18.10.1999

MOTORSPORT„Der reinste Friedhof“

Niki Laudas Unfall machte die Nordschleife des Nürburgrings zum Mythos - hunderte von Rasern fahren dort am Wochenende private Rennen. Jetzt starb ein junger Motorradfahrer. Seine Familie stellt Strafanzeige wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.
Es war sein erster Sturz, denn Ralf war ein begabter Fahrer. Einer, der in ein paar Stunden gelernt hatte, wie man mit dem Knie auf dem Asphalt durch die Kurven gleitet. Einer, der freitags seine Honda CBR 600 auf den Hänger lud und samstags um fünf Uhr in Barwedel losfuhr, um fünf Stunden später auf der Nordschleife zu sein.
"Ralf war sehr schnell", sagt sein Freund Holger Schubert, 31.
"Ralf ging in den Kurven immer aufs Gas", sagt sein Freund Andreas Knigge, 28, "er hat sich einige Sachen geleistet."
"Bin ich froh, dass ich nicht direkt hinter ihm war", sagt Holger.
Als er an jenem Sonntag in der Rechts-Links-Kombination kurz vor dem Streckenabschnitt "Wippermann" ankam, sah Holger, dass jemand winkte. Er sah, dass ein Mädchen bei irgendjemandem am Boden kniete und dass da ein Helm lag. Dann sah er, dass der Mann am Boden sein Freund war.
"Ralf", rief er.
Ralfs Augen standen offen, der Blick war starr, und das Mädchen fühlte keinen Puls mehr. Holger hielt Ralfs Hand und sah, dass sein Freund am Bein verletzt war. Er lehnte sich gegen die Leitplanke, und dort kamen die Tränen. Holger hörte den Notarzt, dann die Polizei. Die Strecke wurde gesperrt, und er hörte den Arzt fragen: "Sie wissen Bescheid?" "Ich weiß Bescheid", antwortete Holger.
Wann und wo hat sich der Unfall ereignet, fragt der "Bericht über den Unfalltod". Antwort: "08. 08. 1999, 12.45 h, Nürburgring, Nordschleife, Wippermann." Art der Verletzung? "Komplette Halswirbelsäulen-Fraktur, offenes Schädel-Hirn-Trauma, traumatische Unterschenkelamputation." Ralf Tuchan, 29, Lackierer bei Volkswagen in Wolfsburg, starb, weil sein Helm an der Rückseite aufgeplatzt und weggeflogen war und weil die Leitplanke sein Bein durchgeschnitten hatte.
"Man fährt an der Stelle eigentlich nicht schnell, 140 vielleicht", sagt Holger, "es gab nicht mal Bremsspuren."
"Er hat die Linkskurve einfach nicht genommen", sagt Andreas, "vielleicht hat er geträumt oder ist vom Pedal abgerutscht."
Die Freunde wollen verstehen; die Familie Tuchan aus Barwedel bei Wolfsburg will kämpfen und beauftragte in der vergangenen Woche den Koblenzer Anwalt Werner Hecker, Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung zu stellen. "Unbekannt" ist eine taktische Formulierung; die Anzeige zielt auf die Nürburgring GmbH, die viel Geld mit Leuten wie Ralf Tuchan verdient.
Die Nürburgring GmbH will erreichen, dass die Familie Tuchan die Leitplanke ersetzt. Die Tuchans wollen erreichen, dass Autos und Motorräder nicht mehr gemeinsam auf die Strecke dürfen und dass Auslaufzonen angelegt werden, weil Leitplanken für Autos gemacht und für Motorradfahrer mörderisch sind.
"Es ist nicht damit getan, dass man sagt, jeder sei für sich selbst verantwortlich", sagt Torsten Tuchan, 34, Ralfs Bruder.
"Ich fühle mich für ein 11-jähriges Mädchen im Straßenverkehr verantwortlich und nicht für einen 30-Jährigen auf der Nordschleife", sagt Anton Barz, 52, Leiter der Polizeiinspektion Adenau.
"Die Gesellschaft muss junge Leute manchmal vor sich selbst schützen", meint Torsten Tuchan.
"Dann müsste man auch die Schweiz verklagen, wenn wieder einer vom Matterhorn fällt", erwidert Barz, "wollen wir denn alles verbieten?"
Die Nordschleife des Nürburgrings, 1927 als "Erste Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke" eröffnet und vom Formel-1-Fahrer Jackie Stewart später "Grüne Hölle" getauft, ist so etwas wie das Matterhorn der Auto-Gesellschaft - ein Ort der Sehnsüchte, der Heldensagen und Katastrophenberichte. Laien benötigen eine gute Viertelstunde für die 20,8 Kilometer. Experten lächeln über jede Zeit jenseits der elf Minuten, denn die Rekorde liegen unter acht. 7.49,71 Minuten brauchte der Motorradfahrer Helmut Dähne, 7.56 Minuten Walter Röhrl mit einem Porsche 911 GT3.
Und alle waren sie hier.
