04.02.2017

KarrierenAußen Minister

Sigmar Gabriel wollte Chefdiplomat werden, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch so locker, wie er vorgibt, steckt der 57-Jährige den Abschied vom SPD-Vorsitz nicht weg.
Es war, als würde Sigmar Gabriel seiner politischen Beerdigung beiwohnen. Mit dem kleinen Unterschied, dass sich dort im Willy-Brandt-Haus keine Trauergemeinde zu seinem Abschied eingefunden hatte, sondern ausnahmslos Menschen, die extrem gut gelaunt waren.
Gabriel saß auf einer Bank, zwei Meter nur von jenem Rednerpult entfernt, an dem nun ein Mann stand, dem er fast all seine Macht übertragen hatte. Und dieser Mann wurde nun bejubelt, wie Gabriel nie bejubelt worden war. Nie zuvor war die Parteizentrale voller gewesen als an diesem Sonntagnachmittag der vergangenen Woche. Und die Stimmung war seit dem letzten Wahlsieg Gerhard Schröders im Herbst 2002 nicht ausgelassener gewesen.
Jeder Satz, den sein Freund Martin Schulz den Genossen zurief, war zugleich ein kleiner Schlag gegen Gabriel. "Überall ist es zu spüren, die Aufbruchstimmung und die neue Hoffnung in der Partei, sie sind nicht nur hier im Saal, sondern im ganzen Land greifbar!" Schulz beschwor eine Stimmung, die sich unter Gabriel partout nicht einstellen wollte. Er, der jahrelang unter dem Liebesentzug der Deutschen gelitten hatte, erfuhr nun indirekt die ganze Dimension der Ablehnung. Denn im Jubel über Schulz steckte ja auch die Erleichterung, dass eben nicht Gabriel am Rednerpult stand.
Als Schulz, der frisch ernannte Kanzlerkandidat, auf ihn zu sprechen kam, standen Gabriel plötzlich Tränen in den Augen. "Lieber Sigmar, du bist ein toller Typ. Mit deinem Vorschlag, dass ich nun die Partei führen soll, hast du in außergewöhnlicher Souveränität eine schwere persönliche Entscheidung getroffen. Das verdient Bewunderung."
Das war Gabriel offenkundig zu viel. Er verschwand gleich nach der großen Show. Das anschließende Abendessen im kleinen Kreis tat er sich nicht mehr an.
Fragte man Gabriel in den Tagen nach seiner Entscheidung nach den plötzlich steigenden Umfragewerten für die SPD, nach dem Hype, der sich rund um Schulz entwickelte, grinste er wissend. Genau das habe er ja bezwecken wollen. All das zeige doch nur, dass er die goldrichtige Entscheidung getroffen habe.
An jenem Dienstag, als seine Entscheidung bekannt wurde, wirkte er kurz wie befreit. Glücklich darüber, die Last der Entscheidung und auch der Verantwortung losgeworden zu sein. Es wirkte, als freue er sich auf sein neues Leben als Außenminister.
Um sofort weiterzumachen und nicht in ein Loch zu fallen, bricht Gabriel gleich am Samstag, keine 24 Stunden nach der Amtseinführung, zur ersten Dienstreise auf. Der Airbus 319 der Luftwaffe fliegt über schneebedeckte Felder. Gabriel sitzt auf einem beigen Sessel im kleinen Konferenzraum direkt hinterm Cockpit. Er kehrt aus Paris zurück, hinter ihm liegen die erste Pressekonferenz als Außenminister, ein Treffen mit dem Amtskollegen Jean-Marc Ayrault, eine Stunde Hinflug, drei Stunden Aufenthalt. Alles pannenfrei, ohne Auffälligkeiten, darauf hat Gabriel, der sich über sein Image keine Illusionen mehr macht, penibel geachtet.
Der Pilot hat bereits den Sinkflug eingeleitet, während Gabriel ohne Unterlass plaudert. Es ist so viel passiert. Aus dem, was er sagt, spricht eine innere Zufriedenheit darüber, es mit seinem überraschenden Abgang samt heimlich geführtem "Stern"-Interview allen noch mal richtig gezeigt zu haben: Vor allem den eigenen Genossen und den Journalisten, von denen Gabriel sich mehrheitlich schlecht behandelt fühlte. Wenn man ihm im Flieger zuhört, ist da eine gewisse Genugtuung zu spüren, sie alle auf die falsche Fährte geführt zu haben.
