04.02.2017

UnglückeSechs Leben

In Franken starben sechs Teenager an einer Kohlenmonoxidvergiftung: Die Ursache war ein mit Benzin betriebener Stromgenerator, der in ihrer Gartenhütte lief.
Es ist die Woche nach der Tragödie, und die Menschen in Arnstein haben noch keine Worte gefunden, sie zu beschreiben. Es sei unfassbar, tragen die Kirchenbesucher in das ausliegende Buch ein, "wir trauern mit euch", "in tiefer Anteilnahme".
Eine Gruppe Feuerwehrleute verharrt still im Gebet, Vereins- und Schulkameraden der Gestorbenen stellen mit ihren Eltern vor dem Altar brennende Gedenkkerzen ab. Die flackernden Lichter erleuchten eine Skulptur aus dem 15. Jahrhundert, die Gottesmutter hält ihren toten Sohn in den Armen.
Zu ihren Füßen sind in der Wallfahrtskirche Maria Sondheim die Fotos von sechs jungen Menschen aufgebaut: Rebecca, 18, ihr Bruder Florian, 19, ihr Freund René, 19, Felix, 19, Michael, 18, und Kevin, 19. Dicke Freunde, heißt es in der kleinen unterfränkischen Stadt, eine verschworene Clique.
Sechs Teenager, die zusammen feierten und die zusammen starben. Einen Tod, der sich ihrer bemächtigte, wohl ohne dass sie es bemerkten. Die jungen Leute erstickten durch das Kohlenmonoxid, das aus einem Generator strömte. Nichts ahnend, wie mehr als hundert Menschen in Deutschland, die jedes Jahr durch solche Gasunfälle sterben.
Es ist die Nacht von Samstag, den 28., auf Sonntag, den 29. Januar. Die sechs haben sich auf dem Eulenberg verabredet, einer kleinen Anhöhe südlich des 8000-Einwohner-Städtchens, weithin sichtbar durch einen Funkmast. Ein schmaler asphaltierter Flurweg führt zwischen Äckern und Wiesen hinauf zu drei eingewachsenen Grundstücken.
Eines davon gehört dem Vater von Rebecca und Florian. Ein Stück Grund, auf dem sich im Sommer gut grillen lässt, auf dem Holz gehackt wird und ansonsten alles lagert, was gerade nicht gebraucht wird: das Wohnmobil, Bretter, ein Anhänger, Kanister, Gartenmöbel, Werkzeug.
Im Süden, wo das wilde Grundstück abfällt, steht ein lindgrünes gemauertes Häuschen. Klein, aber standfest, kaum zu sehen. Eine gute Bleibe für eine private Feier, auch an einem Winterabend, denn ein Holzofen beheizt die Laube.
Dort feiert Rebecca ihren 18. Geburtstag, im engen Kreis, mit ihrem Bruder, ihrem Freund und den drei Kumpel. Andere Gäste hat die Clique nicht dazugebeten. Die Jugendlichen wollen in dem kleinen Haus übernachten und erst am Morgen zu ihren Familien zurückkehren.
So wird es elf Uhr am Sonntagmorgen, bis Rebeccas Vater nachsehen geht. Er ist beunruhigt, weil er von seinen Kindern nichts mehr gehört hat und sie nicht auf ihren Handys erreichen kann.
Was der Mann in der Hütte vorfindet, muss grauenhaft gewesen sein. So furchtbar, dass der Feuerwehrkommandant, der kurz nach dem Notruf des Vaters eintrifft, ebenfalls allein in die Hütte geht, weil er seinen Leuten den Anblick nicht zumuten will. Die sechs jungen Leute liegen leblos auf ihrem Lager. Der Notarzt kann nur noch den Tod feststellen.
Seit Mitte der Woche steht fest, woran die Teenager gestorben sind: "Todesursächlich ist eine Kohlenmonoxidvergiftung", sagt der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Würzburg, das habe die Obduktion der Leichen erbracht. Das Gas strömte nach den Ermittlungen der Polizei aus einem tragbaren benzinbetriebenen Stromgenerator aus, den die Jugendlichen in der Hütte laufen ließen.
Das Stromaggregat sei "entgegen der Betriebsvorschriften im Innenraum des Gartenhauses aufgestellt" gewesen, so Polizeisprecher Michael Zimmer. Wer das Gerät in dem Gartenhaus aufstellte und in Betrieb nahm, war laut Polizei am Donnerstag noch unklar. Außerdem stand nicht fest, ob sich im Blut der Jugendlichen Drogen oder Alkohol befunden haben. Das Bayerische Landeskriminalamt untersucht noch elektronische Geräte der Toten. Doch egal, was sich daraus noch ergibt: Der Killer war das Kohlenmonoxid.
Schon als der Vater seinen Notruf unter 112 absetzt, spricht er von einem möglichen Gasunfall. Als die Rettungskräfte mit Atemschutz ankommen, sind die Fenster geöffnet, das Gas verflogen. Das Häuschen hat laut Polizei keinen Gasanschluss, als einzige Heizung dient der Holzofen. Auf ihn konzentrierten sich zunächst die Untersuchungen. Doch die tatsächliche Quelle des Kohlenmonoxids ist der Generator.
"Das Gas breitet sich am Boden aus und steigt langsam hoch, wie ein See", sagt der frühere Feuerwehrmann Franz-Josef Sauer, der Zweite Bürgermeister von Arnstein, über Kohlenmonoxid. Wer wach ist, wenn sich der See aus giftigem Gas ausbreitet, verspürt Schwindel oder Übelkeit und kann im besten Fall noch das Fenster öffnen oder sich nach draußen retten. Wer schläft, hat keine Chance, auch nicht als agiler Teenager. Er wacht nie mehr auf.
