04.02.2017

KriminalitätChiffre ZS1891991

Ein Münchner Kunstvermittler soll einen Sammler um Millionen Euro betrogen haben – mithilfe einer Gemäldekollektion, die es gar nicht gab.
Die Annonce im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" wirkte wie aus der Zeit gefallen. Statt der üblichen Kontakt-E-Mail war eine altmodische Briefchiffre angegeben. "Sammlung französischer Impressionisten von Privat zu verkaufen", lautete der Text. Der Inserent legte offenbar Wert auf Diskretion.
Das war nach dem Geschmack von Hans Bäumler, 77. Seit seinem Rückzug aus dem Geschäftsleben widmet sich der einstige Textilfabrikant aus Ingolstadt und ehemalige Honorarkonsul von Marokko dem Aufbau einer Kunstsammlung. Bäumler, der seine Millionen mit Herrenmode verdient hat, plant sogar ein eigenes Museum. Potenziellen Ausstellungsstücken spürt er gern im Anzeigenteil seiner Lieblingszeitung nach – so wie in jenem Frühjahr 2011, als er auf die Annonce mit den französischen Impressionisten stieß.
Bäumler konsultierte seinen Kunstberater Patrick Hampel. Die beiden kennen sich gut. Seit Jahren ist der frühere Unternehmer Stammkunde in der Kunsthandlung von Patricks Vater, dem Auktionshaus Hampel in München. Er vertraut der Expertise der Hampels. Testamentarisch hat Bäumler verfügt, dass der Junior Kurator seines Museums werden soll. Als Patrick Hampel ihm rät, auf die Anzeige mit der Chiffre ZS1891991 zu antworten, zögert er nicht.
Postwendend kommt ein Brief aus der Schweiz. Ein Finanzberater aus dem Kanton Zug teilt mit, im Auftrag eines Mandanten eine Sammlung wertvoller Gemälde anzubieten. Die Kollektion befinde sich in Antwerpen und koste 22 Millionen Euro. Wer der mysteriöse Mandant ist, verrät der Briefschreiber nicht. Auch hier weiß Kunstberater Hampel Rat: Man habe recherchiert, soll er Bäumler erzählt haben, dass es sich um einen Nachfahren eines Kunstsammlers namens Van Louwen handle. Der biete die Sammlung des angeblich berühmten Ahnen zum Verkauf an, über den Mittelsmann in der Schweiz.
Hampel bietet dem Industriellen an, den Mittelsmann auszutricksen und die Gemälde direkt zu beschaffen – so könne man kostspielige Provisionen sparen. Bäumler willigt ein und wählt aus der angeblichen "Van-Louwen-Sammlung" 13 Gemälde aus, die Hampel besorgen soll. Im Vertrauen in das Verhandlungsgeschick seines Kunstberaters stellt ihm Bäumler dafür mehrere Millionen Euro zur Verfügung.
Heute, sechs Jahre später, beschäftigt das Verhandlungsgeschick des Kunstvermittlers das Landgericht München I. Vom 16. Februar an muss sich Patrick Hampel, 43, wegen "Betrugs im besonders schweren Fall" verantworten: Die Gemälde, so der Vorwurf, seien mitunter nur einen Bruchteil der Beträge wert, die Hampel seinem Auftraggeber in Rechnung stellte. Insgesamt soll ein Schaden von mindestens 4,4 Millionen Euro entstanden sein.
Hampels Verteidiger Steffen Ufer bestreitet, dass Bäumler zu viel für die Bilder gezahlt hat. "Es gab keinen Schaden und damit auch keinen Betrug", sagt er. Hampel habe dem Millionär "13 besonders schöne und wertvolle Gemälde zum Kauf empfohlen". Dass diese ihr Geld wert gewesen seien, werde durch "mehrere Gutachten" bestätigt.
Doch der Gemälde-Deal wirft zahlreiche Fragen auf: So berechnete Hampel Bäumlers Anwälten zufolge im Jahr 2011 einen Betrag von 430 000 Schweizer Franken, umgerechnet rund 350 000 Euro, für eine Hafenszene des französischen Malers Lucien Adrion. Das Gemälde war im Jahr zuvor von einem Frankfurter Auktionshaus für gerade einmal 3000 Euro versteigert worden. Und es stammte zudem nicht aus dem Antwerpener Nachlass eines bedeutenden Sammlers, sondern aus einer Haushaltsauflösung im Hessischen.
Zu seltsamen Preissteigerungen kam es offenbar auch bei anderen Exponaten. Die wundersame Wertvermehrung à la Hampel gelang wohl auch dank des klangvollen, aber fiktiven Namens "Van Louwen": Die Ermittler glauben, dass Hampel die Legende strickte, um Bäumler das Geld leichter aus der Tasche ziehen zu können.
Im Jahr 2013 kamen dem Kunstliebhaber Zweifel, ein Jahr später reichten seine Anwälte Schadensersatzklage ein. Doch die Zivilkammer des Landgerichts München I wies sie ab. Berater Hampel zog sich unterdessen offenbar in ein Chalet in der Nähe von Gstaad in die Schweiz zurück.
An den Annehmlichkeiten des Berner Oberlands konnte sich Hampel jedoch nur bedingt erfreuen: Bäumlers Anwälte legten Berufung gegen das Zivilurteil ein. Ende 2015 sah das Münchner Oberlandesgericht in einem Beschluss dann "tatsächliche Anhaltspunkte" dafür, dass Hampel sich des Betrugs schuldig gemacht haben könnte.
Die Eskapaden des Kunstvermittlers beschäftigten inzwischen nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch Ermittler der Münchner Privatdetektei ADS. Im Auftrag Bäumlers spürten sie Hampel an der Côte d'Azur auf und beobachteten, wie er mit einer Luxusjacht namens "Ash" in Saint Tropez aufkreuzte und einen Drink im berühmten Café Sénéquier einnahm. Anschließend bestieg er ein Rolls-Royce-Coupé mit monegassischem Nummernschild und brauste davon. Auf Facebook präsentierte er sich als Lebemann zwischen Jacht, Chalet und guten Freunden.
Im Juni 2016 wurde das Savoir-vivre unsanft unterbrochen. Die französische Polizei nahm Hampel fest und lieferte ihn nach Deutschland aus. Nur gegen Zahlung einer siebenstelligen Kaution durfte er das Untersuchungsgefängnis verlassen.
Beim anstehenden Prozess in München könnte dem Millionenjongleur nun eine Rechnung über 96,39 Euro zum Verhängnis werden. Sie gilt als wichtiges Beweisstück der Anklage.
Es ist die Rechnung für jene Chiffrenannonce in der "Süddeutschen Zeitung", mit der die "Sammlung französischer Impressionisten" angeboten wurde. Auftraggeber des Inserats, das wie beiläufig in Bäumlers Lieblingszeitung aufgetaucht war, war kein Finanzberater aus der Schweiz, sondern Patrick Hampel selbst.
* Aufnahme von seiner Facebook-Seite.
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 6/2017
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