04.02.2017

Extremismus„Dissonantes Pathos“

Der Rechtsideologe Götz Kubitschek distanziert sich von der umstrittenen Dresdner Rede des AfD-Politikers Björn Höcke. Er hält sie für einen Fehler.
Kubitschek , 46, ist ein rechter Publizist und Verleger. Der Vordenker für die AfD, Galionsfigur für Rechtskonservative, die Pegida-Bewegung und andere Rechtsextremisten, ist ein Weggefährte des thüringischen AfD-Vorsitzenden Höcke.
SPIEGEL: Herr Kubitschek, haben Sie Björn Höckes Dresdner Rede geschrieben?
Kubitschek: Nein.
SPIEGEL: Aber gelesen haben Sie sie? Immerhin fuhren Sie mit Höcke im Dienstwagen vor dem Veranstaltungssaal vor.
Kubitschek: Wir hatten uns spontan für die Fahrt verabredet. Ich fragte nach dem Redemanuskript, weil mich derlei immer interessiert. Es liegt eine große Verantwortung darin, vor vielen Hörern zu sprechen. Aber es kam nicht zur Lektüre.
SPIEGEL: Hätten Sie den Inhalt freigegeben?
Kubitschek: Nicht in Gänze und nicht in dieser Situation. Und vor allem hätte ich am Ton gearbeitet. Aber beides war und ist nicht meine Aufgabe.
SPIEGEL: Sind Sie also inhaltlich einverstanden, finden nur den Ton strategisch falsch?
Kubitschek: In der Rede steckt ein dissonantes Pathos, ein Hang zur Übertreibung nüchterner Bestandsaufnahmen ins Schicksalhafte. Man muss nicht vom "vollständigen Sieg" der AfD sprechen, wenn man Regierungsverantwortung meint, und die AfD ist auch nicht die "letzte evolutionäre Chance" für Deutschland, sondern schlicht eine parteipolitische Notwendigkeit. Dieser Ton lässt sich mit dem ungeheuren Druck erklären, unter dem Höcke steht. Als Politiker und Person entlarvt er das Establishment bis zur Kenntlichkeit. Nun lässt man ihn die Konsequenzen spüren. Dennoch darf dies nicht dazu führen, dass er den Ton nach oben dreht.
SPIEGEL: Das ist wenig glaubwürdig – Sie haben Höckes Rede sogleich vehement verteidigt. Sehen Sie das Holocaust-Mahnmal wie er als "Denkmal der Schande", oder das Gedenken nach 1945 als "Umerziehung", um "unsere Wurzeln zu roden"?
Kubitschek: Höcke hat das "Denkmal der Schande" als das "Denkmal unserer Schande" begriffen und beschrieben, andere Deutungen sind haltlose Unterstellungen. Das Problem ist: Er hat ein Oberseminarthema in einer Stimmungsrede vorgetragen. Das passt nicht zusammen. Auch die Umerziehung nach 1945 ist ein Feld voller Missverständnisse. Ich hätte ihm wohl eine andere Stoßrichtung vorgeschlagen.
SPIEGEL: Wie lautet die?
Kubitschek: Man muss die Erinnerung an den Holocaust denen aus der Hand nehmen, die daraus politisches Kapital schlagen – das ist das Thema. Die Schriftstellerin Iris Hanika hat für diese Vernutzung der Schande den Begriff "Vergangenheitsbewirtschaftung" geprägt. Die Erinnerung an das Verbrechen des Völkermords ist etwas zu Wichtiges, als dass es zur politischen Keule verkommen und selbstgefällig für die eigene moralische Überhöhung in Anspruch genommen werden dürfte.
SPIEGEL: Wollen Sie nicht eher ein für Sie lästiges Gedenken loswerden, so wie Höcke eine "Wende um 180 Grad" forderte?
Kubitschek: Ich wollte vor Jahren mit einem heute führenden SPD-Politiker eine gemeinsame Fahrt nach Auschwitz und Dresden unternehmen, zu zwei Orten, an denen sich das Grauen verdichtete – in Auschwitz die Ermordung der Juden, in Dresden die Zerstörung der deutschen Städte. Diese geschichtspolitische Reise sollte in ein Doppeltagebuch münden. Der Politiker verwarf die Idee aber, weil er sie seinen Juso-Genossen nicht hätte vermitteln können. Damals bekam ich zu der Idee einen zustimmenden Brief Höckes: Er schrieb von einer "heilsamen Ergänzung der Erinnerung".
SPIEGEL: Nur dass Ihre "heilsame Ergänzung" bedeutet, die Judenvernichtung auf eine Stufe zu stellen mit einem Bombenangriff in einem Krieg, den Deutschland anzettelte – Höcke argumentiert ähnlich.
Kubitschek: Ergänzung ist nicht Gleichsetzung.
SPIEGEL: Sind Sie Höckes Politikberater?
Kubitschek: Ich bin mit Björn Höcke seit bald 15 Jahren befreundet und kenne ihn als grundehrlichen, nicht mit allen Wassern gewaschenen Typ. Unser Gespräch über die richtige Politik für Deutschland ist der rote Faden unserer Freundschaft. Auch als AfD-Politiker liest Höcke, was ich schreibe, kommentiert, was ihn interessiert, greift auf, was er für vermittelbar hält. Auf mehr sollte ein unabhängiger Publizist und Verleger auch nicht drängen.
SPIEGEL: Sie haben sich also noch nie in AfD-Angelegenheiten eingemischt?
Kubitschek: Ich bin kein Mitglied, war noch nie auf einem Parteitag, habe keinen Beraterposten, empfange kein Honorar.
SPIEGEL: War Höckes Auftritt in Dresden aus Ihrer Sicht ein Erfolg?
Kubitschek: Es geht in der Frage um die Person Björn Höcke immer auch darum, wie gut die beiden Parteiflügel der AfD ihre Balance halten. Ich kann als Außenstehender keinen Vorteil darin erkennen, dass diese Balance nun gestört ist und der Höcke-Flügel unter Druck gerät.
SPIEGEL: Höcke hat also sich selbst und seinen Unterstützern geschadet?
Kubitschek: Wenn die AfD die wechselwilligen Wähler in diesem entscheidenden Jahr gewinnen will, muss sie die emotionale Barriere, die zwischen Normalbürger und AfD aufgerichtet ist, abräumen. Das Establishment baut natürlich an dieser Barriere. Es kommt schlicht darauf an, Fehler zu vermeiden und kein Baumaterial zu liefern. Höcke hat einen Fehler gemacht, und er hat die Wucht der öffentlichen und parteiinternen Schläge nicht vorhergesehen, die ihn und die AfD nun hart treffen. Jedoch: Wäre diese Partei ohne ihn noch eine Alternative?
Interview: Melanie Amann
Von Melanie Amann

DER SPIEGEL 6/2017
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