Die neue Weltordnung, von der Trumps Vorgänger George Bush 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gesprochen hatte, wird sich wohl erst im kommenden Jahrzehnt vollends abzeichnen. Zumindest im kalifornischen Modell, von dem Jonas Lüscher erzählt, ist Gott dabei vom Menschen ersetzt worden. Die Theodizee-Frage wäre hinfällig.
Was den Europäern bleibt, ist die Kunst. Mit viel Vergnügen verbeugt sich Jonas Lüscher vor den Verzopftheiten der europäischen Romantradition, für die er als 40-Jähriger eigentlich viel zu jung ist. Immer wieder greift der Erzähler mit rhetorischen Fragen in die Geschichte ein: "Ist er auf der Flucht, unser Kraft? Oder ist nicht doch eher das Gegenteil der Fall?"
Es ist die Mischung aus Pfeifenraucherjargon und vor fast nichts zurückschreckender Ironie, die Kraft zu einem jener Bücher macht, nach dessen Lektüre man intuitiv nach Platz sucht im Regal, nicht nur für dieses, sondern auch für alle anderen, die von Jonas Lüscher noch kommen.
Lässt sich die Welt allein nach Kriterien von Alter, Rasse und Geschlecht erklären?
Jonas Lüscher: Kraft. C.H. Beck; 237 Seiten; 19,95 Euro.
Von Sebastian Hammelehle

DER SPIEGEL 5/2017
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