Rudolf Caracciola siegte 1927 bei der Premiere. Bernd Rosemeyer gewann 1936 bei Nebel und zehn Meter Sichtweite. Jochen Rindt fuhr auf dem Ring, Manfred von Brauchitsch rollte bei 150 Sachen das Vorderrad davon. Und Niki Laudas Unfall machte die Piste zum Mythos.
An jenem 1. August 1976 verabschiedete sich die Formel 1 von der Nordschleife; ein 4,5 Kilometer langer Hochgeschwindigkeitskurs wurde gebaut. Der Nordschleife blieben die Tourenwagen, die 24-Stunden-Rennen und Leute wie Ralf Tuchan, die 20 Mark für die Runde oder 955 Mark pro Jahr ausgeben und alle Haftung übernehmen, nur um zu spüren, dass das Leben mehr ist als ein Job bei VW.
Für Ralf Tuchan begann es mit dem Mofa zu Hause; zur Nordschleife fuhr er erstmals mit einem Golf GTI 16 V. Ein teurer Spaß: Jedes Mal war ein Satz Bremsen hin, und die Reifen waren durch. Das Kurvenfahren auf dem Motorrad übte Ralf im Kreisverkehr vor dem Wolfsburger Theater.
Seine Freunde hielten Ralf für einen Lebenskünstler, da er wenig Geld hatte, aber dennoch ein Mobiltelefon und ein Premiere-Abo; mit Krediten kannte er sich aus.
Seine Freundin Nicole hatte Ralf einem anderen ausgespannt. Eineinhalb Runden Nordschleife hielt sie auf dem Beifahrersitz durch, dann stieg sie ab.
"Wenn ich versucht hätte, ihm das Motorradfahren auszureden, hätte ich gehen können", sagt Nicole.
So ist das bei allen, die in die Eifel reisen und sich sonntags um acht auf den zwei Parkplätzen vor dem Restaurant "Grüne Hölle" versammeln. Sie reden von einer Sucht, der Faszination, die Geschwindigkeit zu beherrschen, und dem Wunsch, einmal nicht Mittelmaß zu sein.
Einer hat 60 000 Mark investiert, um sich den schnellsten Manta des Rings zu züchten; ein anderer reitet zwei Porsches mit den ziemlich witzigen Kennzeichen KO-KS 964 und KO-KS 911 aus; und die Brüder Dirk und Axel Nennen haben wieder die ganze Woche an ihren Opel herumgeschraubt und warten nur noch darauf, dass die Strecke abtrocknet.
Es sind ruhige Menschen dabei und Verrückte, die Krieg führen: Auto- gegen Motorradfahrer, was sich lohnt, weil Motorräder auf den Geraden und Autos in den Kurven schneller sind. Die Hierarchie in der Welt der Nordschleife ist kompliziert: Bei den Motorradfahrern gibt es die Sportler, die Tourenfahrer und die Chopper-Piloten, die bloß zeigen wollen, wie viel Kraft sie zwischen den Lenden haben. Bei den Pkw-Piloten gibt es die Golf- und die Manta-Fahrer, die sich immer noch hassen wie damals in den Achtzigern. Es gibt Porsche- und Ferrari-Chauffeure, die ein schnelles Luxus-Abenteuer suchen. Und es gibt jene, die sich für die wahren Kenner halten.
Das sind Männer wie Franz Jung, 57, aus Schwetzingen, der 1957 sein erstes Rennen sah und selbst Kart, Motocross, Slalom und Langstrecken fuhr. Jung ist kein reicher Mann, und deshalb kaufte er sich für 2000 Mark einen Kadett C, Baujahr 1978, den letzten Kadett mit Hinterradantrieb, die billigste Möglichkeit, schnell zu fahren.
Die Kiste wog damals 920 Kilogramm, und jetzt, ohne Rückbank, Beifahrersitz, Heizung und das ganze Zeug, wiegt sie 850. Jung hat Bremsen vom Omega eingebaut und Federn von Mercedes, die so lang sind, dass man zwei erhält, wenn man eine exakt in der Mitte durchsägt. Der rote Renner hat nun 180 PS und genießt als Oldtimer Sonderrechte beim TÜV. Jung, selbstgestoppte Bestzeit 8.30 Minuten, gilt als bester Wochenend-Fahrer, aber der schnellste ist Patrick R., 30, aus Essen mit seinem Porsche Turbo, Bestzeit 8.20 Minuten.
"Ich bin noch nie überholt worden", sagt Patrick. Er fährt seit zwölf Jahren hier.
Patrick gewann früher auf einer Kartbahn in Kerpen gegen Ralf Schumacher, der mit seinem Gefährt umging wie mit einem Stück Holz. Weil Patrick kein Geld hatte und niemanden, der ihn förderte, wurde er Versicherungskaufmann; seither verbringt er seine Sonntage auf dem Nürburgring. Die Kurven und die Bodenwellen kennen viele so gut wie er - die Kunst ist zu wissen, wo die linke Straßenseite frisch asphaltiert wurde, wo also der Belag für welches Rad auch bei Regen griffig ist.
