04.02.2017

Markus Feldenkirchen Der gesunde MenschenverstandEnde des Biedermeiers

Vielleicht werden wir Donald Trump irgendwann dankbar sein – eines Tages, wenn der Spuk vorbei ist, hoffentlich ohne allzu verheerende Folgen. Vielleicht wird man dann auf das Jahr 2017 als jenen Wendepunkt der Geschichte zurückschauen, an dem wir Bürger des Westens aus unserer politischen Bräsigkeit erwachten.
Schon jetzt wird sichtbar, dass der Schock über Trumps Wahlsieg und sein ebenso irres wie rücksichtsloses Vorgehen seit der Amtsübernahme viele Deutsche und andere Bewohner der westlichen Welt aus ihrer Konsumentengemütlichkeit gerissen haben. Dass immer mehr ihren emsig gepflegten Dünkel gegenüber der Politik ablegen, selbst gegenüber etwas so vermeintlich Uncoolem wie Parteien. Die Politik wurde viel zu lange als Entertainment-Business verstanden, bei dem es genügte, als arrogant-belustigter Zuschauer Haltungsnoten zu verteilen, ohne selbst eine Haltung einnehmen zu müssen.
Plötzlich ziehen Menschen, deren politisches Engagement sich bislang auf gelegentliche Facebook-Kommentare ("Ohne Worte!") beschränkte, ernsthaft eine Parteimitgliedschaft in Erwägung. Aber das waren in der Regel nur kleine Störungen der digitalen Selbstinszenierung als erfolgreicher Hedonist. Oder gar Teil dieser Inszenierung. Über 2500 Eintritte meldete die SPD allein seit der vergangenen Woche. Dies ist nicht nur auf den "Schulz-Effekt" zurückzuführen. Schon seit November war die Zahl der Neumitglieder gestiegen, auch bei anderen Parteien – und das, obwohl der politische Ortsverein imagemäßig zuletzt auf dem Niveau der Herrenhandtasche angekommen war.
Es gibt also Anzeichen für eine Repolitisierung nach Jahrzehnten der Entpolitisierung. Viel zu lange litt die westliche Demokratie, gerade auch in Deutschland, nicht nur unter der vermeintlichen Unfähigkeit ihrer Amtsträger, sondern auch an der Teilnahmslosigkeit ihrer Teilnehmer. An Bürgern, die sich in der digitalen Biedermeierlichkeit eingerichtet und weite Teile ihres Lebens für den Konsum von Unterhaltungselektronik freigeräumt hatten. Deren Engagement sich auf die körperliche und berufliche Selbstoptimierung beschränkte. Deren einzige Motivation, mit anderen auf die Straße zu gehen, lange darin bestand, die eigene Marathonzeit zu verbessern.
Es scheint, als kehre ein Bewusstsein dafür zurück, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde von aufgeklärten und engagierten Vorfahren erkämpft wurden – und von ihren Nachfahren auch wieder verspielt werden können. Viel zu lange hat die unpolitische, lethargische Mehrheit es zugelassen, dass die Lauten und Aggressiven den Diskurs bestimmten. Wer jetzt noch Biedermeier bleibt, also unbeteiligt und rein mit sich selbst beschäftigt, der sollte in Zukunft auch nicht jammern, wenn das Land, in dem er lebt, irgendwann nicht mehr sein Land ist.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 6/2017
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