"Sehen Sie dahinten", sagt Gabriel nun, er deutet auf eine Ansammlung rauchender Schlote am Horizont: "Das ist das Stahlwerk Salzgitter. Gehört zu meinem Wahlkreis."
Um 14.30 Uhr setzt der Regierungsflieger am Flughafen Braunschweig-Wolfsburg auf. Einen halben Tag war er von zu Hause weg, jetzt geht es zurück zur Familie nach Goslar. Gabriel hat seiner schwangeren Frau Anke und der vierjährigen Tochter Marie versprochen, mit ihnen Klamotten kaufen zu gehen.
Zwei Begründungen hatte der 57-Jährige für seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und den Rücktritt vom Amt des SPD-Vorsitzenden genannt. Die eine erschloss sich jedem: dass Martin Schulz bei der Bundestagswahl einfach die besseren Chancen habe. Die andere klang hingegen seltsam: Er wolle, sagte Gabriel, mehr Zeit für seine Familie haben. "Meine Frau ist die meiste Zeit alleinerziehende Mutter, weil ich immer irgendwo unterwegs bin. Eigentlich habe ich permanent ein schlechtes Gewissen."
In diesen modernen Zeiten denken viele Väter darüber nach, wie sie eine bessere Work-Life-Balance hinbekommen und ihr schlechtes Gewissen der Familie gegenüber besänftigen können. Die wenigsten kämen auf die Idee, ihre Probleme zu lösen, indem sie Außenminister werden.
Im Auswärtigen Amt verstehen viele Beamte Gabriels Begründung fast als Beleidigung. Sie sind nicht Minister und haben trotzdem kaum Zeit fürs Privatleben. Aus Gabriels sehr spezieller Sicht ist die Vorstellung, als Außenminister etwas mehr Zeit für seine Familie zu haben, hingegen nicht ganz so abwegig. Zwar kommen nun die Auslandsreisen hinzu, andererseits fällt all der Stress weg, den sein Selbstbehauptungskampf als SPD-Vorsitzender produzierte.
Nach dem schwierigen Nachmittag im Willy-Brandt-Haus suchte er umgehend Trost bei seiner Familie. Am Dienstag sorgte er dann als Außenminister erstmals für Schlagzeilen, mit einer Nachricht, die im Zusammenhang mit Gabriel allzu bekannt klang. Die für diesen Tag geplante Reise nach Brüssel sagte er kurzfristig ab, am Mittwoch fehlte er im Kabinett. Als Grund gab er einen grippalen Infekt an.
Da sei er wieder, der sprunghafte Gabriel, lästerten sie in der SPD. Ständig erfinde er irgendwelche Krankheiten oder Beerdigungen, warum er unpässlich sei. Fast jeder seiner bisherigen Mitarbeiter kann ein Lied davon singen. In dieser Woche hatte er sich aber offenbar wirklich bei Tochter Marie angesteckt. Jedenfalls schniefte er noch, als er am Donnerstag in die Vereinigten Staaten flog.
Wie um seine Begründung zu bekräftigen, hatte Gabriel seine Familie zur Amtseinführung mitgebracht. Dafür war er auch bereit, ein bislang geltendes Tabu zu brechen. Ihre vierjährige Tochter Marie hatten die Gabriels bislang von Fotografen ferngehalten. Beim großen "Bunte"-Interview im vergangenen Sommer drehte Marie dem Fotografen noch den Rücken zu. Jetzt postete Gabriel auf Twitter ein Foto mit Tochter, Ehefrau, Präsident und Kanzlerin aus dem Schloss Bellevue: "So machen große Veränderungen Spaß", schrieb Gabriel, "mit zwei der drei wichtigsten Frauen in meinem Leben. Und Frau Merkel."
Seine Familie war, so konnte man hören, auch deshalb an seiner Seite, weil Ehefrau Anke fürchtete, der Abschied könne ihrem Mann, der ja sensibler ist als viele glauben, doch etwas zusetzen.
