04.02.2017

Medien„Wickelt sie mit Würde ab“

„New York Times“-Journalist Mark Landler über eine neue Ära der Berichterstattung
Im Zeitalter von Trump ändert sich das Leben als Korrespondent im Weißen Haus, die Arbeit und das eigene Privatleben lassen sich nicht mehr so einfach trennen wie zuvor. So wache ich nun jeden Morgen auf und scanne als Erstes mein iPhone, um die neuesten Tweets von Donald Trump über meine Zeitung und ihre Berichterstattung zu lesen. Ich werde selten enttäuscht.
Am 28. Januar twitterte Trump: "Die Versager der ,New York Times' haben sich von Anfang an in mir getäuscht. Sagten voraus, ich würde die Vorwahlen verlieren, genauso wie die Wahl. FAKE NEWS!"
An einem anderen Morgen hieß es: "Die Versager der ,New York Times' haben gerade verkündet, dass es seit 15 Jahren noch nie so viele Beschwerden über sie gegeben habe wie heute. Ich kann das gut verstehen – aber warum verkündet man so was?"
Und dann gab es noch einen Tweet: "Jemand mit Begabung und Überzeugung sollte FAKE NEWS und die Versager der ,New York Times' kaufen und sie entweder korrekt betreiben oder mit Würde abwickeln!"
Dieser letzte Tweet traf uns hart: Trump kritisierte nicht nur wie üblich unsere Berichterstattung. Ohne seinen Ton zu ändern, schlug er vor, die "New York Times" vom Markt zu nehmen.
Die gute Nachricht dabei lautet: Uns scheinen Trumps Attacken gutzutun. Am 2. Februar verzeichnete die "Times" 276 000 neue Digitalabonnenten im vierten Quartal 2016 – eine Welle von neuen Lesern, die wir der Wahl Trumps zu verdanken haben. Die Zeitung konnte mehr Abonnenten innerhalb von drei Monaten gewinnen als in den beiden Jahren 2013 und 2014 zusammen.
Unsere Herausgeber haben auf diesen enormen Anstieg mit dem Versprechen geantwortet, ausführlich, skeptisch und ohne Angst über Donald Trump zu berichten. Die Zeitung hat unser Team im Weißen Haus von vier auf sechs Korrespondenten aufgestockt. Wir haben in unserem Washingtoner Büro eine Investigativeinheit geschaffen, die nichts anderes tun soll, als sich eingehend mit Trumps früheren Geschäften zu befassen.
Trotz alledem ist klar, dass für die Medien und das Weiße Haus eine neue, beunruhigende Ära angebrochen ist – geprägt von Spannungen, gegenseitigen Verdächtigungen und gelegentlich auch theatralischer Feindschaft.
"Die Medien sind hier die Oppositionspartei", erklärte Trump-Berater Stephen Bannon in einem Interview mit unserer Zeitung. "Sie verstehen dieses Land nicht. Sie haben immer noch nicht begriffen, warum Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten ist." Dann empfahl er: "Die Medien sollten sich schämen, demütig den Mund halten und eine Weile einfach nur zuhören."
Die Beziehungen zwischen dem amerikanischen Präsidenten und der Presse waren nie einfach: Richard Nixon führte eine Liste seiner Gegner, auf der auch die Namen von Reportern standen. Bill Clinton sah sich von der Presse unfair behandelt, und Barack Obamas Justizministerium machte Jagd auf Staatsbedienstete, die sicherheitsrelevante Storys an Journalisten geleakt hatten.
Nie zuvor hat jedoch ein Präsident die Diffamierung der Presse so ins Zentrum seiner politischen Strategie gerückt wie Donald Trump. Während des Wahlkampfs war seine Medienschelte der Dauersound: Journalisten seien unehrlich, man könne ihnen nicht vertrauen. Einzelne Pressevertreter nahm er sich besonders vor. Auf gemeinste Art und Weise machte er sich über einen behinderten Kollegen lustig. Die Rechnung ging auf. Die öffentliche Zustimmung für Nachrichtenmedien sank auf ein historisches Tief, während Donald Trump wider alle Erwartung als Sieger ins Weiße Haus einzog.