Über die Lunge gelangt das farb- und geruchlose Kohlenmonoxid in den Blutkreislauf, wo es sich an Hämoglobin bindet, den roten Farbstoff der Blutkörperchen, und dadurch die Aufnahme von Sauerstoff behindert. Das Gehirn und andere Organe werden nicht mehr ausreichend versorgt, das Opfer erstickt. Wer zu viel von dem Gas eingeatmet hat, bekommt oft eine rosige Gesichtsfarbe, aber dann ist es häufig bereits zu spät.
Der Tod kann kommen, wenn Feiernde nach einer Grillparty im Garten den noch glimmenden Grill in einen geschlossenen Raum stellen. Im Januar starb ein Mann in Mülheim an der Ruhr, vermutlich weil eine Gastherme defekt war. Im November fiel in einer Bremer Shisha-Bar ein anderer in Ohnmacht, weil der Ofen zum Vorglühen der Kohlen nicht richtig funktionierte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt, dass auch gelagerte Holzpellets oder Holzhackschnitzel Kohlenmonoxid freisetzen können. Es seien mehrere Menschen erstickt, nur weil sie ahnungslos Lagerräume für Pellets betreten hätten.
Für das Jahr 2015 weist das Statistische Bundesamt 648 Todesfälle durch "toxische Wirkung von Kohlenmonoxid" aus, die große Mehrheit davon Suizide. Die Zahl der tödlichen Unfälle mit Kohlenmonoxid ist seit 1998 gesunken. Nach Stand vom Donnerstag reiht sich der Arnsteiner Fall wohl in die Serie der Unfälle ein. Hinweise auf Vorsatz oder einen kollektiven Suizid gibt es keine. Kurz nach dem Unglück wurde in sozialen Medien und der Boulevardpresse über einen Facebook-Post spekuliert, den Rebecca vor einiger Zeit eingestellt haben soll: "Ich würde mir wünschen, an meinem Grab stehen zu können, nur um die Trauernden zu fragen, wo sie waren, als ich noch lebte?"
Ein Satz, der alles und nichts heißen kann, Poesie oder Gedanken eines Teenagers. Freunde und Kollegen schildern Rebecca als lebenslustig, sie arbeitete in einer Bäckerei. Ihre Freunde präsentieren sich im Internet mit Selfies, Feier-Bildern und Fotos von Autos oder Mofas. Einer der Jugendlichen hat eine Ausbildung als Mechatroniker bei der Bundeswehr gemacht, ein anderer arbeitete bei einer Firma für Pflasterbau. Die jungen Leute entstammten einem kleinstädtisch-handwerklichen Milieu, die meisten besuchten eine Realschule oder Berufsschule, waren Mitglied in örtlichen Vereinen. Hätten sie die Gefahr ahnen können, in die sie sich begaben?
"Es wurde viel gemutmaßt, und das hat uns alle sehr geschmerzt", sagt der Zweite Bürgermeister Sauer. Er war am Sonntagvormittag als einer der Ersten am Eulenberg, er kennt den Vater der beiden Geschwister. Der Bürgermeister hat selbst Kinder. "Ich hab dem Mann in die Augen gesehen, da sieht man alles, da braucht es kein Wort mehr, es war furchtbar." Die anderen Eltern, die später am Eulenberg eintrafen, durften das Gartenhäuschen nicht mehr betreten, um keine Spuren zu verwischen. Erst nach der Obduktion in der Rechtsmedizin konnten sie ihre Kinder noch einmal sehen.
Die Menschen im Nordwesten Bayerns versuchen nun, mit dem Unglück weiter- zuleben. Die Erste Bürgermeisterin von Arnstein, Anna Stolz, kümmert sich um die betroffenen Familien, obwohl sie eigentlich krankgeschrieben ist. Auch die Bürgermeister der Nachbargemeinde Eußenheim und des Ortes Wasserlos sind im Einsatz, von dort stammen drei der sechs Opfer.
Die Stadt organisierte einen Trauergottesdienst unter Ausschluss der Medien, im Feuerwehrhaus neben dem Busbahnhof war ein Krisenzentrum eingerichtet, mit Seelsorgern vor Ort. An der Stadtfahne vor dem Rathaus hängt Trauerflor, die Faschingsgesellschaft Arnstein hat ihre Umzüge abgesagt. Am Wochenende sollen die ersten Jugendlichen beigesetzt werden.
"Die ganze Region trauert", sagt Sauer. Man sei sich bewusst geworden, wie fragil das menschliche Dasein sei. "Wir müssen jetzt auf die jungen Leute aufpassen", sagt Sauer. "In Zeiten, in denen beim Computerspiel jeder sieben Leben hat, da müssen wir ihnen sagen: Sei achtsam, du hast nur ein Leben, es ist ungeheuer wertvoll."
Für die Eltern der Toten, so der Bürgermeister, gebe es kaum Trost, allenfalls einen kleinen durch das Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung. Eine Mutter habe ihm gesagt: "Jetzt weiß ich, dass mein Sohn keine Schmerzen hatte."

Wer wach ist, verspürt Schwindel oder Übelkeit, wer schläft, hat keine Chance.

Von Jan Friedmann und Conny Neumann

DER SPIEGEL 6/2017
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