"Die Kunst ist, dort 185 zu fahren, wo man mit 190 abfliegen würde, und in zwölf Jahren nie abzufliegen", sagt Patrick.
Als er zum Start rollt, gucken alle auf den Parkplätzen neidisch. Der Herr des Rings fährt in das "Hatzenbach"-Geschlängel, wo es schattig und deshalb noch nass ist. Dann mit 200 Stundenkilometern zum "Flugplatz", wo alle vier Räder in der Luft sind - hier hob 1980 Manfred Winkelhock ab und überschlug sich achtmal.
Das "Schwedenkreuz" ist ein schwieriges Stück, "wo man Mut braucht, um schnell in die Kurve zu fahren"; danach, in der "Fuchsröhre", "da kann man voll durchfahren, auch im Regen". Patrick tut's, an einem Reisebus und vier englischen Motorradfahrern vorbei. Wie in der Achterbahn wird er in seinen Rennsitz gepresst.
Der "Adenauer Forst" ist der beste Platz für Zuschauer, die mit der Videokamera filmen wollen, wie die Laien scheitern. Die kommen mit 180 an und kennen jene Rechtskurve nicht, die nur mit 50 zu fahren ist; "die Streckenposten müssen ständig den Sand neu machen", sagt Patrick. Vor ihm rast ein Golf, der sich nicht überholen lassen will, "den hat das Fieber gepackt". Armer Wicht, viel zu lahm.
In die "Bergwerk"-Kurve "muss man spät reinfahren, dann früh aufs Gas, denn jetzt geht's bergauf". Hier scheiterte 1976 Niki Lauda: Mit Tempo 250 brach der Ferrari nach rechts aus, raste in die Zäune, schlug gegen die Böschung, gegen ein anderes Fahrzeug und fing Feuer. Fast eine Minute lang saß Lauda im brennenden Auto; den Helm hatte er beim Aufprall verloren. Arturo Merzario, der Italiener, befreite den Weltmeister. "Mein Gott, wo ist sein Gesicht", fragte "Bild".
Patrick fährt jetzt 200 und überholt das "Ringtaxi", einen BMW mit einem Profi am Steuer, den sich Touristen für 100 Mark mieten können, wenn sie das Nordschleifen-Gefühl kennen lernen wollen.
"Ich fahre Kreise ums Ringtaxi", sagt Patrick.
Die "Hohe Acht" ist ein kniffliges Stück; auf der Kuppe "kann man das Auto leicht verlieren, und dann wird es wieder teuer". Danach bergab, Kurvendurchschnittsgeschwindigkeit 120 Stundenkilometer, "Gas halten, bremsen bringt nur Unruhe ins Fahrzeug". Dann "Wippermann", "Brünnchen", "hier wollen viele Zuschauer was erleben" - Stürze wie jenen von Ralf Tuchan.
Im "Pflanzgarten" zwei Sprunghügel, dann der "Schwalbenschwanz", "wenn's richtig Spaß machen soll, muss man Vollgas geben, da trennt sich die Spreu vom Weizen". Und endlich die Zielgerade.
Fünf Millionen Kilometer werden jedes Jahr auf der Nordschleife gefahren. Drei Fahrer kamen dieses Jahr bislang um; es wird ein Rekordjahr. Seit 1927 starben fast 400 Menschen auf dem Ring. "8. 8." haben Ralfs Freunde auf die Leitplanke am "Wippermann" gesprüht, weil Kreuze an der Strecke unerwünscht sind.
"Dann wäre das hier der reinste Friedhof", sagt Holger.
Ralf Tuchan hatte seinen Freunden erzählt, dass er Schluss machen wolle mit der Fahrerei, vielleicht schon nach diesem Wochenende, auf jeden Fall zum Jahresende. Zu Hause, auf seinem Schreibtisch, lagen die Papiere einer Risiko-Lebensversicherung. Die war am 1. August ausgelaufen, er wollte sie wohl verlängern.
Als Ralf Tuchan am 8. August verunglückte, war auch Matthias Held, 25, mit seiner Kawasaki auf dem Ring unterwegs. Er sah die Blutlache, den Leichenwagen und machte sich Gedanken übers Aufhören. Na ja, wie man halt so ins Grübeln kommt, wenn einer stirbt. Es regnet heute, "aber es geht schon, wenn man aufpasst", sagt Held.
Für Holger, Ralfs Kumpel, war es am Anfang schwer, "den Kopf frei zu kriegen". Als er ein paar Wochen später wieder auf der Nordschleife war, blickte er beim "Wippermann" während jeder Runde zur Leitplanke. Das muss aufhören, denn die Nordschleife verlangt Konzentration, und natürlich hängt Holger an seinem Leben. Einmal ist auch er schon abgeflogen, aber er brach sich nur das Schlüsselbein und das Schulterblatt.
Manchmal fragt sich Holger Schubert, wie Ralf seine letzten Sekunden wahrgenommen hat. Viel Zeit hatte er ja nicht.
"Vermutlich hat er nur noch 'Scheiße' gedacht", sagt Holger. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 42/1999
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