18.10.1999

NAHOST„Gebt uns den Frieden“

Im Schatten der Annäherung zwischen Syrien und Israel drängt der Libanon auf Aussöhnung mit dem jüdischen Nachbarn. Doch Damaskus duldet keinen Alleingang des kleinen Bruderlandes.
Aus der Öffentlichkeit ist er schon nahezu verschwunden, der starke Mann des Libanon. In der Beiruter Einkaufsstraße Hamra sind die Plakate abgehängt, von denen Hafis al-Assad jahrelang auf die Passanten herabblickte. Auch auf dem belebten Riad-al-Sulh-Platz im Bankenviertel der libanesischen Hauptstadt ist keines der Ehrfurcht gebietenden Porträts des syrischen Präsidenten mehr zu sehen.
Als hätte es den Personenkult um den Staatschef des mächtigen Nachbarlandes nie gegeben, wollen sich selbst treue Staatsdiener nicht mehr erinnern, wo sie zuletzt große Assad-Porträts gesehen haben. Beamte im Informationsministerium weisen darauf hin, dass auch die syrischen Kontrollposten in der Hauptstadt fast völlig aus dem Straßenbild verschwunden sind. Stolz preisen sie die "Unabhängigkeit des neuen Libanon". Doch die demonstrative Eigenständigkeit trügt.
Tatsächlich hat Assad seinen Einfluss im Libanon keineswegs aufgegeben. Noch immer hat Syrien rund 30 000 Soldaten seiner so genannten Schutztruppe im Land stationiert. Die ungewohnte öffentliche Zurückhaltung ist vielmehr eine Vorsichtsmaßnahme des gewieften Taktikers: Er will sein Gesicht wahren, falls er sich schon bald zu einem spektakulären Schwenk in seiner Nahost-Politik durchringen sollte.
Der syrische Herrscher, dessen "außergewöhnliche analytische Fähigkeiten" schon der US-Altmeister der Nahost-Diplomatie, Henry Kissinger, bewunderte, soll erstmals bereit sein, seine Macht und Präsenz im Libanon einzuschränken - wenn Israel im Gegenzug die 1967 eroberten Golanhöhen räumt.
Die Chancen des gesundheitlich angeschlagenen Assad, 69, den Höhenzug wieder seinem Reich einzuverleiben, bevor er die Macht seinem Sohn Baschar übergeben kann, stehen seit der Wahl des neuen israelischen Premiers Ehud Barak so schlecht nicht. Der Ex-General von der Arbeitspartei schiebt nicht nur die unter seinem konservativen Vorgänger Benjamin Netanjahu festgefahrenen Autonomiegespräche wieder an, er will auch die Verhandlungen über einen Rückzug vom Golan erneut aufgreifen. Arabische Diplomaten berichten, dass Barak und Assad über Mittelsmänner ein Abkommen ausarbeiten lassen wollen, das die schrittweise Räumung des Plateaus und die stufenweise Normalisierung der Beziehungen vorsieht. Eingeweihte sprechen von einer "Inkubationszeit" von nur einigen Monaten bis zur Unterschriftsreife.
Erste Sondierungen zwischen Jerusalem und Damaskus hatten bereits unter Jizchak Rabin begonnen, bevor der Regierungschef 1995 von einem jüdischen Fanatiker erschossen wurde. Nun will Barak, wie auf dessen Reisen nach Kairo, Amman und Washington durchsickerte, die Räumung des strategisch wichtigen Golan auch mit einer Lösung des Libanon-Problems verknüpfen.
Aus dem Süden des Levantestaates schießen Freischärler der islamistischen Hisbollah ("Partei Gottes") Raketen auf Siedlungen wie Kirjat Schmona im Norden Israels und bekriegen israelische Besatzungssoldaten in der 800 Quadratkilometer großen "Sicherheitszone". Jerusalem hatte das bis zu 20 Kilometer tiefe Gebiet einst zum Schutz vor Übergriffen palästinensischer Guerrilla-Kämpfer besetzt - und würde es jetzt gern loswerden, wenn Beirut nach einem Friedensvertrag die Sicherheit im Norden Israels garantieren könnte.