Auch dort schimpft er weiter auf uns wie zuvor: "Ich denke, die Medien sind in vieler Hinsicht Oppositionspartei", kommentierte er gegenüber dem "Christian Broadcasting Network" die Bemerkungen seines Beraters Bannon. "Damit meine ich nicht alle Medien, doch viele von ihnen. Da gibt es Unehrlichkeit, absoluten Betrug und Täuschung. Insofern sind sie auch Oppositionspartei."
Trumps Ausbrüche sind mehr als nur Show. Er weiß, dass er damit bei seiner Wählerbasis ankommt. Er präsentiert ihnen die Presse als Stütze ebenjenes Establishments, das zu stürzen er doch gewählt wurde.
Tatsächlich ist seine Beziehung zu Journalisten natürlich weitaus komplizierter. Während seiner ganzen Karriere als Unternehmer profitierte Trump von der Aufmerksamkeit der Medien. Ob als Immobilieninvestor, Reality-TV-Star oder politischer Führer der freien Welt. Trump liebte Schlagzeilen. Sein Hunger nach Medienpräsenz war unersättlich, selbst als er schon so berühmt war, dass man ihn nur noch "The Donald" nannte.
Als 23-jähriger Reporter für die "New York Times" recherchierte ich 1989 für einen Artikel über Trumps damaligen Versuch, die von der Fluggesellschaft Eastern Air Lines übernommenen Kurzstrecken als "Trump Shuttle" zu vermarkten. Es dauerte keinen Tag, und ich saß ihm in seinem Büro in der 26. Etage des Trump Tower gegenüber. Nach Erscheinen meines Textes hatte ich keine Probleme, Rückrufe von ihm zu bekommen.
Donald Trump und die "New York Times" verbindet eine Hassliebe. Bei einem Besuch in unserer Redaktion im November rief er begeistert aus: "Die ,Times' ist ein großartiges, großartiges amerikanisches Juwel. Ein Juwel für die Welt. Ich hoffe, wir kommen miteinander aus." Letzteres bleibt abzuwarten. Unsere Redakteure werden weiterhin offensiv über Trump berichten. Wie es auch CNN und die "Washington Post" tun, die aufsehenerregende Recherchen über Trumps wohltätige Stiftung veröffentlichten.
Zum Wesen der "White House"-Korrespondenten gehört, dass Präsident Trump sich mit einem streitwilligen, unnachgiebigen Pressekorps auseinandersetzen muss. Wir werden ihm keine Ruhe lassen, seine Politik hinterfragen, seine Geschäftskonflikte ergründen, Dissens in seinem Team aufdecken und seine Leistungen beurteilen. Die Presse wird niemals, wie Bannon es vorschlägt, den Mund halten.
Allerdings ist Donald Trump nun nicht länger ein Kuriosum, ein karnevalistischer Clown, der den Kampagnenzirkus anführt. Er ist jetzt Commander in Chief und verfügt über die enormen Ressourcen der Regierung der Vereinigten Staaten. Sein Umgang mit den Medien wird nicht nur die Berichterstattung über ihn beeinflussen, sondern Konsequenzen für die Zukunft der unabhängigen Presse Amerikas haben.
Für den aktuellen Präsidenten wird es – wie für seine Vorgänger – anstrengend sein, unter permanenter Beobachtung zu stehen. In seiner zweiten Woche im Amt flog er, ohne die Presse vorab zu informieren, zur Dover Air Force Base in Delaware, um einem Navy Seal die letzte Ehre zu erweisen, der im Jemen ums Leben gekommen war. Der Präsident ging über den Südrasen des Weißen Hauses zur Marine One und hob ab, ohne zu sagen, wohin – das genügte, um die Reporter zu aufgeschreckten Meldungen zu veranlassen.
Donald Trump, für den keine Publicity immer schlechte Publicity war, begreift vielleicht gerade, wie hoch der Preis dafür ist, ständig im Scheinwerferlicht zu stehen.
Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese

DER SPIEGEL 6/2017
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