04.02.2017

GeheimdienstePutins Schläfer

Ein russischer Ex-Offizier berichtet in einer Fernsehdokumentation, wie Spione als Flüchtlinge getarnt nach Deutschland kamen.
Es ist der Albtraum aller Geheimdienstchefs. Ein Foto der Führung, bis hinunter auf die dritte Ebene, so scharf, dass jeder Agent fortan identifizierbar ist. Von Freund und Feind.
Die Aufnahme zeigt die Spitze des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, aufgenommen am Ende des Jahres 2008 oder Anfang 2009 am Rande einer Strategietagung in einem ehemaligen KGB-Sanatorium nahe Moskau.
Erste Reihe sitzend, zweiter von links: Alexander Bortnikow, seit Mai 2008 Chef des FSB. Vier Stühle weiter ein Mann, an dessen Händen nach Einschätzung westlicher Geheimdienste Blut klebt: Nikolai Patruschew – Bortnikows Vorgänger, inzwischen Vorsitzender des Sicherheitsrats der Russischen Föderation – eine Art Geheimdienstkoordinator.
Er soll 2006 den Befehl gegeben haben, den ehemaligen KGB-Offizier Alexander Litwinenko, der angeblich zum britischen Geheimdienst übergelaufen war, mit radioaktivem Polonium zu töten.
In der letzten Reihe, stehend, 14 jüngere Offiziere, fast alle im Range eines Obersts – die Führungsreserve des Dienstes. Einer von ihnen hat den FSB im Streit verlassen, floh 2012 aus Russland und wird seitdem als Verräter gejagt.
Dieser Mann gab das Foto dem deutschen Geheimdienstexperten und Filmemacher Egmont Koch als einen von mehreren Beweisen seiner Identität. Koch hat den ehemaligen Agenten konspirativ in mehreren Ländern getroffen und insgesamt 15 Stunden lang interviewt ("Putins kalter Krieg – Ein russischer Spion packt aus", ZDF Zoom, Mittwoch, 8. Februar, 22.45 Uhr).
"Igor", wie der Mann in Kochs Film heißt, war Abteilungsleiter und Oberst des FSB, zuständig für die Überwachung der Opposition im Nordkaukasus, einem muslimischen Teil der russischen Föderation. 50 Mitarbeiter und 400 Spitzel hätten seinem Kommando unterstanden. Obwohl Teil des Inlandsgeheimdienstes, sei seine Abteilung, so "Igor", auch an Auslandsoperationen beteiligt gewesen.
Der Agent sagt, der FSB habe geholfen, Deutschland und andere europäische Länder mit muslimischen Spionen zu unterwandern. Er selbst, so "Igor", sei dafür mitverantwortlich gewesen:
"Wenn ich der Chef des deutschen Verfassungsschutzes wäre, würde ich meinen Mitarbeitern sagen, sie sollten junge Sportler aus Tschetschenien, die als Asylbewerber ins Land gekommen sind und völlig unauffällig leben, viel genauer ins Visier nehmen. Für einige dieser Sportler haben wir Dokumente fabriziert. Meine Abteilung war daran beteiligt. Wir haben ihnen gefälschte Bescheinigungen über Strafurteile, polizeiliche Ermittlungen und so weiter ausgestellt, damit sie im Westen Asyl erhalten. So konnten sie glaubhaft machen, dass sie politisch verfolgt werden."
Tausende Tschetschenen kommen Jahr für Jahr nach Deutschland. Viele fliehen vor den Gräueltaten des Diktators und Putin-Günstlings Ramsan Kadyrow und seiner Schergen. Wer von ihnen zum Schläfernetzwerk von Putins Inlandsgeheimdienst gehört, ist schwer einzuschätzen.
Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, kommt in Kochs Film mit einer beunruhigenden Einschätzung zu Wort. Es sei "offenkundig, wenn eine hohe Zahl von Asylsuchenden aus dem Kaukasusbereich nach Deutschland kommt, dann dürfte diese Durchreise durch Russland nicht ohne Kenntnisse der russischen Nachrichtendienste stattfinden. Oder durch Unterstützung der russischen Nachrichtendienste".
Die tschetschenische Oppositionelle Rubati Mizajewa, die 2002 aus Tschetschenien floh und seitdem in Deutschland lebt, schätzt die Lage ähnlich ein: "In den letzten fünf Jahren sind in Deutschland viele Beauftragte des FSB aufgetaucht. Ich schätze, dass hierzulande jeder zweite Tschetschene für den FSB arbeitet."
Mit welchem Auftrag? Geht es nur um die Überwachung tschetschenischer Oppositioneller? Ende Oktober des vergangenen Jahres fand in fünf Bundesländern eine Razzia gegen 14 tschetschenische Asylbewerber statt. Sie stehen im Verdacht, das islamistische Terrornetzwerk IS zu unterstützen.
Sind die IS-Verdächtigen Angehörige der tschetschenischen Schläfertruppe des FSB? Sollen sie als Waffe in Putins Propagandakrieg Stimmung gegen Flüchtlinge machen und Furcht verbreiten? Und wenn ja, wie?
Verfassungsschutzchef Maaßen sagt dazu in Kochs Film: "Mein Eindruck ist: Es geht der russischen Seite nicht darum, Ängste zu schüren, das ist nur das Mittel. Es geht darum, der Bundesregierung Schwierigkeiten zu bereiten, vielleicht in Teilen auch, das Land zu destabilisieren."
Auch "Igor" zeigt sich überzeugt, dass er und seine Abteilung Werkzeuge einer psychologischen Kriegsführung waren, mit der Putin einen neuen Kalten Krieg gegen Europa eingeläutet habe. "Mit kleinen, aber effektiven Gemeinheiten wie Desinformationskampagnen, der Verbreitung von Lügen" versuche Putin in Deutschland, "permanente Unruhe in der Gesellschaft" auszulösen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel habe dies 2007 bei einem Besuch in Putins Residenz in Sotschi am Schwarzen Meer am eigenen Leibe erlebt: "Meine Kollegen hatten immer wieder nach oben gemeldet, Frau Merkel habe Angst vor Hunden." Deshalb habe Putin seinen Hund an ihren Beinen schnüffeln lassen. "Das war eine Erniedrigung auf höchstem Niveau."
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 6/2017
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