Im August lieferten sich die Schiiten-Milizen und israelische Soldaten erneut heftige Gefechte, bei denen drei Israelis getötet wurden. Die Hisbollah-Angriffe waren wohl die Rache für den Bombenanschlag auf den Milizen-Führer Ali Dib, Nom de guerre: Abu Hassan. Der Aktivist war nahe der Küstenstadt Sidon von zwei Bomben getötet worden, die unter seinem Wagen explodierten. Für die Hisbollah steht fest, dass israelische Spezialeinheiten den Anschlag verübt hatten.
Die international verurteilte Okkupation fordert viele Opfer, allein im vergangenen Jahr kosteten die Überfälle der Gottespartei auf die so genannte Schutzzone über 20 israelische Soldaten das Leben. "Wir müssen schnell raus aus der Hölle", hatte schon vor geraumer Zeit der Abgeordnete Jossi Beilin gefordert, der heute Justizminister ist und zu den Beratern Baraks zählt.
Bislang gelten die Hisbollah-Kämpfer, die von ihren schiitischen Glaubensbrüdern in der Islamischen Republik Iran nicht nur ideologisch Feuerschutz erhalten, als das Ass im Ärmel Assads beim Friedenspoker. Sie dienen ihm als Stachel, mit dem er Israel empfindliche Stiche versetzen kann.
Nach Informationen arabischer Nachrichtendienste will Barak deshalb den Golan nur räumen, wenn Damaskus nicht länger in Beirut die Politik diktiert. Ein aus der Kontrolle Syriens entlassener Libanon, der die Hisbollah aus eigenem Interesse unter Kontrolle bringt, wäre für Jerusalem ein verlässlicherer Friedenspartner - zumal in Damaskus Diadochenkämpfe um Assads politisches Erbe drohen.
Ob der Libanon sich wirklich schon jetzt so weit emanzipieren kann, ist fraglich. Zumindest auf den ersten Blick scheint das konfessionell zerrissene Land mit rund 3,5 Millionen Einwohnern, in dem Christen und Muslime um die politische Vormacht ringen, wieder ein stabiler, befriedeter Staat zu sein. Die Unbekümmertheit der Jugendlichen, die im Hard-Rock-Café herumhängen, lässt fast vergessen, dass der Zedernstaat ein Pulverfass war:
Die Muslime strebten jahrzehntelang zurück in den Schoß der Mutter Syrien, während die Christen die staatliche Unabhängigkeit verfochten, um nicht in den Status einer diskriminierten Minderheit zurückzufallen wie zu Zeiten des Osmanischen Reiches. Der 1975 ausgebrochene Bürgerkrieg, in den sich auch tausende vertriebener Palästinenser einmischten, ruinierte das Land, das zur Beute rivalisierender Kriegsherren wurde - bis das Eingreifen syrischer Truppen den völligen Untergang des Staates verhinderte.
Die neueste Forderung aus Jerusalem lehnt Beirut denn auch empört ab. Angeblich, so verlautet aus Geheimdienstquellen, verlangt Barak, dass die libanesische Regierung die etwa 360 000 Palästinenser einbürgert, die seit ihrer Vertreibung aus Israel zum Großteil in elenden Lagern auf ihre Rückkehr warten. Von dem durch die Uno-Resolution verbrieften Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge will Jerusalem nichts wissen. Doch der Libanon will die Heimatlosen auch nicht länger haben. "Das verkraften wir nicht", klagt ein hoher Regierungsbeamter - zu groß ist die Sorge, dass die Palästinenser wieder soziale Unruhe schüren könnten. Auch Autonomie-Präsident Jassir Arafat ist gegen eine Einbürgerung der Flüchtlinge im Libanon.