Gabriel versuchte indes, sich nichts anmerken zu lassen. Bei der Amtsübergabe im Auswärtigen Amt gab er sich schlagfertig. Die im Weltsaal dicht gedrängten Beamten, die bis zuletzt mit Martin Schulz als neuen Außenminister gerechnet hatten, zeigten ihm deutlich, wie groß die Fußstapfen sind, die Frank-Walter Steinmeier hinterlässt. Der Bundespräsident in spe wurde mit lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations verabschiedet.
Und Gabriel gilt unter den Diplomaten nicht gerade als Meister der abwägenden Wortwahl. Israels Besatzung in der Stadt Hebron bezeichnete er einst als Apartheid, den autokratischen ägyptischen Herrscher Sisi nannte er "einen beeindruckenden Präsidenten".
Er habe schon verstanden, antwortete Gabriel nach Steinmeiers Abschiedsrede im Auswärtigen Amt: "Die eigentliche Botschaft deiner Rede war: Verdirb mein Erbe nicht!" Den Beamten versicherte er: "Ich bin nur halb so schlimm, wie es die Zeitungen schreiben. Manche werden denken: Halb so schlimm ist schlimm genug." Und er forderte seine neuen Mitarbeiter auf, "auf mich aufzupassen".
Ganz so locker, wie Gabriel vorgibt, steckt er den Verzicht auf den Parteivorsitz und die Chance, seine Karriere mit einer eigenen Kanzlerkandidatur zu vollenden, dann aber doch nicht weg. Er empfindet es als ungerecht, dass seine Erfolge wie die Einführung des Mindestlohns, das Integrationsgesetz oder die Rettung der Arbeitsplätze bei Kaiser's Tengelmann nicht einmal von der eigenen Partei ausreichend gewürdigt werden. Führenden Sozialdemokraten in seinem niedersächsischen Landesverband wirft er dieser Tage mangelnde Loyalität vor. Er gibt ihnen eine Mitschuld daran, dass er als SPD-Vorsitzender abdanken muss.
In der SPD kann sich niemand vorstellen, dass Gabriel seinen Abschiedsschmerz schnell verkraften und seine neue Rolle annehmen wird. Sie fürchten, dass er sich weiter in inhaltliche und personelle Entscheidungen einmischen wird, gerade auch in den nun anlaufenden Bundestagswahlkampf. "Dass wir bald eine Bundestagswahl haben, sollte uns so wenig wie möglich interessieren", gab Gabriel seinen Beamten im Auswärtigen Amt mit.
Die Frage ist, wie lange er sich selbst daran hält. Ob er es erträgt, dass von nun an Martin Schulz über den Kurs seiner geliebten SPD bestimmt. Ob er die freiwillige Abgabe von Macht für sich akzeptiert hat oder ob sie eine Kurzschlussreaktion war.
Am Donnerstag ist Gabriel wieder halbwegs gesund. Früh am Morgen steigt er wieder in die Regierungsmaschine, diesmal geht es nach Washington. Gabriel will der erste deutsche Minister sein, der auf Trumps Mannschaft trifft. Im Flugzeug spricht er über die Krisen und Konflikte der Welt wie einer, der schon lange im Amt ist. Er lobte die unendliche Geduld von Frank-Walter Steinmeier und schlug ungewohnt milde Töne an, als er über das Chaos sprach, dass US-Präsident Donald Trump in so kurzer Zeit angerichtet hatte. Er habe "Fragen an die neue US-Administration", sagte Gabriel, viel mehr nicht. Er klang fast demütig. Für einen Moment wirkt es, als könne der Rollenwechsel tatsächlich gelingen.

Gabriel empfindet es als ungerecht, dass nicht einmal die eigene Partei seine Erfolge würdigt.

Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 6/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 6/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Außen Minister

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg