28.01.2017

Klassik

Der Cellist Johannes Moser brilliert mit russischer Kammerkunst, begleitet von Andrei Korobeinikov. Pentatone.
Auch wer schon einiges von den beiden gehört hat, würde Sergej Rachmaninow (1873 bis 1943) und Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) eher für gegensätzlich halten. Obwohl Namensvettern und Zeitgenossen, scheinen sie stilistisch fast schon Gegenwelten zu bewohnen: Rachmaninow, in der Linie Tschaikowskys mit romantisch wogend-sentimentaler Melodik; Prokofjew, modernistisch bis zur Ironie, rhythmusbetont und grenzgängerisch. Ein Konservativer also und ein Avantgardist, die sich zu ihrer Tradition gegensätzlich verhalten. Doch nun stellen der Meistercellist Johannes Moser und sein Klavierpartner Andrei Korobeinikov solche gewohnten Schemata durch schlichte Gegenüberstellung kräftig infrage. So satt gestrichen wie in dieser neuen Aufnahme, wirkt Prokofjews Cellosonate von 1949 mit ihrer versöhnlich singenden Spätwerklyrik wie die völlig konsequente Erbin eines Jahrhunderts herzergreifender Seelenmusik. Und Rachmaninows Sonate von 1901 – geschrieben als Dank für den Hypnosearzt, der dem Komponisten neue Schöpferlust vermittelt hatte – offenbart bei aller Wehmut in ihren Harmonien überraschende Zukunftsblicke. Nach der Dramaturgie der CD zu urteilen, geht es den beiden Musikern mehr darum, Prokofjews Rückbindung an die Romantik zu demonstrieren – das jedenfalls lässt sich aus ihren drei Zugaben schließen: Nach Rachmaninows unvermeidlichem Erfolgsstück, der "Vocalise", spielen sie eine Bearbeitung des Adagios aus "Cinderella", die den modernistischen Wolf Prokofjew ganz und gar im Schafspelz der Rührseligkeit maskiert zeigt; eine kurze Skrjabin-Romanze am Schluss wirkt erst recht rückwärtsgewandt. Aber wer dann an den Anfang der CD zurückschaltet, ist doch wieder verblüfft, wie kraftvoll die russische Melodiefreude sich ihren Weg in die Moderne gebahnt hat – auf welche Art auch immer. Johannes Saltzwedel

Weitere Klassik-Alben

Joseph Haydn: Klaviersonaten. CAvi. Fünf frühklassische Kabinettstücke, witzig und feinfühlig dargeboten von Markus Becker.
Max Reger: Klavierquintett op. 64, Cellosonate op. 116. Etcetera. Zwei Meisterwerke für Harmonienschwelger, eindrucksvoll innig und engagiert gespielt.
Johannes Brahms: Die Violinsonaten. OehmsClassics. Zu seinem 30. Bühnenjubiläum verzaubert Ingolf Turban mit drei Meistergeigen von 1808, 1721 und 2009.
Sonya Yoncheva: Händel. Sony, ab 3.2. Edle Sopran-Dramatik dank solider Schulung. Als Bonustrack gibt's Purcell.

Konzerte & Premieren

BERLIN

Andrea Lorenzo Scartazzini: Edward II. Uraufführung, inszeniert von Christof Loy. Deutsche Oper, Premiere am 19.2.

DESSAU

Kurt-Weill-Fest. Tipp: die erstaunliche lettische Pianistin Aurelia Shimkus (Auferstehungskirche, 10.3.). Festival 24.2.–12.3.

STUTTGART

Eclat-Festival. Jede Menge neue Klänge für offene Ohren. Theaterhaus, 2.–5.2.

WIEN

Werner Egk: Peer Gynt. Neusachliche Ibsen-Vertonung von 1937/38. Theater an der Wien, Premiere am 17.2.

DER SPIEGEL 5/2017
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