Wirtschaftlich hat sich das Land stabilisiert. Vor allem Beirut, früher als Paris des Nahen Ostens gepriesen, hat wie Phönix aus der Asche zu einem Höhenflug angesetzt. Nur in einigen Gegenden wie dem Bischara-al-Churi-Boulevard, jahrelang umkämpfte Trennungslinie zwischen den Muslimmilizen im Westen und den Guerrilleros der christlichen Phalange im Osten, erinnern noch zerschossene Gebäude daran, dass 15 Jahre Bürgerkrieg mit über 150 000 Toten die Stadt ausgeblutet hatten.
Was nicht durch Bomben und Granaten völlig zerstört wurde, erstrahlt wieder in früherem Glanz, etwa der prächtige Altbau der Stadtverwaltung oder die Patrizierhäuser im Bab-Idris-Viertel. Und ein Stopp vor dem Großen Serail, dem Amtssitz des Regierungschefs Salim al-Huss und etlicher Minister im Zentrum der Metropole, gehört fast schon zum Pflichtprogramm der ersten Touristen aus dem Abendland, die sich allmählich wieder in den Libanon trauen. Das Gebäude gilt als Meisterstück spätosmanischer Architektur.
Die meisten Gelder der libanesischen Gesellschaft für Wiederaufbau, Solidere, wurden in die Infrastruktur investiert. Großzügige Stadtautobahnen, elegante Brücken und Viadukte entstanden, das Beiruter Telefonnetz zählt inzwischen zu den modernsten im Nahen Osten, der Flughafen wird in Erwartung künftiger Besucherströme um ein Terminal erweitert.
Sollte Assad sich tatsächlich aus dem Libanon zurückziehen, könnte Beirut die Gotteskämpfer entwaffnen. Im Gegenzug würde Barak seine Besatzungstruppen aus der Pufferzone abziehen. Das ginge für Beirut zwar nicht ohne Kraftprobe mit der Hisbollah ab, denn die weiß nur zu gut, dass sie als rein politische Partei keinen sonderlichen Machtfaktor mehr darstellen wird. Doch ohne Rückendeckung aus Damaskus wird die Gottespartei den Kürzeren ziehen, zumal auch Teheran seit der Wahl des vergleichsweise liberalen Staatschefs Chatami eher mäßigend auf die Gotteskämpfer einwirkt.
Die Sehnsucht nach Freiheit und Wohlstand ist immens. "Der Libanon wünscht sich den Abzug aller ausländischen Truppen", beteuert der einflussreiche Maroniten-Patriarch, Kardinal Nasrallah Sfeir - und meint damit nicht nur die israelischen Soldaten und die von Jerusalem ausgehaltene Südlibanesische Armee in der Sicherheitszone. Das Kirchenoberhaupt hat auch die syrischen Besatzer im Blick.
Um die ungeliebten Schutztruppen abzuschütteln, hofft Sfeir, dass Barak mit "genügend Mut und Verstand" in die Verhandlungen mit Assad geht: "Gebt Syrien den Golan", appelliert er an die Israelis, "und den Libanesen den Frieden."
Offiziell freilich gibt es keinen eigenen libanesischen Weg, noch nicht. Gleichsam als Gegenbewegung zu den Autonomiebestrebungen des Levantestaats wird von der Führung in Beirut und Damaskus unverbrüchliche Einigkeit beschworen. Als gäbe es keine Grenzen, verkündet Assad in Damaskus: "Libanesen und Syrer sind ein Volk." Ergeben bekräftigt sein Beiruter Amtskollege Emile Lahoud: "Unsere Länder verbinden heilige Bande."
Präsenz zeigen in Beirut auch noch Assads Geheimdienste, auf die das syrische Regime seit fast 30 Jahren seine Macht stützt. Die Tür zum Büro der syrischen Aufpasser am neuen Flughafen schmückt weiterhin ein großes Assad-Bild.
DIETER BEDNARZ, VOLKHARD WINDFUHR
Von Dieter Bednarz und Volkhard Windfuhr

DER SPIEGEL 42/1999
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